Notbremsassistenten

Die Warnphase im Fokus

Jan Bergrath

Bei der UN in Genf wird verhandelt, die Anforderungen an die Notbremsassistenten zu verschärfen. Darüber sprechen wir bei FERNFAHRER Live mit Dr. Erwin Petersen.

Spätestens seit November 2015 müssen neu zugelassene Lkw über 7,5 Tonnen mit einem Notbremsassistenten ausgestattet sein. Die zugrunde liegende EU-Verordnung stammt aus dem Jahr 2012. Früh haben erste Hersteller die zunächst geringen gesetzlichen Anforderungen auf freiwilliger Basis als Wettbewerbsvorteil in Sachen Sicherheit genutzt. Bereits 2015 habe ich mich daher mit der Frage beschäftigt, warum Lkw-Fahrer trotz der eingebauten Technik an einem Stauende tödlich verletzt werden. Seither bin ich auch diesem rein technischen Thema treu geblieben und habe zuletzt noch auf die trügerische Sicherheit hingewiesen, wenn Fahrer gar nicht wissen, wie diese Technik funktioniert. Weil sie drauf nicht geschult sind.

Die Folgen sind bekannt. Allein die Zahl der bei einem Unfall am Stauende getöteten Lkw-Fahrer stieg bundesweit von 45 im Jahr 2019 auf 48 im Jahr 2020. Bis Ende November könnte sie sogar die Zahl 65 erreichen. Da allerdings die Autobahnpolizei bei Unfallaufnahme in der Regel nicht festhält, ob der Lkw des Unfallverursachers mit einem Notbremsassistenten ausgestattet war, sondern maximal das Baujahr festhält, ist es für die Unfallforschung schwer, hier Rückschlüsse zu ziehen. Dieser Aufgabe hat sich Dr. Erwin Petersen gewidmet.

Diskussion mit Erwin Petersen

Nach einer dreißigjährigen leitendenden Tätigkeit im Bereich der Produktentwicklung, Vertrieb und Geschäftsführung bei WABCO hat Petersen 2007 eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Deutschen Verkehrswacht, speziell der Landesverkehrswacht Niedersachsen, sowie im Ausschuss für Fahrzeugtechnik des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, DVR, übernommen. Seither hat er mehrjährige Analysen schwerer Lkw-Unfälle auf den niedersächsischen Autobahnen durchgeführt und einschlägige technisch-wissenschaftliche Texte zum Thema der Notbremsassistenten veröffentlicht. Seit 2014 ist er zudem Träger des von EVU/DVR/DEKRA verliehenen „Europäischen Sicherheitspreis Nutzfahrzeuge“.

Eigentlich sollte Petersen am 30. November 2021 beim mittlerweile auf Grund der Corona-Lage ins Frühjahr verschobenen Dekra-Zukunftskongress Nutzfahrzeuge in Berlin einen Vortrag zum hochkomplexen Thema der Notbremsassistenten halten. Unter anderem über die von ihm ausgewerteten Lkw-Unfälle auf den niedersächsischen Straßen von 2015 bis zum Jahr 2020. Sein Fazit: Nachdem seit Herbst 2015 alle neu zugelassenen schweren Güterkraftfahrzeuge mit einem vorschriftengerechten Notbremsassistenten ausgestattet sein müssen, dürfte die allgemeine Durchdringung der Fernverkehrsflotte (überwiegend Sattelzugmaschinen) mit Notbremsassistenten über 80 Prozent liegen. Also nur etwa 20 Prozent der Fernverkehrsflotte sind Altfahrzeuge noch ohne Notbremsassistent. Bei den Unfällen im vergangenen Jahr auf niedersächsischen Autobahnen waren bereits 35 Prozent der aufgefahrenen Lkw mit einem Notbremsassistenten ausgestattet.

Überarbeitung der UNECE-Regel 131

Petersens Ausführungen in unserem Trailer zur 72. Sendung von FERNFAHRER Live sind daher etwas ausführlicher als üblich, insbesondere der Part gegen Ende, wo er darüber referiert, dass bei der UN in Genf gerade an der Verbesserung der UNECE-Regelung 131 gearbeitet wird. Was diese Regelung beinhaltet, was die wichtigsten Verbesserungen sind und ab wann diese zur Pflicht werden sollen, ist damit quasi die Grundlage für die Sendung am 2.12 (siehe Terminhinweis). Die drei wichtigsten Punkte sind:

1. Die für Notbremswirkung vor stehenden „Zielen“ geforderte Geschwindigkeitsreduzierung von bisher mindestens 20 Km/h wird auf mind. 70 km/h erhöht. Als weiteres Ziel wird die Kollisionsfreiheit aus der Maximalgeschwindigkeit (z.B. 90 km/h) formuliert.

2. Der Notbremsassistent darf zukünftig – wenn überhaupt – nur noch im unteren Geschwindigkeitsbereich, um die 50 km/h, abgeschaltet werden und muss sich, wenn nicht manuell durch den Fahrer, im mittleren Geschwindigkeitsbereich bei 60 km/h automatisch wieder zuschalten. Die Geschwindigkeitswerte werden noch diskutiert.

3. Erkennt der Notbremsassistent eine kritische Kollisionssituation und die Notwendigkeit einer sofortigen Notbremsung, muss zukünftig nicht mehr die Warnphase (von 1,4 – 2 Sekunden – entsprechend 40 Metern) abgewartet werden, sondern darf der Assistent – wie sonst natürlich auch der Fahrer selbst – sofort voll bremsen.

Der Fokus auf die Warnphase ist in Bezug auf das aktuelle Unfallgeschehen die vielleicht wichtigste geplante Neuregelung. Denn viele Unfälle passieren immer wieder nach demselben Schema. Der erste Fahrer erkennt ein Hindernis und bremst, der zweite Fahrer kann vielleicht gerade noch reagieren, spätestens der dritte Fahrer schiebt dann als letzter einer Kolonne alles zusammen. Manche Fahrer, das ist das Thema vieler Diskussionen unter den Fahrern selbst, kennen immer noch nicht den Unterschied zwischen dem Abstandsregeltempomaten und dem Notbremsassistenten. Nur eines steht fest: Fährt ein Fahrer deutlich unterhalb des gesetzlichen Mindestabstands hinter einem anderen Lkw, so hat der Notbremsassistent selbst, eben auf Grund dieser festgelegten Warnphase, nicht den Hauch einer Chance, einen Aufprall zu verhindern.

Die Technik ist nur ein Teil des Problems

Doch die Technik allein ist nur ein Teil des Problems der beinahe täglichen Unfälle. Bereits in der 67. Sendung von FERNFAHRER Live haben wir mit der Autobahnpolizei aus Oldenburg und der BG Verkehr über die weiter steigende Zahl der Unfälle am Stauende gesprochen, die bei einer zunehmenden Zahl an Baustellen selbst vor allem auf Grund mutmaßlicher Ablenkung passieren. Im Podcast „Lenken statt Ablenken“ der BG Verkehr sprechen eine Verkehrspsychologin und ein Unfallforscher mit dem Lkw-Fahrer Holger Brost auch über die Gefahren der falschen Selbsteinschätzung beim Umgang mit Smartphones oder anderen elektronischen Geräten am Steuer. Es bleibt dabei: Ein abgelenkter Fahrer legt im Blindflug bei 80 km/h mit seinem Lkw pro Sekunde 22 Meter zurück. Taucht „plötzlich“ ein Stau auf und die Warnung des Notbremsassistenten reißt den Fahrer aus seiner Nebenbeschäftigung, besteht die Gefahr, dass der Fahrer dann aus Reflex den Notbremsassistenten übersteuert.

Forderung von Hellwach mit 80 km/h an die neue Regierung

Fehlt noch ein Punkt – das Verhalten der Fahrer auf dauerüberbelasteten Autobahnen mit einem gemittelten Mautanteil der gebietsfremden Lkw ist von 41,8 Prozent. "Angesichts der vielversprechenden Antworten der Ampelkoalitionäre auf unsere fünf Wahlprüfsteine zur Bekämpfung des Todes am Stauende und dem Bekenntnis, man wolle bewusst gemeinsam und nicht nur parteipolitisch regieren, erwarten wir schon einiges an politischer Unterstützung“, sagt Dieter Schäfer, der Sprecher von Hellwach mit 80 km/h (e.V.). „Gerade beim standardisierten Einsatz intelligenter Stauwarnanlagen vor Dauerbaustellen sind Verbesserungen zugesagt. Und auch in puncto importierter Alkoholgefahr oder hinsichtlich dem Wild-West-Verhalten auf Autobahnen wollen alle, so auch der künftige FDP-Minister, die Kontrolldichte deutlich erhöhen und geltendes Recht konsequent umsetzen. Für die Beseitigung unfallrelevanter Stressoren will die FDP die strukturellen Rahmenbedingungen verbessern und die Rahmenbedingungen für schnelles Internet zur Digitalisierung des Rampenmanagements schaffen. Sie setzt hierbei aber auch auf die Verantwortung der Unternehmen. Letzteres sehen wir genauso. Nur die Wirtschaft und das Transportgewerbe selbst können der Vision Zero näherkommen. Die Politik muss dabei unterstützen. Und das wollen wir auch einfordern."

Terminhinweis

In der 72. Sendung von FERNFAHRER Live am 2. Dezember 2021 mit Dr. Erwin Petersen als unserem Experten sprechen wir gemeinsam mit der Fahrerin Juliane Ritter, den Fahrern Holger Brost und Jürgen Franz sowie dem Verkehrssicherheitsberater Wilfried Bock aus Lauenau, der das Unfallgeschehen an der A2 ebenfalls im Auge hat, über die große Frage, wie das Verständnis für die eigentlich lebensrettende Technik der Notbremsassistenten an die Fahrer vermittelt werden kann.

Weitere Videos
Unsere Sendungen
Who is Who
Who is Who Nutzfahrzeuge 2019 WHO IS WHO Nutzfahrzeuge

Alle Hersteller, Zulieferer und Dienstleister für Nutzfahrzeugflotten.

Kostenloser Newsletter
eurotransport Newslettertitel Jetzt auswählen und profitieren

Maßgeschneidert: Die neuen Themen-Newsletter für Transportprofis.

Betriebsstoffliste 2022
Betriebsstoffliste 2022 Mehr als 2.500 Produkteinträge

Immer auf dem neuesten Stand: Die DEKRA Betriebsstoffliste 2022

eurotransport.de Shop
Web Shop Content Teaser Der Shop für die, die es bringen.

Zeitschriften, Bücher, Lkw-Modelle, Merchandising und mehr.