Dekra-Crashtest: Sicherheit an Baustellen

Dekra testet Schutz an Straßenbaustellen
Crashtests und Lkw-Notbremsassistenten

Was passiert, wenn ein Transporter mit 80 km/h in eine Baustellenabsperrung kracht? Dekra-Experten zeigen Unterschiede beim Schutz und testen zudem, wie zuverlässig Lkw-Notbremsassistenten reagieren.

Beschädigter Dekra-Testtransporter nach einem Crashtest mit rund 80 km/h gegen die Absicherung eines Sicherungsfahrzeugs. Die Front des Transporters und die gelbe Absperreinrichtung sind stark deformiert.
Foto: Dekra

Ein Transporter rast mit 80 km/h in die Absicherung einer Straßenbaustelle. Zwei Dekra-Crashtests zeigen, wie unterschiedlich die Folgen ausfallen können. Auch Lkw-Notbremsassistenten und digitale Warnsysteme wurden untersucht – mit aufschlussreichen Ergebnissen.

Unaufmerksamkeit führt zu Unfällen

Ein kurzer Blick aufs Navi, eine Sekunde Unaufmerksamkeit – und plötzlich steht eine Baustellenabsperrung vor dem Fahrzeug. Gerade auf Autobahnen können solche Situationen für Fahrer und Straßenarbeiter lebensgefährlich werden. Wie sich die Risiken verringern lassen, hat Dekra für den Verkehrssicherheitsreport 2026 untersucht. Dabei ging es nicht nur um klassische Schutzmaßnahmen wie Anpralldämpfer. Die Sachverständigen testeten auch, wie zuverlässig schwere Lkw auf mobile Absperrtafeln reagieren und ob vernetzte Warnsysteme Autofahrer rechtzeitig vor einer Baustelle alarmieren können. Die Ergebnisse zeigen: Moderne Technik kann Unfälle verhindern oder ihre Folgen deutlich abmildern. Allerdings gibt es Grenzen – besonders dann, wenn schwere Nutzfahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit auf ein Hindernis treffen.

Transporter mit 80 km/h: Zwei Crashtests, zwei Ergebnisse

Für die Untersuchung ließ Dekra einen rund drei Tonnen schweren Transporter mit etwa 80 km/h auf das Heck eines knapp 18 Tonnen schweren Sicherungsfahrzeugs prallen. In beiden Versuchen waren die Ausgangsbedingungen vergleichbar. Der entscheidende Unterschied lag in der Absicherung. Beim ersten Crash war das Sicherungsfahrzeug mit einem fahrzeugmontierten, energieabsorbierenden Anpralldämpfer ausgestattet. Dieser nahm einen erheblichen Teil der Aufprallenergie auf und baute sie kontrolliert ab. Die Fahrgastzelle des Transporters blieb weitgehend intakt. Die maximale Beschleunigung am Kopf des Testdummys lag bei rund 17 g, also dem 17-Fachen der Erdbeschleunigung. Auch das Sicherungsfahrzeug wurde nur geringfügig nach vorne geschoben. Für Straßenarbeiter, die sich vor dem Fahrzeug aufhalten, ist das ein wichtiger Sicherheitsfaktor. Ganz anders sah es beim zweiten Versuch aus.

Absperranhänger wird unter Sicherungsfahrzeug geschoben

Hier traf der Transporter auf eine Absperrtafel, die auf einem Anhänger hinter dem Sicherungsfahrzeug montiert war. Beim Aufprall knickte die Deichsel ein. Der Anhänger wurde unter das Sicherungsfahrzeug geschoben, ohne einen vergleichbar großen Teil der Aufprallenergie abzubauen. Die Folge: Die maximale Kopfbeschleunigung des Dummys stieg auf etwa 25 g. Gleichzeitig wurde das Sicherungsfahrzeug deutlich weiter nach vorne bewegt. In einer realen Baustelle könnte das für die Beschäftigten vor dem Sicherungsfahrzeug schwerwiegende Folgen haben. Der Vergleich zeigt, wie stark sich unterschiedliche Sicherungssysteme auf den Unfallverlauf auswirken können. Eine allgemeingültige Aussage über sämtliche Anhängersysteme lässt sich aus den beiden Versuchen allerdings nicht ableiten. Dekra-Unfallforscher Markus Egelhaaf weist zudem darauf hin, dass auch leistungsfähige Anpralldämpfer physikalische Grenzen haben. Prallt ein schwerer Lkw mit hoher Geschwindigkeit auf eine Absicherung, können die Folgen trotz Dämpfungselementen gravierend sein. Deshalb reicht es nicht aus, die Folgen einer Kollision abzumildern. Im Idealfall muss der Unfall bereits vorher verhindert werden.

Lkw-Notbremsassistenten im Baustellentest

Wie gut das funktionieren kann, untersuchte Dekra in weiteren Fahrversuchen mit einem schweren Nutzfahrzeug. Eine Sattelzugmaschine ohne Auflieger näherte sich dabei einer abgesicherten Arbeitsstelle. Diese bestand aus Warnbaken, einer mobilen Absperrtafel und einem Zugfahrzeug. Getestet wurde unter anderem bei 60 km/h auf landstraßenähnlichen Abschnitten sowie bei 85 km/h in einem autobahnähnlichen Bereich. Auf gerader Strecke bei 60 km/h erkannte das getestete Notbremsassistenzsystem die Gefahr in allen Versuchen zuverlässig. Es warnte den Fahrer optisch und akustisch und leitete automatische Bremsmanöver ein. Auch bei 85 km/h zeigte das System in bestimmten Konstellationen ein konsistentes Verhalten, insbesondere wenn sich der Absperranhänger rechts befand. Selbst bei Dunkelheit blieb die Erkennungsleistung hoch. Doch die Versuche offenbarten auch Schwächen: In Kurven oder bei seitlich verdeckten Hindernissen verkürzte sich das verfügbare Sichtfenster. Damit blieb dem System weniger Zeit, die Gefahr zu erkennen und darauf zu reagieren. Die Erkenntnis ist für Lkw-Fahrer entscheidend: Ein Notbremsassistent kann das Unfallrisiko erheblich reduzieren. Eine Garantie, dass er jede Baustellenabsperrung rechtzeitig erkennt und einen Aufprall verhindert, bietet er nicht.

Digitale Baustellenwarnung funktioniert auch bei 130 km/h

Neben der automatischen Notbremsung untersuchte Dekra auch die Möglichkeiten vernetzter Verkehrssysteme. Zum Einsatz kam die sogenannte C-ITS-Technologie. Die Abkürzung steht für Cooperative Intelligent Transport Systems. Damit können Fahrzeuge und Verkehrsinfrastruktur Informationen über Gefahrensituationen austauschen. Für die Fahrversuche verwendete Dekra einen entsprechend ausgestatteten Pkw sowie einen C-ITS-fähigen Warnleitanhänger. Das Ergebnis: Die digitalen Warnmeldungen wurden mit hoher Zuverlässigkeit übertragen. Selbst bei Annäherungsgeschwindigkeiten von 130 km/h erhielt der Fahrer frühzeitig einen Hinweis auf die bevorstehende Baustelle. Damit bleibt im Idealfall genügend Zeit, um die Geschwindigkeit zu reduzieren oder rechtzeitig den Fahrstreifen zu wechseln.

Lkw verursachten viele Unfälle an Kurzzeitbaustellen

Wie gefährlich insbesondere kurzzeitig eingerichtete Arbeitsstellen sein können, verdeutlichen ältere Untersuchungen. Dekra verweist auf eine 2008 veröffentlichte Analyse der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt). Darin wurden 951 Unfälle untersucht, bei denen Beschäftigte, Fahrzeuge oder Geräte der Straßenbauverwaltungen an Arbeitsstellen kürzerer Dauer zu Schaden kamen. Bei rund 60 Prozent dieser Unfälle waren Lkw beteiligt. Besonders häufig handelte es sich um Auffahrkollisionen oder seitliches Streifen. Bemerkenswert ist auch eine weitere Zahl: In etwa 80 Prozent der Fälle befanden sich die verletzten Beschäftigten zum Unfallzeitpunkt in ihrem Fahrzeug. Als wesentliche Unfallursachen nennt die Untersuchung Unaufmerksamkeit, Ablenkung und nicht angepasste Geschwindigkeit.

Dekra fordert besseren Schutz an Straßenbaustellen

Für Dekra steht nach den Untersuchungen fest, dass sich die Sicherheit an Straßenbaustellen nur durch das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen verbessern lässt. Dazu gehören robuste Absicherungen mit energieabsorbierenden Anpralldämpfern, leistungsfähige Notbremsassistenten und frühzeitige digitale Warnungen. Ergänzend können klassische Maßnahmen wie mobile Vorwarneinrichtungen oder transportable Rüttelschwellen helfen, Fahrer rechtzeitig auf Gefahren aufmerksam zu machen. „Die größte Sicherheitswirkung entsteht, wenn technische Systeme den Menschen bei der Wahrnehmung und Entscheidungsfindung unterstützen“, erklärt Dekra-Unfallforscher Markus Egelhaaf. Entscheidend sei, kritische Situationen möglichst frühzeitig erkennbar zu machen und dadurch mehr Zeit für eine angemessene Reaktion zu schaffen. Die Botschaft der Dekra-Versuche ist damit eindeutig: Gute Absicherungen können die Folgen eines Aufpralls reduzieren. Noch besser ist allerdings Technik, die dafür sorgt, dass es gar nicht erst zum Crash kommt.

In Kürze: die Key Facts

  • Studie: Dekra Verkehrssicherheitsreport 2026 „Arbeitsplatz Straßenverkehr“.
  • Untersuchungsgegenstand: Sicherheit an Straßenbaustellen, insbesondere an kurzzeitig eingerichteten Arbeitsstellen.
  • Crashtest-Fahrzeug: Rund drei Tonnen schwerer Transporter.
  • Aufprallgeschwindigkeit: Etwa 80 km/h.
  • Sicherungsfahrzeug: Knapp 18 Tonnen schwer.
  • Crashtest mit Anpralldämpfer: Maximale Kopfbeschleunigung von rund 17 g; Fahrgastzelle des Transporters weitgehend intakt.
  • Crashtest mit Absperranhänger: Maximale Kopfbeschleunigung von rund 25 g; Anhänger wurde unter das Sicherungsfahrzeug geschoben.
  • Schutzwirkung: Der fahrzeugmontierte Anpralldämpfer reduzierte im untersuchten Szenario die Aufprallbelastung und begrenzte die Vorwärtsbewegung des Sicherungsfahrzeugs.
  • Lkw-Notbremsassistent: Dekra testete eine Sattelzugmaschine ohne Auflieger bei 60 und 85 km/h.
  • Testergebnis bei 60 km/h: Auf gerader Strecke reagierte das untersuchte System in allen Versuchen zuverlässig.
  • Testergebnis bei 85 km/h: Insbesondere bei rechts positioniertem Absperranhänger zeigte das System ein konsistentes Verhalten.
  • Grenzen der Notbremsassistenten: Kurven und seitliche Verdeckungen können die frühzeitige Hinderniserkennung erschweren.
  • Digitale Baustellenwarnung: C-ITS-Technologie ermöglicht den Austausch von Gefahrenmeldungen zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur.
  • C-ITS-Fahrversuche: Warnmeldungen wurden mit hoher Zuverlässigkeit ausgegeben, auch bei Annäherungsgeschwindigkeiten von 130 km/h.
  • BASt-Untersuchung von 2008: Bei rund 60 Prozent von 951 untersuchten Unfällen an kurzzeitigen Arbeitsstellen waren anprallende Lkw beteiligt.
  • Verletzte Beschäftigte: In etwa 80 Prozent der in der BASt-Studie erfassten Fälle befanden sich die verletzten Beschäftigten zum Unfallzeitpunkt in ihrem Fahrzeug.
  • Unfallursachen: Insbesondere Ablenkung, mangelnde Aufmerksamkeit und nicht angepasste Geschwindigkeit.
  • USA 2023: 899 Verkehrstote bei mehr als 100.000 Unfällen in Baustellenbereichen laut den von Dekra angeführten NHTSA-Daten.
  • Dekra-Unfallforscher: Markus Egelhaaf.
  • Zentrale Empfehlung: Kombination aus energieabsorbierenden Anpralldämpfern, Notbremsassistenz, vernetzter Warntechnik und klassischen Sicherungsmaßnahmen.

Fazit

Baustellensicherheit: Bremsen ist besser als Aufprallen

Die Dekra-Versuche zeigen eindrucksvoll, welchen Unterschied eine geeignete Baustellenabsicherung machen kann. Ein energieabsorbierender Anpralldämpfer reduzierte im untersuchten Szenario die Belastung der Fahrzeuginsassen und begrenzte zugleich die Bewegung des Sicherungsfahrzeugs. Noch wichtiger ist allerdings, Unfälle möglichst vollständig zu verhindern. Die getesteten Notbremsassistenten und C-ITS-Warnsysteme liefern dafür vielversprechende Ansätze. Doch die Technik ist kein Freibrief für Unaufmerksamkeit. Gerade bei schweren Nutzfahrzeugen, hohen Geschwindigkeiten und unübersichtlichen Straßenverläufen bleiben erhebliche Risiken. Deshalb braucht es beides: eine wirksame Absicherung der Arbeitsstellen und Assistenzsysteme, die Gefahren möglichst früh erkennen. Denn für die Beschäftigten hinter der Absperrung kann jede zusätzliche Sekunde Reaktionszeit entscheidend sein.