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Angeblicher Abgasskandal: Ein Mann sieht blau

Nein, es gibt vermutlich keinen neuen Abgas-Skandal in Europa. Was es allerdings gibt sind Journalisten, die alles glauben, was man ihnen erzählt.

Wer als vorgeblicher Gauner Geschäfte machen will, der findet natürlich auch Gauner, die ihm die entsprechenden Angebote machen. Schon in meinem Blog "Schwierige Beweislage" habe ich die fragwürdigen Recherchemethoden von Andreas Mossyrsch, Vorstand des Verbandes Camion Pro, kritisiert. 

Unter dem Tarnnamen "Trans Gloria Freight" hatte sich Mossyrsch als angeblicher deutscher Transportunternehmer in der rumänischen Hauptstadt Bukarest ein Büro gemietet und Touren nach Deutschland ausgeschrieben, mit einem MAN. Mossyrsch wollte belegen, dass die rumänische Transportwirtschaft fest im Griff der organisierten Kriminalität ist und vor allem deutsche Spediteure sich diesen "Vorteil" zunutze machen, wenn sie ihre Lkw dorthin ausflaggen. Nun – eins vorweg. Belege für Korruption in Rumänien und Bulgarien finden sich in der Tat immer wieder, wenn etwa in Belgien bei Polizeikontrollen Lkw enttarnt werden, die angeblich die jährliche Hauptuntersuchung an ihrem Standort absolviert haben wollen, aber zum Zeitpunkt der Prüfung in Belgien unterwegs waren.

Wie im schlechten Film

Neulich sah ich in der ARD den grandiosen Film "Auf kurze Distanz", in dem ein Agent der Polizei in die osteuropäische Wettmafia Berlins eingeschleust wird, um diese auffliegen zu lassen. Immer wieder hat der verdächtige Wettbetrüger seinem neuen Kumpel erzählt, wie das Geschäft läuft. Als Beweis taugt das alles nichts, und so kommt es im Stadion zum finalen Showdown, um die Gangster auf frischer Tat zu ertappen. Das geht grandios schief. Das Böse siegt. Ein guter Film, der eben auch zeigt, dass ohne Beweis kein Bösewicht dingfest zu machen ist. 

Als sogenannter agent provocateur hat Mossyrsch nun selbst so ein Drehbuch geschrieben und Leute, die für ihn arbeiten wollten und ihm angeboten haben, den Tacho seines Lkw zu manipulieren, gefilmt, während sie ihm frank und frei erzählten, was heutzutage technisch alles möglich ist. Auch per E-Mail kam so ein Angebot frei Haus. So jedenfalls ist es in der Fachpresse gerade zu lesen. Nur – es hat nie eine solche Tour gegeben, der MAN des bösen Buben aus Bayern wurde weder gehackt noch war er ohne AdBlue unterwegs. Die Brüder Grimm hätten an so einem Plot sicher Freude gehabt. Alle anderen, die Mossyrsch von seiner Theorie überzeugen will, hat er für den 7. März in einem Münchner Hotel zu einem Pressefrühstück eingeladen. Hoffentlich werden dort die richtigen Fragen gestellt.

Alle sind völlig überrascht

Die steile These aus der Pressemeldung: "Die Recherchen des Berufsverbandes Camion Pro legen den dringenden Verdacht nahe, dass das organisierte Verbrechen in Osteuropa die Abgasmanipulationen von Nutzfahrzeugen als einträgliche Einnahmequelle entdeckt hat. Unternehmen aus Osteuropa und China versorgen den Schwarzmarkt im industriellen Stil mit Soft- und Hardware, die ausschließlich dem Zweck dient, die Adblue-Abgasanlagen von Nutzfahrzeugen zu manipulieren. Auch auf deutschen Autobahnen könnten bis zu 20 Prozent aller LKW betroffen sein. Der anzunehmende Umweltschaden dürfte immens sein, und der mögliche Schaden für das deutsches Mautsystem könnte sich in den letzten fünf Jahren auf mehrere hundert Millionen Euro belaufen. Lkw-Hersteller, Bundesregierung und Behörden zeigen sich von diesen Erkenntnissen völlig überrascht."

Kein Wunder, denn die These ist völlig an den Haaren herbeigezogen und beruht letzten Endes nach meinen vorliegenden Erkenntnissen auf den Behauptungen aus einer einzigen extrem unseriösen Quelle, einem gewissen "Mustafa", der dem getürkten deutschen Unternehmen Trans Gloria Freight neben einem manipulierten Tacho gleich auch eine Manipulation der SCR-Anlage anbietet. 

Modul legal zu kaufen

Um eine Blackbox für die Manipulation der SCR-Anlage zu kaufen, hätte Mossyrsch keinen Kontakt zu Mustafa aufnehmen müssen. Denn die Boxen sind im Internet frei verkäuflich und ihr Besitz ist nicht illegal. Wer allerdings die SCR-Anlage mittels der 300 bis 800 Euro teuren Technik außer Betrieb setzt, verliert jeglichen Garantieanspruch für sein Fahrzeug und bringt zudem die Betriebserlaubnis zum Erlöschen. So entsteht kein Mautschaden, da die Fahrzeuge gar nicht mehr auf Tour dürfen. Fahren sie dennoch, zahlt der Unternehmer auch Maut in der Klasse, in der das Fahrzeug legalerweise unterwegs ist.
Einzig der Hinweis auf den Umweltschaden ist nicht von der Hand zu weisen. Moderne Motoren, die in der Emissionsklasse Euro 6 unterwegs sind, produzieren massig Stickoxide (NOx). Die Motoren sind so ausgelegt, weil das den Verbrauch senkt. Im Bewusstsein um eine Abgasnachbehandlung per SCR mithilfe von Adblue müssen Ingenieure heute weniger Rücksicht auf NOx nehmen als in Zeiten vor SCR. Adblue sorgt dafür, dass das gefährliche NOx nicht den Auspuff verlässt, sondern vorher zu Stickstoff und Wasser umgewandelt wird. Setzt der sogenannte Adblue-Emulator die SCR-Anlage außer Betrieb, verbraucht der Lkw kein Adblue mehr, bläst aber NOx in riesigen Mengen in die Umwelt.

Kosten für Adblue unter 500 Euro im Jahr

Lohnt sich das? Ein deutscher Transportunternehmer mit einem gemischten Fuhrpark hat es für mich einmal ausgerechnet: Um auf die Norm Euro 6 zu kommen, benötigt beispielsweise der MAN in unserem transaktuell-Fehrenkötter-Test bislang 0,92 Liter Adblue auf 100 Kilometer. Bei einer angenommenen Jahreslaufleistung von 140.000 Kilometern würde ein Spediteur 1.288 Liter Adblue sparen. Das entspricht bei 25 Cent pro Liter eine Ersparnis von 322 Euro pro Jahr. Das Risiko steht in keinem Verhältnis zum Gewinn, denn es wird ja keine Mautgebühr gespart sondern höchstens die Luft verpestet. Dabei setzt er allerdings aufs Spiel, dass seine Betriebserlaubnis erlischt, die Herstellergarantie futsch ist und er sich wegen Abgasnormbetrugs strafbar macht. Im Einzelfall wird es solche Firmen geben, die das Risiko eingehen. Laut Mossyrsch sollen aber nach "Insiderinformationen" 70 Prozent der Lkw in Rumänien mit manipulierter SCR-Anlage unterwegs sein. So stand es jedenfalls in der deutschen Fachpresse.

Rumänisches Fachmedium entsetzt

Marilena Matei arbeitet seit vielen Jahren für das Fachmagazin "Tranzit". Sie ist über die Vorwürfe, des, wie sie schreibt "James Bond der deutschen Transportunternehmerverbände" empört. Auch sie hat gehört, dass manche Firmen gar kein Adblue tanken, aber einen Betrug in dieser Größenordnung hält sie für ausgeschlossen. "Ich weiß, dass rumänische Frachtführer im Westen keinen guten Ruf haben", schreibt sie mir nach Lektüre des Artikels, "aber so eine Behauptung ist einfach irrational. Die meisten Lkw im internationalen Transport Rumäniens sind mittlerweile geleast, sie haben Wartungsverträge mit den Vertragswerkstätten ihrer jeweiligen Nutzfahrzeuglieferanten und nutzen diesen Service vor allem in Deutschland, Österreich und den Niederlanden." Vielleicht hätte auch ein Anruf bei Brenntag, einem der größten Adblue-Lieferanten in Rumänien genügt, um dem Thema von vornherein die Schärfe zu nehmen. Denn wenn 70 Prozent aller neuen Lkw in Rumänien ohne Adblue unterwegs wären, dann müsste deren Markt ja geradezu kollabieren. "Ganz im Gegenteil", sagt Matei, die sich für mich erkundigt hat. "Der Verkauf von Adblue in Rumänien ist laut Brenntag Jahr für Jahr gestiegen." 

Nachtrag: konkrete Zahlen aus Rumänien

Mittlerweile liegen auch konkrete Zahlen vor. Als größter Lieferant von AdBlue in Rumänien konnte Brenntag S.R.L. mit Sitz in Chiajna seinen Absatz 2015 um 50 Prozent steigern, was auch mit einem Wachstum der rumänischen Lkw-Flotte um 20 Prozent zusammenhängt. Für 2016 rechnet Brenntag auf Grund einer anstehenden Erneuerung der Flotten mit einem weiteren Absatzplus von 30 bis 50 Prozent. Eine Sprecherin von Brenntag betonte gegenüber Marilena Matei, dass es noch weitere Anbieter von Harnstoff auf einem preislich hart umkämpften Mark gäbe, der seit Jahren kontinuierlich wachse. Für einen Einbruch um bis zu 70 Prozent, den es zur These von Camion Pro, dass in Rumänien bei bis zu 70 Prozent der Lkw die AbBlue-Anlage manipuliert sei, analog geben müsste, gibt es bei Brenntag keinen Anhaltspunkt. Die im Internet zu erwerbenden Boxen seien dort allerdings bekannt, man schätze, dass sie tatsächlich in unter einem Prozent der Lkw eingesetzt würden, so Matei. "Das belegt, dass Camion Pro völlig unprofessionell recherchiert und die Behauptungen in keinster Weise überprüft hat."

Autor

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Trucksdiag

Datum

7. März 2016
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