Die europäischen Lkw-Hersteller wollen mehr Zeit für die CO₂-Ziele aus Brüssel. Nun kommt Gegenwind ausgerechnet von ihren Kunden: Unternehmen wie Ikea, Geopost, DFDS und EDF fordern die EU auf, an den Vorgaben für schwere Nutzfahrzeuge festzuhalten. Hinter dem Streit steckt die Frage, wie schnell der E-Lkw-Hochlauf tatsächlich gelingen kann.
Gegenwind nach der IAA Transportation 2026
Kaum ist die IAA Transportation vorbei, bekommt der Streit um die europäischen CO₂-Vorgaben für Lkw eine neue Wendung. Diesmal melden sich nicht die Fahrzeughersteller zu Wort, sondern Unternehmen, die Transportleistungen einkaufen, selbst Fahrzeuge einsetzen oder die dafür notwendige Energie und Infrastruktur bereitstellen. Zu den Unterzeichnern eines an die EU-Kommission gerichteten Briefs gehören unter anderem Ikea, der schwedische Möbelkonzern, der dänische Transport- und Logistikkonzern DFDS, der internationale Paket- und Expressdienstleister Geopost sowie der französische Energiekonzern EDF. Koordiniert wurde der Brief von EV100, einer Initiative der internationalen Umweltschutzorganisation Climate Group, die Unternehmen beim Umstieg auf emissionsfreie Fahrzeuge zusammenbringt. Ihre gemeinsame Forderung an Brüssel: Die bestehenden CO₂-Vorgaben für schwere Nutzfahrzeuge sollen nicht abgeschwächt werden.
Lkw-Hersteller wollen drei Jahre mehr Zeit
Damit positionieren sich die Unternehmen gegen eine zentrale Forderung der europäischen Nutzfahrzeughersteller. Auf der IAA Transportation in Hannover hatten sich Mitte September die Chefs der sieben großen europäischen Lkw- und Bushersteller gemeinsam an die Politik gewandt. Der europäische Herstellerverband ACEA fordert, die Frist für die Erfüllung des für 2030 vorgesehenen CO₂-Ziels um drei Jahre auf 2033 zu verschieben. Nach den geltenden EU-Vorgaben sollen die durchschnittlichen CO₂-Emissionen neuer schwerer Nutzfahrzeuge der erfassten Gruppen ab 2030 deutlich sinken. Die übergeordnete Zielvorgabe liegt bei 45 Prozent gegenüber dem Referenzniveau; für 2035 sind 65 Prozent und für 2040 90 Prozent vorgesehen. Je nach Fahrzeuggruppe ergeben sich im Regelwerk unterschiedliche konkrete Reduktionsbeiträge. Die Hersteller stellen die Elektrifizierung dabei nicht grundsätzlich infrage. ACEA argumentiert vielmehr, dass die notwendigen Voraussetzungen für einen schnellen Markthochlauf nicht Schritt halten. Ladeinfrastruktur, Netzanschlüsse und wirtschaftliche Rahmenbedingungen entwickelten sich zu langsam. Der Verband beziffert den Rückstand der notwendigen Rahmenbedingungen auf mindestens drei Jahre.
Ikea und Co. wollen dagegen Planungssicherheit
Die Unterzeichner des von Climate Group koordinierten Briefs ziehen daraus den gegenteiligen Schluss. Sie argumentieren, dass langfristig verlässliche CO₂-Vorgaben gerade notwendig seien, damit Unternehmen weiter in elektrische Flotten investieren. Eine Abschwächung oder Verschiebung könnte nach ihrer Darstellung Investitionsentscheidungen erschweren. Ikea verweist beispielsweise darauf, dass klare und vorhersehbare Regulierung Unternehmen bei Investitionen in emissionsfreie Transportlösungen helfe. DFDS argumentiert ähnlich. Unternehmen entlang der Transportkette investierten bereits in den Übergang zum emissionsfreien Straßengüterverkehr. Dafür brauche es neben regulatorischer Sicherheit vor allem die entsprechende Infrastruktur. Der Brief richtet sich daher unter anderem an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie die für Verkehr, Klima und Energie zuständigen Mitglieder der Europäischen Kommission.
Der eigentliche Streit dreht sich um die Rahmenbedingungen
Bei einem Punkt liegen Lkw-Hersteller und die Unterzeichner des Briefs allerdings gar nicht so weit auseinander: Ein E-Lkw allein macht noch keinen funktionierenden elektrischen Güterverkehr. Auch Ikea, DFDS und die weiteren Unterzeichner verlangen deshalb von der EU einen schnelleren Ausbau der Ladeinfrastruktur und weniger Engpässe bei den Stromnetzen. Sie verweisen dabei unter anderem auf die Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR) und das European Grids Package. Der Konflikt dreht sich damit weniger um die grundsätzliche Frage, ob der Straßengüterverkehr elektrifiziert werden soll. Unterschiedlich beurteilt wird vielmehr, welche Konsequenz aus dem schleppenden Aufbau der notwendigen Rahmenbedingungen gezogen werden sollte.
E-Lkw kommen voran – aber von niedrigem Niveau
Auch die Marktzahlen lassen beide Lesarten zu. Nach Daten des International Council on Clean Transportation (ICCT), einer gemeinnützigen Forschungsorganisation für sauberen Verkehr, erreichten emissionsfreie schwere Lkw über zwölf Tonnen im ersten Halbjahr 2026 in der EU einen Marktanteil von 2,3 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 1,4 Prozent. Rund 3.400 Fahrzeuge wurden im ersten Halbjahr 2026 neu zugelassen. Das bedeutet einerseits ein deutliches Wachstum. Andererseits fahren weiterhin mehr als 97 Prozent der neu zugelassenen schweren Lkw dieser Gewichtsklasse nicht emissionsfrei vom Hof. Genau diese Diskrepanz steht im Zentrum der Debatte. ACEA geht davon aus, dass bis 2030 ungefähr jeder dritte neu zugelassene Lkw emissionsfrei sein müsste, damit die Hersteller die Vorgaben erfüllen können. Der Verband sieht die aktuelle Marktdurchdringung deshalb als deutlich zu niedrig an.
T&E sieht E-Lkw wirtschaftlich bereits vorn
Zusätzlichen Stoff für die Diskussion liefert eine aktuelle Untersuchung von Transport & Environment (T&E), einer europäischen Umweltorganisation mit Schwerpunkt Verkehr. Nach deren Berechnungen haben batterieelektrische schwere Lkw bereits heute in sechs von neun untersuchten großen europäischen Märkten niedrigere Gesamtbetriebskosten als vergleichbare Diesel-Lkw. Diese sechs Märkte stehen laut T&E für 46 Prozent der Neuzulassungen schwerer Lkw in der EU. Für Deutschland errechnet T&E unter den Annahmen der Studie über fünf Jahre einen Kostenvorteil von bis zu 85.000 Euro für einen europäischen E-Lkw. Das Ergebnis hängt allerdings wesentlich von den zugrunde gelegten Einsatzbedingungen sowie politischen Rahmenbedingungen wie Mautvorteilen ab und lässt sich daher nicht pauschal auf jeden Transportbetrieb übertragen. Bis 2030 könnten E-Lkw nach den Modellrechnungen von T&E in allen neun untersuchten EU-Märkten wirtschaftlich günstiger sein – vorausgesetzt, bestimmte politische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen werden umgesetzt.
Verlader gegen Hersteller? Ganz so einfach ist es nicht
Damit entsteht eine ungewöhnliche Konstellation. Auf der einen Seite stehen Lkw-Hersteller, die Milliarden in elektrische Fahrzeuge investieren, aber davor warnen, dass die Nachfrage nicht schnell genug wächst. Auf der anderen Seite signalisieren einige große Kunden und Flottenbetreiber, dass sie weiter elektrifizieren wollen und dafür stabile politische Rahmenbedingungen verlangen. Ein vollständiges Bild des europäischen Transportmarktes liefert der Unternehmensbrief allerdings ebenfalls nicht. Die Unterzeichner sprechen für ihre eigenen Unternehmen und Organisationen – nicht automatisch für die vielen kleinen und mittelständischen Transportunternehmen (KMU), die einen großen Teil des europäischen Straßengüterverkehrs abwickeln. Gerade für diese Betriebe können hohe Anschaffungskosten, verfügbare Netzleistung am Depot, Ladeinfrastruktur und die konkrete Wirtschaftlichkeit auf der jeweiligen Strecke entscheidend sein.
In Kürze: die Key Facts
- Thema: Streit über die europäischen CO₂-Vorgaben für schwere Nutzfahrzeuge
- Initiator des Unternehmensbriefs: EV100 der Climate Group
- Climate Group: internationale Umweltschutzorganisation
- EV100: Unternehmensinitiative der Climate Group zur Elektrifizierung von Fahrzeugflotten
- Genannte Unterzeichner: unter anderem Ikea, EDF, Geopost und DFDS
- Forderung der Unterzeichner: bestehende EU-CO₂-Vorgaben für schwere Nutzfahrzeuge nicht abschwächen
- Zusätzliche Forderungen: schnellerer Ausbau der Ladeinfrastruktur und Abbau von Engpässen bei Stromnetzen und Netzanschlüssen
- Gegenposition: Europas Lkw-Hersteller fordern über den Branchenverband ACEA eine Anpassung des Zeitplans
- ACEA-Forderung: Erfüllungsfrist für das 2030-Ziel um drei Jahre auf 2033 verschieben
- Begründung der Hersteller: Ladeinfrastruktur, Stromnetze und weitere Rahmenbedingungen entwickeln sich nicht schnell genug
- Geltende EU-Ziele: 45 Prozent CO₂-Reduktion ab 2030, 65 Prozent ab 2035 und 90 Prozent ab 2040 auf übergeordneter Flottenebene; konkrete Beiträge unterscheiden sich je nach Fahrzeuggruppe
- Marktanteil emissionsfreier schwerer Lkw über 12 Tonnen: 2,3 Prozent in der EU im ersten Halbjahr 2026
- Vergleich erstes Halbjahr 2025: 1,4 Prozent
- Zulassungen: rund 3.400 emissionsfreie schwere Lkw über zwölf Tonnen im ersten Halbjahr 2026
- T&E-Analyse: E-Lkw weisen nach den Modellannahmen der Organisation in sechs von neun untersuchten großen EU-Märkten bereits niedrigere Gesamtbetriebskosten auf
- Deutschland laut T&E: unter den Annahmen der Studie bis zu 85.000 Euro Kostenvorteil über fünf Jahre
- Wichtig zur Einordnung: T&E und Climate Group vertreten klimapolitische Ziele; ihre Analysen und Forderungen sind deshalb als Positionen beziehungsweise Modellrechnungen dieser Organisationen einzuordnen
- Kern des Konflikts: Hersteller und Unterzeichner unterstützen grundsätzlich den Hochlauf emissionsfreier Lkw, unterscheiden sich aber bei der Frage, ob die CO₂-Fristen angepasst oder die Rahmenbedingungen schneller verbessert werden sollten.









