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Omnibus aus dem 3D-Drucker: Local Motors stellt nächste Generation vor

In Zukunft könnten auch Omnibusse aus dem Drucker kommen. Local Motors aus Amerika beispielsweise stellt mit Olli den ersten 3D-gedruckten Bus auf die Räder.

Es klingt wie ein Märchen, ist aber schon Realität: Auf der Detroit Motor Show Anfang dieses Jahres sorgte Local Motors für Aufsehen. Das Unternehmen druckte dort in einem gläsernen Container ein Auto. Nach 44 Stunden war es fertig. Jetzt haben die Amerikaner nachgelegt und mit Olli den ersten Bus ganz einfach gedruckt. Nicht ganz so schnell, aber dafür mit einem mehr als interessanten Ansatz. Die Idee zu einem Bus aus dem Drucker entstand in einem Wettbewerb: Bei der Urban Mobility Challenge stellte Local Motors die Frage, wie der Verkehr im Jahr 2030 in Berlin aussehen könnte. 81 kreative Ansätze und Ideen wurden eingereicht.

Eine Jury, in der auch der S-Bahn-Chef Peter Buchner, die Chefin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg Susanne Henckel, der Chef der Berliner Agentur für Elektromobilität Gernot Lobenberg, der Europachef des Automobildachverbandes FIA Jacob Bangsgaard und mit Hendrik Schneider der Chef des Segway-Vermieters Yoove saßen, entschied sich für den Entwurf des Kolumbianers Edgar Sarmiento García: Ein gläserner Bus, der autonom und elektrisch zwölf Personen befördert, überzeugte die Jury.

Die wahre Innovation ist der Designprozess

Über eine App auf dem Smartphone gibt der Fahrgast des Jahres 2030 an, wo er ein- und aussteigen möchte. Den Rest erledigt der Computer. Er berechnet, wie man den Kleinbus und die Anfragen zusammenbringt. Anschließend fährt Olli die optimale Route ab – auch wieder computergesteuert. Gefertigt wird, was der Markt verlangt. Und für Berlin könnten es autonom fahrende Kleinbusse mit elektrischem Antrieb sein. Von Berlin aus will Local Motors das Europageschäft aufbauen – mit einer eigenen Produktion. Dafür soll Ende dieses Jahres ein sogenanntes Labor eingerichtet werden. Der Vorläufer einer Fabrik, in der dann gedruckt wird.

Die Amerikaner investieren rund zehn Millionen Dollar in eine solche Fabrik. Drei gibt es schon: in Phoenix, Las Vegas und Washington. Für Berlin sei man auf der Suche nach einem geeigneten Standort, heißt es seitens Local Motors. Die wahre Innovation ist aber nicht das Drucken, sondern der Designprozess dahinter. Der lässt große Firmen aufhorchen. Local Motors hat zwar eigene Mitarbeiter, aber den Großteil des Entwicklungsprozesses lagert man in eine Community von Kreativen aus. Aus der ganzen Welt können deren Mitglieder Entwürfe hochladen, gemeinsam weiterentwickeln und optimieren.

Local Motors bringt Open-Source-Ansatz in die Autoproduktion

Local Motors spricht in diesem Zusammenhang von mehr als 51.000 Mitarbeitern. Eine Jury oder der Auftraggeber sucht am Ende aus, was produziert wird. Erst dann bekommt der Kreative auch seinen Lohn. Ein solcher Open-Source-Ansatz war bislang vor allem aus der Softwareentwicklung bekannt, wo ganze Betriebssysteme gemeinschaftlich entstehen. Local Motors bringt diese Idee in die Autoproduktion und lässt die Branche aufhorchen. Hinter der Firma steht John Rogers. Seit 2007 will der Amerikaner, der in Harvard Betriebswirtschaft studiert und bei der Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet hat, die Automobilbranche revolutionieren. Sein Credo: Fahrzeuge sollen umweltfreundlicher sein, in kleinen Stückzahlen und in kleinen Fabriken produziert werden, die immer bedarfsorientiert in der Nähe der Nutzer stehen.

Mit einer gläsernen Manufaktur will das Unternehmen für Transparenz sorgen. Was dann zu sehen ist, ist aber weniger spektakulär, als es klingt. Der Drucker presst eine dicke schwarze Paste, ein Gemisch aus Karbon und Plastik (Acrylnitril-Butadien-Styrol) millimetergenau auf die Druckplatte. Schicht für Schicht entstehen so die einzelnen Bauteile für die Karosserie des Busses. Danach werden sie geschliffen, lackiert und zusammengebaut. Was nicht aus dem Drucker kommt, wird zugekauft. So werde nach Ansicht aller Beteiligten von Anfang an die Verfügbarkeit sichergestellt. Der autonom fahrende Elektrobus bekommt die Batterie, den Motor, die Verkabelung und die Federung aus der Serienfertigung – genauer gesagt vom Renault Twizy.

Nächste Generation der ÖPNV-Nutzer wird vom 3D-Druck profitieren

Mitte Juni wurde der erste ausgedruckte Kleinbus in Amerika vorgestellt. Mit an Bord ist mit Watson von IBM eine künstliche Intelligenz. Das ist eine weitere Revolution: Das lernfähige Computerprogramm erfasst mit mehr als 30 Sensoren nicht nur alle erforderlichen Verkehrsdaten für die Fahrt, sondern kann sich zudem noch auf den Fahrgast einlassen. Sprechen mit dem Fahrer ist also erlaubt. Das System erfasst die gestellte Frage, gleicht sie mit der Datenbank ab und gibt sogar noch Einkaufstipps. Und wenn man es ihm sagt, wird der Haltestellenwunsch nach Kenntnis der Einkaufstipps umgehend angepasst.

Die nächste Generation der ÖPNV-Nutzer wird vom 3D-Druck profitieren. Immer mehr Bauteile in der mobilen Welt entstehen in diesem Verfahren. Welche Bauteile 3D-gedruckt wurden, hat Local Motors nicht genau benannt. Aber: Mindestens die Hälfte des Olli seien 3D-gedruckt, versichern die Amerikaner. Auch bei den technischen Daten halten sich die Macher bedeckt. Angaben zur Reichweite soll es erst in einigen Monaten geben, wenn Olli gezeigt hat, wie sein Alltag aussieht.

Induktion scheint die Zukunft des Ladevorgangs zu sein

Noch nicht entschieden ist, wie das Laden abläuft. Per Stecker zu traditionell, das Induktive scheint die Lösung für die Zukunft zu werden. Genaue Vorstellungen und Aussagen gibt es hingegen zum Einsatz des Kleinbusses in Berlin. Er könnte nicht nur in der Stadt, sondern auch als Zubringer zum vorhandenen ÖPNV-Netz im Berliner Umland agieren. Die kreativen Köpfe in der Local-Motors-Community bieten nämlich auch Lösungen an, wie eine Shuttleflotte in das ÖPNV-System eingebunden werden kann. Dafür werden Algorithmen entwickelt, die später auch flexible Fahrpläne, Ruflinien oder Haus-zu-Haus-Dienste möglich machen sollen. Das ist aber selbst für die nächste Generation noch keine Realität – noch nicht.

Mobilität aus der Microfactory

Interview:Wolfgang Bern, Geschäftsführer von Local Motors Berlin, über Berlin als deutsches Silicon Valley. Das Gespräch führte Rüdiger Schreiber.

Wieso Berlin als Standort und wieso zuerst ein Bus?

Bern: Berlin als deutsches Gegenstück zum amerikanischen Silicon Valley bietet sich als Standort aufgrund der vorhandenen Talente sowie des Marktbedarfs an multimodaler Mobilität an. Wie unsere in Berlin durchgeführte Urban Mobility Challenge ergeben hat, ist Olli ein Produkt, für das Bedarf besteht. Da Local Motors nur bedarfsgesteuert produziert, haben wir den autonom fahrenden Mini-Shuttlebus als erstes Produkt zur Produktion in Deutschland vorgesehen.

Wann ist der erste Berliner Bus gedruckt?

Bern: Wir drucken voraussichtlich ab Ende des Jahres in Berlin. Vorher werden die Teile noch in unseren amerikanischen Standorten gefertigt, bis wir die entsprechende Technik auch vor Ort in Deutschland haben.

Wie nehmen Berliner das Projekt an, gibt es ein erstes Feedback?

Bern: Die Local Motors Urban Mobility Challenge ist sehr gut angekommen und wir haben auch bereits mehrere Berliner eingestellt und neue Arbeitsplätze geschaffen.

Kooperieren Sie mit der BVG?

Bern: Wir kooperieren und co-kreieren sehr gerne mit jedem, der mitmachen möchte. Das kann auf unserer Plattform Localmotors.com geschehen, aber auch lokal in unseren Microfactories und Labs.

Wo steht Local Motors Berlin in fünf Jahren Ihrer Meinung nach?

Bern: Local Motors Berlin wird in fünf Jahren in der lokalen Berliner Microfactory-Mobilität für den lokalen Markt produzieren – gemäß dem dann anfallenden Bedarf.

Wie finanziert sich das Berliner Projekt?

Bern: Durch uns, durch Local Motors.

Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 09/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Foto

Rüdiger Schreiber

Datum

24. August 2016
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