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Steer-by-Brake: Die Kurve kratzen

Kässbohrer und Knorr-Bremse präsentieren das Lenk-Bremssystem Steer-by-Brake als Alternative zur gelenkten Trailerachse.

Schwere Trailer mit mehr als drei Achsen benötigen laut ECE-Regelung 97 gelenkte Achsen. Solche Achsen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie reduzieren den Reifen-abrieb in engen Kurven. Doch das Schonen der Trailer-Pneus hat auch seine Kehrseiten. Zum ­einen müssen Lenkachsen bei hohen Geschwindigkeiten und bei Rückwärtsfahrten ­gesperrt werden und zum anderen sind sie vor allem ­eines – nämlich teuer.

Um Transporteuren eine günstige Alternative zur Lenkachse zu bieten, haben Trailerhersteller Kässbohrer und Bremsenspezialist ­Knorr-Bremse das Steer-by-Brake-System (SBB) entwickelt. Es ersetzt die Lenkmechanik durch eine Teil­entlastung der Luftfederbälge und ein gezieltes Einbremsen der hinteren Trailer-Räder – und das synchronisiert und vollautomatisch.
Wie SBB sich im Einsatz verhält, zeigten die beiden Kooperationspartner bereits auf der Innovationsbühne der vergangenen Nutzfahrzeug IAA 2014 anhand eines neuentwickelten fünfachsigen Tiefbettaufliegers. Das SBB-System basiert dabei auf dem elektronischen Trailer-Bremssystem TEBS von Knorr-Bremse und übernimmt bei einer Kurvenfahrt im Wesentlichen drei Arbeitsschritte. Im ersten Schritt bremst SBB das kurveninnere Hinterrad der letzten Achse einzeln ein. Dieser Vorgang ist laut Kässbohrer vergleichbar mit einer Schlittenfahrt. Um zum Beispiel nach links zu fahren, stemmt der Rodler das linke Bein in den Schnee und bremst die Fahrt "einseitig" ab.

Reifenverschleiß eindämmen

Übertragen auf den Kässbohrer-Tiefbettauf­lieger hat das zur Folge, dass die Trailer-Reifen auf der Kurveninnenseite nicht mehr über den Asphalt rollen, sondern über die Fahrbahnoberfläche geschleift werden. Die Folge ist ein erhöhter Gummi-Abrieb. Um dies zu verhindern, leitet SBB den zweiten und dritten Arbeitsschritt ein. Parallel zum Bremsvorgang wird nach Angaben von Martin Mederer, Fachgebietsleiter System­entwicklung Nutzfahrzeugbremse bei Knorr-Bremse, der Druck der Luftfederbälge reduziert, um die Aufstandskraft der vorletzten Achse auf dem Asphalt zu reduzieren. "Gleichzeitig wird die letzte Achse differenziert schlupfgeregelt", erklärt Mederer den synchronisierten Vorgang. "Das führt zu einem optimierten Reifenverschleiß an dieser Achse."
Bei der Demonstration im Kässbohrer Trailer-Werk im nordrhein-westfälischen Goch zeigte sich, dass dieses simple Prinzip durchaus funktioniert. Präzise schlängeln sich Zugmaschine und fünfachsiger Kässbohrer-Tiefbettauflieger durch den Pylonenkurs. Um den Lenk-Bremsvorgang deutlich zu machen, markiert Kässbohrer die Reifenwände an der vierten und fünften Achse mit gelben Klebebandstreifen. Dabei deutlich sichtbar: Der Reifen an der fünften Achse dreht auf der Innenbahn deutlich langsamer als sein Pendant auf der vierten Achse. Was passiert, wenn das System deaktiviert ist, zeigt ein Gegenversuch mit abgezogenen EBS-Stecker. Trotz fahrerischem Geschick fallen die Pylonen ohne SBB auf der Innenbahn, umgerissen durch die zweite und dritte Hinterachse.

Langzeitstudie zur Wirtschaftlichkeit

Beiden Versuchen gemein ist das ­kratzende Scharren der Trailer-Reifen auf dem Kurven­innenradius. Dies macht die Belastung der Pneus hörbar deutlich – ob mit oder ohne SBB-Einsatz. Wie hoch der Verschleiß tatsächlich ist, soll ­eine Langzeitstudie zeigen, die Kässbohrer und Knorr-Bremse im Vorfeld zur geplanten Markteinführung des neuen fünfachsigen Tiefbettaufliegers mit liftbarer ersten Achse auf der Bauma 2016 veröffentlichen will. Ob Steer-by-Brake ­eine sinnvolle und vor allem wirtschaftliche Alternative zur Lenkachse ist, wird sich folglich noch herausstellen. Nach Angaben von Knorr-Bremse jedenfalls lässt sich das Steer-by-Brake-System gegebenenfalls auch auf andere Fahrzeugtypen wie zum Beispiel die starren ­Dreiachsaggregate von Curtainsidern, Sattelkoffern und weitere Trailer übertragen.

2016 im Blick

Kässbohrer nutzte die Fahrzeugpräsentation Mitte September in Goch für einen Rückblick auf das laufende Geschäftsjahr 2015. Nach Angaben von Geschäftsführerin Iffet Türken stieg die Verkaufsrate von Tiefbett-Aufliegern europaweit um 32 Prozent. Trotz der anhaltenden wirtschaftlich komplizierten Situation auf dem osteuropäischen Markt sei die Anzahl der Zulassungen von Kässbohrer-Tiefladern in Polen um 23 Prozent und auf dem russischen Importmarkt sogar um 35 Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, die laut Türken mit Blick auf 2016 auch Auswirkungen auf das nordrhein-westfälische Werk haben wird. Hier soll die tägliche Produktion von derzeit fünf auf künftig zehn Einheiten pro Tag erhöht werden.

Knut Zimmer

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Knut Zimmer

Datum

19. November 2015
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Rechtsanwältin Judith Sommer ist Fachanwältin für Arbeitsrecht. Seit über 10 Jahren berät und… Profil anzeigen Frage stellen
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