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Iveco Stralis AS440S48TP 9 Bilder Zoom
Foto: Karl-Heinz Augustin

Test: Iveco Stralis AS440S48TP

Große Leistung, kleiner Preis

Immerhin 480 PS aus nur elf Liter Hubraum und eine Abgasreinigung mit "SCR only" beim Iveco Stralis AS440S48 versprechen eine sparsame und nutzlastorientierte Zugmaschine, die zudem günstig zu bekommen ist.

Ein gut gemachter Sechszylinder-Reihenmotor ist die Krönung im Motorenbau. Ähnlich kultiviert laufen nur ein Sechszylinder-Boxer oder ein V-Zwölfzylinder mit 60 Grad Zylinderbankwinkel. Wobei freilich gilt, dass sich nicht jeder Reihensechser so kultiviert gibt wie der Cursor 11 im ­Iveco Stralis. Er dreht so turbinenartig hoch wie kaum ein anderer Lkw-Motor, läuft leise und spricht dank variablem Turbolader spontan auf jede Gaspedalbewegung an. Mit den Cursor-Motoren hatte Iveco schon vor mehr als einem Dutzend Jahren den variablen Lader im Lkw etabliert. Damit ist der Druckaufbau weitgehend von der anfallenden Abgasenergie entkoppelt, weil die variable Antriebsseite auch mit wenig Energie viel Druck im Ansaugtrakt erzeugen kann.

Bei der Konstruktion hingegen unterscheidet sich der Cursor 11 – die Elf steht für rund elf Liter Hubraum – fast nicht von seinen Wettbewerbern. Er läuft, wie es sich für einen Reihensechszylinder gehört, in sieben Kurbelwellenlagern, verfügt über einen einteiligen Zylinderkopf mit insgesamt 24 Ventilen und eine oben liegende Nockenwelle. Die Einspritzung arbeitet als Common-Rail-System mit bis zu 2.000 bar Einspritzdruck, die Abgasreinigung obliegt einer SCR-Anlage und kommt ­ohne Abgasrückführung (AGR) aus. "SCR only" heißt das bei Iveco und beschreibt den damaligen Sonderweg, bei der Einführung von Euro 6 bei allen Motoren auf eine AGR zu verzichten. Zumindest bei einigen Fünf-, später auch bei einigen Sechszylindern folgte Scania diesem Weg. Und Mercedes liefert jetzt mit dem überarbeiteten Sechszylinder OM471 einen Motor, der zwar nach wie vor über AGR verfügt, die allerdings nicht immer aktiv ist.

Drei Leistungsstufen

Der stärkste Vertreter mit dem Namen Cursor 11 kommt mittlerweile auf 480 PS Nennleistung und 2.250 Nm Drehmoment. Darunter siedeln die Leistungsklassen mit 460 PS (2.150 Nm) und 420 PS (1.900 Nm). Den 420er hatte ­lastauto omnibus schon vor einem Jahr gefahren. Das Ergebnis: sehr geringer Diesel-, aber ein hoher Adblue-Verbrauch, der mindestens den doppelten Wert der AGR-Motoren erreicht – beides typisch für Motoren, die nach dem SCR-only-Prinzip arbeiten. Hinzu addieren sich etwas eingeschränkte Fahrleistungen, die mit der Art und Weise der Abgasreinigung freilich nichts zu tun haben. Es ist die Kombination aus nur 1.900 Nm Drehmoment, 40 Tonnen Gesamtgewicht und sehr lang übersetzter Antriebsachse, die nicht mehr ganz in die Zeit passen will.
Fast 20 Prozent mehr Drehmoment  als im 420er gibt es im 480er-­Stralis, der damit in etwa so viel Kraft liefert wie die 450 PS starken und rund 13 Liter großen Motoren der Wettbewerber. Das auf 2.250 Nm beschränkte Drehmoment, was immerhin einem mittleren Verbrennungsdruck von gut 25 bar entspricht, ist der Standfestigkeit des relativ kleinen Motors geschuldet, liegt aber über einen so breiten Bereich (950 bis 1.500/min) an, dass die verfügbare Leistung im mittleren Drehzahlbereich enorm schnell steigt und alle 480 PS schon bei 1.500/min verfügbar sind.

Aufmerksame Schaltung

Klar, damit geht es deutlich schneller voran als vor einem Jahr. Immerhin zwei Kilometer pro Stunde mehr erreicht der 480er im Mittel als der 420er und bewegt sich damit im Klassendurchschnitt. Das relativ hohe Tempo resultiert auch aus der eher "sportlich" ausgelegten Schaltstrategie, die immer etwas zu früh zurückschaltet, quasi jede Steigung mit Nennleistung oder leicht darunter angeht und gangweise abwärts schaltet. An vielen Steigungen wäre es richtig gewesen, den Motor noch etwas länger ziehen zu lassen, um dann gleich zwei Gänge nachzulegen. Das freilich ist dem AS-Getriebe beziehungsweise der Rechnerlogik gänzlich fremd.
Längst nicht perfekt zeigt sich auch die Eco-Roll-Funktion. Sie lässt den Stralis zwar mehr als zehn Prozent der Fahrzeit im Leerlauf rollen, doch allenfalls die Hälfte davon spart Kraftstoff. Mindestens 20 Prozent der Rollzeit sind kontraproduktiv, weil der Zug dabei auch mit ­geschlossenem Triebstrang und Nullförderung rollen würde. Die verbleibenden 30 Prozent der Eco-Roll-Zeit gehen auf das Konto "schwer ­einzuschätzen". Richtig Sinn macht eine ­Eco-Roll-Funktion eben nur mit einem ­vorausschauenden Tempomaten.
Insgesamt macht das AS-Getriebe von ZF auch der mittlerweile recht schnellen Schaltzeiten wegen jedoch eine ganz gute Figur, wenn auch – wie gesagt – die Schaltstrategie einfach gestrickt ist und die Steuerungselektronik noch nicht auf einen vorausschauenden Tempomaten zurückgreifen kann, wie ihn die Nachfolge-Generation Traxon offeriert.

Neue Getriebe im kommenden Jahr

Diese neue Generation von automatisierten ZF-Getrieben hätte längst Einzug im Stralis halten sollen – zumindest dann, wenn man ­einer Mitteilung der beiden Beteiligten Glauben schenken könnte. Denn vor zwei Jahren schien  es beschlossene Sache, dass Iveco als erster und exklusiver Hersteller bei Traxon zum Zuge kommen sollte. Stattdessen ist jetzt MAN der erste Traxon-Anbieter. Wie auch immer – im kommenden Jahr sind die neuen Getriebe auch im Iveco Stralis, der dann zudem in überarbeiteter Form an den Start geht. Die neuen Getriebe versprechen eine weitere Verbrauchs­reduzierung, eine verbesserte Schaltstrategie sowie eine effekti­vere Eco-Roll-Funktion in Kombination mit einem vorausschauenden Tempomaten und zudem einen deutlichen ruhigeren und kultivierteren Lauf der vielen Zahnräder.
Beim Verbrauch des 480er ist im Vergleich zum 420er ein kleiner Zuschlag zu zahlen – 34,7 statt 33,9 Liter pro 100 Kilometer im vorigen Jahr. Der Mehrverbrauch auf leicht hügeligen Strecken geht eindeutig auf das Konto "sportliche Schaltstrategie". Auf solchen Strecken, die beide Lastzüge überwiegend im zwölften Gang abspulten, lief der 420er rund vier Prozent sparsamer, sackte aber immer wieder auf 75 km/h ab. Der 480er hielt das eingestellte Reisetempo von 85 km/h fast immer ganz souverän. Der Verbrauch auf schweren Strecken hingegen unterscheidet sich mit 39,1 zu 38,8 Litern pro 100 Kilometer nur marginal. Eine Ausnahme davon macht ein zehn Kilometer langer Autobahnanstieg, den der 480er fünf Prozent durstiger, aber auch zehn Prozent schneller im gleichen Gang absolvierte. Mit diesen Werten liegt der Stralis 480 beim Dieselverbrauch sehr gut. Den hohen Adblue-Verbrauch von immerhin acht Prozent oder knapp drei Litern pro 100 Kilometer hinzugerechnet, bleibt bei den Verbrauchs­kosten ­immer noch ein guter Platz im Ranking.

Achsübersetzung mag wohl gewählt sein

Dies, aber auch die zu den Motorkräften nicht ganz passende Schaltstrategie sowie das hohe Maß an steigungsbedingten Schaltungen führt zwangsläufig zur ­Frage der richtigen Achsübersetzung. Beide Fahrzeuge waren mit 2,64 zu 1 übersetzt. Mal passt das beim 480er ­besser, mal beim 420er. Die heute gängige und mitunter aber nicht immer richtige Regel, die Achse von Fernverkehrssattelzugmaschinen so lang wie möglich zu übersetzen, bewährt sich bei den Stralis-Sattelzugmaschinen nicht durchgängig. Mit Blick auf die relativ kleinen Motoren gilt vielmehr, dass die Übersetzung wirklich zur Topografie, zur Auslastung und zur jeweiligen Motorleistung passen muss, damit Fahrleistung und auch Verbrauch stimmen.
Wie dem auch sei: Der Verbrauch des Stralis AS440S48 stimmt und gibt keinerlei Grund zur Klage. Hinzu kommt allerdings ein deftiger Adblue-Zuschlag von 2,9 Litern pro 100 Kilometer, der typisch für "SCR-only"-Motoren ist, aber je nach Einkaufspreis nur einem halben bis einem ganzen Liter Diesel entspricht.
Ein Plus der großen Iveco ist ihr relativ günstiger Einkaufspreis, der bis zu 20 Prozent unter dem Wettbewerb liegt. Abstriche an die Verarbeitungsqualität muss der Käufer deswegen nicht machen und an die Haltbarkeit vermutlich auch nicht. Wenn jemand sich über einen ­Iveco beklagt, dann über den Service oder über das schlechte Image, das sich seit den 80er-Jahren ziemlich stark verfestigt hat.

Ordentlich Stauraum

Das Hi-Way genannte Fahrerhaus (als einzige Alternative gibt es ein Normaldach) siedelt mit ­einer Innenhöhe von 2.100 Millimetern zwischen den mittelhohen und ganz hohen Fahrerhäusern des Wettbewerbs. Die Innenlänge (Frontscheibe-Rückwand) ist mit 2.040 Millimetern nicht gerade üppig bemessen, schränkt die Sitzverstellung und den Platz hinter dem Lenkrad aber kaum ein. Der niedrige Motortunnel stört wenig, die offenen Ablagen fallen etwas knapp aus. Große Stauräume über der Frontscheibe, von innen zugängliche Außenstauräume und etwas zusätzlicher Platz unter der Liege ergeben insgesamt ein ordentliches Maß an Stauraum, wenn auch der Stralis bei solchen Raumwundern wie DAF XF Super Space Cab oder Mercedes Actros Gigaspace nicht mithalten kann.
Das Platzangebot ist also in ­Ordnung, die Qualität stimmt – abgesehen von den glänzenden Hartkunststoffverkleidungen. Die Bedienung ist aber teilweise in die Jahre gekommen. Mancher Schalter ist zudem gut versteckt und erst nach langer Suche zu finden. An ­etwas ungewöhnlicher Stelle – im Armaturenträger rechts vom Fahrer – finden sich auch die Tasten der AS-Tronic-Bedienung, für "Automatik", "Neutral" und "Rückwärts". Eingriffe ins Schaltgeschehen erfolgen per Lenksäulenhebel rechts. Gut abzulesen sind die in ­einem Halbkreis angebrachten Rund­instrumente samt mittigem, aber etwas zu grellem Farbdisplay.

Fahrkomfort geht in Ordnung

Beim Fahrverhalten gibt sich der Stralis in etwa so sportlich wie die Schaltautomatik. Das ist zwar nicht jedermanns Sache, hat aber kaum negativen Einfluss auf den Federungskomfort. Die Innen­geräusche klingen sympathisch, der Schalldruck liegt etwas höher als bei Volvo oder Scania und mit 65 bis gut 67 d(B)A auf Mercedes Actros-Niveau.
Hinzu addieren sich einige Highlights wie etwa das günstige Leergewicht, der schon erwähnte kultivierte Sechszylinder und die enorm leistungsfähigere Motorbremse mit immerhin 419 kW. Lange Wartungsintervalle (bis 150.000 Kilometer) gibt es obendrein. Kurz: Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist beim Iveco Stralis wirklich bestens.

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 11/2015.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Datum

20. November 2015
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Andy Apfelstädt, Experte für Kostenrechnung und Frachtpreiskalkulation Andy Apfelstädt Kostenrechnung und Frachtpreiskalkulation
Ich betreue als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Verkehr und Raum der Fachhochschule… Profil anzeigen Frage stellen
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