Rosemarie Wirth überlebte einen Abbiegeunfall

Wie der Tote Winkel ein Leben verändert

Rosemarie Wirth, Abbiegeunfall, Toter Winkel, Fahrrad, Plakat, GVN Foto: Annette Zoepf, GVN

Die Augsburgerin Rosemarie Wirth hat wie durch ein Wunder einen Lkw-Abbiegeunfall überlebt. Nun kämpft sie sich zurück ins Leben und für eine bessere Prävention.

Ihre Geduld habe sie gerettet, sagt Rosemarie Wirth heute. Fünf Monate verbrachte die 50-jährige Augsburgerin im Krankenhaus, zwei Wochen davon im Koma. Der Grund dafür: ein Abbiegeunfall Ende März an einem Augsburger Verkehrsknotenpunkt. Wirth wartete auf ihrem Rad an einer Fahrradampel an der Kreuzung Lauterlech/Pilgerhausstraße auf Grün. Links von ihr ein Lkw, ebenfalls an einer roten Ampel. Als die Ampeln zeitgleich auf Grün springen, passiert das Unglück: Sie will geradeaus fahren, der 38-Tonner biegt nach rechts ab – Rosemarie Wirth landet im Toten Winkel.

Der Lkw erfasst Wirth, schleift die 1,68 Meter große Frau einige Meter mit. Als der Fahrer den Widerstand bemerkt, setzt er zurück und überfährt sie ein zweites Mal. Brüche an Becken, Rippen, Hüfte und an den Beinen sind die Folge, Organe wurden ebenfalls verletzt, das linke Bein fast abgetrennt. Wirth bleibt die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein, sie verabschiedet sich von den fremden Menschen um sich herum, rechnet fest mit dem Tod. Nicht nur ihr geht es in diesem Moment so. Die Polizei, der zuständige Notzarzt: Keiner der Anwesenden vor Ort gibt ihr eine Überlebenschance, zu brutal sind die Verletzungen.

Doch was dann geschieht, gleicht einem Wunder. Rosemarie Wirth überlebt den Unfall. Und nicht nur das: Sie kämpft sich unerbittlich zurück, ohne zu klagen und sie will vor allem kein Mitleid.

Alles dauert nun hundertmal länger

"Ich fühle mich wie ein Baby, das alles neu lernen muss, aber ich bin kein Jammer-Typ, war ich noch nie", erklärt sie im Gespräch mit trans aktuell. Alles dauere nun eben hundertmal länger. "Ich habe mir zum Beispiel Schuhlöffel in sämtlichen Größen gekauft, um mir Hosen anziehen zu können." Was früher wie selbstverständlich in wenigen Minuten vonstatten ging, ist heute tagesfüllend. Den Alltag bestimmen vor allem Arztbesuche und Physiotherapien.

Weitere, vor allem plastische Operationen stehen ihr im nächsten Jahr bevor. Rund 30 Eingriffe hat sie bisher schon hinter sich. Ihre Familie, Freunde und Nachbarn unterstützen sie, wo sie nur können. Aus ihrer Wohnung im vierten Stock wird sie trotzdem ausziehen müssen, denn es gibt dort keinen Aufzug. "Es wird Jahre dauern, bis ich wieder laufen kann." Doch dass dies irgendwann wieder der Fall sein wird, davon ist sie überzeugt. Momentan nutzt Wirth Krücken und Rollator, den Rollstuhl hat sie hinter sich gelassen.

Was ihren Alltag außerdem füllt, ist das riesige Medieninteresse, das nach wie vor besteht. Schon wenige Tage nach dem Unfall meldete sich das ZDF und vor allem ein Artikel in der Augsburger Allgemeinen machten sie und ihr Schicksal bekannt. Wirth möchte dieses Interesse vor allem zur Prävention nutzen. "Abbiegeassistenten für Lkw und Busse sollten verpflichtend sein", erklärt sie. Außerdem fordert sie Änderungen in der Ampelschaltung. "Zuerst sollten die Rechtsabbieger Grün bekommen, danach Fußgänger und Radfahrer, aber niemals beide gleichzeitig."

Wirth will eine Initiative gründen

Auf die Frage, ob sie Kontakt zu anderen Betroffenen habe, folgt die Antwort: "Nein, denn sie sind alle tot." Die bittere Wahrheit, und doch spürt man in diesem Satz ihre rationale Art, die sie nicht mit ihrem Schicksal hadern lässt. Eine psychologische Behandlung hält sie daher nicht für notwendig. Für die Toten und deren Angehörigen will sie künftig sprechen und plant daher, eine Initiative zu gründen. "Speziell für Fahrradfahrer, denn es muss sich in jeder Stadt Deutschlands etwas tun, um solche Unfälle zu verhindern." Aufrüttelnde Kampagnen wie die der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), die mithilfe von Schockvideos zur Vorsicht im Straßenverkehr mahnen, findet sie einerseits makaber. "Andererseits geht es vermutlich nicht sanfter, man muss die Menschen in dieser Hinsicht aufrütteln."

Wirth, die dem Tod vor zehn Jahren schon einmal von der Schippe gesprungen ist, als sie an Brustkrebs erkrankte, weiß, dass ihr Überleben einem Wunder gleicht. Und dass sie allein mit ihrem Schicksal die Menschen zur Vorsicht mahnen kann. "Jeder sollte im Straßenverkehr aufpassen. Dann braucht man eben zwei Minuten länger, aber es bleibt danach doch noch genug Zeit."

Den Lkw-Fahrer hat sie nicht angezeigt

Für die zusätzliche Zeit, die ihr das Überleben des Unfalls beschert hat, ist sie unendlich dankbar. Darum hegt sie auch gegenüber dem Lkw-Fahrer, der sie überfahren hat, keinen Groll. Auf eine Strafanzeige hat sie verzichtet. Dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen grober Fahrlässigkeit und schwerer Körperverletzung – ein normaler Vorgang in solchen Fällen.

Von der Polizei weiß sie von seinem Zusammenbruch nach dem Unfall, er suchte den Kontakt zu ihr. "Ich habe ihm verziehen, aber treffen möchte ich ihn nicht." Einmal telefonierte sie auch mit dem damals zuständigen Notarzt. "Er hat noch nie einen derart schlimmen Unfall gesehen, bei dem das Opfer auch noch bei Bewusstsein war." Auch ein junger Polizist, der am Tag ihres Unfalls seinen ersten Einsatz hatte, erkundigt sich regelmäßig nach ihrem Befinden. "Es tut mir leid, dass er gleich mit so einem schlimmen Vorfall konfrontiert war." Diese Schilderungen machen noch einmal deutlich, wie viel Glück Rosemarie Wirth hatte – und das sieht sie genauso. Sie schöpft daraus die Kraft für ihren Kampf zurück ins Leben.

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