Als deutscher Lkw-Fahrer in der Schweiz. Zoom
Foto: Jan Bergrath

Tipps für Auswanderer

Als Deutscher in der Schweiz

Der deutsche Berufskraftfahrer Heinz Mahn ist unser Profi im Profil im FERNFAHRER 1/2018. Seit vier Jahren arbeitet er in der Schweiz und hat wertvolle Ratschläge für Auswanderer.

Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht sich zu verändern? Gerade der Beruf des Kraftfahrers, sollte man meinen, ist ja überall in Europa der gleiche. Das ist er tatsächlich und gleichzeitig auch wieder nicht. Das Arbeiten in der Schweiz zieht viele deutsche Fahrer an. Vermeintlich gibt es deutlich bessere Bezahlung für die gleiche Arbeit. Doch bevor man sich nun eine Stelle sucht, sollte man sich darüber klar sein, ob man weiterhin in Deutschland lebt oder doch in der Schweiz seinen Wohnsitz nimmt. Für Grenzgänger gibt es wenige Probleme. Bis auf die Steuererklärung bleibt alles beim Alten. Das Rechtliche ist durch die bilateralen Verträge geregelt und man kann ohne weiteres die Arbeitsstelle antreten.

Fettnäpfchen Sprache

Etwas anders sieht es aus, wenn man in die Schweiz ziehen möchte. Man muss sich darüber klar sein, dass man ins Ausland zieht. Noch dazu in ein Land, das nicht der EU angehört. Das erste Hindernis, zugleich auch das erste große Fettnäpfchen, ist die Sprache. Mag man meinen, wenn man in der nördlichen Region, also in der Deutsch-Schweiz, über die Grenze kommt, dass es kein Problem mit der Sprache gibt, Das kann sich das rasch ändern. Wenn wir, als Deutsche, uns mit einem Schweizer unterhalten, so spricht er Hochdeutsch, für ihn ist es eine Fremdsprache. Er spricht es aus Freundlichkeit dem Deutschen gegenüber. Wenn sich zwei Schweizer unterhalten, dürfte man anfangs kein Wort verstehen. Macht man dann auch noch kleine Witze über die lustige Ausdrucksweise, so kann es sein, dass der Schweizer gar nicht darüber lachen kann. Er gibt sich Mühe, für den Ausländer deutlich zu sprechen und sieht das dann ins Lächerliche gezogen. Das legt sich aber, wenn man sich besser kennt.

Auf der anderen Seite des Rösti-Grabens

Kommt man dann über den fast verschwundenen "Rösti-Graben“, dann wechselt die Sprache erneut. Das ist eine imaginäre Grenze zwischen der Deutsch-Schweiz und dem Französisch sprechenden Teil. Ab Bern und häufig auch im Jura ist Französisch gefragt. Richtung Süden darf man sich hinter dem Gotthard auf Italienisch umschalten. Um die vierte Sprache, das Rätoromanisch, zu sprechen, muss man wahrscheinlich dort geboren sein. Es lauert wieder ein Fettnäpfchen. Eines der teuren Art. Polizisten können, in der Regel, mindestens zwei, oft alle drei Sprachen. Man sollte also in einer Kontrolle nicht auf Deutsch über sie fluchen.

Tipps zu Behördengängen

Ein Umzug in die Schweiz geht recht problemlos. Meistens hilft der neue Arbeitgeber bei der Suche nach einer passenden Wohnung und den anstehenden Behördengängen. Die Mieten sind, je nach Ort, allerdings oft recht hoch. Eine Kaution kann ein bis zwei Monatsmieten betragen. Das ist sehr unterschiedlich. Eine Wohnung ist immer mit einer Einbauküche, einer Waschmaschine und einem Tumbler (Trockner) ausgerüstet. Die beiden letzten stehen oft im Keller und ein Reglement sagt, wer wann das Nutzungsrecht hat.

Umzugsgut, inclusive der Fahrzeuge, muss man an der Grenze anmelden. Dann darf man es kostenfrei einführen. Zwar darf man Fahrzeuge offiziell zwei Jahre nutzen, aber in der Regel erhält man nach einem Jahr die Aufforderung zum Ummelden. Mit dem COP Dokument ist das problemlos möglich. Das Fahrzeug muss zuerst eine MFK durchlaufen (TÜV). Damit sollte man eine Werkstatt beauftragen. Man ist dann auf der sicheren Seite, denn diese Prüfung ist schon etwas anders als beim deutschen TÜV oder Dekra.

Stichwort Krankenkasse

Ist man nun in der neuen Gemeinde angemeldet, so bekommt man dort ausgiebiges Informationsmaterial.  Die Gemeinden begrüßen die Neuzuzügler immer mit einer Informationsveranstaltung.  Dort werden die neuen Mitbürger offiziell begrüßt. Diese Veranstaltung findet meistens einmal im Jahr für alle neuen Bürger statt. Bei einer guten Tasse Kaffee und einem Essen lernt man so viele Menschen der Gemeinde kennen. So kann man sich leicht einleben und das erleichtert den Start ungemein. Ein wichtiger Aspekt, ganz zu Beginn,ist auch die Frage der Krankenkasse. Man ist in der Schweiz während der Arbeit versichert, allerdings muss man das selbst in die Hand nehmen. Diese Krankenversicherung verschlingt dann schon mal leicht ein Monatsgehalt.

Andere Kostenstruktur

Die Kostensituation in der Schweiz ist eine ganz andere als in Deutschland.  Das meiste ist einfach etwas teurer. Man kann dort keine exakte Linie ziehen. Auffällig sind z.B. Fleisch, Zeitschriften oder  auch das Restaurant. Allerdings, dafür wird man ja auch gut bezahlt. Auch Qualität und der Service sind hier sehr gut. So würde ein Schweizer erst einmal Wert auf Geschmack und Qualität, ebenso auf einen guten Service, legen. Danach erst kommt der Preis. Der Schweizer schätzt auch günstige Preise - aber die Qualität darf nicht darunter leiden. So wird auch unter Arbeitskollegen sehr selten über Verdienstmöglichkeiten geredet. Man ist sich seiner Qualität bewusst und weiß, was man verdienen muss.

Thema Dumpinglöhne

So kommt man zu einem Punkt, der den Schweizern immer wieder sauer aufstößt – die Dumpinglöhne. Viele Grenzgänger aus den Nachbarländern sind froh, wenn sie 75 Prozent eines Schweizer Gehalts bekommen. Damit allerdings gefährden sie die Jobs der  Schweizer. Diese können nämlich nicht auf 25 Prozent  ihres Gehalts verzichten. Dafür ist das Leben hier zu teuer. Gleichzeitig verhindern auch deutsche  und ausländische Firmen, dass man Verbraucherpreise senken könnte. Parallelimporte werden nicht zugelassen.

Im Gespräch, so ganz nebenbei, merkt man am besten an, dass man in der Schweiz lebt. Das bringt manchmal schon sehr viel Wohlwollen ein. Wobei ein Schweizer selten irgendwelche dummen Bemerkungen macht. Es ist eher so etwas wie die kalte Schulter zeigen.

Qualitätsbewusste Schweizer Chauffeure

Der Schweizer Chauffeur ist sich auch durchaus seiner Qualität bewusst. Zwar gibt es auch hier das Be- und Entladen. Aber es ist ein Service, der Anerkennung erfährt. Die Tonart ist eine wesentlich bessere, als ich sie aus Deutschlandgewohnt bin. Allerdings beruht das auf Gegenseitigkeit. Ein Chauffeur, der sich nicht benehmen kann wird in guten Firmen nicht lange im Beruf bleiben. Bei vielen Unternehmen ist der Anspruch an die Qualität der Fahrer hoch. Nur von A nach B zu kommen reicht nicht aus. Diese Firmen gibt es sicherlich auch, aber da möchte man eventuell doch nicht arbeiten.

Weniger Drängler, hohe Strafen

Wenn ich auch oftmals meine Schweizer Kollegen über den Verkehr und das Benehmen anderer Autofahrer schimpfen höre, so empfinde ich das Fahren hier als angenehm. Der Anteil der Drängler und Idioten ist deutlich geringer als in Deutschland. Spurwechsel, Reißverschluss,  gegenseitige Rücksichtnahme, all das geht hier gut. Ausnahmen gibt es auch, und wer den Kölner Ring kennt, der wird sich hier wohl fühlen. Man darf aber nicht vergessen dass man es südlich vom Gotthard mit einem italienischen und ungefähr ab Yverdon  mit einem französisch gefärbten Fahrstil zu tun hat. 

Führerschein schnell in Gefahr

Bei allem Verkehr sollte man sich immer vor Augen halten, dass man in der Schweiz sehr schnell seinen Führerschein verlieren kann. Auch die Strafen sind deutlich höher als in Deutschland.  Sobald ein Gericht mit eingeschaltet wird,  ist auch noch mit sehr hohen Gebühren zu rechnen. Diese übertreffen häufig noch die Höhe der Strafe.

Ein Beispiel: 1 – 5 km/h außerhalb des Orts  zu schnell kostet 40 Franken.  Auch auf den Autobahnen. 25 – 30 km/h kostet es schon mal mindestens vier Wochen den Führerschein.  Innerorts sieht das Ganze natürlich noch schlechter aus. In einer Tempo-30-Zone sollte man also wirklich auf seinen Tacho achten. Wer mit Pkw oder Motorrad gerne schnell fährt ist hier ganz falsch. Es lohnt sich einmal die "via Securia" anzuschauen. Raser erwartet ein Jahr Haft ohne Bewährung. 

Lehrgeld bezahlt

Ich habe mein Lehrgeld bezahlt und genieße das ruhige Fahren auf Schweizer Straßen. Mit dem Lkw darf man generell 80 km/h fahren. Allerdings sollte man schon etwas Erfahrung oder aber den nötigen Respekt und Vorsicht mitbringen, wenn man die Autobahn Richtung Berge verlässt. Dort ist generell das Fahren etwas anders. Man kann Anfang September schon mal winterliche Verhältnisse antreffen. Die Straßen sind enger und manche Ortsdurchfahrt erfordert Rücksicht, Vorsicht und gutes Augenmaß.  Schilder mit Begrenzungen sind sehr ernst zu nehmen. Ansonsten kommen wir schnell wieder zum Thema Strafe zahlen.

Ganz generell ist die Schweiz ein Land mit hoher Lebensqualität. Wenn man sich etwas anpasst, kann man hier prima leben und arbeiten. So wie jeder, der in eine neue Heimat zieht, sollte man die Gastfreundschaft annehmen und mit den Schweizern leben.

Autor

Datum

29. November 2017
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