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Die Logistik ist zeitweise Land unter

Hochwasser trifft die Supply Chain

Die Landstraße L115 vor Ahrhütte mit dem Fluss Ahr im Ahrtal in Rheinland-Pfalz wurde durch starke Regenfälle sintfluta Foto: Christoph Hardt/imago-images.de 6 Bilder

Die Hochwasserschäden der vergangenen Tage treffen Logistiker und damit die Wertschöpfungsketten. Vor allem die Infrastruktur bereitet Probleme.

Starkregen haben in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zu einer Hochwasser-Katastrophe unbekannten Ausmaßes geführt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete das Ganze als Tragödie. Das verheerenden Unwettert, dessen Folgen so langsam offensichtlich werden, hat letztlich auch Auswirkungen auf die Logistik.

Hermanns & Kreutz hat zwei Lkw verloren

Obwohl eine Flutwelle des Laufenbachs in der Altstadt von Monschau für Zerstörung gesorgt hat, hat das Unternehmen Hermanns & Kreutz hat noch einmal Glück gehabt: Alle Mitarbeiter sind wohlauf, der Firmensitz im Ortsteil Kalterherberg befindet sich auf der Höhe und ist deswegen von den Überflutungen nicht betroffen, berichtet Bernd Kreutz, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens.

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Gleichwohl sind zwei Fahrzeuge der Katastrophe zum Opfer gefallen: „Einer meiner Mitarbeiter war auf der Bundesstraße zwischen Schuld und Altenahr unterwegs, als er plötzlich vor lauter Wasser die Straße und selbst die Leitplanken nicht mehr sehen konnte“, bericht Kreutz. „Intuitiv hat er das Fahrzeug vom Fluss weggelenkt. Die Straße war aber so überspült, dass ein Teil abgesackt ist, und er mit dem Lkw abgekommen ist. Er hat sich gerettet und ist mit einer Unterkühlung ins Krankenhaus gekommen, aber es geht ihm schon wieder gut“. Waren und Fahrzeug wurden inzwischen schon geborgen, ein weiteres Fahrzeug steckt an anderer Stelle noch im Graben.

Für den Geschäftsführer des Familienunternehmens stehen die Mitarbeiter an erster Stelle: „Da muss man auch Verständnis haben, wenn einer jetzt seinen Urlaub vorziehen will, um die gröbsten Schäden daheim zu beseitigen“. Err hofft auf das Verständnis der Kunden. Die Folgen der Naturkatastrophe werden die Logistiker in der Eifel noch lange spüren, sagt Kreutz, der insgesamt 200 Mitarbeiter beschäftigt und 85 eigene Fahrzeuge hat. „Bei einem unserer Kunden, einem Kabelwerk in Eupen, ist die Flut nur so von vorne nach hinten durch den Produktionsbetrieb geschossen, da ist nichts mehr zu holen.“ Und wenn die Produktion stillsteht, bedeutet dies auch Auftragsausfälle für die Logistiker.

Und auch die Schäden an der Infrastruktur wie unterspülte Brücken und Straßen werden den Alltag der Logistiker in der Region noch Probleme bereiten – „durch das Hochwasser werden wir hier vermutlich ähnliche Probleme bekommen wie an der Leverkusener Brücke“, sagt Kreutz und berichtet, dass die A1 bei Mechernich gesperrt sei, weil die Fundamente der Talbrücke unterspült wurden. „Wir Logistiker werden wieder die gekniffenen sein, weil wir Umwege fahren und dies eigentlich an die Kunden weitergeben müssen“, erklärt Kreutz. Zunächst einmal aber ist der Unternehmen froh und dankbar, dass die Nothilfe in der Region funktioniert und Feuerwehr und Rettungsdienst wo möglich sofort zur Stelle war – „denen gehört jetzt unsere größte Anerkennung“.

Systemzentrale bei Sim Cargo vorübergehend offline

Die Systemzentrale der Kooperation Sim Cargo in Sinzig war für mehrere Stunden durch das völlige Herunterfahren sämtlicher öffentlicher Versorgungsleistungen wie Strom, Internet und Telefonie vorübergehend lahmgelegt. „Allerdings waren Redundanzen durch Mitarbeiter im Homeoffice außerhalb des Kreisgebietes ebenso zugänglich, wie auch natürlich durch den nicht betroffenen Standort in Homberg/Efze“, berichtet Sim-Cargo-Vorstand Christian Rautenberg. Operativ lief daher alles wie gewohnt weiter.

Unmittelbare finanzielle Schäden gebe es demzufolge nicht. Zumindest nicht bei Sim Cargo direkt, wohl aber bei einem Teil der Mitarbeiter. So gebe es „individuelle Problem einzelner Mitarbeiter, deren Familien unmittelbar von der Unwetterkatastrophe betroffen sind, und für die das Unternehmen natürlich auch eine gewisse Fürsorgepflicht hat“, erläutert Rautenberg.

Die sogenannten Transshipment-Points von Sim Cargo blieben vom Hochwasser hingegen ebenfalls verschont. Mittel- und gegebenenfalls längerfristige Probleme befürchtet der Sim-Cargo-Vorstand hingegen aufgrund der lokalen Infrastrukturschäden. „Diese kann das System nicht entschärfen. Das ist eine öffentliche Aufgabe“, sagt Rautenberg. Die Unterspülung der A61 bei Rheinbach wiederum könne auch im Fernverkehr zum Problem werden.

Bei Zufall kann es trotz Wassereinbruch weitergehen

Für Jens Seidel, Niederlassungsleiter in Unna der Zufall logistics group, blieb die große Katastrophe aus. Trotz eines leichten Wassereinbruchs „konnte der Betrieb aufrechterhalten werden“, berichtet er. Allerdings hätten einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den besonders betroffenen Gebieten Hagen und Altena nicht zur Arbeit kommen – und wurden in Anbetracht der besonderen Umstände bis zum Wochenende freigestellt.

Einer der für Zufall tätigen Transportunternehmer habe allerdings gleich sieben Lkw in den Fluten verloren. Wenigstens gab es dabei keine Verletzten. Die Nachttouren in die die betroffenen Gebiete wie das Sauerland oder Hagen mussten umkehren. „Die Ware wurde gestern tagsüber ausgeliefert oder verbleibt noch im Standort“, erklärt Seidel. Des Weiteren sei aber auch beim einen oder anderen Kunden kein Versand möglich gewesen. Zum Teil, weil diese direkt vom Hochwasser betroffen waren, zum anderen Teil aber auch aufgrund von IT-Ausfällen infolge der Fluten. Aktuell, so Seidel, entspanne sich die Situation aber zum Glück wieder.

VVWL: Wer nicht direkt betroffen ist, steht im Stau

„Wer nicht direkt betroffen ist, bei wem nicht die Halle eingestürzt oder das Lager vollgelaufen ist oder Teile des Fuhrparks weggeschwommen sind, der steht im Stau“, sagt Marcus Hover, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen (VVWL). „Die Straßen rund um Köln sind zu, das Kreuz Köln-West ist gesperrt, bei Wuppertal gibt es eine Sperrung, am Kreuz Leverkusen ist es richtig eng.“

Als problematisch stelle sich auch heraus, dass ganze digitale Systeme ausgefallen seien. „Wer richtig gearbeitet hat und alles digitalisiert hat, wird auf einmal zur ‚sitting duck‘“, erklärt Hover. Es gingen ja noch nicht einmal mehr Türen auf, Telefone, IT, Brandschutzsysteme oder die Disposition seien lahmgelegt. Unternehmen müssten hier offenbar umdenken und sich auf die Folgen des Klimawandels dahingehend einstellen, dass Server beispielsweise nicht mehr im Keller oder im Erdgeschoss untergebracht würden.

„An solche Fluten, bei denen ein Teil der Halle wegbricht, hat ja hier in Deutschland bislang niemand geglaubt“, erläutert Hover. Man müsse Schlüsse daraus ziehen, insbesondere wenn sich solche Ereignisse verstetigten. „Dann werden wir in der Logistik natürlich auch anders bauen.“ Auch wenn ein Unternehmen nicht in Flussnähe angesiedelt sei, müsse an die Sicherung der Anlagen vor Hochwasser gedacht werden. Auf die erhöhten Kosten angesprochen betonte er, die Wissenschaft gebe seit 15 Jahren zu bedenken, dass die Anpassung an die Klimawandelfolgen deutlich teurer sei als Maßnahmen gegen den Klimawandel selbst.

DB Cargo: Das Terminal Wuppertal ist geschlossen

Von DB Cargo heißt es, es seien zahlreiche Bahnstrecken in NRW, Rheinland-Pfalz und östlichen Benelux-Ländern vom Unwetter betroffen. „Der Zugverkehr bleibt weiterhin massiv beeinträchtigt, zahlreiche Strecken sind komplett gesperrt oder nur eingeschränkt befahrbar“, berichtet ein Sprecher. Die Wassermassen hätten Gleise, Weichen, Signaltechnik, Bahnhöfe und Stellwerke in vielen Landesteilen von NRW und Rheinland-Pfalz stark beschädigt. In NRW seien Gleise auf einer Länge von rund 600 Kilometern betroffen.

Die Schadensermittlung laufe weiter auf Hochtouren, führt der Sprecher aus. Seit Mittwochabend seien alle verfügbaren Mitarbeitenden und beauftragten Firmen durchgehend im Einsatz. Eine genaue Prognose über die Dauer der notwendigen Reparaturen sei erst möglich, wenn das Wasser abgeflossen sei. „DB Cargo hatte Donnerstagnacht vorsorglich etliche Züge in der Region gezielt abgestellt, um nach Freigabe der Hauptstrecken ein schnelles Wiederanfahren zu ermöglichen“, erklärt der Sprecher. Das Unternehmen stehe in Kontakt mit allen Kunden, um individuell Auftragsannahme, Durchschubverfahren oder eine Priorisierung von versorgungsrelevanten Zügen abzustimmen.

Stark betroffen sind dem Sprecher zufolge Rangier- und Cargo-Werksanlagen in Hagen. Hier seien Kolleginnen und Kollegen im Dauereinsatz, um Infrastruktur zu schützen und jetzt auch instand zu setzen. Das Terminal Wuppertal bleibe geschlossen. „Außerdem koordiniert unser Operations-Center DB Cargo in enger Abstimmung mit den Kollegen von DB Netz ein Umrouten einzelner Züge über freie Strecke“, erläutert er. Diese Umleitungen erfolgten weiträumig, außerhalb der betroffenen Regionen.

Schifffahrt vorübergehend gesperrt

An einigen Pegeln am Oberrhein war der höchste schiffbare Wasserstand am Freitag überschritten und die Schifffahrt vorübergehend gesperrt. Auch für den Mittelrhein wurde eine Überschreitung der Marke erwartet. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) geht aber davon aus, dass das die Wasserstände noch im Verlauf des Wochenendes wieder sinken. Während der Sperrzeiten warten die Binnenschiffe in Häfen und an Liegestellen, bis die Schifffahrt wieder freigegeben wird.

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