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Knock-down für die Logistik

Lkw-Fahrer müssen draußen bleiben

Lkw-Fahrer unerwünscht: An der 3G-Regel scheiden sich die Geister Foto: Jacek Bilski, René Dickhuth; Montage: Monika Haug

Branchenunternehmen fordern eine Impfpflicht für Lkw-Fahrer und Ausnahmen bei den 3G-Kontrollen. Sonst drohe ein Stillstand in der Logistik.

Die neuen Corona-Regelungen für eine 3G-Kontrollpflicht am Arbeitsplatz sorgen in der Transportbranche für helle Aufregung. Kritiker halten die Auflagen, mit denen die explodierenden Infektionen eingebremst werden sollen, für nicht umsetzbar und befürchten eine weitere Verschärfung bei den Lieferengpässen.

3G-Kontrollpflicht für Arbeitsstätten

Die 3G-Kontrollpflicht für Arbeitsstätten ist zum 24. November in Kraft getreten. Aber für den Mobilitäts- und Logistiksektor sind die neuen Vorschriften im Infektionsschutzgesetz nicht praktikabel, kritisiert nicht nur das Deutsche Verkehrsforum (DVF). Die 3G-Regelung sei für stationäre Arbeitsplätze sinnvoll, betont DVF-Geschäftsführer Florian Eck. „Im mobilen Bereich droht ein Lockdown der Lieferketten“, hebt er warnend hervor.

„Die bisher berechtigte Ausnahme von Transportpersonal von der Testpflicht wird damit faktisch außer Kraft gesetzt“, kritisiert Eck. „Betriebsgelände und Logistikzentren können somit nicht befahren oder betreten werden, die Lieferketten werden lahmgelegt.“ Tests vor der Belieferung seien kaum möglich. Wenn überhaupt, sind insbesondere Fahrer aus Ländern wie Weißrussland, Russland oder der Ukraine oftmals mit Impfstoffen wie dem russischen Sputnik immunisiert, die in der EU gar nicht zugelassen sind.

Ausnahme für Transportpersonal

Eck fordert pragmatische Ausnahmeregelungen für das Transportpersonal. Außerdem müssten die Testkapazitäten an den Grenzen ausgebaut werden. „Wenn keine Ausnahmeregeln kommen, drohen diesmal keine Staus an den Grenzen, sondern an den Toren der Logistikzentren“, sagt Eck. Dabei hätten die Unternehmen seit März 2020 erfolgreich Schleusenkonzepte und Hygienestandards entwickelt.

Der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) sieht die Lage genauso. „Das bewährte EU-Green-Lane-Verfahren für den Gütertransport an den innereuropäischen Grenzen gilt an den Werkstoren nicht“, kritisiert DSLV-Hauptgeschäftsführer Frank Huster die 3G-Kontrollpflicht. Auch er fordert dringend Sonderregelungen, die zumindest für Unternehmen mit umfassenden Hygienekonzepten gelten müssten. Die Aufenthalte der Fahrer auf fremden Betriebsgeländen seien zudem sehr kurz, führt Huster aus.

Betriebsfremde erfassen

Täglich lieferten tausende Lkw-Fahrer in Logistikterminals Güter an oder holten Waren von dort ab, ein Großteil von ihnen komme aus dem Ausland, argumentiert der DSLV-Chef. Es sei abzusehen, dass auch die Kunden aus Industrie und Handel an praktische Grenzen stießen, wenn sie mit der Umsetzung der neuen deutschen 3G-Regeln sämtliche Kontakte zu betriebsfremdem Fahrpersonal auf eigenem Betriebsgelände erfassen müssten.

Die Bekämpfung der Pandemie werde auch weiterhin mit betrieblichen Hygiene- und Kontaktreduzierungskonzepten unterstützt. „Bedenklich ist deshalb nicht die Zielrichtung der neuen Rechtslage als solche, sondern der dahinterstehende zusätzliche organisatorische und planerische Aufwand für die Unternehmen, der erneut binnen weniger Tage realisiert werden muss“, sagt Huster.

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Mobile Tests mit Nachweis

Der Bundesverband Güterkraftverkehr und Entsorgung (BGL) geht das Problem praktisch an und untersucht die Möglichkeit einer mobilen Testung mit Nachweis, berichtet Vorstandssprecher Prof. Dirk Engelhardt. Unabhängig davon könne das Fahrpersonal auch im Betrieb in Gegenwart einer entsprechend unterwiesenen Person einen Selbsttest durchführen, dessen Ergebnis dann bescheinigt werde. Nach der Arbeitsstättenverordnung gelten Fahrzeuge nicht als Arbeitsstätten, betont Engelhardt. Aber: „Es muss damit gerechnet werden, dass an Be- und Entladestellen von sämtlichem Fahrpersonal ein 3G-Nachweis gefordert werden wird.“ Das dort gültige Hausrecht decke - davon sei auszugehen - eine solche Forderung ab.

Rainer Schmitt, Geschäftsführer von Logistik Schmitt aus dem badischen Bietigheim, fordert deshalb eine generelle Impfpflicht in Deutschland und sieht dabei auch Kollegen aus kleineren oder größeren Firmen hinter sich. Ein Großteil seiner Flotte mit 80 Fahrzeugen starte in der Sonntagnacht von verschiedensten Betriebshöfen. Dort gebe es keine Möglichkeit, unter Aufsicht Tests zu machen. „Das ist organisatorisch gar nicht möglich“, sagt er. Und mit einem Lkw unterwegs bei einem Testzentrum anstehen, sei auch keine Option.

Maximal jeder zweite Fahrer geimpft

Schmitt geht davon aus, dass maximal 50 Prozent seiner Fahrer geimpft sind. Viele stammen aus Rumänien, Polen oder Bulgarien, wo das Vertrauen in den Staat gering und die Skepsis gegenüber dem Impfen groß sei. In Rumänien hätten Vertreter der orthodoxen Kirche gegen eine Immunisierung Stimmung gemacht. „Wir haben unter Beteiligung des Betriebsrats viele Mitarbeitergespräche geführt“, sagt er. Mit geringem Erfolg.

Bei den Kunden gebe es viele unterschiedliche Regelungen, um mit der 3G-Kontrollpflicht umzugehen, berichtet Schmitt. „Das ist ein wahrer Flickenteppich, das können Frachtführer und Spediteure gar nicht leisten.“ In seinem Unternehmen werden 20 Ersthelfer zum Testen ausgebildet. „Aber bei den Fahrern gehen uns wirklich die Ideen aus“, stellt er fest. Er habe bereits die Ankündigung von mehreren Kunden, dass bei Nichteinhaltung von 3G die Fahrzeuge nicht mehr auf den Betriebshof gelassen werden. „Wenn die Verladerschaft das jetzt durchsetzt, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Fahrzeuge abzuziehen“, sagt er. Vor dem Hintergrund des eklatanten Fahrermangels sei die ganze Entwicklung absurd und wirtschaftlich ein Riesenproblem.

Büros als Impfzentrum

Anders bei Ebeling Logistik: Das Unternehmen ist das Thema Impfen proaktiv angegangen, sodass die neue 3G-Regelung keine Herausforderung darstellt. „Für uns ist das aufgrund der hohen Impfquote und der Testmöglichkeit in direkter Umgebung kein Problem – auch nicht für die Fahrer. Hier ist Ebeling gut organisiert“, antwortet das Unternehmens aus Wedemark auf eine Anfrage von trans aktuell.

Ebeling hatte in Eigenregie Impfstoffe für die Mitarbeiter organisiert und funktionierte an fünf Samstagen die Büros zum Impfzentrum um. So konnte das Unternehmen den Mitarbeitern sowie deren Familien ein Impfangebot machen. Zusätzlich habe man noch 53 Impftermine an anderen Standorten organisiert.

Inzwischen liege die Impfquote der Mitarbeiter bei über 93 Prozent; voraussichtlich Ende Dezember sowie im Januar sollen mehrere Termine für die Booster-Impfung angeboten werden. Nach Angaben von Ebeling habe bislang nur ein einziger Kunde gefordert, dass ihn lediglich geimpfte, genesene oder getestete Fahrer beliefern dürfen.

Online-Schnelltests mit Zertifikat

Für Horst Planitzer von Planitzer trans-sporting aus Schwieberdingen ist das Thema nicht neu. Das Unternehmen mit 40 eigenen Lkw liefert Fahrzeuge sowie Prototypen an Rennstrecken sowie Testzentren für die Automobilindustrie in ganz Europa. Die die 3G-Regelung an den Be- und Entladeorten war dort schon vor Monaten Standard.

Die Lösung bieten aus seiner Sicht Online-Schnelltests mit Zertifikat an, etwa diese: Die Fahrer führen vor PC-, Tablet- oder Smartphone-Kamera einen Antigen-Schnelltest durch, digital beaufsichtigt von geschultem Personal. Damit das ganze rechtssicher ist, muss man sich – ebenfalls per Kamera – mit seinem Ausweis identifizieren. Das Ergebnis ist ein EU-weit anerkanntes Testzertifikat, ganz ohne Gang in eine Teststelle.

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