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Foto: Stefanie Kösling

Personalarbeit

Paletten schieben reicht nicht

Prof. Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt University of Applied Science über das Personalproblem in der Logistik und die Gewinnung von Nachwuchs.

trans aktuell: Herr Prof. Schocke, für das 1. HR-Summit Logistik & Mobilität betreuen sie gerade eine Studie. An wen richtet sich diese?

Schocke: Sie richtet sich an Personalverantwortliche und Führungskräfte aus Logistikunternehmen sowie Unternehmen aus Industrie und Handel, die Logistik betreiben. Wir wollen aufzeigen, wie Unternehmen Mitarbeiter gewinnen, wie sie Mitarbeiter halten und warum sie sie verlieren – und was man daraus lernen kann. Zudem wollen wir anhand von Best-Practice-Beispielen zeigen, welche Anstrengungen für gute Personalarbeit unternommen werden könnten.

Warum hat die Branche ein Problem, Mitarbeiter zu finden?

Das grundsätzliche Problem der Logistik ist, dass das Image noch sehr mit Lkw-Fahrern und Lagermitarbeitern verbunden wird und eher negativ besetzt ist. Dies äußert sich auch im Arbeitskräftemangel. Aus meiner Sicht ist Logistik aber unglaublich spannend. Sie vernetzt alle operativen Prozesse, ohne Logistik funktioniert nichts.

Aber die Branche unternimmt ja schon viele Anstrengungen, um etwa Lkw-Fahrer zu finden.

Das ist richtig. Neben Lkw-Fahrern und Geschäftsführung trifft aber gerade das mittlere Management, die Disponenten und Planer die operativen Entscheidungen. Sie planen die Produktion, bestimmen den Einsatz der Lkw, legen die Wahl des Verkehrsträgers fest. Dort besteht auch großer Bedarf nach qualifiziertem Personal.

Sie sagen also, dass die Branche diese Gruppe ein wenig aus dem Blick verloren hat?

Ja. Sowohl in der Logistik als auch im produzierenden Gewerbe wird oft derjenige Disponent, der seinen seitherigen Job gut gemacht hat und mit einem Bürojob belohnt wird. Aus meiner Sicht fehlt das weiterführende Know-how.

Wobei auch viele ausgebildete Speditionskaufleute den Job in der Disposition machen.

Das ist auch gut so, weil sie Wissen mitbringen. Bei Seiteneinsteiger fehlt allerdings oft schon das Basiswissen. Hier muss man unbedingt in die Weiterbildung investieren und zudem auch Wissensimpulse von außen setzen.

Wieso ist das so?

In der Logistik ist Prozessdenken wichtig. Viele Unternehmen denken bei Ausbildung und Stellenbesetzung noch immer zu funktionsbezogen. In einer Untersuchung zusammen mit den Beratern von Ernst & Young haben wir festgestellt, dass Unternehmen aber nur dann erfolgreich sind, wenn sie mit ihren Lieferanten und ihren Kunden, aber auch intern, kooperieren. Wesentlich ist also der Informationsaustausch. Das gelingt nur, wenn das auch die Mitarbeiter wissen und mit einbezogen werden.

Haben die Unternehmen zu wenig Mut?

Die meisten Unternehmen laufen sprichwörtlich blind durch die Gegend – sie sind zwar sehr gut in ihren Kernkompetenzen, Kooperation und Zusammenarbeit finden hingegen kaum statt. Wer sich aber dem Kunden gegenüber als Experte gibt, der muss auch über wissende Mitarbeiter verfügen. Ein Lagermitarbeiter muss heute nicht nur eine Palette durch das Lager schieben, sondern sich mit IT-Equipment auskennen und die neuste Kommissionier-Technologie beherrschen. So etwas ist aber nicht zu leisten, wenn schon durch das Gehalt gezeigt wird, dass der Mitarbeiter nichts wert ist.

Und die Entlohnung spielt eine ganz wichtige Rolle …

Wenn das Geschäftsmodell auf Kostenführerschaft aufbaut, muss ein Unternehmen Kosten sparen – auch bei den Personalkosten, einem großen Kostenblock in der Logistik. Wer seinen Kunden einen Zusatznutzen bieten will, auch Dank der Kompetenzen seiner Mitarbeiter, wird es sich auch leisten können, seine Mitarbeiter besser zu entlohnen – und ihnen interessantere Jobs bieten.

Was kann die Personalabteilung tun?

Ich würde mir wünschen, dass die Jobs der Vergangenheit nicht einfach fortgeschrieben werden, sondern in Zusammenarbeit mit der Abteilung überlegt wird, wie das Geschäftsmodell des Unternehmens zukünftig aussehen wird und welche Fertigkeiten der neue Mitarbeiter braucht, damit dieses Geschäftsmodell umgesetzt werden kann. Dann kann die Personalabteilung die richtigen Mitarbeiter beschaffen oder auch vorhandene Mitarbeiter weiterbilden.

Sind die sozialen Medien der richtige Weg, um Personal zu finden?

Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Die jungen Leute sind nur vermeintlich digital unterwegs – die meisten bedienen lediglich Whatsapp und Facebook. Meine Studenten kommunizieren viel mit ihren Freunden, nutzen die sozialen Medien aber nicht, um sich weiterzubilden. Zudem ist die Fülle an Angeboten im Internet zu groß. Die wirkliche Nutzung von sozialen Medien erfolgt in der Generation, die schon im Job ist.

Also macht der Ausbildungstag in der Schule und die Jobmesse vor Ort auch bei der Generation Z weiter Sinn?

Durchaus.

Und wie rekrutiert man am besten die Hochschulabsolventen?

Wir haben ausgesprochen gute Erfahrungen mit unserem Anwendungsbezug gemacht: Unternehmen stellen uns Aufgaben, die von einer Gruppe von Studenten dann während des Semesters gelöst werden. So kommen die Studenten in Kontakt mit den Unternehmen und diese können die Studenten konkret ansprechen. Also: An Hochschulen herantreten, interessante Projekte anbieten – so kommt der Kontakt zustande. Das kann sich auch ein Mittelständler zunutze machen.

Zur Person

  • Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke folgte 2011 dem Ruf der Frankfurt University of Applied Science auf die Professor für Produktion und Logistik. Davor war er Professor für E-Commerce und SCM an der FH Worms
  • Vor seinem Wechsel in den Hochschulbetrieb war er 14 Jahre bei der Degussa (heute: Evonik Industries) in Leitungsfunktionen in Produktion, Logistik, Marketing sowie in Ergebnisverantwortung für eine Produktionslinie
  • Schocke ist studierter Wirtschaftsingenieur (TU Darmstadt und Université Louis Pasteur, Strasbourg)

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Ilona Jüngst

Autor

Datum

22. April 2016
5 4 3 2 1 0 5 0
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