Mercedes-Benz Arocs 8x8 (2018) 7 Bilder Zoom
Foto: Michael Kern

Mercedes Arocs 4151 AK 8x8

Traktionskünstler im Fahrbericht

Wenn einer durch schwerstes Gelände kommt, dann der Arocs 4151 AK 8x8. Der allradgetriebene Vierachser ist die ultimative Antwort in Fragen der Traktion.

Um die 30 Grad Steigung. Das klingt nicht nach viel. Entspricht aber 60 Prozent. Und ist damit hinter dem Steuer eines Lkw schon eher etwas für Leute, die keine Höhenangst kennen und frei von Schwindel sind. Genau solch ein Steilstück ist es, das dem Arocs 4151 in 8x8-Ausführung die kalte Schulter entgegenreckt.  

Ganz langsam nähert sich die Fuhre dieser Wand, die sich zunehmend formatfüllend vor der Frontscheibe aufbaut. Knapp schrappt der Stoßfänger dort über den Grund, wo die Ebene schon in gnadenlose Steigung übergeht. Längs- und Quersperre spannen die Muskeln der Traktionsmaschine 4151 AK aufs rechte Maß für diese kleine Himmelfahrt, mit der ihr Triebstrang leichter fertig wird als der Pilot. Denn kaum hat der Vierachser den Steilhang in voller Länge geentert, ist’s um die übliche Orientierung geschehen: nichts mehr zu sehen von der Umgebung, wie sie das Auge sonst so kennt. Stattdessen gibt’s einen freien Wipfelblick auf die Baumkronen des Ötigheimer Versuchsgeländes von Daimler, auf dem dieser 8x8 seine Kletterkünste kurz mal unter Beweis stellt.

Klettern im Versuchsgelände

Wie ein Käfer auf dem Rücken: So fühlt sich der Fahrer für einen Augenblick, bevor die Reflexe greifen. "Nun aber bloß nicht vom Gas", lautet der vielleicht wichtigste von ihnen. Oder vielleicht doch? Ist ja schließlich ein Versuchsgelände, wo man’s schon mal drauf ankommen lassen kann. Also zaghaft das Gaspedal um eine Spur gelupft, dessen Weg dann noch mal um eine homöopathische Dosis reduziert: Fast unmerklich wird aus der Vorwärtsbewegung Stillstand. Den Saft noch weiter reduziert, der durch Achtlochdüsen in die Brennkammern schießt, beginnt der Vierachser schließlich, sachte – ganz sachte – rückwärts zu rollen. Im Display aber keinerlei Meldung, dass es der Kupplung zu heiß würde.

Turboretarderkupplung: Offroad-Manöver ohne Geruchsbelästigung

Selbst dann nicht als der Gasfuß, zunehmend Gefallen an der traumhaft feinen Dosierbarkeit dieser Zeitlupen-Rückwärtsfahrt findend, den Vierachser ausgiebig Stop-and-go im Krebsgang vollführen lässt. Und noch immer riecht es nicht nach verbrannter Reibscheibe. Verantwortlich dafür zeichnet die Turboretarderkupplung, die solche Manöver in schönster Verschleißfreiheit möglich macht. Angenehmer Nebeneffekt: Aufs sonst unumgängliche  – und die Luftkessel mitunter im Nu leerende – Beibremsen kann bei diesem, im Fachjargon "Abseilen" genannten Manöver gänzlich verzichtet werden. 
An Bremskraft im Allgemeinen herrscht bei der  Retarderfunktion dieses von Voith gelieferten, kleinen technischen Wunderwerks kein Mangel. Auf gut 470 Brems-PS beläuft sich das Verzögerungsvermögen dieser Kombination aus Rotor und Stator, die im Gegensatz zum sonst üblichen Sekundärretarder im Gelände den unschätzbaren Vorteil hat, als Primärretarder in Aktion zu treten. Da ist es die Drehzahl des Motors und nicht die Rotationsgeschwindigkeit der Kardanwelle, die über die Bremskraft entscheidet. 

Ohnehin addiert sich zu jenen 470 Brems-PS der Turboretarderkupplung noch einmal die knackige Motorbremsleistung von rund 560 Brems-PS im Maximum, auf die es die verstärkte Motorbremse des OM 471 bringt. Bergab halten also weitaus gewaltigere Kräfte die Fuhre im Zaum, als für den Vortrieb vorhanden sind.

Krabbelgang mit 5,3 km/h Endgeschwindigkeit

Doch lässt unser Arocs 4151 sich auch in punc­to Zugkraft nicht lumpen, obwohl er nicht nur bei der Tragkraft der Achsen gar nicht allzu tief in die Trickkiste all der Spezifikationsmöglichkeiten greift, um maximale Geländegängigkeit und Ladefähigkeit herzustellen.  Schon mit der milden Hinterachsübersetzung von i = 4,1 herrscht kein Mangel an Zugkraft, vor allem, wenn der mit 1,45 übersetzte Geländegang mit unter die Arme greift. Da reicht der erste Gang bei 1.800 Touren denn gerade noch bis zur Endgeschwindigkeit von 5,3 km/h und die Zugkraft der Fuhre schwillt auf mehr als 29 Tonnen an: Theoretisch ist das selbst mit 41 Tonnen Gesamtgewicht allemal gut für mehr als 100 Prozent Steigung. In der Praxis werden da allerdings zumeist weder der Grip der Reifen noch die Nerven des Fahrers mitspielen.

Traktion steht vor Nutzlast

Zugkraft-Reserven hat er also genug, unser Arocs 4151 AK. Die kräftige Statur hat aber ihren Preis. Rund 2,5 Tonnen bringt das Chassis mehr auf die Waage als das Fahrwerk eines mit geschickter Hand abgespeckten 8x4, der elegant unter der Zehntonnen-Marke durchtauchen kann. Doch schert sich ein Bär wie unser 8x8 nun mal wenig um ein paar Pfunde hin oder her. In seiner Welt geht’s um Reserven, nicht um schlanke Linie. Das Durchkommen steht eben ganz obenan. Weswegen es dort noch immer heißt: Der Zweck heiligt die Mittel. Und dann, so zeigt sich schnell, sind auch 60 Prozent Steigung am Ende nur halb so wild.

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Datum

14. Februar 2018
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