BYD macht Ernst mit dem Einstieg in den europäischen Markt für schwere Lkw. Auf der IAA Transportation 2026 (Halle 21, Stand B11) in Hannover zeigt der chinesische Hersteller mit dem ETT 44 sein neues Flaggschiff für den Fernverkehr. Die batterieelektrische 4x2-Sattelzugmaschine ist für bis zu 44 Tonnen Gesamtzuggewicht ausgelegt und soll mit einer 651 kWh großen Blade Battery, hoher Antriebsleistung und vor allem extrem kurzen Ladezeiten punkten.
BYD positioniert sich im Lkw-Fernverkehr
Damit trifft BYD auf einen Markt, in dem sich die europäischen Platzhirsche längst für den elektrischen Fernverkehr positionieren. Daimler Truck, MAN, Volvo Trucks und Scania treiben ihre batterieelektrischen schweren Lkw voran. Gleichzeitig wächst der Druck aus China. Hersteller wie Sany, Sinotruk oder Skyworth suchen ebenfalls den Weg nach Europa. BYD bringt dabei einen entscheidenden Vorteil aus dem Pkw-Geschäft mit: Der Konzern entwickelt und produziert einen großen Teil der Technik selbst – von Batteriezellen über Leistungselektronik bis hin zu Energiespeichern und Ladeinfrastruktur.
651 kWh große Blade Battery im BYD ETT 44
Herzstück des ETT 44 ist eine 651 kWh große Blade Battery mit LFP-Zellchemie. BYD spricht in seiner Pressemitteilung von einer Reichweite von bis zu 372 Meilen, umgerechnet knapp 600 Kilometern. Bei diesem Wert ist allerdings Vorsicht angebracht. In der von BYD zusammen mit der Pressemitteilung veröffentlichten technischen Spezifikation wird die Reichweite noch mit „TBC“, also „to be confirmed“, angegeben. Auch Angaben zu Testzyklus, Beladung oder äußeren Bedingungen für die genannten knapp 600 Kilometer fehlen bislang. Die Reichweitenangabe ist deshalb zunächst als Herstellerwert zu verstehen. Bemerkenswert fällt auch die Garantie aus: BYD gibt auf die Blade Battery zehn Jahre beziehungsweise 1,2 Millionen Kilometer.
Mehr als 1,5 Megawatt Ladeleistung
Noch stärker als mit der Batteriekapazität will sich BYD über die Ladegeschwindigkeit profilieren. Über den Megawatt Charging Standard (MCS) soll der ETT 44 mit mehr als 1,5 MW laden können. Für den Ladehub von 20 auf 80 Prozent nennt der Hersteller höchstens 20 Minuten. In dieser Zeit sollen sich nach BYD-Angaben bis zu 248 Meilen beziehungsweise rund 400 Kilometer Reichweite nachladen lassen. Alternativ beherrscht der Elektro-Lkw CCS2 mit bis zu 420 kW. Von 20 auf 80 Prozent soll die Batterie damit innerhalb von höchstens 60 Minuten geladen werden können. Gerade für den Fernverkehr könnte die hohe MCS-Ladeleistung entscheidend werden. Denn mit ausreichend leistungsfähiger Infrastruktur ließe sich ein großer Teil der benötigten Energie innerhalb einer vorgeschriebenen Fahrerpause nachladen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass entsprechende Megawatt-Ladepunkte entlang der europäischen Fernverkehrsrouten tatsächlich zur Verfügung stehen.
Bis zu 1.000 PS für den 44-Tonner
Auch beim Antrieb hält sich BYD nicht zurück. Die reguläre Antriebsleistung gibt der Hersteller mit 743 PS an, kurzzeitig sollen bis zu 1.000 PS Systemleistung möglich sein. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 90 km/h. Die 6,40 Meter lange Sattelzugmaschine verfügt über einen Radstand von 3,80 Metern und wiegt leer je nach Ausführung zwischen 10,95 und 11,14 Tonnen. Vorder- und Hinterachse sind luftgefedert. Als Fahrerhaus kommt eine Hochdachkabine mit ebenem Boden und Schlafmöglichkeit zum Einsatz. Zur Ausstattung gehören ein digitales Cockpit mit 12,8-Zoll-Zentraldisplay, Apple CarPlay und Android Auto sowie BYDs Fleetlink-System.
Fünf Sterne beim Euro NCAP
Noch bevor der ETT 44 regulär auf europäischen Straßen unterwegs ist, kann BYD mit einem unabhängigen Sicherheitstest punkten. Euro NCAP hat den chinesischen Elektro-Lkw im Rahmen seiner jüngsten Bewertung schwerer Nutzfahrzeuge mit der Höchstwertung von fünf Sternen ausgezeichnet. Zusätzlich erhält der ETT 44 den CitySafe Award. Bei „Safe Driving“ erreicht der BYD 89 Prozent. Euro NCAP hebt insbesondere die gute direkte Sicht hervor, die unter anderem durch die vergleichsweise niedrig positionierte Kabine, ein zusätzliches Sichtfenster in der Tür und digitale Außenspiegel erreicht wird. Bei der Unfallvermeidung kommt der ETT 44 auf 73 Prozent. Hier sieht Euro NCAP noch Verbesserungspotenzial, unter anderem bei der Vermeidung von Auffahr- und Spurwechselunfällen. Für die Sicherheit nach einem Unfall erhält der Lkw 80 Prozent. Damit gelingt BYD beim ersten Anlauf dennoch ein bemerkenswerter Einstand. Auch Mercedes-Benz Actros F sowie verschiedene Scania G- und R-Modelle erreichen in der aktuellen Testserie fünf Sterne und den CitySafe Award.
Marktstart des BYD ETT 44 für 2027 geplant
Bis Kunden den neuen Elektro-Lkw tatsächlich einsetzen können, dauert es allerdings noch etwas. BYD-International-Chefin Stella Li sagte auf der IAA Transportation gegenüber dem „Handelsblatt“, dass die Auslieferung des ETT 44 im zweiten Quartal 2027 beginnen soll. BYD will dabei offenbar nicht nur Fahrzeuge verkaufen. Zum Angebot für Flottenkunden sollen Finanzierung, Ladeinfrastruktur, Energieversorgung sowie Serviceleistungen gehören. Dazu zählt nach Angaben von Li auch ein Werkstattnetz mit mobilen Pannenhelfern. Die Strategie passt zum Auftritt des Herstellers auf der IAA. BYD spricht selbst von einer „Total Cost of Mobility“-Strategie. Fahrzeug, Energieverbrauch, Stromkosten, Ladeinfrastruktur, Betrieb und Finanzierung sollen dabei möglichst aus einer Hand angeboten und aufeinander abgestimmt werden.
BYD denkt bereits über Lkw-Produktion in Europa nach
Noch interessanter ist die langfristige Perspektive. BYD will seine in Europa verkauften Fahrzeuge perspektivisch auch hier produzieren. „Langfristig werden wir alles, was wir in Europa verkaufen, hier produzieren“, sagte Stella Li dem „Handelsblatt“. Details zur möglichen europäischen Lkw-Produktion nannte sie allerdings noch nicht. Damit würde BYD bei Nutzfahrzeugen einen ähnlichen Weg einschlagen wie im Pkw-Geschäft. Dort baut der Konzern bereits Produktionskapazitäten in Europa auf. Für die europäischen Lkw-Hersteller dürfte die Ankündigung aufmerksam verfolgt werden. Denn eine lokale Fertigung könnte nicht nur Transportkosten reduzieren und BYD näher an seine europäischen Kunden bringen. Sie wäre auch vor dem Hintergrund der Diskussion über mögliche Handelsmaßnahmen gegen staatlich unterstützte chinesische Hersteller von Bedeutung.
BYD baut europäisches Lkw-Programm aus
Der ETT 44 bleibt zudem nicht allein. Auf der IAA zeigt BYD neue starre Elektro-Lkw als 4x2 und 6x2. Zu sehen sind unter anderem ein 26-Tonner mit Wechselaufbau sowie eine Variante mit Hakenlift. Damit will BYD sein europäisches Nutzfahrzeugangebot künftig vom 3,5-Tonner bis zum schweren 44-Tonnen-Fernverkehrszug spannen. Ob der ETT 44 den etablierten europäischen Herstellern tatsächlich gefährlich werden kann, dürfte deshalb weniger an seinen Leistungsdaten als an Preis, Service, Restwert und dem Aufbau eines belastbaren europäischen Vertriebs- und Werkstattnetzes hängen. Technisch setzt BYD mit 651-kWh-Batterie und mehr als 1,5 MW Ladeleistung jedenfalls eine erste Duftmarke.
In Kürze: die Key Facts
- Modell: BYD ETT 44
- Fahrzeugtyp: batterieelektrische 4x2-Sattelzugmaschine
- Gesamtzuggewicht: bis 44 Tonnen
- Batterie: 651 kWh Blade Battery
- Zellchemie: LFP
- Reichweite: BYD nennt bis zu 372 Meilen/rund 600 km; technische Spezifikation derzeit noch „TBC“
- Antriebsleistung: 743 PS regulär
- Spitzenleistung: bis zu 1.000 PS
- MCS-Ladeleistung: mehr als 1,5 MW
- MCS-Ladezeit: 20 bis 80 Prozent in maximal 20 Minuten
- CCS2-Ladeleistung: bis 420 kW
- CCS2-Ladezeit: 20 bis 80 Prozent in maximal 60 Minuten
- Batteriegarantie: zehn Jahre oder 1,2 Millionen Kilometer
- Leergewicht: 10,95 bis 11,14 Tonnen
- Fahrerhaus: Hochdach-Schlafkabine mit ebenem Boden
- Euro NCAP: fünf Sterne und CitySafe Award
- Geplanter Marktstart: Auslieferung ab dem zweiten Quartal 2027
- Produktion: BYD stellt langfristig eine Fertigung seiner in Europa verkauften Lkw in Europa in Aussicht
- Premiere: IAA Transportation 2026 in Halle 21 auf Stand B1









