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Foto: Herbert Schwichtenberg

Kraftfahrerkreise treffen sich in Kassel

Gemeinsam gegen Missstände

Beim Treffen der Organisatoren der elf deutschen Kraftfahrerkreise in Kassel wurde ein neuer Beirat gegründet, um die gemeinsamen Interessen der hochengagierten Fahrerorganisation besser nach außen zu vertreten. Erster Gast war eine Delegation des BGL aus Frankfurt.

Vor sieben Jahren hat der Verdi-Fachsekretär Patrick Gerson aus dem Landesfachbezirk Bayern die Idee der Kraftfahrerkreise (KfK) geboren. Er lud Lkw-Fahrer aus seinem Bezirk Aschaffenburg in den Autohof Kleinostheim an der A 3 ein. Dort entstand der KfK Aschaffenburg-Miltenberg. Viermal im Jahr treffen sich dort seither bis zu 60 Fahrer, tauschen sich aus, laden Gäste zu Diskussionen ein und bekommen handfeste Informationen zum Arbeits- und Tarifrecht. Eine Mitgliedschaft in Verdi ist nicht erforderlich, viele Fahrer haben im Laufe der Zeit allerdings die Vorteile erkannt und sind in die Gewerkschaft eingetreten. Lange Zeit existierte der KfK Aschaffenburg-Miltenberg etwas im Verborgenen, bis auch andere gut vernetzte Fahrer durch einen Bericht im FERNFAHRER auf die Initiative der bayerischen Kollegen aufmerksam wurden. Im Februar 2016 kam es zu einem heute schon legendären Treffen in Kleinostheim, dem im Mai ein Besuch bei Verdi in Berlin folgte. 

Bundesweite Unterstützung der KfK durch Verdi

In rascher Folge haben sich bis heute elf Kraftfahrerkreise in Deutschland gegründet. Ihre Ziele und Leitlinien sind auf der gemeinsamen Homepage hinterlegt. Einige der regional unabhängigen Organisatoren haben sich entschlossen, sich als sogenannte Betriebsgruppe enger an den jeweiligen Landesfachbezirk von Verdi zu binden, andere agieren unabhängig oder wünschen sich mehr Unterstützung durch die Gewerkschaft. Diese Organisationsform ist jedem KfK selbst überlassen. Entscheidend ist allerdings: aus dem Team der Organisatoren der elf KfK ist innerhalb kurzer Zeit eine bestens vernetzte Gruppe von engagierten Fahrerinnen und Fahrern geworden, die einerseits den direkten Kontakt zu den Kollegen auf der Straße aufrechterhalten und andererseits über ein gebündeltes erhebliches Fachwissen verfügen. 

Das wurde nun mit den aktuellen Neugründungen der KfK Wuppertal-Bergisches Land durch Lars Borck und Udo Skoppeck sowie Stuttgart-Bodensee unter anderem durch Michael Zetsche noch einmal erweitert. Borck und Zetsche sind im Vorstand der Hells Truckers e.V. Sie wollen, wie die Mitglieder der KfK und der Allianz im deutschen Transportwesen (A.i.d.T) um Udo Skoppeck, letzten Ende alle dasselbe: eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse durch positivere Wahrnehmung der Berufskraftfahrer (BKF) in der Öffentlichkeit. In den Kraftfahrerkreisen finden sich diese Fahrerorganisationen nun teilweise vereint – und das, ohne ihre jeweiligen eigenen Ziele aufzugeben. Das Motto: Gemeinsam sind wir stärker! 

Neue Struktur der KfK-Organisatoren

Die gebündelte Macht solcher Fahrerorganisationen, zu denen im Grunde auch der Fachbereich Speditionen, Logistik und KEP von Verdi zählt, denn er tritt für die gleichen Ziele ein, ist in seiner Gesamtheit noch nie abgerufen worden. Einige Mitglieder der KfK wie Burkhardt Taggart und Andreas Kernke wollen sich nun innerhalb der Verdi-Organisation stärker engagieren, um dort als ehrenamtliche Vertreter dem Anliegen der Fahrer eine gewichtigere Stimme zu verleihen. 

Beim ersten Treffen der Organisatoren der KfK dieses Jahres am 13. Januar im Autohof Lohfeldener Rüssel in Kassel hat sich die gewachsene Gemeinschaft nun eine zusätzliche Struktur gegeben. Die KfK-Organisatoren wählten mit Sven Fritzsche, Andy Bönig und Wolfgang Schiffers einstimmig einen Beirat, der künftig über weitere Neugründungen von KfK mitentscheidet und diese Kolleginnen und Kollegen auch unterstützt. Denn, das hat sich im vergangenen Jahr ebenfalls gezeigt, die ehrenamtliche Arbeit für die einzelnen KfK bedeutet sehr viel Arbeit neben dem eigentlichen Fahrerjob. Sie setzt zudem ein Grundwissen über die Rechte und Pflichten der Fahrer voraus, verlangt nach Kontaktfreudigkeit im Umgang mit den potenziellen Gästen aus der Politik und von den Kontrollbehörden sowie den Arbeitgeberverbänden. Dazu bedarf es auch Durchhaltevermögen – etwa dann, wenn nicht gleich beim ersten Treffen die geladenen Fahrer in Scharen zu den Treffen strömen. Bei vielen Lkw-Fahrern herrscht zudem immer noch ein Vorbehalt gegenüber der Gewerkschaft Verdi selbst, der allerdings unbegründet ist. Denn gerade über die KfK bekommen Fahrer viele wertvolle Informationen, die bislang den Verdi-Mitgliedern vorbehalten waren. 

Neuer Außenbeauftragter der KfK

Wer meine nunmehr 30jährige journalistische Arbeit verfolgt, stellt fest, dass ich für den FERNFAHRER und in meinen Blogs auf eurotransport.de immer wieder über die Arbeit der einzelnen Fahrerorganisationen und zunehmend der KfK berichtet habe. Als Gründungsmitglied des KfK Düren-Aachen habe ich dort durch meine Kontakte einige Diskussionsgäste geladen. Auf Einladung von FERNFHRER präsentierten sich die KfK beim vergangenen Truck Grand Prix auf dem Nürburgring. Das soll 2018 fortgesetzt werden. Auch unterhalte ich regelmäßige Kontakte sowohl zu den Vertretern der Bundesverwaltung  von Verdi in Berlin als auch zu den Arbeitgeberverbänden, zur Politik in Berlin sowie zur Zentrale des BAG in Köln. In der Vergangenheit habe ich durch meine Kontakte bereits einiges für die KfK in die Wege geleitet. Seit dem 13. Januar bin ich nun der offiziell gewählte "Außenbeauftragte" des neuen KfK-Beirats.

Gespräche auf Bundesebene zwischen Verdi und BGL

Die Verhandlungen über die tariflichen Löhne und Arbeitsbedingungen im Transportgewerbe finden in Deutschland turnusmäßig alle zwei Jahre zwischen den Landesarbeitgeberverbänden und den Landesfachbezirken der Gewerkschaft Verdi statt. Leider betreffen die dort erzielten Ergebnisse auf beiden Seiten eine immer kleiner werdende Gruppe, weil einerseits der größte Teil der Fahrer nicht in der Gewerkschaft organisiert ist und andererseits immer mehr Transportunternehmen sich aus der Tarifgemeinschaft verabschieden. Helfen würde hier also nur eine für alle Fahrer und Unternehmer geltende Allgemeinverbindlichkeit - wie es in den Niederlanden üblich ist. Das wiederum scheitert an den noch unterschiedlichen Interessen der Tarifpartner. Auf politscher Ebene gibt es bei Verdi die Bundesverwaltung in Berlin und als Gegenüber den Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). 

Beim BGL ist seit einem Jahr mit Prof. Dirk Engelhardt ein neuer Hauptgeschäftsführer im Amt, der den alteingesessenen Verband nun von Grund auf umgestaltet und alte Strukturen aufbricht. (siehe auch FERNFAHRER 12/2017 und das Interview mit Stefan Thyroke von der Verdi-Bundesverwaltung in FERNFAHRER 2/2018). Der BGL agiert vor allem auf politischer Ebene in Berlin und Brüssel. Er trifft sich ebenfalls mit den Spitzenvertretern der Verdi-Bundesverwaltung. Dabei geht es auch um eine möglichst gemeinsame Linie bei Themen wie dem Fahrermangel, der Ausbildung, den Arbeitsbedingungen, dem Image der Branche, der Situation an den Rampen und die Entscheidungen in Brüssel zum Mobilitätspaket der EU-Kommission. Natürlich sind die Interessensvertreter nicht immer einer Meinung, oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall. Immerhin: die Vertreter sprechen miteinander.

Die Fahrer wollen gerne mitreden

Bei allem fällt eines auf: Es wird derzeit viel über die Fahrer und über die Umstände ihres Berufes entschieden. Nur mit den Fahrern selber hat bislang niemand geredet, weder bei Verdi noch beim BGL. Eigentlich war eine zentrale Idee der Kraftfahrerkreise, dass die Bundesverwaltung von Verdi auf das Wissen der in den KfK organisierten Fahrer zurückgreift, um ein authentisches Feedback von der Straße zu bekommen. Denn im zuständigen Fachbereich arbeiten zwar viele engagierte Menschen, die aber aus zahlreichen anderen Bereichen kommen, allem voran aus den Postdiensten. Das Know-how der Fahrer aus den KfK hat Verdi bislang nur einmal abgefragt - nämlich zur Situation an der Laderampe. 

Der BGL zu Gast bei den KfK

Diese Chance hat nun der BGL erkannt. Und so gab es beim Treffen der Organisatoren der KfK in Kassel den Besuch einer BGL-Delegation aus Frankfurt um Prof. Dirk Engelhardt mit Nina Zimmermann (Persönliche Referentin des Hauptgeschäftsführers), Miriam Schwarze (designierte Abteilungsleiterin der Grundsatzabteilung) und Herbert Schwichtenberg (Referent in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Wirtschaftsbeobachtung) sowie Christian Richter (Geschäftsführer der Fachvereinigung Güterkraftverkehr im GVN, Hannover), der bereits mehrmals beim Treffen des KfK Hannover-Hameln anwesend war. 

In einem Gespräch von gut einer Stunde entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen Fahrern und BGL-Vertretern, bei der nahezu alle Sorgen und Nöte der Fahrer zur Sprache kamen und von Dirk Engelhardt und seinem Team offen und ehrlich beantwortet wurden. Man kann es nicht anders beschreiben: Engelhardt war begeistert von der versammelten Kompetenz der Fahrer. Beim nächsten Treffen mit Andrea Kocsis, der stellvertretenden Bundesvorsitzenden von Verdi, will er über diese Begegnung berichten.

Geplante Umfrage des BGL

Als erste konkrete Maßnahme bekommen die Organisatoren der KfK nun vorab den geplanten Fragebogen des BGL zu sehen, mit deren Ergebnis Engelhardt später bei der EU in Brüssel die Vertreter des Europäischen Parlaments über die Vorstellungen der deutschen Fahrer zu den geplanten Maßnahmen im Mobilitätspaket konfrontieren möchte. Auch ist das Wissen über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen der Fahrer kaum vorhanden, es herrscht vielmehr Unwissenheit vor. Mit den Anmerkungen der KfK will der BGL dann in absehbarer Zeit die Umfrage starten – auch über das Netzwerk der KfK und der darin vertretenen Fahrerorganisationen. Sogar ein ständiger Austausch mit einer wechselnden Delegation der KfK beim BGL in Frankfurt ist im Gespräch. Eine Möglichkeit, die auch Verdi jederzeit zur Verfügung steht. Beim nächsten Treffen der Organisatoren der KfK in Kassel im Frühjahr auf Einladung der Verdi-Bundesverwaltung wird auch dieser Punkt zur Sprache kommen. 

Autor

Datum

15. Januar 2018
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