Deutschlands Transport- und Logistikbranche gerät immer stärker unter Druck. Während die Zahl der Unternehmensinsolvenzen insgesamt steigt, trifft es Speditionen und Logistikdienstleister überdurchschnittlich häufig. Eine neue Studie von Allianz Trade zeigt: Auch 2027 ist keine Entspannung in Sicht.
Insolvenzwelle trifft Transport und Logistik besonders hart
Die wirtschaftliche Lage bleibt für viele Unternehmen in Deutschland angespannt. Besonders deutlich zeigt sich das im Transport- und Logistiksektor. Nach dem aktuellen Global Insolvencies Outlook des Kreditversicherers Allianz Trade stieg die Zahl der Insolvenzen im Bereich Transport und Lagerung im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um acht Prozent. Über alle Branchen hinweg lag das Plus im gleichen Zeitraum bei fünf Prozent. Und die Aussichten bleiben düster: Für die gesamte deutsche Wirtschaft erwartet Allianz Trade 2026 einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um acht Prozent auf rund 25.900 Fälle. Das wäre der höchste Stand seit 2013. Die Prognose wurde gegenüber dem Frühjahr deutlich nach oben korrigiert. Damals hatte der Kreditversicherer lediglich mit einem Zuwachs von zwei Prozent gerechnet.
Transport und Logistik besonders unter Druck
Die Entwicklung ist für die Transportbranche besonders brisant. Denn Speditionen und Frachtführer müssen nicht nur mit einer schwachen Nachfrage und hohem Wettbewerbsdruck zurechtkommen. Auch Energie, Personal, Fahrzeuge und Finanzierung belasten die Kostenrechnung. Allianz Trade nennt Transport und Lagerung ausdrücklich als einen der besonders betroffenen deutschen Wirtschaftszweige – neben dem Baugewerbe, dem Gastgewerbe sowie der Automobil- und Maschinenbauindustrie. Wie stark die Belastung ausfällt, zeigt auch der internationale Vergleich. In der ersten Jahreshälfte 2026 nahmen die Insolvenzen im Bereich Transport und Lagerung in Frankreich um sechs Prozent zu, in Italien um acht Prozent. In den Niederlanden betrug der Anstieg sogar 23 Prozent. Dagegen verzeichneten Dänemark mit minus 29 Prozent und Österreich mit minus drei Prozent Rückgänge. Damit wird deutlich: Die Krise trifft die europäischen Transportmärkte keineswegs gleichmäßig. Während einige Länder bereits eine Entspannung erleben, verschärft sich die Situation andernorts weiter.
Hohe Energiekosten drücken auf die Margen
Ein wesentlicher Belastungsfaktor sind die Energiekosten. Nach Berechnungen von Allianz Research sind diese seit Januar 2026 um rund 60 Prozent gestiegen. Besonders empfindlich reagiert darauf der Verkehrssektor. Für den europäischen Straßentransport beziffert die Studie den möglichen Druck auf die Nettomargen durch den Energiepreisschock auf bis zu zehn Prozentpunkte. In den USA liegt der entsprechende Wert bei bis zu 15 Prozentpunkten. Dabei handelt es sich um modellierte Belastungen, nicht um einen bereits flächendeckend eingetretenen Gewinneinbruch. Unternehmen können versuchen, die Auswirkungen durch höhere Preise, Kostensenkungen und effizientere Abläufe abzufedern. Genau darin liegt allerdings ein Problem für viele Frachtführer: Zusätzliche Kosten lassen sich nicht beliebig an Verlader weitergeben. Wo die Transportnachfrage schwach und der Wettbewerb intensiv ist, schrumpft der finanzielle Spielraum. Hinzu kommen höhere Finanzierungskosten. Wer Fahrzeuge ersetzen, in alternative Antriebe investieren oder kurzfristige Liquiditätsengpässe überbrücken muss, bleibt auf bezahlbare Kredite angewiesen. Gerade für kleinere Unternehmen kann das zur Belastungsprobe werden.
Auch große Logistikunternehmen sind nicht sicher
Die Insolvenzrisiken beschränken sich keineswegs auf kleine Betriebe. Weltweit registrierte Allianz Trade in den ersten neun Monaten 2026 insgesamt 376 Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Das entspricht rechnerisch mehr als einem größeren Unternehmenszusammenbruch pro Tag. Auf den Transportsektor entfielen davon 18 Fälle, zwölf allein in Westeuropa. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 hatte Allianz Trade weltweit elf größere Insolvenzen in dieser Branche erfasst. Besonders problematisch sind solche Ausfälle wegen ihrer möglichen Folgen für Geschäftspartner. Gerät ein großer Logistikdienstleister oder Verlader in Schwierigkeiten, können offene Forderungen, wegfallende Aufträge und gestörte Lieferketten auch wirtschaftlich gesunde Unternehmen belasten. Gerade im Straßengüterverkehr, in dem zahlreiche kleinere Frachtführer als Subunternehmer tätig sind, können solche Abhängigkeiten erhebliche Folgen haben.
Deutschland entwickelt sich schlechter als der globale Durchschnitt
Der deutsche Insolvenzanstieg fällt 2026 stärker aus als die weltweite Entwicklung. Während Allianz Trade hierzulande mit einem Plus von acht Prozent rechnet, soll der globale Insolvenzindex um fünf Prozent steigen. Allerdings gibt es international erhebliche Unterschiede. Für die USA prognostizieren die Analysten einen Zuwachs um zwölf Prozent, für die Schweiz sogar um 32 Prozent. In Frankreich wird ein Plus von drei Prozent erwartet. Andere Länder entwickeln sich günstiger. Für die Niederlande rechnet Allianz Trade insgesamt mit fünf Prozent weniger Unternehmensinsolvenzen, für Großbritannien mit einem Rückgang um vier Prozent. Die unterschiedliche Entwicklung ist auch für deutsche Logistikunternehmen relevant. Denn die Risiken enden nicht an der Grenze. Wenn ausländische Kunden, Lieferanten oder Transportpartner zahlungsunfähig werden, kann sich das unmittelbar auf internationale Lieferketten auswirken.
2027 bleibt die Lage angespannt
Eine schnelle Trendwende erwartet Allianz Trade nicht. Für Deutschland prognostiziert der Kreditversicherer auch 2027 rund 25.900 Unternehmensinsolvenzen. Die Fallzahlen sollen damit auf dem hohen Niveau von 2026 verharren. Erst 2028 rechnen die Analysten mit einem Rückgang um fünf Prozent auf etwa 24.600 Fälle. Selbst dann wäre die Zahl der Insolvenzen noch deutlich höher als vor der Corona-Pandemie. Weltweit sieht die Prognose ähnlich aus: Nach einem Plus von fünf Prozent im Jahr 2026 soll der globale Insolvenzindex 2027 um ein weiteres Prozent steigen. Erst 2028 wird ein leichter Rückgang um ein Prozent erwartet. Die Folgen reichen über die betroffenen Unternehmen hinaus. Allianz Trade schätzt, dass weltweit in jedem der Jahre 2026 und 2027 rund 2,7 Millionen Arbeitsplätze unmittelbar durch Insolvenzen und Restrukturierungen gefährdet sind. Auf Deutschland entfallen demnach etwa 239.000 Stellen. Das sind branchenübergreifende Schätzungen, keine Prognose allein für die Logistik.
Für Speditionen zählt jetzt die finanzielle Stabilität
Für Transport- und Logistikunternehmen ist die Botschaft der Studie eindeutig: Der Kostendruck dürfte hoch bleiben, während sich das wirtschaftliche Umfeld nur langsam verbessert. Entscheidend wird deshalb nicht allein sein, genügend Aufträge zu gewinnen. Ebenso wichtig sind auskömmliche Frachtraten, verlässliche Zahlungsbedingungen und ein genauer Blick auf die wirtschaftliche Stabilität von Auftraggebern und Partnerunternehmen. Denn die Insolvenz eines Kunden kann für einen Frachtführer schnell zum eigenen Liquiditätsproblem werden. Und die neue Prognose deutet darauf hin, dass dieses Risiko auch im kommenden Jahr nicht wesentlich kleiner wird.
In Kürze: die Key Facts
- Deutschland: Allianz Trade erwartet für 2026 rund 25.900 Unternehmensinsolvenzen, acht Prozent mehr als 2025.
- Höchster Stand seit 2013: Die prognostizierte Zahl deutscher Unternehmensinsolvenzen erreicht ein 13-Jahres-Hoch.
- Transport und Lagerung: Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Insolvenzen in Deutschland um acht Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
- Gesamtwirtschaft: Über alle deutschen Branchen hinweg lag der Anstieg im ersten Halbjahr bei fünf Prozent.
- Europäischer Vergleich: Transport und Lagerung verzeichneten im ersten Halbjahr in Frankreich sechs Prozent, in Italien acht Prozent und in den Niederlanden 23 Prozent mehr Insolvenzen.
- Großinsolvenzen: Weltweit wurden in den ersten drei Quartalen 2026 insgesamt 18 größere Insolvenzen im Transportsektor registriert, davon zwölf in Westeuropa.
- Definition Großinsolvenz: Allianz Trade erfasst hierfür Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz.
- Energiekosten: Der Anstieg seit Januar 2026 belastet laut Allianz Research insbesondere den Transportsektor.
- Straßengüterverkehr: Allianz Research modelliert für Europa durch den Energiepreisschock einen möglichen Nettomargendruck von bis zu zehn Prozentpunkten.
- Weltweite Entwicklung: Der globale Insolvenzindex soll 2026 um fünf Prozent und 2027 um ein weiteres Prozent steigen.
- Ausblick Deutschland 2027: Allianz Trade rechnet weiterhin mit rund 25.900 Unternehmensinsolvenzen.
- Ausblick Deutschland 2028: Erst dann prognostiziert Allianz Trade einen Rückgang um fünf Prozent auf rund 24.600 Fälle.
- Arbeitsplätze: Weltweit gelten laut Studie in jedem der Jahre 2026 und 2027 rund 2,7 Millionen Arbeitsplätze als unmittelbar gefährdet, darunter etwa 239.000 in Deutschland.








