IAA 2026: VDA fordert Infrastruktur-Turbo

IAA Transportation 2026 eröffnet
VDA fordert Infrastruktur-Turbo

1.589 Aussteller und mehr als 150 Weltpremieren: Die IAA Transportation 2026 ist eröffnet. VDA-Präsidentin Hildegard Müller nimmt bei der Eröffnung sowohl Berlin als auch Brüssel in die Pflicht.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller bei der Eröffnung der IAA Transportation 2026 in Hannover.
Foto: VDA

Die Lkw stehen bereit, doch Stromnetze und Ladepunkte hinken hinterher: Zur Eröffnung der IAA Transportation 2026 erhöht die Nutzfahrzeugindustrie den Druck auf Berlin und Brüssel. VDA-Präsidentin Hildegard Müller fordert einen „Infrastruktur-Turbo“. Verkehrsminister Steffen Bilger hält dagegen: Der Aufbau des Lkw-Schnellladenetzes habe bereits begonnen.

IAA 2026 ist mehr als eine reine Leistungsschau

Die IAA Transportation 2026 ist offiziell eröffnet. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay und VDA-Präsidentin Hildegard Müller gaben am heutigen Dienstag in Hannover den Startschuss für die Nutzfahrzeugmesse. Bis zum 20. September präsentieren dort 1.589 Aussteller aus 46 Ländern ihre Neuheiten. Mehr als 150 Weltpremieren und Innovationen hat der Verband der Automobilindustrie (VDA) angekündigt. Doch schon zur Eröffnung wird deutlich: Die diesjährige IAA soll nicht nur Leistungsschau der Nutzfahrzeugindustrie sein. Unter dem Motto „We Deliver“ verbindet der VDA die Präsentation neuer Technologien mit einer deutlichen politischen Forderung. Die Botschaft: Die Industrie habe geliefert – nun müssten Berlin und Brüssel nachziehen.

Hildegard Müller: „Die Produkte stehen bereit“

VDA-Präsidentin Hildegard Müller verweist dabei auf die Bedeutung der Nutzfahrzeugindustrie für Beschäftigung und Dekarbonisierung: „Die Nutzfahrzeugindustrie steht für innovative Technologie, industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze – allein rund 140.000 Arbeitsplätze in Deutschland.“ Zugleich entfielen knapp 30 Prozent der CO₂-Emissionen auf Europas Straßen auf den Schwerlastverkehr. Entsprechend groß sei der Hebel für die Transformation. Müller sieht die Hersteller technologisch bereits deutlich weiter als die dafür notwendigen Rahmenbedingungen. „Die Produkte für die klimaneutrale Mobilität stehen bereit und sind einsatzfähig. Wir haben mit Investitionen und Innovationen die gesamte Bandbreite an technologischen Möglichkeiten entwickelt“, erklärte sie. Auf der Messe lässt sich das tatsächlich beobachten. Batterieelektrische schwere Lkw haben sich vom Zukunftsversprechen zum Serienprodukt entwickelt. Gleichzeitig präsentieren Hersteller und Zulieferer Wasserstofflösungen, neue Software-Architekturen, autonome Fahrsysteme und KI-Anwendungen.

VDA kritisiert Lade- und Wasserstoff-Infrastruktur

Der Hochlauf dieser Technologien hängt allerdings nicht allein davon ab, welche Fahrzeuge die Hersteller anbieten können. Vor allem beim Aufbau der Infrastruktur sieht der VDA erhebliche Defizite. „Was jetzt fehlt, sind die richtigen Rahmenbedingungen für den notwendigen Hochlauf. Europaweit mangelt es noch immer an Lade- und Wasserstofft-Infrastruktur mit den begleitenden Energienetzen. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist riesig“, mahnte Müller. Besonders problematisch seien die Stromnetze. Netzanschlüsse für das Laden von Elektro-Lkw im Depot dauerten vielerorts Jahre. Die VDA-Präsidentin nimmt deshalb ausdrücklich auch die EU in die Verantwortung: „Brüssel setzt ambitionierte Ziele, vernachlässigt aber die dafür notwendigen Rahmenbedingungen. Die Politik steht in der Bringschuld: Wir brauchen einen Infrastruktur-Turbo und eine realistische Bestandsaufnahme in Deutschland und Europa.“ Damit verbindet der VDA eine weitere Forderung: Das Review der europäischen CO₂-Flottenregulierung für schwere Nutzfahrzeuge solle vorgezogen werden und Möglichkeiten für Anpassungen und Flexibilisierungen eröffnen. Auch drohende Strafzahlungen lehnt Müller ab: „Strafzahlungen für Probleme, die nicht von uns zu verantworten sind, lehnen wir ausdrücklich ab.“

Bilger: Mehr als 14.000 mittlere und schwere E-Nutzfahrzeuge

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger stellt dem eine deutlich optimistischere Bestandsaufnahme des Infrastrukturaufbaus gegenüber. Er bezeichnet die IAA als „Schaufenster für Technologien und Innovationen“ und sieht die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs als einen zentralen Schwerpunkt. „So sind in Deutschland schon mehr als 120.000 elektrische Nutzfahrzeuge im täglichen Einsatz für Transportunternehmen, davon mehr als 14.000 mittlere und schwere Nutzfahrzeuge.“ Das Bundesverkehrsministerium wolle nun dafür sorgen, dass diese Fahrzeuge im Alltag auch verlässlich geladen werden können. Konkret verwies Bilger auf das geplante Schnellladenetz für Elektro-Lkw entlang der Autobahnen: „Wir bauen entlang der Autobahnen für E-Lkw ein Schnellladenetz auf und starten an 124 unbewirtschafteten Rastanlagen die konkrete Umsetzungsphase.“ Dabei will die Bundesregierung nach Aussage des Ministers nicht ausschließlich auf batterieelektrische Antriebe setzen. Mindestens 35 Wasserstofftankstellen sollen mit Förderung des Bundes realisiert werden. Zusätzlich soll die Anschaffung von rund 500 Nutzfahrzeugen unterstützt werden.

Infrastruktur wird zur entscheidenden Frage für E-Lkw

Damit zeichnet sich bereits zur Eröffnung eines der zentralen Themen dieser IAA ab. Die Diskussion über klimafreundliche Nutzfahrzeuge verschiebt sich zunehmend. Lange stand die Frage im Mittelpunkt, wann Hersteller elektrische schwere Lkw mit ausreichend Reichweite und Nutzlast anbieten können. Inzwischen sind entsprechende Serienfahrzeuge bei mehreren Herstellern verfügbar. Damit rücken Ladeleistung, Netzanschlüsse, Energiepreise und die Verfügbarkeit öffentlicher Lkw-Ladepunkte stärker in den Vordergrund. Für Speditionen ist dabei gerade das Depotladen entscheidend. Ein leistungsfähiger Ladepark nützt wenig, wenn der notwendige Netzanschluss nicht rechtzeitig oder nur mit hohen zusätzlichen Investitionen bereitgestellt werden kann. Der Konflikt zwischen VDA und Politik dreht sich deshalb zunehmend um die Frage, ob Infrastruktur und regulatorische Vorgaben mit dem Tempo der Fahrzeugentwicklung Schritt halten.

Olaf Lies warnt vor wachsendem internationalem Wettbewerb

Dass die Transformation gleichzeitig unter erheblichem Wettbewerbsdruck stattfindet, betont Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies. „Die deutsche Nutzfahrzeugindustrie steht vor großen Herausforderungen: Der internationale Wettbewerb nimmt zu, Märkte verändern sich und die Transformation zu klimafreundlichen Antrieben verlangt erhebliche Investitionen.“ Deutschland und speziell Niedersachsen müssten deshalb industrielle Wertschöpfung, Beschäftigung und Klimaschutz gemeinsam betrachten. „Die IAA Transportation macht eindrucksvoll sichtbar, wie hier Zukunftstechnologien entwickelt werden, die Wertschöpfung, Wettbewerbsfähigkeit und gute Arbeitsplätze auch für die kommenden Jahre sichern können.“ Die Frage nach dem internationalen Wettbewerb dürfte in Hannover besondere Bedeutung bekommen. Denn die IAA wird 2026 nochmals internationaler.

1.589 Aussteller aus 46 Ländern

Der VDA meldet für die diesjährige Messe 1.589 Aussteller aus 46 Ländern. 2024 waren Unternehmen aus 41 Ländern vertreten. Besonders stark ist die Beteiligung aus China, der Türkei und Italien. Bemerkenswert ist zudem der Anteil der IAA-Neulinge: 33 Prozent der Aussteller sind erstmals auf der Transportation vertreten. Gerade die starke chinesische Präsenz dürfte aufmerksam beobachtet werden. Chinesische Hersteller drängen zunehmend auch mit elektrischen Nutzfahrzeugen auf den europäischen Markt und erhöhen damit den Wettbewerbsdruck auf die etablierten europäischen Marken. Bereits der Pressetag am Montag machte die Dimension der Messe deutlich: 112 Pressekonferenzen fanden nach Angaben des VDA statt, die Hallen sind vollständig ausgebucht.

Mehr als 150 Weltpremieren und Neuheiten

Inhaltlich konzentriert sich die IAA Transportation auf die derzeit großen Transformationsfelder der Branche. Dazu gehören batterieelektrische und wasserstoffbasierte Antriebe, autonomes Fahren, Software Defined Vehicles sowie Künstliche Intelligenz. Hinzu kommen Fragen der wirtschaftlichen Resilienz und neue Geschäftsmodelle für Transport und Logistik. Mehr als 150 Weltpremieren und Neuheiten sollen während der Messe präsentiert werden – mehr als bei der IAA Transportation 2024. Aber auch das Test-Drive-Angebot wächst kräftig.

84 Fahrzeuge können getestet werden

Insgesamt 84 Fahrzeuge stehen 2026 für Testfahrten bereit. Das sind laut VDA 40 Prozent mehr als 2024 und damit ein neuer Rekord. Damit entwickelt sich die Messe zunehmend von einer klassischen Fahrzeugausstellung zu einer Veranstaltung, bei der neue Antriebstechnologien auch praktisch erprobt werden können. Am Wochenende öffnet sich die IAA zusätzlich stärker für Fahrer und Familien. Am 19. und 20. September findet das Fahrer- und Familienwochenende statt.

Onay: IAA soll Branche zum Dialog bringen

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sieht gerade in diesem Austausch eine wichtige Funktion der Messe. „Die Automobilindustrie durchlebt keine einfache Phase und es bedarf Anstrengungen von vielerlei Seiten, um die Situation zu meistern.“ Die IAA komme deshalb zur richtigen Zeit: „Die Messe zeigt Wege und Chancen und wir freuen uns, dass Hannover einmal mehr der Ausgangspunkt ist.“

In Kürze: die Key Facts

  • Veranstaltung: IAA Transportation 2026
  • Ort: Hannover
  • Termin: 15. bis 20. September 2026
  • Motto: We Deliver
  • Aussteller: 1.589
  • Herkunftsländer: 46
  • Aussteller erstmals dabei: 33 Prozent
  • Weltpremieren und Neuheiten: mehr als 150
  • Testfahrzeuge: 84
  • Zuwachs Test-Drive-Angebot gegenüber 2024: 40 Prozent
  • Pressekonferenzen am Pressetag: 112
  • Eröffnung: Steffen Bilger, Olaf Lies, Belit Onay und Hildegard Müller
  • VDA-Forderung: beschleunigter Ausbau von Lade-, Wasserstoff- und Stromnetzinfrastruktur
  • Weitere VDA-Forderung: vorgezogenes Review der EU-CO₂-Flottenregulierung für Nutzfahrzeuge
  • Elektrische Nutzfahrzeuge in Deutschland laut Bilger: mehr als 120.000
  • Davon mittlere und schwere E-Nutzfahrzeuge: mehr als 14.000
  • Geplanter Aufbau von Lkw-Schnellladern: konkrete Umsetzungsphase an 124 unbewirtschafteten Rastanlagen
  • Geplante Wasserstoffförderung: mindestens 35 Tankstellen und rund 500 Nutzfahrzeuge
  • Schwerpunktthemen: Elektrifizierung, Wasserstoff, autonomes Fahren, Software Defined Vehicles und KI
  • Fahrer- und Familienwochenende: 19. und 20. September 2026