Fahrbericht Iveco LNG LP 9 Bilder Zoom

Iveco Stralis NP 400 LNG: Erdgas-Stralis wird fernverkehrstauglich

400 PS Leistung sowie eine drastisch vergrößerte Reichweite durch verflüssigtes LNG statt gasförmiges CNG als Kraftstoff und eine automatisierte Schaltung werden den Erwartungen im Fernverkehr gerecht.

Gasantrieb – das ist fahrspaßfreie Zone, bestenfalls etwas für Müllsammeleinsätze kommunaler Dienste und für die Stadtreinigung!", rümpfen gestandene Transporteure die Nase, wenn es um die Marktchancen von erdgasgetriebenen Lkw geht. Geringe Reichweiten und der heutzutage ungeliebte Umgang mit einem Schaltgetriebe steigerten bislang die Marktchancen eines erdgasbetriebenen Lkw ebenfalls nicht. Allein Iveco war es bis dato gelungen, eine nennenswerte Zahl von gasbetriebenen Stralis – vornehmlich in den Niederlanden – auf den Weg zu bringen. Jetzt will Iveco den Erdgasantrieb stärker etablieren. Mit einem rundum langstreckentauglichen Stralis mit reichweitenvergrößertem LNG-Gasreservoir und automatisiertem Getriebe soll das gelingen. "Die gleichen Leistungswerte wie ein Diesel-Lkw!", pries Iveco-Chef Pierre Lahuette beim Stapellauf des stärksten Gas-Lkw Europas den Stralis NP 400 an.

Dieser Lkw sei ein ebenso epochaler Schritt wie die Einführung der Hi-SCR-Abgasreinigung im Diesel-Stralis. Starke Worte, die neugierig machen! Die Rahmenbedingung stimmen jedenfalls: 400 PS bei verträglichen 2.000/min und akzeptable 1.700 Nm im Hauptfahr-Drehzahlbereich in Kombination mit der bewährten automatisierten Zwölfgang-Eurotronic klingen nicht nur auf dem Papier vielversprechend.

Sparsamer im Verbrauch, günstiger im Service

Rund fünf Prozent sparsamer im Verbrauch und um zehn Prozent günstiger im Service soll der neue Antrieb gegenüber dem Vorgängermodell zudem sein. Im Gegensatz zu diesem, bei dem 330 PS entweder per Handschaltung verwaltet werden mussten oder ein Großteil der Antriebskraft im Ölbad des Wandler-Automaten ertrunken ist, geht der hubraumspezifisch stärkste Gas-Lkw auf dem Markt ganz modern mit automatisiertem Schaltgetriebe zur Sache. In der Kabine der ausgewachsenen Stralis-Zugmaschine spiegelt sich kein Hinweis auf den alternativen Kraftstoff wider, der in Drucktanks bei minus 125 Grad auf seinen Einsatz im fremdgezündeten Neunlitermotor wartet.

Erst der längere Dreh am Zündschlüssel und das ungewohnte Verbrennungsgeräusch des Sechszylinder-Triebwerks verraten den Gasantrieb, der sich aus zwei mächtigen LNG-Tanks mit jeweils 540 Liter Volumen speist. Die ersten Meter zeigen schnell, dass die Verbindung von automatisiertem Getriebe und Gasmotor in diesem Fall durchaus als geglückt bezeichnet werden darf. Die ZF-Zwölfgangbox sortiert den passenden Anfahrgang, und der 40-Tonner setzt sich zwar nicht raketenschnell, aber durchaus akzeptabel flott in Bewegung. Eine etwas trägere Gasannahme ist dem Fremdzünder im Vergleich mit den Dieselaggregaten aber geblieben, auch wenn sich die an den Motor gut angepasste Schaltstrategie nach Kräften müht, die phasenverschobene Gasan- und Wegnahme zu kompensieren.

Fortschritt durch automatisiertes Getriebe und Gasmotor

Trotzdem braucht der alternative Antrieb beim Gangwechsel spürbar mehr Zeit als im Diesel. Auch kann der Gasmotor trotz nominell gleicher Höchstleistung und vergleichsweise dieselähnlichem Drehmomentverlauf nicht ganz mit dem quirligen Charakter des dieselbetriebenen Cursor-Bruders mithalten. Der etwas zähere Antritt des Fremdzünders liegt in der Natur seiner Arbeitsweise, an die man sich am Stralis-LNG-Steuer nach kurzer Zeit aber gewöhnen kann. Etwas mehr und früher Gas geben als gewohnt, führt letztlich zu einem Fahrtempo, mit dem man sich im Alltagsverkehr durchaus nicht verstecken muss.

Auf jeden Fall ist die aktuell nur bei Iveco verfügbare Option eines automatisierten Getriebes in Verbindung mit einem Gasmotor ein deutlicher Fortschritt gegenüber der manuellen Schaltung. Während man im 330-PS-Vorgänger bis dato 16 Gänge mit nur engen Gangsprüngen durchackern musste, vermittelt die automatisierte Schaltung die gewohnt souveräne Langstreckencharakteristik im Stralis NP. Noch ein großes Plus am Steuer: Wenn man das grimmige Motorgrollen beim Vollgasgeben in der Beschleunigungsphase hinter sich gelassen hat, verwöhnt der Natural-Power-Motor mit rund 1.300/min bei 85 km/h das Fahrerohr mit flüsterleisen Tönen.

Unproblematisch wie jeder seiner Dieselkollegen

Von so viel Fahrkomfort verwöhnt, sollte man das nächste Stauende und den Lenkstockhebel für den ZF-Retarder im Blick behalten. Denn die Motorbremsleistung des Ottomotors unter der Stralis-Kabine ist gleich null. Demzufolge ist die Ausrüstung mit dem Hochtriebretarder als Dauerbremse nicht nur höchst empfehlenswert, sondern auch gesetzlich gefordert. Die Bremsleistung des Retarders nutzt man also in fast jedem Verzögerungsfall und hat damit die 40 Tonnen auch gut im Griff. Den Rest übernehmen die gewohnt sauber dosierbaren Scheibenbremsen. Auf das Fahrverhalten wirkt sich der Gasantrieb im Stralis NP dagegen nicht aus.

Abgesehen vom unterschiedlichen Leistungscharakter des Motors lenkt, bremst, federt und fährt der Stralis ebenso unproblematisch wie jeder seiner Dieselkollegen. Dass dieser Erdgas-Stralis mit verflüssigtem LNG-Erdgas anstelle von gasförmigem CNG betrieben wird, hat ebenfalls keinerlei Einfluss auf den Fahrbetrieb – schließlich werden beide Gas-Typen im gleichen Aggregatzustand im Motor verbrannt. In puncto Reichweite macht das LNG-befeuerte Iveco-Topmodell aber einen Riesensprung auf bis zu 1.400 Kilometer bis zur nächsten LNG-Zapfstelle.

Erdgas-Stralis ist der nachhaltigste Lkw für den Fernverkehr

Da in Deutschland die einzige LNG-Tankstelle gerade bei Iveco in Ulm eröffnet wurde, ist dennoch Vorsicht bei der Routenwahl angesagt. Benelux und Frankreich verfügen bereits über ein praxistaugliches Tankstellennetz, das dieses Jahr noch deutlich erweitert werden soll. Und dort erfreut der abgasarme Gasantrieb mit entsprechenden Fördermaßnahmen und Spritkostenvorteilen auch nachhaltig den Unternehmer. In Deutschland kostet der Erdgas-Lkw dagegen bei der aktuellen Dieselpreislage noch einen bekömmlichen Aufpreis, der sich noch nicht über die Einsatzkosten amortisiert. Vergünstigungen bei der Stadt- und Nachtbelieferung oder Gewichtsboni werden in Deutschland bis dato nicht gewährt.

Anreize für Unternehmer wie Fahrer sieht man bei Iveco aber in der Außenwirkung des saubersten Lkw-Antriebs mit Verbrennungsmotor. "Die Fahrer werden stolz sein, dieses wertvollere Fahrzeug bewegen zu dürfen!", argumentieren die Iveco-Strategen. Und Iveco-Chef Pierre Lahuette stößt dazu ins Öko-Horn. "Der Erdgas-Stralis ist der nachhaltigste Lkw für den Fernverkehr", beschwört er den neuesten Gas-Stralis. Nach über 15.000 gebauten Lkw- und Busmotoren sei der 400 PS starke Erdgas-Lkw eine echte Alternative zum Diesel. Ob dem tatsächlich so ist, wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall macht der LNG-Iveco auch auf Langstrecke in angemessener Reichweite zur derzeit einzigen Tankstelle in Deutschland eine durchaus überzeugende Figur. Gibt man heute Gas, macht es tatsächlich Spaß!

LNG in Kundenhand

Transordizia, ein im Baskenland beheimateter Lkw-Fahrzeugtransporteur, setzt seine Autos im internationalen Fernverkehr ein. Mit einem kürzlich in den Dienst gestellten Stralis NP, der Erdgas in tiefgekühltem, verflüssigtem Zustand in zwei Tanks à 540 Liter mitführt, ist damit das erste Mal ein LNG-Truck mit Ladung quer durch Europa gefahren und macht die Route Madrid–Hamburg zu seiner Hausstrecke. Der Spediteur vertraut der Technologie, weil er bereits seit 2013 etliche LNG-Stralis des "leichteren" Vorgängermodells im Einsatz hat und damit kürzere Strecken nach Norditalien, Frankreich und Belgien zurückgelegt hat. Jetzt wurde die lange Relation Madrid–Hamburg erstmals mit dieser Kraftstoffalternative bewältigt. Als Tankstellen sind dafür Madrid, Olaberría (Spanien) und Amberes (Belgien) in seinem Rundlauf gelistet. Transordizia hat es sich zum Ziel gesetzt, in seiner Flotte über kurz oder lang ausschließlich auf LNG zu setzen.
Gegenwärtig gibt es in Spanien 43 öffentliche und Lkw-taugliche CNG-Tankstellen sowie zehn LNG-Stationen, ebenfalls öffentlich. Damit ist Spanien hier die Nr. 1 in Europa, weitere neun Stationen für CNG/LNG Mischbetrieb sind geplant oder im Bau. Transordizia hat den Kauf der Stralis-NP-Flotte dank der Unterstützung eines Förderprogramms für neue und effiziente Transporttechnologien (Ente Vasco de la Energía, Basque Energy Entity) gestemmt.

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 09/2016.
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OWI Media

Datum

24. August 2016
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