Nutzfahrzeugindustrie und Güterverkehr verlangen entschlossenes Handeln
Sechs Tage Branchenshow, mehr als 150 Weltpremieren, ein neuer Besucherrekord mit 140.000 Personen – die Bilanz der IAA Transportation 2026 kann sich sehen lassen. Aber auch über die Neuheiten hinaus wurden Akzente gesetzt: Branchenexperten nutzen die Weltbühne, um ein entschlosseneres Handeln von Seiten der Politik – in Brüssel und Berlin – zu fordern. Immerhin hatte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger einige gute Nachrichten im Gepäck.
Bilger will schnelle Umsetzung der Infrastrukturmaßnahmen
Bilger nahm zum ersten Mal als Bundesminister für Verkehr an der Messe in Hannover teil. Er äußerte sich zu den Maßnahmen der Bundesregierung im Bereich Verkehr, mit denen diese von 2026 bis 2030 insgesamt 170 Milliarden Euro in die Infrastruktur investieren will. "Es ist mein eigener Wunsch, dass diese Summe schnell abfließen soll", sagte Bilger. Als nächsten Schritt zur überjährigen Finanzierung der Infrastruktur kündigte er die Kreditfähigkeit der Autobahn GmbH an.
Davon profitiere auch die Nutzfahrzeugindustrie. Die deutschen Hersteller müssten den Wettbewerb etwa mit Anbietern aus China nicht scheuen. Ziel müsse aber die gleichen Wettbewerbsbedingungen sowie realistische Vorgaben sein. Sei dies nicht der Fall, müssen diese "wenn nötig auch mal angepasst werden", sagte Bilger mit Bezug auf die CO2-Flottengrenzwerte, so dass die Hersteller wieder mehr Flexibilität erhalten, um die Klimaziele zu erreichen.
Deutschland fördert und fordert Ladeinfrastruktur
Die Rahmenbedingungen für den Einsatz insbesondere der Fahrzeuge mit neuer Antriebstechnologie schaffe die Politik – etwa durch Förderungen für Wasserstofftankstellen und -fahrzeuge, aber auch durch ein Förderprogramm für das Depotladen und den Bau eines Lkw-Schnellladenetzes entlang der Autobahnen, was den Markthochlauf schwerer Lkw fördere. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur sei dabei für Deutschland als Transitland besonders bedeutsam, aber die anderen EU-Länder müssen laut Bilger nachziehen, denn Transport mache an den Grenzen nicht Halt. Egal ob bei der Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Fahrzeuge oder dem Ausbau eines Tankstellennetzes für Wasserstoff – "hier haben wir noch viele Themen mit unseren Nachbarländern", sagte Bilger.
Verlängerung für Lang-Lkw Typ 1 bis 2033
Positive Nachrichten hatte der Bundesverkehrsminister auch in puncto Lang-Lkw Typ 1 zu berichten. Der leiste aufgrund seiner Effizienz seit Jahren einen wichtigen Beitrag im Güterverkehr – "diese Geschichte soll weitergeschrieben werden", sagte Bilger. In Folge soll die Ausnahmegenehmigung für den Typ 1 oder verlängerten Sattelzug um weitere sieben Jahre bis 2033 verlängert werden; die entsprechende 14. Novelle der Ausnahmeverordnung werde noch im vierten Quartal in Kraft gehen. Auf Wunsch der Branche will das Verkehrsministerium sich in der EU um eine langfristige Zulassung des Typ1 und um den problemlosen grenzüberschreitenden Einsatz bemühen, "damit der Lang-Lkw Typ 1 langfristig etabliert wird", sagte Bilger.
VDA-Präsidentin fordert Nachbesserung bei den Flottengrenzwerten
Im Rahmen der Eröffnungsfeier verwies Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), auf die Systemrelevanz der Logistik, die Nutzfahrzeuge für diese industrielle Wertschöpfung wiederum liefere eine Branche, die in auf der Messe wieder zahlreiche Neuerungen rund um den Fahrzeugantrieb, Ladeinfrastruktur, Komponenten oder Digitalisierung im Gepäck hatte. "Derweil die Nutzfahrzeugindustrie voranschreitet, lahmt Brüssel", kritisierte Müller aber deutlich. Die EU habe die weltweit ambitioniertesten Flottengrenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge festgelegt, komme aber der eigenen Verantwortung nicht hinterher, dafür auch die wesentlichen Voraussetzungen für eine Zielerreichung zu schaffen, etwa bei der Ladeinfrastruktur.
Branche kann nicht die Fehler anderer ausbaden
Müller forderte die EU-Kommission auf, auf die geopolitischen Änderungen zu reagieren. Dazu gehöre auch, die Überprüfung der Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge, die erst für Ende 2027 geplant ist, schneller durchzuführen. Werden die Flottengrenzwerte aufgrund eines lahmenden Hochlaufs nicht erreicht, drohen den Fahrzeugherstellern, die mit ihren Innovationen den Markthochlauf angeschoben hätten, hohe Zahlungen in Milliardenhöhe. "Strafzahlungen sind kein Transformationsinstrument, ganz im Gegenteil sie entziehen Unternehmen das Kapital, dass sie für Innovationen brauchen" sagte Müller und machte klar, dass die Branche nicht für das fehlende Handeln anderer die Konsequenzen übernehmen könne.
Auch bei den Anhängern und Aufliegern, konkret der VECTO-Berechnung, brauche es eine regulatorische Neubewertung der Grenzwerte, damit nicht Anhänger für Emissionen verantwortlich gemacht werden, die sie gar nicht erzeugen.
Daimler-Chefin verlangt europaweite Ladeinfrastruktur
Die Daimler Truck-Vorstandsvorsitzende in Karin Radström warnte, dass die EU-Klimaziele 2030 verfehlt würden, wenn die Neuzulassungen von E-Fahrzeugen wie bisher verlaufen. Ursache sei nicht die Nicht-Verfügbarkeit der Fahrzeuge, sondern der Kostenvergleich mit dem Diesel und die fehlende Ladeinfrastruktur im Fernverkehr: "Heute haben wir weniger als 2.000 öffentliche Ladepunkte in Europa, die meisten davon CCS. Bis 2030 brauchen wir aber 35.000 Megawatt-Ladepunkte."
Lob für Deutschland: Kostenangleichung durch Mautbefreiung
Lob für Deutschland – mit der Mautbefreiung für klimaneutrale Lkw habe das Land die richtige Anreize geschaffen. Bislang haben laut Radström aber nur 13 von 27 EU-Staaten die Maut nach CO2-Kriterien gestaffelt, und nur bei einer Handvoll ergeben sich daraus deutliche Vorteile für E-Lkw gegenüber Diesel-Lkw. "Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit für diese Rahmenbedingungen. Wenn wir das nicht in Ordnung bringen, müssen wir die CO2-Regulierungen schnell überprüfen." Zudem sollten die Grenzwerte auch in Bezug auf die Einführung von Wasserstoffinfrastruktur verbunden werden. "Wir müssen die Politik in die Realität einordnen", sagte die Vorstandsvorsitzende.





