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Foto: Daimler AG - Global Communications Commercial Vehicles

Varianten des Mercedes Tourismo

Der meistverkaufte Reisebus in der Übersicht

Innerhalb von 20 Jahren ist der Mercedes Tourismo der meistverkaufte Reisebus Europas geworden. Welches Modell für wen das richtige ist, klärt die große Übersicht.

"Ein Bus, ein Preis!" Das ist der Traum eines jeden Herstellers in einer Branche, die nichts so sehr liebt und gleichzeitig so hasst wie die Vielfalt der Fertigungsbreite. Alle Jahre wieder versuchen Busbauer aus aller Welt einen vermeintlichen Standard zu erschaffen, den der Kunde bitte schön doch genau so und nicht anders kaufen möge. Der jüngste Versuch in diese Richtung ist mit dem VDV-Armaturen­träger grandios gescheitert. Alles andere als gescheitert ist indes ein Bus, der vor nunmehr 22 Jahren als "Solitär" gestartet ist, heute aber eine veritable Großfamilie auf Betriebshof und Straße versammelt. Dabei war es 1994 genau das eingangs erwähnte Motto, das dem Mercedes Tourismo (bis 1999 auch noch O 350 genannt) im Mercedes-Werk in Hosdere seine Daseinsberechtigung verlieh und dem Werk zum Durchbruch auf dem türkischen Markt verhalf.

Die Nähe des in der Türkei sogenannten O 304 machte die Verwandtschaft zum deutschen Bruder O 404, dem Mercedes-Vorzeige-Reisebus mit Premium-Ambitionen, noch deutlicher. Anders als dieser jedoch sollte das türkische Pendant strikt auf Sparsamkeit und Standardisierung getrimmt werden.Doch schon 1998 wurde das "Ein-Bus-Prinzip" aufgeweicht, mit dem der Tourismo SHD startete – der kommende Star des türkischen ­Reisebusmarktes, der im Nu auch die Herzen der hiesigen Unternehmer eroberte. Schon 2004 feierte er mit 10.000 Exemplaren das erste Jubiläum. Viele weitere sollten folgen.

Stückzahlen-Champion in Europa

Mit jährlich rund 1.000 verkauften Bussen mauserte sich der Einfach-Bus schnell zum Stückzahlen-Champion in Europa. Bis heute hat Mercedes mehr als 22.000 Einheiten davon gebaut. Das entspricht im Busbereich einem ­Megaseller. Verkauft wird der Tourismo derzeit in 50 Ländern, allen voran Türkei, Deutschland, Frankreich, Italien und England. Mancher Vertriebler nennt das ein Weltauto. 2006 ging die neue Generation mit Hochdeckern in drei Längen an den Start. Das Design ist zurückgenommen und schnörkellos geblieben, aber durchaus markenprägend. Wer einen solchen Bus fährt, will keinen Schönheitspreis damit gewinnen und dazu steht der Unternehmer auch. Protzen sollen andere.

Mit diesem Bus wird knallhart kalkuliert und Geld verdient. Das Allzeithoch von mehr als 2.000 verkauften Bussen in diesem Jahr verdankt die Baureihe auch dem großen Erfolg bei den Fernlinien. Von Altersschwäche kann also keine Rede sein. Auch aufgrund der neuen Familienmitglieder, die 2009 in Form der beiden Hochboden-Varianten RH/RH M und 2013 mit dem kurzen Tourismo K die Modellreihe aufgefrischt haben. Nebenbei wurden Euro-6-Motoren, aktuelle Sicherheitssysteme und das aktualisierte Acht-Gang-Powershift-3-Getriebe nachgelegt. Auch wenn Auguren in der neuerlichen Vorstellung eines türkischen Travego SHD das nahende Ende des Tourismo zu erkennen meinen, so spricht dieser phänomenale Verkaufserfolg gegen ein schnelles Ende. Zudem ist der Wagen der einzige Reisebus, den Daimler für diverse Märkte weiterhin in niedrigeren Emissionsstufen als Euro 6 anbietet. Auch hier wird gutes Geld verdient.

Karosseriekonzept und Technik

Die meisten Kunden greifen immer noch zum klassischen Zweiachser mit etwas mehr als zwölf Meter Länge, gefolgt vom kurzen Dreiachser mit 13 Meter Länge. Die Änderung der zulässigen Gesamtgewichte auf 19,5 Tonnen, auf deren Umsetzung in Deutschland Käufer ja noch warten müssen, wird jedoch nach Meinung von Gustav Tuschen, Entwicklungschef von Daimler Buses, zu einer deutlichen Verlagerung hin zum 13-Meter-Zweiachser führen – ein effizientes Konzept, das Mercedes so nur beim Tourismo anbietet, mal abgesehen von der Setra Comfort-Class.

Dass das Konzept ankommt, belegen die nackten Zahlen. Aufgrund des rund einen Meter längeren Radstands passen ganze zwei Kubikmeter mehr Gepäck in den Bauch des Wagens – freilich mit dem Nachteil eines ebenfalls rund zwei Meter größeren Wendekreises. Im direkten Vergleich auf engen kroatischen Küstenstraßen fällt diese konzeptionelle Eigenart nicht weiter nachteilig auf. Beide Busse fahren sich prima. Der Dreiachser ist einfach noch ein wenig wendiger – nicht unähnlich dem Basis-Zwölf-Meter-Wagen, der aber eine Sitzreihe weniger bietet. Geht es also um das Maximum an Gewichtsreserven und müssen öfter Alpenpässe genommen werden, so ist der Aufpreis für den kurzen Dreiachser gut angelegtes Geld. Leider ist für den Tourismo M – genauso wenig wie für den ein Meter längeren Bruder L – der gerade überarbeitete, etwas kräftigere OM 471 nicht verfügbar.

Idealer Begleiter für den kleinen Wochenendausflug

Dieses verbrauchsoptimierte Sahnestück bieten aktuell nur der Travego-Dreiachser und die Setra Comfort-Class. Letztere sogar in einem 15 Meter langen Dreiachser, der unter voller Ausnutzung der Längengesetzgebung als Sitzplatzriese mit 71 Plätzen schon fast im Doppeldeckersegment wildert. Die Nachlaufachsen des Mercedes sind jedoch ebenso wie bei den feineren Brüdern aus Neu-Ulm elektrohydraulisch gelenkt. Das ist in dieser Preisklasse keine Selbstverständlichkeit. Alles andere als selbstverständlich ist auch der 2013 vorgestellte Clubbus Tourismo K, der die Nachfolge des weitgehend glücklosen Tourino angetreten hat und in Deutschland 30 bis 50 Mal im Jahr verkauft wird. Basierend auf dem Hochboden-Baukasten ist der quirlige, 10,3 Meter lange Clubbus der ideale Begleiter für den kleinen Wochenendausflug oder den Shuttleverkehr für kleine Gruppen. Mit seiner Kürze und dem knappen Radstand unterbietet er sogar noch den Wendekreis des feineren Setra S 511 HD um 30 Zentimeter. Und sein Leergewicht liegt ganze zwei Tonnen unter dem Zwölf-Meter-Wagen. Trotz serienmäßigem Heckeinstieg und -toilette stehen aber nur rund 4,2 Kubikmeter Kofferraum zur Verfügung. Hier bietet der Setra bis zu 3,3 Kubik mehr, was dessen Positionierung als vollwertiger und luxuriöser Clubbus unterstreicht. Der kleine Mercedes macht trotzdem richtig viel Spaß. Seitdem er auf großen Rädern und starken Achsen daherkommt, wird ihn auch jeder Busunternehmer für voll nehmen. Für die meisten Anwendungen sollte der OM 936 mit 353 PS ausreichen. Der Setra bietet dagegen den großen OM 470 mit 394 PS. In den Genuss dieses Kraftpakets mit 360 PS kommen wiederum zwei vom Hochboden-Baukasten abgeleitete Modelle, die 2009 das Licht der Straße erblickten: der Tourismo RH und RH M.

Beide Busse basieren auf dem bekannten Überlandwagen Intouro/Integro, besitzen aber einen höheren Boden, haben daher deutlich mehr Kofferraum zu bieten als dieser. Zudem lassen sie sich mit aerodynamischer Reisebusfront und Küche sowie Toilette ausstatten. Etwas sperriger als bei den anderen Modellen zeigt sich das verwendete Überlandcockpit, aber die Funktionalität ist weitgehend identisch. Insgesamt eine interessante Alternative zum Integro, die vom Glanz des Megasellers etwas abbekommt. Freilich kommen die Wagen nicht ganz an die optische Eleganz der Hochdecker heran. Beim Fahren kommt aber trotzdem schnell Reisebus-Feeling auf.

Butterweich zu schaltendes Getriebe

Für gutes Gefühl hinterm Steuer sorgen auch die im Tourismo verbauten Motoren. Ob es der kompakte OM 936 im kleinsten Modell ist oder der kräftige OM 470 mit 360 bis 428 PS, stets paaren sich hier Laufkultur mit klarer Kraftentfaltung und Sauberkeit. Da die noch stärkeren OM 471-Motoren der zweiten Generation den Travego-Dreiachsern sowie den Modellen der Marke Setra vorbehalten sind, ist auf jeden Fall für die Dreiachser und auch den zweiachsigen M/2 zur stärksten verfügbaren Motorisierung mit 428 PS zu raten. Diese ist sowohl mit den heute butterweich zu schaltenden Mercedes-GO-Getrieben als auch der genialen, hauseigenen Achtgang-Automatik mit Dynamik-Modus zu bekommen. Letztere hat uns schon in mehreren Tests begeistert.

Das in den Dreiachsern nur mit der mittleren 395-PS-Motorisierung zu paarende Sechsgang-Automatikgetriebe EcoLife von ZF bekommt dagegen nur eine Empfehlung für den leichten Einsatz ohne schwere Bergetappen oder Vollbesetzung. Zudem sollte man der Wahl der Achsübersetzung hier besondere Aufmerksamkeit schenken. Schade ist, dass das prädiktive Schaltprogramm PPC (Predictive Powershift Control), mit dem sich bis zu zehn Prozent Diesel eingesparen lassen, für die Baureihe nicht verfügbar ist. Wie so manche Innovation aus dem Hause Daimler ist hierfür die neueste Elektronikplattform "B2E" zwingend notwendig.

Einsteigen, anschnallen, losfahren

Das digitale Manko macht sich auch im Cockpit bemerkbar, dessen Lenkrad noch nicht über Multifunktionstasten verfügt. Auch finden sich noch die altbekannten Schalter im sattsam bekannten Armaturenträger. Sie funktionieren allerdings allesamt gut. Schmerzlich vermissen wir dagegen das farbige Stacks & Cards-Display zur Fahrerinformation. Die alte Version wirkt zuweilen wie ein Fernseher ohne HD-Auflösung. Apropos: Sollte ­eine Navigation gewünscht sein, so muss ein separater Monitor links an der A-Säule geordert werden. Ein Komplettsystem wie das moderne Multimedia Coach Center, bekannt aus den Setra-Modellen, ist nicht verfügbar.

Mit diesen Kleinigkeiten lässt es sich in einem preiswerten Standardbus leben, zumal die verfügbare Technik ausgereift ist und im Tourismo tadellos funktioniert. Das macht wohl auch das Geheimnis des Erfolges aus: Einsteigen, anschnallen, losfahren – alles flutscht hier ohne große Einarbeitung oder Bordbuchlektüre. Um die Arbeit jedoch so komfortabel wie möglich zu gestalten, sollte man den NTS-2-Fahrersitz von Isringhausen als Option zum Grammer-Fauteuil ordern. Der weitgehend funktional und nüchtern gehaltene Innenraum mit einer ausreichenden Stehhöhe von rund zwei Metern vermittelt eine angenehme Geborgenheit. Die Sitze des Typs Travel Star Eco beziehungsweise Extra können mit Softline- oder Luxline-Polsterung aufgewertet werden.

Praktikable Lösung für verschieb­bare Sitze

Im niedrigeren RH dagegen findet sich das einfachere Überlandgestühl des Typs Inter Star Eco. Neu sind die nach oben verschiebbaren und seitlich anklappbaren Kopfstützen für den Reisesitz, ein lederähnliches Material namens Composition  sowie verbreiterte Fussstützen. 19-Zoll-Monitore sind mittlerweile schon selbstverständlich, weniger jedoch 220-Volt-(Doppel-)Steckdosen, USB-Ladebuchsen und WLAN-Router in LTE-Qualität.
All das ist für den Tourismo zu haben und macht ihn oftmals zum begehrten Fernlinienwagen, gerade wenn die verstärkte Toilettenausrüstung sowie ein Snackautomat geordert werden. Auch Hublifte für Rollstuhlfahrer sind für alle Modelle außer dem kurzen K verfügbar. Mercedes hat eine praktikable Lösung für verschieb­bare Sitze entwickelt, um deren Komplettausbau zu verhindern. Trotzdem fallen bis zu sechs Sitze für die neue Gesetzgebung für Fernlinien­busse weg. Neben dem Aufpreis von rund 30.000 Euro sicher der wichtigere Grund, warum bisher eher homöopathische Stückzahlen dieser Variation verkauft wurden, sagt Rüdiger Kappel.

Hohes Sicherheitsniveau als Markenzeichen

Sicherheit gehört für die Busmarke Mercedes nicht nur zum Markenkern. Sie liegt beim Tourismo auch auf einem sehr hohen Niveau. Klar ist aber auch, dass man bei einem Fahrzeugkonzept, das vor zehn Jahren konstruiert wurde und nicht die neueste Elektronikarchitektur mitbringt, gewisse Abstriche machen muss. So ist die KTL-behandelte Karosserie noch nicht nach der neuen Umsturzrichtlinie ECE R 66.02 zertifiziert, auch das beim Travego verfügbare, dynamische Fahrerschutzsystem Front Collision Guard (FCG) ist noch nicht an Bord. Der erweiterte Notbremsassistent ABA 3 inklusive Stop-and-go-Funktion sowie der Aufmerksamkeits­assistent sind ebenfalls nicht zu bekommen. Doch die wichtigsten Systeme wie ESP, Brems­assistent, DBL, AEBS und SPA sind mittlerweile allesamt Serie. Optional gibt es dazu noch den Regen-Licht-Sensor und eine Reifendruckkon­trolle sowie Xenon-Licht. LED wiederum ist noch nicht verfügbar.

"Ein Bus, ein Preis!"

Auch die Kostenseite spricht für den Langstrecken-Läufer aus Hosdere. Das betrifft nicht nur die langen Wartungsintervalle (prädiktive Wartung per Telematik soll bald möglich sein) bis zu 120.000 Kilometer und den guten Wiederverkaufswert, auch der Einstiegspreis ist in der Buswelt durchaus interessant. Endpreise lassen sich erfahrungsgemäß schwer vergleichen, aber die Modelle K und RH sind durchaus knapp über der 200.000-Euro-Schwelle zu bekommen, während sich die ausgewachsenen Zweiachser eher in Richtung der 300.000-Euro-Marke orientieren. In einer hohen Ausstattung kann es sogar vorkommen, dass ein Dreiachser sich mit mehr als 350.000 Euro in veritable Travego-Regionen aufschwingt. Insgesamt kann man aber von einem Preisniveau deutlich unter Travego, Comfort-Class und Co. ausgehen, wenn man sich denn bei den verfüg­baren Extras etwas zurückhält. Denn das war ja zu Beginn das Geheimnis: "Ein Bus, ein Preis!"

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Datum

11. Mai 2016
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