Alles über trans aktuell-Symposien
Symposium Handelslogistik, Krage 21 Bilder Zoom
Foto: Mario Rodrigues

trans aktuell-Symposium zur Handelslogistik

Disruptive Zeiten im Handel

Wohin geht die Reise in der Handelslogistik? Das trans aktuell-Symposium bei der Krage Spedition in Langenhagen lieferte Antworten.

Fällt der Begriff Handelslogistik, liegt der des Onlinehandels nicht weit. "Der Umsatzanteil des E-Commerce wächst stetig", bekräftigte Thomas Kempcke, Leiter Forschungsbereich Logistik am EHI Retail Institute in Köln, in seinem Vortrag beim trans aktuell-Symposium zum Thema "Handelslogistik: Trends und Anforderungen an Speditionen". Entsprechend spielten Digitalisierung und Onlinehandel in vielen Vorträgen der Veranstaltung, die bei der Krage Spedition in Langenhagen stattfand, eine Rolle. "Alle schauen dabei auf Amazon und es ist wichtig, den Anschluss nicht zu verlieren", erklärte Kempcke.

Die Onlinehändler legten laut Kempcke im Jahr 2016 vor allem auf eine hohe Liefertreue Wert. Das ergab eine Umfrage des Forschungs- und Bildungsinstituts EHI. Spezielle Dienstleistungen bei der Lieferung, zum Beispiel die Sendungsverfolgung, sichere Verpackungen, die Lieferung innerhalb von 24 Stunden und verschiedene Zustellmöglichkeiten zur Auswahl, waren den Online­händlern demnach ebenfalls wichtig. "Die Lieferzeiten wollen die Onlinehändler natürlich trotzdem verkürzen", erklärte Kempcke.

Für 44 Prozent der Studienteilnehmer ist das 24-Stunden-Zeitfenster die aktuell schnellstmögliche Lieferzeit. Ein großes Thema im Onlinehandel seien auch die artikelbezogenen Retourenquoten: Bei 65 Prozent der Befragten liegen sie bei bis zu zehn Prozent.

Trends der Zukunft: Automatisierung und Robotik

Kempcke widmete sich in seinem Vortrag jedoch nicht nur dem Onlinehandel. Automatisierung und Robotik bestimmen demnach die Handelslogistik künftig ebenso. Ein wichtiger Auslöser hierfür sei der demografische Wandel, denn die Mitarbeiter werden älter und weniger leistungsfähig.

Gastgeber Mathias Krage, Geschäftsführer der Krage Spedition und Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV), kann sich Roboter oder Drohnen noch nicht im Praxiseinsatz vorstellen. "Auch autonome Fahrzeuge sind für mich noch weit weg." Vorher werde es vollautomatisierte Lager geben. "Bei all den Zukunftsvisionen darf man die simple Frage nicht vergessen, wo und wie künftig die Massen transportiert werden sollen", erklärte Krage in seinem Vortrag. Das beginne bei der Belieferung des Supermarkts um die Ecke.

Amazon bringe stellvertretend für den Onlinehandel  vieles in der Logistik durcheinander. "In unserem Franchising-Gebiet befindet sich Amazon allerdings nicht", sagte der DSLV-Präsident. Der Raum Hannover sei stark durch den Handel geprägt. Dennoch machen auch bei der Krage Spedition 15 Prozent des Geschäfts schon B2C-Sendungen aus. "Die 24-Stunden-Belieferung ist allerdings zunehmend ein Luxusgut", erklärte Krage. Als Auslöser für die Problematik bei Zeitfenstern nannte er den Personalmangel und die schwierige Verkehrssituation.

Bei Zeitfenstern steigen die Kosten

"Bei Zeitfenstern steigen die Kosten, vor allem bei denen mit 24-Stunden-Fenstern", sagte ­Krage. Das veranschaulichte er mit Zahlen. Bei 1,5 Millionen Sendungen im Jahr, die über das Netzwerk der Stückgutkooperation IDS laufen, rechne er 2017 mit Mehrkosten von rund vier Millionen Euro, für das Jahr 2022 prognostiziert Krage sogar sechs Millionen Euro. Für das 24-Stunden-Zeitfenster allerdings geht er vom Fünf­fachen aus: rund 30 Millionen Euro. Insgesamt steigen laut Krage die Kosten aller Prozesse – wieder bedingt durch den Fachkräftemangel.

Doch die Zukunft birgt für die Logistik nicht nur negative Trends wie steigende Kosten, sondern auch spannende Innovationen, die letzten Endes sogar zur Mitarbeitermotivation beitragen. Das veranschaulichte Vanessa Claessens, Business Development Manager bei BLG Handelslogistik aus Frankfurt. Bei BLG gibt es ein Innovationsteam, das sich durch alle Hierarchieebenen des Unternehmens zieht und in dem Mitarbeiter aller Bereiche mitwirken. Daraus gehen regelmäßig sogenannte 100-Tage-Projekte hervor, was konkret heißt: Nach 100 Tagen wird entschieden, ob das Vorhaben in die nächste Runde geht oder nicht. "Wir haben immer mit dem Spagat zu kämpfen, dass wir einerseits innovativ sein wollen, andererseits muss das Ganze aber auch bezahlbar sein", erklärte ­Claessens.

Drohne übernimmt Regal­inven­tu­ren und -kontrollen

Auch für den Einsatz von Drohnen in der Kontraktlogistik im Rahmen eines solchen Projekts stellte der BLG-Vorstand Budget zur Verfügung. Am Standort in Emmerich übernimmt eine Drohne Regal­inven­tu­ren und -kontrollen sowie die Inventur im Blocklager. In einem zweitägigen Training schulte BLG die zuständigen Mitarbeiter im Umgang mit der Drohne, die per iPad dirigiert wird. "Wir haben mittlerweile vier zertifizierte Drohnenpiloten, die Arbeit kommt bei den Mitarbeitern gut an", berichtete Claessens. Nach 92 Tagen war klar, dass das Projekt in die Verlängerung geht. "Wir profitieren von der Zeitersparnis und einer erhöhten Sicherheit, außerdem ist es einfach und wir beschäftigen statt zwei Personen nur noch eine."

Natürlich gebe es Tücken, doch bisher bewähre sich das Projekt. In einem nächsten Schritt sollen unter die Drohne Scanner zum Kommissionieren montiert werden. Bei einem weiteren Drohnen-Projekt unterstützen die Flugobjekte das Wachpersonal im Außengelände in Cuxhaven und erhöhen dort die Sicherheit – auch dieser 100-Tage-Test habe sich bewährt.

Bei Manuel Unkel und seinem Arbeitgeber, dem Logistikdienstleister B+S Logistik aus Borgholzhausen bei Bielefeld, hat sich ein ganz bestimmtes Geschäftsfeld bewährt: die Food-Logistik. B+S kommissioniert und transportiert die online bestellten Lebensmittel. "Unser Haupttreiber ist mittlerweile der E-Commerce", erklärt Unkel, Vertriebsleiter ­E-Commerce und Kontraktlogistik.

Old und New Economy bewegen sich aufeinander zu

Dieser Bereich sei bei B+S "Vorstandsthema", denn die Old und die New Economy bewegen sich laut Unkel immer weiter aufeinander zu. "Amazon eröffnet Läden, Traditionsunternehmen wie Dr. Oetker gründen Digitaleinheiten." Amazon und die Endkunden seien auch in vielen Bereichen Entwicklungstreiber. Wer ist aber eigentlich der Verlader im E-Commerce? Laut Manuel Unkel sind dies die Hersteller und Händler, Online-Versandhändler, Investoren oder Gründer. Sein Fazit: Omni­channel ist da.

Die Begriffe Old und New Economy fielen auch im Logistik-Talk: DSLV-Präsident Krage und Christian Labrot, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Wirtschaft Verkehr und Logistik (BWVL), diskutierten über den Dauerbrenner Palettentausch, die Laderaumknappheit und E-Commerce. Vor allem in Bezug auf den E-Commerce sieht Krage sein Unternehmen als Old Economy: "Die Start-up-Denke können wir nicht entwickeln, wir müssen daher direkt mit Start-ups in Kontakt treten." Für Labrot stellt das Thema Start-ups eine Generationenfrage und eine Frage der Einstellung dar.

E-Commerce hat negative Auswirkungen auf die letzte Meile

Der E-Commerce dagegen bringt laut Labrot auch negative Auswirkungen mit sich, vor allem auf der letzten Meile. "Die Kommunen müssen umdenken", ergänzte Krage. Bei den alternativen Antrieben auf der letzten Meile waren laut Labrot Lebensmittelkonzerne Vorreiter. "Solche Entwicklungen beruhen auf Kundenwünschen." Der Onlinehandel sei vor allem eine gesellschaftliche Frage. "Wenn Retoure so einfach und billig ist, wird sich an der Problematik in den Städten nichts ändern", erklärte Labrot. "Die Digitalisierung ist in der Handelslogistik am disruptivsten."

Ob Buchhandel oder Nachhaltigkeit – Die Verlader KNV und Memo zeigten verschiedene Ansätze:

Diese Situation hat bestimmt nahezu jeder schon einmal erlebt: Im Buchladen ist das gewünschte Buch nicht vorrätig, doch die Mitarbeiterin verspricht: "Ich kann es Ihnen bestellen, morgen früh ist es da." KNV Logistik aus Erfurt kümmert sich ums Gelingen dieses Versprechens. "Wir teilen uns mit unserem Mitbewerber Libri 90 Prozent des Handelsmarkts auf diesem Gebiet", erklärte Peter Manns, Leiter des KNV-Transportmanagements. In dem Erfurter Logistikzentrum seien rund 1,2 Millionen Buchtitel ständig ­verfügbar.

KNV fungiere aber nicht nur als Verlader, sondern organisiere die gesamte Logistikkette. "Wir liefern auch Regal-passend, etwa nur Kinderbücher, wenn es gewünscht ist." Auf ­diese ­Weise benö­tige der Kunde keinerlei Buchhandelskompetenz mehr. Das KNV-Distributionsnetzwerk teilt sich laut Manns in drei Bereiche: B2C-Sendungen, die KNV als Fulfillment-Dienstleister, aber auch für Unternehmen wie Amazon transportiert; außerdem den sogenannten Bücherwagendienst mit Packstücken für den Großhandel und der eigenen Kon­trakt­logis­tik sowie Transportdienstleistungen für Verlage. Und als dritten Bereich die KNV-Spedition mit 2.000 bis 3.000 Sendungen am Tag, die zum Beispiel alle 250 Goethe-Insti­­­tute weltweit beliefert.

Als "Projekt der Zukunft" nannte Manns eine Online­plattform. "Damit können wir den Point of Sale und den Online­handel verknüpfen." Von den Büchern ging es beim Symposium zur Öko-Logistik. Frank Schmähling, Logistikvorstand der Memo aus Greußenheim bei Würzburg, stellte die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens vor, für die Memo in diesem Jahr schon von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) ausgezeichnet wurde. "Wir ordnen alles der Nachhaltigkeit unter und zeigen, dass sich Nachhaltigkeit und Wachstum nicht ausschließen", erklärte Schmähling. Memo vertreibt rund 20.000 umwelt- und sozialverträgliche Produkte der verschiedensten Segmente, darunter auch etwa 1.000 Artikel unter eigenem Namen.

Memo bietet auch eigene Produkte an

Bundesweit findet der Vertrieb über den Online- und Katalog-Versandhandel an gewerbliche Endverbraucher und Privatkunden statt. Die ­Memo-Markenprodukte laufen bundes- und europaweit über Wiederverkäufer und über ein Netz von Distributoren.
Verlader wie Memo sind laut Schmähling gefordert, um alternative Antriebe und Technologien voranzutreiben. Bei Memo beginne die Nachhaltigkeitsstrategie daher schon beim Standort: ein begrüntes Hallendach, eine Regenwasserzisterne für die Brauchwasserversorgung oder eine Holzhackschnitzel-Heizung zeichnen die Immobilie aus.

Besondere Kommissionierregale, bei denen die Mitarbeiter nicht mehr so hoch oder tief greifen müssen und mehr Platz haben, gehören ebenso dazu wie eine LED-Lichtanlage, die 40 bis 50 Prozent Strom einspart. Im Versand setzt das Unternehmen auf die Streetscooter der Deutschen Post und Lastenräder. Von der Deutschen Post kaufte Memo auch die wiederverwendbaren Postboxen auf, die dort zu hohen Verlusten geführt hatten und benannte sie kurzerhand in "Memobox" um. "Die dritte Generation der Memobox ist nach 25 Umläufen ökologischer als die üblichen Kartons", erklärte Schmähling.

Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, Gesundheitsförderung, Ferienbetreuung oder der eigene Nachhaltigkeitsbericht – Frank Schmähling fasste alle einzelnen Aktivitäten folgendermaßen zusammen: "Nicht die einzelnen Aktionen machen bei uns das Besondere aus – das können andere genauso gut oder sogar besser –, bei uns macht das Gesamtpaket den ­Unterschied."

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Kostenlos herunterladen Thomas Kempcke: Trends der Handelslogistik (PDF)
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Kostenlos herunterladen Peter Manns: Distribution für den Buchhandel (PDF)
Franziska Niess

Datum

29. November 2017
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