Lang-Lkw

Mit Überlänge die Grenze überschreiten

Niederländ. Lang-Lkw in Deutschland, Eurocombi, Zulassung. FF 6/2018. Mit dem EuroCombi nach Deutschland – ist inzwischen erlaubt und mittlerweile fahren die ersten niederländischen Langfahrzeuge auch bei unseren Nachbarn im Osten Foto: Iep van der Meer 14 Bilder

Seit Januar 2017 dürfen Lang-Lkw in Deutschland auf bestimmten Strecken regulär fahren. Inzwischen sind die Kombinationen auch grenzüberschreitend unterwegs, allerdings noch mit Pioniercharakter.

Mit dem Euro-Combi beziehungsweise Lang-Lkw nach Deutschland – das ist inzwischen erlaubt und mittlerweile fahren auch die ersten niederländischen Langfahrzeuge ins östliche Nachbarland. Tholu aus Ede ist einer der niederländischen Pioniere im Segment der Lang-Lkw-Transporte. FERNFAHRER durfte eine Fahrt mit der neuesten Kombination von Tholu begleiten, einem Scania S 450 samt Zweiachs-Dolly und einem dreiachsigen, 13,6 Meter langen Megatrailer. Das Ziel: ein Kunde im Raum Stuttgart. An Bord: eine Fracht von satten 84 IBC (Intermediate Bulk Container) und am Heck des Trailers das obligatorische, orange-gelbe Warnschild "Lang-Lkw".

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Holländischer Lang-Lkw auf der Autobahn: Seine Touren führen Lkw-Fahrer Evert auch regelmäßig durch das Nachbarland.

"Jetzt wird es möglich, mit dem Euro-Combi gleichfalls im Ausland zu fahren"

Das Unternehmen Tholu hat sich auf industrielle Verpackungen wie Fässer und Eimer, vor allem aber auf IBC spezialisiert. Diese 1.000 Liter großen Flüssigkeitsbehälter werden überall verwendet und Tholu hat sich auf Produktion, Reinigung und Recycling dieser Tanks spezialisiert. Die größten Kunden stammen aus der Chemiebranche, der Petrochemie und der Lebensmittelindustrie. Tholu produziert die IBC im niederländischen Ede und reinigt dort auch gebrauchte Container, damit sie wiederverwendet werden können – nur nicht für Lebensmitteltransporte. Die werden ausschließlich in nagelneuen IBC transportiert. Für den Transport der Container hält Thomassen Transport, das eigene Transportunternehmen von Tholu, derzeit 23 eigene Fahrzeuge vor. Vier davon sind Euro-Combis, also Lang-Lkw, und in naher Zukunft sollen noch zwei weitere der 25,25 Meter langen Gespanne hinzukommen.

Lastwagenfahrer Evert van Hunen fährt seit zwölf Jahren für das Unternehmen und hat es wachsen sehen – zu dem, was es heute darstellt. "Als ich hier anfing, hatten wir zwei Lkw und 15 Kollegen. Inzwischen haben wir 25 Lkw, und es stehen 135 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste." Zwei beeindruckende neue Betriebshallen finden sich auf der großen Firmenfläche – so groß, dass dort jedes Jahr problemlos die WSI-XXL-Truckshow stattfinden kann. Evert fährt schon seit 2010 Euro-Combi-Kombinationen. Anfänglich bloß in den Niederlanden, nun auch in Deutschland. "Ich bin seit 2010 nur im Inland gefahren. Aber jetzt wird es möglich, mit dem Euro-Combi gleichfalls im Ausland zu fahren. In Belgien sind wir noch auf dem Weg, aber in Deutschland ist es inzwischen legal. Das ist jetzt meine sechste Fahrt in die Umgebung von Stuttgart, wo einer unserer Großkunden sitzt. Wir liefern saubere Flüssigkeitsbehälter an und nehmen ältere retour. Sie gehen zurück nach Ede. Dort werden sie kontrolliert, gereinigt oder recycelt."

Niederländ. Lang-Lkw in Deutschland, Eurocombi, Zulassung. FF 6/2018. Mit dem EuroCombi nach Deutschland – ist inzwischen erlaubt und mittlerweile fahren die ersten niederländischen Langfahrzeuge auch bei unseren Nachbarn im Osten Foto: Iep van der Meer
Der herausgeputzte Thomassen-Fuhrpark besteht aus Scania, DAF, MAN und Volvo.

Dank der Euro-Combis wird jetzt eine von drei Fahrten überflüssig

Der Motorwagen mit Aufleger hat eine Ladelänge von 21,6 Metern und kann, doppelt gestapelt, 84 IBC transportieren. Das sind ganze 24 Stück mehr als bei einer Standard-Kombination. Die IBC wiegen leer ungefähr 60 Kilo. Das maximal zulässige Gesamtgewicht von 40 Tonnen für Lang-Lkw in Deutschland ist also auch kein Problem. Die gesamte Ladung wiegt kaum mehr als fünf Tonnen und die Kombination selbst bringt es nur auf 26,5 Tonnen. Eine ideale Ladung für die langen Lastzüge. Dank der Euro-Combis wird jetzt eine von drei Fahrten überflüssig. Das ist gut für die Transporteffizienz, aber vor allem auch für die Umwelt. Der Verbrauch des Scania ist nämlich kaum höher als der einer normalen Kombination. Ein Drittel mehr Ladung bedeutet ein Drittel weniger CO2-Ausstoß – eine sehr simple Rechnung.

Evert berichtet von den technischen Hürden, die vorab zu nehmen waren: "Die Kombination musste wegen der strengeren deutschen Anforderungen an die Kurvenlaufeigenschaften erst noch genehmigt werden. Das ist uns mit den starren Dollys durch die Platzierung einer Lenkachse ganz hinten am Auflieger gelungen. Die deutsche Genehmigung gilt nur für dieses Gespann, weshalb wir nicht anders kombinieren dürfen. Jedoch dürfen wir mit diesem Gespann beispielsweise nicht in Dänemark fahren, weil dort Lenkachsen am Sattelauflieger nicht erlaubt sind. Es ist toll, dass immer mehr Möglichkeiten entstehen, aber eine Harmonisierung der Gesetzgebung wäre wünschenswert."

Heckkamera ist bei Lang-Lkw in Deutschland obligatorisch

Offiziell muss in Deutschland für das Fahren mit einem Lang-Lkw ein Kurs von zwei Stunden durchlaufen werden, aber der niederländische Kurs sei viel umfassender. Evert ist schon seit Jahren in dem Besitz dieses Zertifikats und der Autor auch, was gut ist, da Evert bereits eine Fahrt hinter sich hat, als wir nach Stuttgart aufbrechen. "Wir müssen eigentlich vor der Tür des Kunden übernachten, da es sehr schwierig ist, unterwegs einen geeigneten Platz für ein Gespann dieser Länge zu finden." Um heute noch unter Einhaltung der gesetzlichen Ruhezeiten zum Kunden zu kommen, übernehme ich für die letzten Stunden das Steuer. Auf der Fahrt sehen wir unzählige Polizei- und BAG-Streifen, die uns jedoch keines Blickes würdigen.

Evert wurde auch noch kein einziges Mal kontrolliert. "Eigentlich ziemlich seltsam, aber ich vermute, dass sie selbst noch nicht genau wissen, was erlaubt ist und was nicht. Bisher verläuft alles bestens auf diesen Fahrten. Ich fahre diese Route jetzt einmal in der Woche und das finde ich prima." Die luftgefederte Kombination fährt einwandfrei und die 450 PS sind mehr als genug, um dem Verkehrsfluss zu folgen. An Steigungen überholen wir verschiedene langsamere Lkw. Beim Einscheren ist die Heckkamera praktisch. Sie ist bei Lang-Lkw in Deutschland obligatorisch und auf dem Monitor sieht man genau, wann man ein Fahrzeug passiert hat.

Zulassung des Euro-Combi kann Abgase und Kraftstoff sparen

Evert ist sehr zufrieden  mit dem neuen Scania. Bis letztes Jahr fuhr er einen DAF XF Super Space Cab und durfte dann ein neues Fahrzeug wählen. "Ich war stets Scania-Liebhaber. Zwar habe ich kurz über ein Dach in Standardhöhe nachgedacht, aber ich bin inzwischen glücklich mit der S-Highline-Kabine. Gerade jetzt, wenn ich mehrtägige Fahrten habe, ist der Raum herrlich." Der S 450 ist rundum mit Luftfederung ausgestattet und steht zwecks Ladevolumen auf kleineren Reifen. Ich fahre das letzte Stück durch nie enden wollende Baustellen nach Stuttgart, wo wir in den frühen Abendstunden vor der Tür des Kunden parken. Evert kennt ein ausgezeichnetes Restaurant im Dorf. Wir essen ein besonders schmackhaftes Steak, dazu gibt es ein leckeres Bier aus der Region. Am nächsten Morgen klingelt um sechs Uhr der Wecker. Dann fährt Evert die lange Kombination durch das Tor. Der große Wechseltrick beginnt und der Gabelstapler holt die 84 sauberen und versiegelten IBC aus dem Euro-Combi, um danach genauso viele schmutzige Exemplare wieder aufzuladen.

Dadurch, dass bei der Lieferadresse gleich wieder aufgeladen wird, haben wir einen optimalen Transport und keinen einzigen leeren Kilometer. Eine gute Stunde später können wir die Türen schließen. Auf der Rückfahrt wird deutlich, dass unser Gespann ein ziemlicher Exot ist. Wir begegnen im Raum Stuttgart nur einem einzigen Lang-Lkw. Das wird sich in Zukunft wohl ändern, aber davor müssen einheitliche Regeln in der EU her. Evert: "Mit diesem Gespann darf ich jetzt in den Niederlanden und in Deutschland fahren. Belgien ist dabei, es zu genehmigen, und dort haben wir auch Kunden. In Skandinavien gelten wieder andere Regeln, die teils im Widerspruch zu denen hierzulande liegen." Tholu zeigt auf jeden Fall, dass es möglich ist, eine Menge Abgase und Kraftstoff zu sparen, wenn der Euro-Combi entsprechend zugelassen wird.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
FF 06 2018 Titel
FERNFAHRER 06 / 2018
5. Mai 2018
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