Mehr Lkw auf der Straße, eine hohe Auslastung – und trotzdem kein Transportboom: Der aktuelle Marktreport der Ladungskooperation ELVIS zeichnet ein widersprüchliches Bild des deutschen Transportmarkts. Während aus der Industrie weiterhin wichtige Impulse fehlen, wird verfügbarer Frachtraum knapp. Verschärft wird die Lage durch den Fahrermangel sowie hohe und stark schwankende Kosten.
ELVIS warnt vor Fehlschluss aufgrund der Lkw-Auslastung
Wer allein auf die Fahrleistung der Lkw schaut, könnte einen kräftigen Aufschwung im deutschen Transportmarkt vermuten. Im Juni 2026 lagen die mautpflichtig zurückgelegten Kilometer 10,5 Prozent über dem Vormonat und sogar 8,1 Prozent über dem Vorjahresmonat. Gleichzeitig war die Auslastung nach Angaben von ELVIS im gesamten zweiten Quartal hoch. Doch genau hier warnt der Speditionsverbund vor einem Fehlschluss. „Wir dürfen hohe Auslastung nicht mit einem starken Markt verwechseln. Was wir aktuell sehen, ist vor allem ein begrenztes Angebot an verfügbarem Frachtraum“, sagt Nikolja Grabowski, Vorstand der ELVIS AG.
Deutsche Wirtschaft wächst nur leicht
Denn von einem kräftigen konjunkturellen Rückenwind für die Transportbranche kann bislang keine Rede sein. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal lediglich um 0,2 Prozent zu. Im Vergleich zum Vorjahresquartal betrug das Plus 0,9 Prozent. „Ein leichtes Wachstum ist da, aber es kommt noch nicht in der Breite der Wirtschaft an. Gerade bei den für den Transport wichtigen Industrien fehlen weiterhin die Impulse“, erklärt Grabowski. Das zeigt sich insbesondere im produzierenden Gewerbe. Die Produktion chemischer Erzeugnisse sank im Juni gegenüber Mai um 1,8 Prozent. Im Maschinenbau betrug das Minus sogar 3,9 Prozent. Gegenüber Juni 2025 lag der Maschinenbau 5,1 Prozent zurück. Lediglich die Produktion von Kraftwagen und Kraftwagenteilen legte gegenüber dem Vormonat um 3,6 Prozent zu, blieb aber 1,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Bei der Bewertung müsse allerdings berücksichtigt werden, dass zum Ende des Betrachtungszeitraums bereits die Ferienzeit begonnen habe, schränkt ELVIS ein.
Weniger Teilladungen, trotzdem wenig Frachtraum
Dass die hohe Auslastung nicht allein auf eine boomende Transportnachfrage zurückzuführen ist, zeigen weitere Kennzahlen des Marktreports. Der ELVIS-Teilladungsindex sank im Juli gegenüber Juni um 6,9 Prozent und lag 1,6 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Der Index bildet unter anderem die Umschlagsleistung im ELVIS-Hub sowie Querverkehre und Beschaffungslogistik innerhalb des Netzwerks ab. Auch das auf Daten der Frachtenbörse von Timocom basierende Transportbarometer gab im Juli gegenüber dem Vormonat um 4,5 Prozent nach. Gegenüber Juli 2025 lag es allerdings noch 1,2 Prozent höher. Das Barometer bildet das Verhältnis von Fracht und Laderaum auf innerdeutschen Spotmarkt-Relationen ab. Für ELVIS ergibt sich daraus ein klares Bild: Nicht eine überbordende Nachfrage, sondern das begrenzte Angebot an Laderaum sorgt derzeit für die hohe Auslastung.
Fahrermangel begrenzt verfügbare Lkw-Kapazität
Ein Grund dafür sitzt – oder besser gesagt: sitzt eben nicht – hinter dem Steuer. Der Fahrermangel macht sich nach Einschätzung des Speditionsverbunds in der Ferienzeit besonders bemerkbar. Zwar geht die Transportnachfrage während der Sommerferien saisonbedingt teilweise zurück. Gleichzeitig fehlen in den Unternehmen jedoch Fahrer wegen Urlaubs. Damit können vorhandene Fahrzeuge nicht zwangsläufig eingesetzt werden. „Die Ferienzeit zeigt sehr deutlich, wie wenig personelle Puffer viele Betriebe inzwischen haben. Wenn ein Teil der Stammfahrer im Urlaub ist, wird es schnell schwierig, die vorhandenen Fahrzeuge überhaupt auf die Straße zu bringen“, sagt Grabowski. Der Marktreport kommt deshalb zu dem Schluss, dass der Mangel an Fahrpersonal wieder erkennbar an Bedeutung gewinnt. ELVIS sieht Fahrergewinnung und -bindung als entscheidenden Faktor für das bevorstehende Herbstgeschäft.
Stimmung im Straßengüterverkehr bleibt schlecht
Wie angespannt die Situation ist, zeigen auch die vom ifo Institut erhobenen Konjunkturerwartungen für die Güterbeförderung im Straßenverkehr. Während sich die aktuelle Geschäftslage im Juli gegenüber dem Vormonat um 1,2 Prozent verbesserte und sogar 15,6 Prozent über dem Vorjahreswert lag, entwickelten sich die Erwartungen in die entgegengesetzte Richtung: Die Geschäftserwartungen gingen gegenüber Juni um 2,6 Prozent zurück und lagen 22 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats. Auch die Umsatzerwartungen verschlechterten sich gegenüber dem Vormonat um 3,0 Prozent. Im Vorjahresvergleich lagen sie allerdings noch 7,3 Prozent höher. Die Unternehmen schauen damit deutlich skeptischer auf die kommenden Monate, als es die aktuell hohe Auslastung zunächst vermuten lässt.
Diesel bleibt ein unkalkulierbarer Kostenfaktor
Hinzu kommt die Kostenseite. Besonders der Dieselpreis bleibt nach Einschätzung von ELVIS schwer kalkulierbar. Im Juni lag der Preisindex für Dieselkraftstoff für Großverbraucher zwar 11,8 Prozent unter dem Mai-Wert. Gegenüber Juni 2025 stand jedoch noch ein Plus von 11,2 Prozent zu Buche. ELVIS weist zudem darauf hin, dass der Dieselpreis in der tagesaktuellen Betrachtung bereits wieder neue Höchststände erreicht habe. Gerade im Spotmarkt könne die hohe Volatilität die Wirtschaftlichkeit einzelner Transporte erheblich beeinflussen. „Für Speditionen ist nicht nur das Preisniveau eine Herausforderung, sondern vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich die Kosten verändern. Das macht eine verlässliche Kalkulation zunehmend schwierig“, erklärt Grabowski.
Preise für Fahrzeuge steigen
Auch an anderer Stelle steigen die Kosten. Die Preise für Lkw lagen im zweiten Quartal 3,7 Prozent über dem Vorjahresquartal, Trailer verteuerten sich um 1,0 Prozent und Sattelzugmaschinen um 0,5 Prozent. Bei den Personalkosten weist der Marktreport für das erste Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal eine weitgehend stabile Entwicklung von minus 0,5 Prozent aus. Gegenüber dem Vorjahresquartal lagen sie jedoch 3,7 Prozent höher. Ein vollzeitbeschäftigter Berufskraftfahrer verdiente 2025 ohne Sonderzahlungen im Bundesdurchschnitt monatlich 3.400 Euro brutto – 4,1 Prozent mehr als 2024.
ELVIS warnt vor Engpässen im Herbstgeschäft
Für Speditionen ergibt sich daraus eine schwierige Gemengelage: Die Konjunktur liefert bislang keine kräftigen Wachstumsimpulse, gleichzeitig sind die verfügbaren Transportkapazitäten knapp und wesentliche Kostenpositionen bleiben hoch oder schwer vorhersehbar. Mit Blick auf das Herbstgeschäft empfiehlt ELVIS deshalb, Kapazitäten frühzeitig abzusichern und besonderes Augenmerk auf die Bindung vorhandener Fahrer zu legen. Gerade ein eigener Fuhrpark mit fest eingeplantem Fahrpersonal könne in volatilen Marktphasen an Bedeutung gewinnen. „Wer jetzt seine Fahrer hält, Kapazitäten absichert und gleichzeitig die eigene Wirtschaftlichkeit konsequent im Blick behält, schafft sich den nötigen Spielraum, um auch in einem schwierigen Marktumfeld erfolgreich zu sein“, resümiert Grabowski.
In Kürze: die Key Facts
- Markt: Deutscher Lkw-Transportmarkt
- Quelle: ELVIS Marktreport, Ausgabe August 2026
- BIP Q2 2026: +0,2 Prozent zum Vorquartal, +0,9 Prozent zum Vorjahresquartal
- Lkw-Mautkilometer Juni 2026: +10,5 Prozent zum Vormonat und +8,1 Prozent zum Vorjahresmonat
- ELVIS-Teilladungsindex Juli: -6,9 Prozent zum Vormonat und -1,6 Prozent zum Vorjahr
- Transportbarometer Juli: -4,5 Prozent zum Vormonat, +1,2 Prozent zum Vorjahr
- Geschäftserwartungen Straßengüterverkehr: -2,6 Prozent zum Vormonat und -22 Prozent zum Vorjahr
- Dieselkosten Juni: -11,8 Prozent zum Vormonat, aber +11,2 Prozent zum Vorjahr
- Personalkosten: zuletzt +3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal
- Hauptproblem: Hohe Auslastung entsteht laut ELVIS vor allem durch begrenzten Frachtraum und nicht durch stark steigende Nachfrage
- Fahrermangel: Urlaubsbedingte Ausfälle zeigen fehlende Personalreserven in vielen Unternehmen
- Ausblick: Fahrerbindung und Kapazitätssicherung werden für das Herbstgeschäft wichtiger







