Der russische Angriff auf die Ukraine machte die ursprünglichen Pläne für das ungarische Intermodalterminal East-West Gate zunichte. Doch während der Krieg weiter andauert, entwickelt sich der Standort zu einem neuen Logistikknoten. Nach Maersk hat jetzt auch CMA CGM das Terminal erreicht.
Als Umschlagplatz auf der Neuen Seidenstraße konzipiert
Es sollte ein wichtiger Umschlagplatz auf der Neuen Seidenstraße werden. Doch als das Intermodalterminal East-West Gate im ungarischen Fényeslitke Anfang 2022 seinen Probebetrieb aufnahm, begann Russland seinen groß angelegten Angriff auf die Ukraine. Der geplante Transitkorridor für Gütertransporte zwischen China und Europa über die Ukraine war damit faktisch nicht mehr nutzbar. Der Krieg dauert an. Und er verändert weiterhin die Warenströme in Osteuropa. Während die Ukraine nach alternativen Exportwegen für ihre Agrarprodukte sucht, wächst im benachbarten Ost-Ungarn die Elektroauto- und Batterieindustrie. Beide Entwicklungen eröffnen dem ursprünglich für den eurasischen Transitverkehr konzipierten Terminal neue Geschäftsmöglichkeiten. Jetzt meldet die Betreibergesellschaft EWG Group einen weiteren Schritt bei dieser Neuausrichtung: Am East-West Gate ist erstmals ein Containerzug der französischen Reederei CMA CGM eingetroffen. Bereits Anfang 2026 hatte Maersk dort Containerdepot- und Dry-Port-Dienstleistungen eingeführt. Das Terminal gewinnt damit eine neue Funktion – nicht durch eine Rückkehr zur Normalität, sondern als Reaktion auf die weiterhin vom Krieg geprägten Transportbedingungen.
Warum Maersk und CMA CGM jetzt nach Ost-Ungarn kommen
Die neue Rolle des Terminals hängt mit zwei Entwicklungen zusammen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. In Ost-Ungarn wächst die Elektroauto- und Batterieindustrie. Das sorgt für zusätzliche Importströme, die unter anderem in Containern abgewickelt werden. Gleichzeitig fallen die Exportmengen vergleichsweise gering aus. Für die Containerlogistik entsteht dadurch ein Ungleichgewicht: Während beladene Container in der Region ankommen, fehlen passende Rückfrachten. Die Rückführung leerer Container verursacht zusätzliche Kosten. Auf der anderen Seite der Grenze sucht die Ukraine während des anhaltenden Krieges nach alternativen Transportwegen für ihre Agrarprodukte. Die Kampfhandlungen und ihre Folgen haben etablierte Exportrouten beeinträchtigt. Deshalb gewinnen Möglichkeiten an Bedeutung, Getreide und andere landwirtschaftliche Rohstoffe in Containern statt ausschließlich als konventionelles Massengut zu transportieren. Genau hier sieht die EWG Group eine Geschäftschance: Container, die für Industrieimporte nach Ost-Ungarn gelangen, könnten anschließend für ukrainische Exportgüter genutzt werden. Dadurch ließen sich möglicherweise Leercontainertransporte reduzieren und Transportketten wirtschaftlicher gestalten.
East-West Gate verbindet zwei Spurweiten
Ein entscheidender Standortvorteil ist die Lage an der Grenze zweier Eisenbahnsysteme. In der Ukraine verkehren Güterzüge auf Breitspur, in Ungarn und dem übrigen mitteleuropäischen Bahnnetz auf Normalspur. Das East-West Gate ist darauf ausgelegt, Güter zwischen diesen Systemen umzuschlagen. Die Anlage in Fényeslitke umfasst nach Angaben der Betreibergesellschaft rund 850.000 Quadratmeter. Für die neue Strategie reicht der klassische Containerumschlag allerdings nicht aus. Die EWG Group arbeitet deshalb nach eigenen Angaben an technischen Lösungen, mit denen auch bislang konventionell transportierte Güter in containerisierte Lieferketten eingebunden werden können. Besonders interessant ist das für Agrartransporte aus der Ukraine. Werden solche Güter in Container verladen, lassen sie sich grundsätzlich in die Transportnetze internationaler Reedereien integrieren. Die EWG Group will dabei nicht nur den Umschlag übernehmen, sondern auch Reedereien, Industrieunternehmen, Agrarexporteure und Spediteure miteinander vernetzen. Ziel ist es, Transportströme zusammenzuführen, die bislang weitgehend unabhängig voneinander organisiert wurden.
Vom Seidenstraßen-Terminal zum europäischen Logistikknoten
Mit dem Einstieg von Maersk und der ersten CMA-CGM-Zugankunft gewinnt die Neuausrichtung des Terminals an Bedeutung. Allerdings sind die beiden Entwicklungen unterschiedlich einzuordnen: Während Maersk bereits Depot- und Dry-Port-Dienstleistungen am Standort eingeführt hat, meldet die EWG Group bei CMA CGM zunächst die Ankunft eines ersten Containerzuges. Eine dauerhafte Verbindung oder ein konkretes regelmäßiges Transportangebot nennt die Mitteilung nicht. Die Betreibergesellschaft will ihre Zusammenarbeit mit internationalen Reedereien nun weiter ausbauen. Dabei soll Fényeslitke nicht nur als Intermodalterminal, sondern auch als Bindeglied zwischen maritimen Lieferketten, dem europäischen Schienengüterverkehr und konventionellen Bahntransporten dienen. Zum Unternehmensverbund gehören neben dem Terminal auch EWG Rail als Eisenbahnverkehrsunternehmen und Intermodaloperator sowie eine eigene Zollgesellschaft. EWG Rail verfügt laut Unternehmensangaben über zwölf Lokomotiven und mehr als 300 Güterwagen.
Ukraine-Krieg verändert nicht nur bestehende Lieferketten
Ob die neue Strategie langfristig aufgeht, hängt unter anderem davon ab, ob sich ausreichende und verlässliche Transportmengen bündeln lassen. Die Nähe zur ukrainischen Grenze eröffnet zwar neue Möglichkeiten, bringt angesichts des fortdauernden Krieges aber auch erhebliche Unsicherheiten mit sich. Eine baldige Wiederherstellung der ursprünglichen eurasischen Transitverbindungen ist weiterhin nicht absehbar. Die EWG Group richtet ihr Geschäftsmodell deshalb zunehmend auf Transportströme aus, die bereits unter den heutigen Bedingungen entstehen. Damit steht East-West Gate beispielhaft für eine Entwicklung, die weit über Ungarn hinausreicht: Der anhaltende Ukraine-Krieg verändert nicht nur bestehende Lieferketten. Er zwingt Logistikunternehmen auch dazu, neue Verbindungen, Märkte und Geschäftsmodelle zu erschließen.
In Kürze: die Key Facts
- Terminal: East-West Gate (EWG)
- Standort: Fényeslitke im Nordosten Ungarns, nahe der ukrainischen Grenze
- Aktuelle Entwicklung: Erstmals ist ein Containerzug von CMA CGM am Terminal eingetroffen.
- Maersk: Die Reederei hat Anfang 2026 Containerdepot- und Dry-Port-Dienstleistungen am Standort eingeführt.
- Ursprüngliches Geschäftsmodell: Gütertransporte zwischen China und Europa über die Ukraine im Rahmen der Neuen Seidenstraße
- Wendepunkt: Der russische Angriff auf die Ukraine 2022 unterbrach den vorgesehenen Transitkorridor.
- Neue Strategie: Verknüpfung maritimer Containerlogistik mit europäischen Bahntransporten und ukrainischen Exportströmen
- Wirtschaftlicher Hintergrund: Wachsende Containerimporte für die ostungarische Elektroauto- und Batterieindustrie
- Zusätzliches Potenzial: Containerisierte Exporte ukrainischer Agrarprodukte
- Technische Besonderheit: Umschlag zwischen ukrainischer Breitspur und europäischer Normalspur
- Terminalfläche: Rund 850.000 Quadratmeter laut EWG Group
- EWG Rail: Zwölf Lokomotiven und mehr als 300 Güterwagen nach Unternehmensangaben







