Streetscooter Work XL geht in Serienproduktion

Erster Test des großen Streetscooter

Streetscooter Work XL Foto: Thomas Küppers 35 Bilder

Der Elektro-Nutzfahrzeugpionier Streetscooter läutet einen neuen Abschnitt ein. Die Serienproduktion des großen Modells Work XL ist in Köln gestartet. Erster Test.

Was als fixe Idee und mit dem Prototypen Rudi – von rudimentär – begonnen hat, hat Streetscooter zum ersten Mal im August 2017 der Öffentlichkeit präsentiert. Der Streetscooter Work XL, damals noch rein DHL vorbehalten war tatsächlich ebenfalls noch ein wenig „Rudi“, die Verarbeitung eher rustikal. Nach einem guten Jahr geht es für den Work XL voran. Aktuell ist noch immer DHL der einzige Abnehmer. Das wird sich aber definitiv ändern. Die Vorbereitungen laufen. Und auch der Streetscooter Work XL hat sich deutlich weiterentwickelt. „Mit Ford haben wir den optimalen Partner gefunden, der unsere flexible und vom Kunden her gedachte Produktionsweise versteht“, sagt Dr. Achim Kampker, Geschäftsführer und Gründer von Streetscooter. „Gemeinsam bringen wir die Elektromobilität in Deutschland voran und gestalten den innerstädtischen Lieferverkehr umweltfreundlicher und leiser. Mit dem neuen Streetscooter Work XL haben wir jetzt den perfekten E-Transporter für die Paketzustellung in Ballungsräumen, den perspektivisch auch andere Transportunternehmen werden nutzen können.“ Der herbe Prototypen-Charme mit rauem Logo und interessanten Spaltmaßen ist verflogen. Ab sofort rollt im Ford-Werk in Köln ein Werkzeug im besten Sinne vom Band.

Streetscooter Work XL rollt an
Ford und Deutsche Post DHL kooperieren

Fertigung in Handarbeit

Band ist allerdings eigentlich das falsche Wort, auch wenn Henry Ford persönlich die Automobilproduktion dahingehend revolutioniert hat. Vielmehr entsteht das Fahrzeug ganz nach alter Schule in Manufakturarbeit – so nennen es Ford und Streetscooter. Statt vierstelligen Stückzahlen wie bei so manchem Pkw fertigen die rund 180 Mitarbeiter in der Manufaktur 16 Work XL pro Tag. Das ergibt im Zweischichtbetrieb einen Ausstoß von rund 3.500 Fahrzeugen pro Jahr. Im ersten Jahr rechne man aber mit einer Stückzahl von etwa 1.000 Work XL.

Streetscooter Work XL Foto: Thomas Küppers
Basis für den Work XL ist das Ford Transit-Fahrgestell.

Erste Fahrt im Streetscooter Work XL

Mit dem Start der Serienproduktion ergibt sich auch die erste Gelegenheit für einen kurzen Test des Work XL. Im Cockpit ist auch für ganz unwissende zu erkennen, wer die Basis für den großen Stromer liefert. Auf dem Lenkrad prangt das Ford-Signet. Das Fahrgestell ist ja bekanntlich ein waschechter Ford Transit. Beim Blick auf die Instrumente zeigt sich aber schnell, dass hier ein Elektroherz schlägt. Statt eines Drehzahlmessers zeigt die Uhr, ob das Fahrzeug gerade im normalen Fahrbetrieb, mit Vollgas (Boost) unterwegs ist, oder rekuperiert. Der Tacho ist ganz ordinär für die Geschwindigkeit zuständig, fällt aber mit 160 Spitze etwas ambitioniert aus. Schließlich begrenzt Streetscooter den Work XL auf 90 km/h.

Stromer für die letzte Meile

Das reicht auch vollkommen für seine primäre ökologische Nische aus. Denn gerade in der DHL-Variante mit 20 Kubikmeter großem Kofferaufbau ist der Wagen nur für die Innenstadt gedacht und primär auf der letzten Meile unterwegs. Das spiegelt auch die Batterieanzeige wider. Die Nadel steht auf knapp unter 100 Prozent. Die Reichweite liegt bei 69 Kilometer. Wer jetzt japsen will, sollte bedenken, dass eine Pakettour in der Regel eher bei durchschnittlich 65 Kilometern liegt – knapp, aber machbar. Auf Wunsch verbaut Streetscooter aber auch ein zweites Batteriemodul im Rahmen. Dann, mit 76 kWh, beträgt die Reichweite um die 200 Kilometer. Um das Vehikel nun in Gang zu setzen, muss der Fahrer umdenken. Zunächst gilt es, die Handbremse zu finden. Die sitzt auf Wunsch von DHL links. Ein weiteres Extra ist, dass sie auch im angezogenen Zustand zu Boden fällt. Beides dient der Ergonomie. So stößt der Paketbote weder dagegen, wenn er nach hinten in den Laderaum geht, noch beim Aussteigen.

Ab die Post

Per Joystick wählt der Fahrer dann den Vor- oder Rückwärtsgang aus. Letzterer lässt einen schrillen, aber bei lautlosen E-Fahrzeugen nötigen Warnton erklingen. Vorwärts geht es dann bekannt lautlos. Einzig ein leichtes Scheppern ist aus dem Frachtabteil zu hören. Das liegt aber weniger an der eigentlich guten Verarbeitungsqualität als vielmehr an den klappbaren Regalen im Heck. Ohne Beladung klappert das einfach – Werkzeug, kein Schmusetiger. Das Fahrverhalten an sich ist in bestem Maße unspektakulär und dank der großen Spiegel fällt auch der wuchtige Aufbau mit recht großem Überhang nicht negativ auf. Es ist einfach ein Ford Transit mit Elektromotor. Speziell Transporterstromer sind heutzutage von Schrulligkeit weit entfernt. Der Anzug des 90-kW-Motors ist eher zurückhaltend – nicht lahm, aber eben nicht auf harte Beschleunigung abgestimmt. Beim „Gas“-Wegnehmen rekuperiert der Motor. Das steuert Streetscooter auf intelligente Weise adaptiv. Das heißt in diesem Falle, dass eine nahezu volle Batterie gerade kaum Strom braucht. Entsprechend zurückhaltend fällt das Bremsmoment aus und steigt an, je weiter sich der Akku lädt.

Streetscooter Work XL Foto: Thomas Küppers
Das Cockpit informiert den Fahrer über Ladezustand und Co.

Vom Fahrgestell zum fertigen Stromer

Der Akku stammt aus der eigenen Produktion von Streetscooter und wird von unten in den Rahmen eingesetzt. Die Basis für den ganzen Work XL liefert Fords Transit-Werk im türkischen Kocaeli direkt nach Köln. Die Fahrgestelle kommen ohne Innereien als sogenannte Glider. In Köln versehen sie die Ford-Mitarbeiter dann mit allen Elektrokomponenten, also auch dem zentralen Elektromotor. Am Transitrahmen befestigen die Kollegen zunächst U-Profile und einen Hilfsrahmen, der später die Batterie aufnimmt. Ein weiterer Hilfsrahmen, der später den Kofferaufbau aus Sandwichplatten trägt wird oben aufs Fahrgestell geklebt. All das geschieht in einer Halle, in der bisher LPG-Modelle gefertigt wurden.

Streetscooter Work XL Foto: Thomas Küppers
Im Laderaum verfügt der Streetscooter Work XL über klappbare Regale.

Kofferaufbau entsteht

Den Aufbau erhalten die Work XL dann eine Haustür Weiter in einer ehemaligen Halle für V6-Motoren. Die Zukunft ersetzt also ganz buchstäblich die alten Zeiten. Auch die Teile für den Aufbau samt klappbarem Regalsystem liefert Streetscooter in Einzelteilen zu. Die Mitarbeiter setzen zunächst aus Sandwichplatten und Beschlägen die Wände zusammen und setzen das Dach des Koffers auf. Dann werden die Regale eingefügt. Auch diese entstehen in der Halle in Handarbeit aus Einzelteilen. Damit erreicht Ford also eine recht hohe Fertigungstiefe im Werk Köln.

Daten zum Work XL

Das fertige Resultat ist dann bereit, um laut Streetscooter rund 200 Pakete auszuliefern. Maximal leistet die E-Maschine 90 kW (122 PS) und stemmt 276 Newtonmeter Drehmoment. Die Lithium-Ionen Batterie leistet maximal 76 kWh mit einer maximalen Reichweite von 200 Kilometer. Die Zuladung beträgt maximal 1.275 Kilogramm bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 4.050 Kilogramm. Streetscooter gibt an, dass sich pro Jahr und Fahrzeug fünf Tonnen CO2 beziehungsweise 1.900 Liter Diesel einsparen lassen.

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