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Wildunfälle reduzieren

Wildwarner-App warnt und hilft im Ernstfall

Die Wildwarner App des Start-ups Wuidi bietet eine Plattform für Verkehrsteilnehmer und Jäger. Den Gründern schwebt auch eine Integration der App ins Telematiksystem von Lkw vor.

Glück im Unglück hatten die beiden Studenten Alfons Weinzierl und Alexander Böckl im Dezember 2014: Auf der Rückfahrt von der Uni lief ihnen ein Reh vor die Motorhaube. Die jungen Männer blieben unversehrt, das Auto hatte einen Blechschaden. Und das Reh? "Das lief sofort weg. Doch mittlerweile wissen wir, dass die Tiere nach solchen Unfällen meistens verenden", erklärt Weinzierl im Gespräch mit trans ­aktuell. Noch am selben Abend kam den Studenten aus Niederbayern eine Geschäftsidee: "Wir wussten nach dem Unfall nicht genau, was zu tun war, und mussten über eine Stunde auf den zuständigen Jäger warten." Das sollte anderen Autofahrern künftig nicht mehr so gehen.

In ihrem Studiengang Digital Business Management tüftelten Weinzierl und Böckl ohnehin an digitalen Geschäftsmodellen. Daher kam ihnen die Idee zu einer App, die Wildunfällen vorbeugt oder erste Hilfe bietet, falls ein solcher Unfall passiert. Während des Masterstudiums entwickelten sie erste Konzepte, holten das bayerische Innenministerium, die bayerische Polizei sowie die Jagdverbände ins Boot und bekamen schließlich den Zuschlag für ein Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Das Gründerteam, inzwischen mit Informatiker Jozo Lagetar zu dritt, erhielt daraufhin ein Jahr lang pro Kopf 2.500 Euro brutto im Monat sowie 30.000 Euro für Sachmittel.

Die App wird kostenlos bleiben

Seit Juni 2017 ist die App bundesweit kostenlos für die Betriebssysteme iOS und Android verfügbar. "Sie wird auch in Zukunft kostenlos bleiben", verspricht Weinzierl. Im ersten Jahr habe das Stipendium bei der Finanzierung geholfen, mittlerweile schreibe das Unternehmen, dem nach wie vor nur die drei Gründer angehören, schwarze Zahlen. "Wir finanzieren uns durch Dienstleistungsverträge, weitere Start-up-Förderungen, und da alles digital läuft, haben wir keine hohen Nebenkosten."

Dass Start-ups ein Jahr nach dem Marktstart schon schwarze Zahlen schreiben, ist ungewöhnlich. Doch Weinzierl (30), Böckl (30) und Lagetar (31) sind scheinbar auf eine Markt­lücke gestoßen. Ihre Firma Wuidi, Wuid ist das bayerische Wort für Wild, sahnte im vergangenen Jahr den Deutschen Mobilitätspreis ab und war unter anderem für den Dekra Award in der Kategorie Verkehrssicherheit nominiert. Denn die Erfahrung zeigt laut Weinzierl: Verkehrszeichen, die vor Wildwechsel warnen, reichen längst nicht mehr aus. Wuidi vernetzt daher Jäger und Autofahrer digital. Der Jäger pflegt den Wildwechsel für sein Revier auf www.wuidi.com ein und hinterlässt, wenn er möchte, seine Kontaktdaten, damit er bei einem Wildunfall in seinem Revier schnell zur Stelle ist. Die Jäger greifen nach Angaben von Weinzierl auch zur Waffe, um das Tier nach dem Unfall von seinem Leiden zu erlösen. "Momentan sind 800 Reviere registriert", erklärt Weinzierl. Der Fokus lag anfangs noch in Bayern, doch das habe sich mittlerweile geändert. "Das Angebot ist in ganz Deutschland verfügbar."

Rund 30.000 registrierte Verkehrsteilnehmer

Die Zielgruppe der Verkehrsteilnehmer sei größer: Rund 30.000 haben sich bereits registriert. Die App müsse während der Fahrt nicht geöffnet sein, sondern könne auch nur im Hintergrund laufen. "Das war uns wichtig, damit es zu keiner Ablenkung kommt." Gerät der Fahrer in ein Gebiet mit erhöhtem Wildwechsel, ertönt ein akustisches Signal, das zum aufmerksamen und langsamen Fahren mahnt, auch abhängig von der Jahres- und Tages­zeit. Per Bluetooth lässt sich die Wildwarner-App auch mit dem Fahrzeug verbinden.
Grundsätzlich gelte das Angebot für alle Straßen.

"Da Autobahnen oft eingezäunt sind, konzentrieren wir uns auf viel befahrene Bundes- und Landstraßen in der Nähe eines Waldes." Die App dient in erster Linie zur Vermeidung von Wildunfällen. Kommt es trotzdem zu einem Unfall, hilft die Wildwarner-App ebenfalls weiter. Eine To-do-Liste zeigt dann, was zu tun ist. Durch die GPS-Ortung wird der Standort ermittelt sowie die zuständige Polizeidienststelle und der Jäger zur Kontaktaufnahme angezeigt. Das passiere etwa 20-mal im Monat. "Wie viele Unfälle wir verhindern, können wir leider schlecht messen."

Lob von Tierschützern

Das Lob von Tierschützern gebe ihnen trotzdem eine gewisse Bestätigung. Immerhin durchkreuze der Mensch den Lebensraum der Tiere. "In Deutschland passiert alle zweieinhalb Minuten ein Wildunfall. Auf der Straße sterben mehr Tiere als bei der Jagd." Meistens seien bei solchen Unfällen die Tiere die Leid­tragen­den, während die Menschen glimpflich davonkommen. "In den skandinavischen Ländern sieht das anders aus: Rennt ein Elch vor die Windschutzscheibe, passieren oft schlimme Unfälle." Darum sieht Weinzierl Potenzial, die App auf weitere Länder auszudehnen. Konkrete Anfragen gebe es bereits aus der Schweiz, Luxemburg, Öster­reich und Tschechien.

Eine Geschäftsidee hat der Gründer ebenfalls in Bezug auf Speditionen. "Von Lkw-Fahrern bekommen wir auf Messen positives Feedback." Diese können ab sofort eine ähnliche Funktion wie Jäger nutzen und Orte mit Wildwechsel unter www.wuidi.com in das Portal eintragen.

Inte­gra­tion ins Tele­matik­sys­tem möglich

Zudem schwebt ihm eine Inte­gra­tion der App ins Tele­matik­sys­tem von Lkw vor. Gerät ein Lkw-Fahrer in einen Wildunfall, meldet die App dem Disponenten den Standort. Um die Idee voranzutreiben, suchen die drei jungen Männer derzeit nach Unternehmen mit eigenem Fuhrpark. "Wir wollen das nicht theoretisch planen, sondern von Anfang an in der Praxis testen." Mit ihrem soliden Ansatz waren sie bisher erfolgreich: "Wir wachsen lieber ein bisschen langsamer, aber dafür nachhaltig."

Das Unternehmen

  • Die App Wildwarner ist seit Juni 2017 bundesweit kostenlos für die Betriebssysteme iOS und Android verfügbar
  • Warnt während der Fahrt vor möglichem Wildwechsel, hilft bei einem Unfall durch GPS-Lokalisierung
  • Gründer: Alfons Weinzierl, Alexander Böckl, Jozo Lagetar
  • Sitz in Geiselhöring (Bayern)
  • Gewinner des Deutschen Mobilitätspreises 2017

Was im Ernstfall zu tun ist

  • Bei der Begegnung mit einem Wildtier: bremsbereit sein, Fernlicht ausschalten, Hupe betätigen
  • Wenn der Zusammenprall unvermeidlich ist: fester Lenkradgriff, stark bremsen, kein Ausweichmanöver

Franziska Niess

Datum

13. März 2018
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