Mitten in einer außergewöhnlichen Niedrigwasserphase startet das Bundesverkehrsministerium ein neues Förderprogramm für die Binnenschifffahrt. Bis zu 70 Millionen Euro stehen zunächst für emissionsarme Schiffe sowie Lade- und Tankinfrastruktur bereit. Für die Branche löst das allerdings nur einen Teil ihrer derzeitigen Probleme. Das Bundesverkehrsministerium (BMV) stellt bis zu 70 Millionen Euro für den Aufbau sogenannter grüner Binnenschifffahrtskorridore bereit. Der erste Förderaufruf der neuen „Richtlinie über Zuwendungen für eine grüne Binnenschifffahrt“ richtet sich an Unternehmen, Kommunen und weitere wirtschaftlich tätige Akteure mit Sitz in Deutschland.
Von Neubauten bis hin zu Umrüstungen
Gefördert werden unter anderem Neubauten und die Umrüstung bestehender Güterschiffe auf emissionsfreie oder emissionsarme Antriebe. Hinzu kommen Investitionen in Häfen sowie Lade- und Tankinfrastruktur für alternative Energieträger wie Wasserstoff, Ammoniak und Methanol. Auch Anlagen für erneuerbaren Strom und Wasserstoff sowie Speicherlösungen können Teil geförderter Projekte sein. Anträge können ab dem 17. August 2026 über das Förderportal easy-Online gestellt werden. Einen konkreten Termin für das Ende der Antragsfrist hat das BMV bislang nicht genannt.
Bilger will Schiffe und Häfen modernisieren
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger sieht in der Förderung einen Baustein für die Transformation des Güterverkehrs. Ziel sei es, emissionsfreie Antriebe schneller in die Praxis zu bringen und gleichzeitig die dafür erforderliche Infrastruktur aufzubauen. Das Programm soll außerdem dazu beitragen, mehr Güter- und Personenverkehr auf die Wasserstraße zu verlagern. Damit verfolgt das Ministerium neben den Klimazielen auch ein verkehrspolitisches Ziel: Die Binnenschifffahrt soll langfristig wettbewerbsfähiger werden. Der Zeitpunkt des Förderstarts ist allerdings bemerkenswert. Denn während der Bund Geld für die technologische Zukunft des Verkehrsträgers bereitstellt, kämpft die Branche derzeit mit einem sehr viel unmittelbareren Problem.
Niedrigwasser zeigt derzeit die Grenzen der Wasserstraße
Die anhaltende Niedrigwasserphase auf dem Rhein und weiteren Bundeswasserstraßen hat die Transportmöglichkeiten der Binnenschifffahrt erheblich eingeschränkt. Schiffe können teilweise nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung aufnehmen. Die Folgen reichen von steigenden Frachtraten und Kleinwasserzuschlägen bis zu zusätzlichen Transporten mit Lkw und Bahn. Auch die Fahrzeuglogistik ist betroffen. BLG Logistics hatte gegenüber eurotransport.de erklärt, die Beladung seiner auf Rhein und Donau eingesetzten Schiffe fortlaufend an die Wasserstände anzupassen. Mosolf konnte seine RoRo-Verbindung zwischen Düsseldorf und den belgischen beziehungsweise niederländischen Seehäfen dagegen zunächst ohne Einschränkungen betreiben. Der DSLV warnte zugleich vor erheblichen Zusatzkosten entlang der Lieferketten und fordert einen schnelleren Ausbau der Wasserstraßen sowie größere multimodale Umschlagkapazitäten. Wie grundsätzlich die Schwierigkeiten inzwischen sind, zeigt auch die längerfristige Entwicklung: 2025 wurden auf deutschen Binnenwasserstraßen nur noch 171,6 Millionen Tonnen Güter transportiert – der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung.
Klimafreundlicher Antrieb allein reicht nicht
Damit treffen derzeit zwei Transformationsaufgaben aufeinander. Einerseits müssen Binnenschiffe und Häfen dekarbonisiert werden. Andererseits muss der Verkehrsträger überhaupt zuverlässig nutzbar bleiben. Genau diese zweite Frage hat durch das extreme Niedrigwasser an Dringlichkeit gewonnen. Das BMV hatte deshalb zuletzt Vertreter aus Binnenschifffahrt, Häfen, Industrie und Politik zu einem Spitzengespräch eingeladen. Als kurzfristige Reaktion sollen unter anderem Verlagerungen auf Straße und Schiene erleichtert werden. Für besonders betroffene Güter kommen dabei auch Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw infrage.
Güterverkehrsprognose: Binnenschifffahrt steht unter Druck
Langfristig steht insbesondere die Wasserstraßen-Infrastruktur im Fokus. Verbände drängen etwa seit Jahren auf die Fahrrinnenanpassung am Mittelrhein. Gleichzeitig wird darüber diskutiert, Schiffe stärker für niedrige Wasserstände zu optimieren und Lieferketten widerstandsfähiger aufzustellen. Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt nicht allein die aktuelle Trockenperiode. Die Binnenschifffahrt ist bereits strukturell unter Druck. Nach einer auf eurotransport.de dargestellten Güterverkehrsprognose könnte ihr Transportaufkommen auch 2027 noch rund 19 Prozent unter dem Niveau von 2019 liegen. Die jetzt bereitgestellten 70 Millionen Euro können deshalb einen Teil der Modernisierung finanzieren. Die derzeitige Krise macht aber deutlich: Ob die Binnenschifffahrt künftig mehr Güter übernehmen kann, entscheidet sich nicht allein an der Antriebstechnik.
Was wird mit den 70 Millionen Euro gefördert?
Der erste Förderaufruf konzentriert sich auf den Aufbau grüner Binnenschifffahrtskorridore. Förderfähig sind nach Angaben des BMV insbesondere:
- Neu- und Umbauten von Güterschiffen mit emissionsfreien oder emissionsarmen Antrieben
- Lade- und Tankinfrastruktur in Häfen, unter anderem für Wasserstoff, Ammoniak und Methanol
- Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarem Strom und erneuerbarem Wasserstoff
- Speicherlösungen für die Energieversorgung
- Lade-, Tank- und mobile Versorgungseinrichtungen an Umschlag- und Liegeplätzen außerhalb von Häfen
In Kürze: die Key Facts
- Fördervolumen: zunächst bis zu 70 Millionen Euro
- Programm: Richtlinie über Zuwendungen für eine grüne Binnenschifffahrt
- Förderlinie: Aufbau grüner Binnenschifffahrtskorridore
- Start der Antragstellung: 17. August 2026
- Antragsberechtigt: Unternehmen, Kommunen und weitere wirtschaftlich tätige Akteure mit Sitz in Deutschland
- Schiffe: Förderung emissionsfreier und emissionsarmer Antriebssysteme
- Infrastruktur: Lade- und Tankmöglichkeiten unter anderem für Wasserstoff, Ammoniak und Methanol
- Zusätzlich: Erzeugung und Speicherung erneuerbarer Energie
- Aktuelle Lage: Niedrigwasser schränkt gleichzeitig die Transportkapazitäten auf Rhein und anderen Wasserstraßen massiv ein
- Einordnung: Die Förderung adressiert die Dekarbonisierung – die aktuellen Probleme bei Wasserständen und Infrastruktur bleiben davon weitgehend unberührt








