Alle befragten Führungskräfte der Transport- und Logistikbranche rechnen mit zunehmenden Cyberangriffen auf digitale Lieferketten. Trotzdem verliert IT-Sicherheit auf ihrer Prioritätenliste an Boden. Eine neue Horváth-Studie zeigt, warum Kostendruck, KI und veraltete Systeme die Unternehmen gleichzeitig unter Zugzwang setzen.
Cyberangriffe bedrohen den laufenden Logistikbetrieb
Ein Cyberangriff auf ein Logistikunternehmen kann weit mehr lahmlegen als Computer und E-Mail-Postfächer. Fallen zentrale Systeme für Disposition, Transportsteuerung oder Kundenkommunikation aus, steht unter Umständen der operative Betrieb still. Die Folgen reichen von verzögerten Lieferungen bis zu erheblichen wirtschaftlichen Schäden. Dass dieses Risiko wächst, darüber sind sich die Führungskräfte der Transport-, Reise- und Logistikbranche in einer aktuellen Studie der Managementberatung Horváth einig. Sämtliche 46 Befragten erwarten, dass Cyberangriffe auf Transport- und Logistiknetzwerke zunehmen werden, weil digitale Lieferketten verstärkt ins Visier geopolitisch motivierter Angriffe geraten. Dabei stimmen 52 Prozent dieser Einschätzung zu, weitere 48 Prozent sogar voll und ganz. Umso bemerkenswerter ist eine andere Erkenntnis der Untersuchung: Obwohl die Unternehmen mit einer zunehmenden Bedrohung rechnen, ist Cybersicherheit auf ihrer strategischen Prioritätenliste gegenüber dem Vorjahr um zwei Plätze zurückgefallen. Sie steht aktuell nur noch auf Rang vier.
Logistik erwartet mehr Cyberangriffe – doch andere Probleme drängen
Die zunehmende Digitalisierung macht Transportnetzwerke leistungsfähiger, schafft aber auch zusätzliche Abhängigkeiten. Disposition, Sendungsverfolgung, Transportmanagement und die Kommunikation zwischen Verladern, Speditionen und Frachtführern sind immer stärker miteinander verknüpft. Störungen in zentralen IT-Systemen können sich deshalb auf zahlreiche Beteiligte einer Lieferkette auswirken. „Wenn zentrale Systeme ausfallen, steht nicht irgendein IT-System still, sondern der operative Betrieb des Produktionssystems“, warnt Horváth-Partner Christian Schnöbel. Cybersicherheit dürfe deshalb nicht nur als Schutzmaßnahme verstanden werden. Vielmehr gehe es um die Widerstandsfähigkeit des gesamten Unternehmens. Diese entscheide letztlich auch über Lieferfähigkeit und Umsatzsicherung. Dass Cybersecurity trotz dieser Risiken in der Prioritätenliste zurückfällt, erklärt die Studie mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck. Andere Herausforderungen beanspruchen derzeit noch mehr Aufmerksamkeit des Managements.
Umsatzwachstum, aber weiter niedrige Margen
Die befragten Unternehmen rechnen für 2026 je nach Marktsegment mit einem Umsatzwachstum von bis zu 7,4 Prozent. Gleichzeitig soll die Beschäftigung insgesamt um 0,6 Prozent zurückgehen, insbesondere in indirekten Funktionen. Auch bei der Profitabilität wird eine Verbesserung erwartet. Die durchschnittliche EBIT-Marge soll von 5,6 auf 6,2 Prozent steigen. Das bleibt allerdings deutlich unter dem in der Studie genannten Durchschnitt der Dienstleistungsbranche von 13,3 Prozent. Entsprechend steht die Verbesserung der Kosten- und Ergebnisstruktur weiterhin ganz oben auf der Managementagenda. 94 Prozent der Befragten erwarten einen anhaltend hohen Margendruck. Auf Rang zwei folgen KI und digitale Transformation. Die Reorganisation von Strukturen und Prozessen ist auf Platz drei vorgerückt. „Die Branche erwartet zwar Wachstum, verdient damit aber noch lange nicht automatisch mehr Geld“, erklärt Schnöbel. Entscheidend sei, wie Unternehmen ihre Preise durchsetzen, Skaleneffekte nutzen und aus zusätzlichem Umsatz tatsächlich höhere Erträge erzielen.
KI soll Kosten senken – doch die Systeme bremsen
Die Unternehmen setzen große Hoffnungen auf Künstliche Intelligenz (KI). 84 Prozent der befragten Führungskräfte erwarten, dass KI und andere Technologien zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden können. Allerdings sehen 80 Prozent die Branche bei der praktischen Einführung von KI noch nicht weit genug. Besonders in Planung, Disposition und Kundenservice könnten entsprechende Anwendungen nach Einschätzung der Befragten stärker eingesetzt werden. Am weitesten fortgeschritten ist die Nutzung laut Studie in der Kundenkommunikation und im Service. Bei operativen und administrativen Abläufen verfolgt rund die Hälfte der Unternehmen zumindest einen strukturierten Ansatz zur Einführung wertschöpfender KI-Anwendungen. Anders sieht es bei der Unternehmenssteuerung aus: Im Performance-Management und bei Managemententscheidungen befinden sich fast 90 Prozent der Unternehmen noch in einer frühen Entwicklungsphase. Zu den größten Hindernissen zählen unzureichende Datenstrukturen, fragmentierte IT-Systeme, fehlende durchgängige Integration, Sicherheitsfragen und mangelnde Kompetenzen. Gerade in der Logistik treffen neue KI-Anwendungen häufig auf über Jahre gewachsene IT-Landschaften. Solange Daten nicht zuverlässig zwischen den Systemen ausgetauscht werden können, bleibt ein Teil des erhofften Effizienzgewinns aus.
Mehr Fracht allein reicht nicht mehr
Neben den technologischen Herausforderungen verändert sich nach Einschätzung der Befragten auch das Geschäftsmodell vieler Transport- und Logistikunternehmen. 84 Prozent halten traditionelle Wachstumsstrategien, die vor allem auf zusätzliche Mengen setzen, für weitgehend ausgereizt. Stattdessen sollen bessere Erlössteuerung, zusätzliche Dienstleistungen und eine höhere Qualität der Umsätze für profitables Wachstum sorgen. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Zuverlässigkeit. 90 Prozent der Führungskräfte beobachten, dass Kunden in der Logistik zunehmend größeren Wert auf Pünktlichkeit und verlässliche Leistungen legen als auf maximale Geschwindigkeit. Für Speditionen und Logistikdienstleister bedeutet das: Nicht allein die Zahl der abgewickelten Sendungen entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg. Wichtiger wird, welche Leistungen Kunden tatsächlich benötigen, wie zuverlässig sie erbracht werden und welche Preise sich dafür erzielen lassen. Damit hängen wirtschaftliche Stabilität und IT-Sicherheit unmittelbar zusammen. Denn wer verlässliche Lieferungen verkaufen will, muss auch seine digitalen Prozesse gegen Ausfälle absichern.
Bürokratie verschärft den Wettbewerbsdruck
Zusätzliche Belastungen erwarten die Führungskräfte durch Regulierung und politische Unsicherheit. 95 Prozent sehen zunehmende Bürokratie und eine sinkende Verlässlichkeit politischer Zusagen als Risiko für Leistungsfähigkeit und Profitabilität. 68 Prozent der Befragten sehen zudem internationale Wettbewerbsnachteile für Unternehmen der DACH-Region, weil regulatorische Anforderungen aus ihrer Sicht zu viele Managementressourcen binden. Die Kritik richtet sich dabei nicht ausschließlich auf den Straßengüterverkehr. Die Untersuchung umfasst auch andere Transportsegmente, darunter Schienenverkehr, Luftfahrt und öffentliche Verkehrsangebote. Hinzu kommen veränderte internationale Handelsströme, die Verlagerung industrieller Wertschöpfung und steigende Energiekosten. Für 2027 rechnen die Befragten deshalb mit einer schwächeren Wachstumsdynamik als im laufenden Jahr.
Die größte Herausforderung ist das Zusammenspiel
Die Horváth-Studie zeichnet das Bild einer Branche, die an mehreren Fronten gleichzeitig investieren und sparen muss. Einerseits sollen KI und digitale Technologien Prozesse effizienter machen. Andererseits müssen Unternehmen ihre bestehenden Systeme modernisieren und gegen Cyberangriffe absichern. Gleichzeitig bleibt der Spielraum für zusätzliche Ausgaben wegen der niedrigen Margen begrenzt. Die Ergebnisse zeigen damit einen grundlegenden Zielkonflikt: Gerade jene digitalen Netzwerke, von denen sich Transport- und Logistikunternehmen höhere Produktivität und bessere Erträge versprechen, werden zugleich zu einem immer wichtigeren Angriffsziel. Ob die Unternehmen ihre wirtschaftlichen Ziele erreichen, dürfte deshalb nicht nur davon abhängen, wie schnell sie neue Technologien einführen. Entscheidend wird auch sein, wie zuverlässig und widerstandsfähig ihre digitalen Lieferketten tatsächlich funktionieren.
Die Horváth-Studie „Transportation, Travel & Logistics 2026“
Zur Studie: Für „Transportation, Travel & Logistics 2026“ führte Horváth persönliche Tiefeninterviews mit 46 Vorstandsmitgliedern und Geschäftsführern der Branche. Die Untersuchung ist Teil der internationalen Studie „CxO Priorities 2026“, für die insgesamt mehr als 1.000 Unternehmensverantwortliche befragt wurden.
In Kürze: die Key Facts
- Studie: „Transportation, Travel & Logistics 2026“ der Managementberatung Horváth
- Veröffentlichung: 26. Oktober 2026
- Stichprobe: 46 befragte Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer der Transport-, Reise- und Logistikbranche
- Cyberrisiko: 100 Prozent der Befragten erwarten eine Zunahme von Cyberangriffen auf Transport- und Logistiknetzwerke.
- Strategische Priorität: Cybersecurity liegt nur noch auf Rang vier, zwei Plätze niedriger als im Vorjahr.
- Umsatzentwicklung 2026: Erwartetes Wachstum von bis zu 7,4 Prozent, abhängig vom Marktsegment
- Beschäftigung: Erwarteter Rückgang um 0,6 Prozent, vor allem in indirekten Funktionen
- EBIT-Marge: Erwarteter Anstieg von 5,6 auf 6,2 Prozent; Vergleichswert der Dienstleistungsbranche laut Studie: 13,3 Prozent
- Margendruck: 94 Prozent erwarten anhaltend hohen wirtschaftlichen Druck.
- KI und Digitalisierung: Rang zwei der strategischen Managementprioritäten
- KI-Nachholbedarf: 80 Prozent halten das Tempo und den Umfang der KI-Einführung für unzureichend.
- Wachstumsstrategie: 84 Prozent halten rein volumengetriebene Wachstumsmodelle für weitgehend ausgereizt.
- Kundenanforderungen: 90 Prozent beobachten, dass Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gegenüber maximaler Geschwindigkeit an Bedeutung gewinnen.
- Regulierung: 95 Prozent sehen zunehmende Bürokratie und politische Unsicherheit als Belastung.








