Wenn Disponenten in einer Stückgutspedition die Touren für den nächsten Tag planen, zählt jede Entscheidung. Disponenten müssen Sendungen den Fahrzeugen zuordnen, Zeitfenster einhalten und kurzfristige Änderungen berücksichtigen. „Was wir in unserem Kundenstamm sehen, ist jedoch sehr viel manuelle Disposition“, sagt Jan Rzehak, Chief Operating Officer (COO) des Tourenplanungs- und Logistiksoftwareanbieters PTV Logistics, gegenüber trans aktuell. Viele Unternehmen steuern ihre Touren nach seiner Beobachtung noch weitgehend von Hand.
Automatisierung beschleunigt Nachtplanung
Wie sich dieser Aufwand deutlich verringern lässt, zeigt Finsterwalder Transport & Logistik. Die Spedition hat ihre Nachtdisposition im Stückgutverkehr gemeinsam mit PTV Logistics schrittweise automatisiert. Nach Unternehmensangaben sank der Zeitaufwand für die Nachtplanung von rund 14 auf vier Stunden. Gleichzeitig hängen die Abläufe deutlich weniger vom Erfahrungswissen einzelner Disponenten ab. „Mehr Automatisierung ist für uns der einzig gangbare Weg und ein Stück Zukunftssicherheit“, sagt Christian Reichelt, Projektmanager Unternehmensentwicklung bei Finsterwalder. Finsterwalder entschied sich für die schrittweise Automatisierung der Tourenplanung, weil die Nachtdisposition viel Zeit beanspruchte und das Unternehmen das Erfahrungswissen seiner Disponenten dauerhaft sichern wollte.
Tourenplanung schrittweise umgestellt
Gemeinsam mit PTV Logistics stellte das Unternehmen seine Tourenplanung schrittweise auf die Optimierungslösung PTV OptiFlow um. Ziel war es, Touren zu berechnen, die sich im Betriebsalltag zuverlässig umsetzen lassen. Zudem sollten Disponenten von Routinetätigkeiten entlastet werden, ohne dass die Software sie ersetzt. Das im Unternehmen vorhandene Know-how sollte dabei langfristig erhalten bleiben. Vor der Einführung verglich Finsterwalder die automatisch erzeugten Tourenvorschläge mit der bisherigen manuellen Planung. Erst nachdem die Ergebnisse überzeugten, erhöhte das Unternehmen den Automatisierungsgrad Schritt für Schritt.

„Wir können die Dispositionszeit von mehreren Stunden auf wenige Minuten reduzieren“ Jan Rzehak,Chief Operating Officer (COO), PTV Logistics
Datenqualität entscheidet über Erfolg
Heute unterstützt PTV OptiFlow die Nachtdisposition im Regelbetrieb. Zudem hängen die Abläufe deutlich weniger vom Wissen einzelner Mitarbeiter ab. Kundenvorgaben und betriebliche Besonderheiten lassen sich dauerhaft im System hinterlegen und stehen damit auch Vertretungen zur Verfügung. Für Reichelt ist dabei vor allem eines entscheidend: „Daten sind die Grundlage für alles.“ Nur wenn Adressen, Zeitfenster, Fahrzeugdaten und weitere Informationen zuverlässig gepflegt werden, könne eine automatisierte Tourenplanung ihr Potenzial entfalten. Auch Rzehak sieht darin eine wesentliche Voraussetzung.
Digitalisierung braucht hochwertige Daten
Zwar habe die Logistikbranche bei der Digitalisierung in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht. Das Tempo reiche jedoch vielerorts noch nicht aus. Nach Einschätzung Rzehaks liegt das häufig an der Datenbasis. „Um digitalisieren zu können, brauche ich sehr gute Daten“, sagt er. Viele Unternehmen verfügten bereits über große Datenmengen. Häufig fehle jedoch die notwendige Qualität, um Prozesse konsequent zu automatisieren. Genau hier setze PTV Logistics an und kombiniere seine Tourenplanung mit Geodaten- und Routingdiensten, um die Datenqualität zu verbessern.
Rolle der Disponenten verändert sich
Die Einführung automatisierter Tourenplanung bedeutet jedoch nicht, dass Disponenten künftig überflüssig werden. Rzehak erwartet allerdings, dass sich die Rolle der Disponenten verändert. Routineaufgaben lassen sich zunehmend automatisieren, während Menschen vor allem dann gefragt bleiben, wenn unvorhergesehene Ereignisse auftreten oder Entscheidungen erforderlich sind. Dazu gehören kurzfristige Kundenwünsche oder operative Entscheidungen, die sich nicht vollständig automatisieren lassen. Mit PTV Mira hat PTV Logistics eine KI-gestützte Benutzerschnittstelle entwickelt. Sie erleichtert Disponenten den Zugang zur Tourenplanungssoftware und hilft dabei, ihr Erfahrungswissen für die automatisierte Planung nutzbar zu machen.
KI sichert Erfahrungswissen
Die eigentliche Tourenplanung übernimmt weiterhin der zugrunde liegende Optimierungsalgorithmus. PTV Mira dient damit als Schnittstelle zwischen dem Wissen der Disponenten und der Optimierungssoftware. „Ich kann der PTV Mira als AI-Agent tatsächlich sagen, was heute in den Köpfen der Disponenten steckt“, erläutert Rzehak. So lassen sich beispielsweise Zeitfenster einzelner Kunden, Besonderheiten an Rampen oder betriebliche Vorgaben dauerhaft hinterlegen. Das Wissen bleibt damit im Unternehmen erhalten und muss nicht jedes Mal neu vermittelt werden. Im Tagesgeschäft reagiert die Software auf kurzfristige Änderungen.
Automatisierung unterstützt Tagesgeschäft
Fällt ein Fahrer aus oder steht ein Lkw wegen eines Defekts nicht zur Verfügung, kann die Tourenplanung automatisch angepasst werden. Nach Angaben Rzehaks eignet sich die Lösung darüber hinaus auch für strategische Planungsaufgaben. Besonders groß ist das Potenzial laut Rzehak dort, wo viele Fahrzeuge und Sendungen disponiert werden müssen. Je komplexer die Planung wird, desto größer ist nach seiner Einschätzung der Nutzen einer automatisierten Disposition. Als Beispiele nennt er Stückgutnetze mit vielen Stopps und große Fahrzeugflotten. Hinzu kommt die zunehmende Elektrifizierung des Straßengüterverkehrs.
Tourenplanung für E-Lkw
E-Lkw stellen Disponenten vor zusätzliche Aufgaben, weil Ladezustände, Reichweiten und Ladevorgänge in die Planung einbezogen werden müssen. Auch hierfür entwickelt PTV Logistics laut Rzehak spezielle Planungsfunktionen. Die Software arbeitet dabei überwiegend im Hintergrund. Über Schnittstellen wird sie an bestehende Transportmanagementsysteme angebunden. Aufträge werden aus dem Kundensystem übernommen, optimiert und anschließend wieder zurückgespielt. Ändern sich während des Tages die Rahmenbedingungen, kann die Planung erneut berechnet und bis in das Navigationssystem des Fahrzeugs übertragen werden.
Mensch bleibt verantwortlich
Rzehak macht jedoch deutlich, dass die Technik den Menschen nicht ersetzen soll. Die Software könne zwar Routineaufgaben übernehmen und die Dispositionszeit deutlich verkürzen. Verantwortung für außergewöhnliche Situationen und operative Entscheidungen bleibe aber weiterhin bei den Disponenten. Um die neue Lösung abzusichern, führte Finsterwalder sie zunächst parallel zur bisherigen Tourenplanung ein. Während die Disponenten weiter wie gewohnt planten, berechnete PTV OptiFlow dieselben Touren parallel. Erst nachdem die Ergebnisse überzeugten, erhöhte das Unternehmen den Automatisierungsgrad schrittweise.
Automatische Disposition im Praxistest
Nach Unternehmensangaben musste dabei kein einziges Mal auf die bisherige Planung zurückgegriffen werden. Dadurch gewann das Unternehmen nach und nach Vertrauen in die automatisch erzeugten Tourenvorschläge. Entscheidend ist für Reichelt jedoch nicht allein eine schnellere Planung. Die Touren sollen sich im Betriebsalltag zuverlässig umsetzen lassen. Perspektivisch hält er deshalb eine nahezu vollautomatische Disposition für realistisch, bei der Disponenten nur noch gezielt eingreifen müssen.





