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Foto: Frei für Daimler AG

Interview mit Kai Sieber

Neues Designkonzept bei Mercedes-Benz

Kai Sieber, Leiter Design Brands bei Mercedes-Benz, über das neue Designkonzept der sogenannten Sinnlichen Klarheit und deren spezielle Spielart beim Nutzfahrzeug.

Future Truck 2025 und auch Urban eTruck bieten ein ziemlich ungewohntes Bild. So große Sprünge ist man von Mercedes-Benz doch eher nicht gewohnt?

Sieber: Die Jahreszahl "2025" stand ja mit Bedacht hinter der Bezeichnung "Future Truck". Da konnte das Design also schon einen guten Schuss Futurismus vertragen. Natürlich muss man bei Konzeptfahrzeugen auch berücksichtigen, dass eben keine Facelift-Diskussionen angestoßen werden.

Aus dem Urban eTruck könnte aber schon etwas schneller ernst werden?

Sieber: Wenn Sie die Seitenpartie des Urban ­eTruck anschauen, dann sehen Sie gleich, dass die identisch mit unseren aktuellen Lkw ist. Somit illustrieren beide Fahrzeuge gerade eines sehr schön: Wie weit wir mit dem heutigen, puristischen Rohbau in die Zukunft gehen können.

Beiden Lkw fehlt die horizontale Bewegungs­fuge, ohne die es in der Praxis aber schlecht geht. Wie realistisch sind solche Studien?

Sieber: Sie dürfen eben gern auch ein wenig pointieren. Das Fehlen der Bewegungsfuge unterstreicht gewissermaßen die Andersartigkeit. Klar ist aber auch, dass der Nachfolger der heutigen Generation nicht genauso aussehen kann. Trotzdem ist bei diesen Fahrzeugen vieles angedeutet, was dem Bestehenden entspricht. Beim Future Truck 2025 sind das angedeutete Luftleitbleche oder das horizontale "Maul" zum Beispiel. Stellen Sie sich das Fahrzeug einmal mit Bewegungsfuge, mit etwas traditionelleren Scheinwerfern und Einlässen für die Kühlluft dort vor, wo sie hingehören. Dann kommt ein spannender Kompromiss dabei heraus.

Beim bisher Gezeigten können allerdings schnell Erinnerungen an die Staubsaugerabteilung im Mediamarkt wach werden. Ist das die neue Designphilosophie der Sinnlichen Klarheit?

Sieber: Es kommt ja nicht von ungefähr, dass wir dann auch mit diesen Kontrasten spielen und diese organischen Formen mit geometrischen Elementen verbinden. Generell gehören Kontraste zu den stärksten gestalterischen Mitteln überhaupt.  So haben wir zum Beispiel auch im Future Truck noch eine Linie beibehalten, weil die Anmutung sonst zu amorph geworden wäre. Aber tatsächlich ist es so, dass wir uns jetzt erstmals seit den 50er-Jahren beim Lkw-Design wieder mehr an organischen Formen orientieren und die stark kubisch geprägte Formensprache hinter uns lassen. Das Schlagwort dafür lautet "Natural Attraction" und meint körperhaft anmutende, spannungsvoll-muskulös modellierte Formen, haptisch erfassbare Materialien, Farben und Stimmungen; was die Menschheit schon immer fasziniert hat und immer faszinieren wird.

Der Actros von heute ist gepfeilt, gelöchert und generell stark konturiert. Wie passt das zusammen?

Sieber: Er fügt sich trotzdem schon in dieses Konzept. Das können Sie bereits daran sehen, dass eben auch hinter oder unter der Fassade des Future Truck 2025 nichts anderes steckt als der Rohbau des heutigen Actros. Und obwohl dieses Fahrzeug konzipiert wurde, bevor die Designphilosophie der Sinnlichen Klarheit formuliert war, weist es doch schon deutlich in genau diese Richtung. Die Seitenpartie verzichtet zum Beispiel im Gegensatz zu den drei Generationen des Actros zuvor auf eine umlaufende Sicke, ist also viel klarer und reiner – und somit auch langlebiger – ausgeführt.  Dann ist der Grill schwimmend gelagert und es sind im Vergleich zu vorher viele Fugen aus der Front verschwunden.

Sinnliche Klarheit klingt nach einem umfassenden ästhetischen Programm. Früher hieß es allenfalls mal "Form folgt Funktion". Woher die große Geste?

Sieber: Es geht zunächst einmal darum, ein ganzheitliches Design für das Erscheinungsbild sämtlicher Produkte von Daimler sowie des Unternehmens selbst zu schaffen. Dies beschreibt der holistische Ansatz der Designphilosophie. Im Fokus steht hierbei die Hauptmarke Mercedes-Benz, deren Diversifizierung laufend fortschreitet. Das ist einer der Gründe, warum ein konsequentes Design wichtiger denn je ist. Es hat das Markenversprechen überall zu transportieren. Beim Pkw ist es inzwischen so, dass den Ausschlag zum Kauf heutzutage in erster Linie das Design gibt. Ich bin jetzt nicht so vermessen, das auch vom Lkw zu behaupten. Aber auch da spielt der Eindruck eine Rolle, den der Lkw äußerlich macht. Das Design muss die für Mercedes typischen Marken-Werte verkörpern, die der Kunde zu Recht von uns erwartet. Also Dinge wie Langlebigkeit, Zuverlässigkeit, Leistungsfähigkeit, sprich Qualität, oder auch Wirtschaftlichkeit und Innovations-Führerschaft.

Pkw-Broschüren des Hauses definieren die Sinnliche Klarheit gern als Ausdruck von "modern ­luxury". Das zeigt doch eher in Richtung Jachthafen als Betriebshof. Wo bleibt da das Handfeste für den Lkw?

Sieber: Es kommt drauf an, was man draus macht, also wie man den Fokus worauf legt. Das Beispiel V-Klasse und Vito zeigt sehr schön, wie die Trennung der Sphären Pkw und Nutzfahrzeug selbst durch ein und das gleiche Grundfahrzeug gehen kann. Die V-Klasse verkörpert sowohl Intelligenz als auch Emotion und damit einen modernen Luxus, während der Vito mit Werten wie Funktionalität, Langlebigkeit und Solidität für eine moderne Klarheit steht. Mit Blick auf den Lkw wäre zu sagen, dass naturnahe Formen eben auch für Aerodynamik und Nachhaltigkeit stehen. Klar haben Nutzfahrzeuge längere Produktzyklen als Pkw. Dort werden wir deshalb stets mehr auf der "cleanen" Seite bleiben und kurzlebige Features nicht spielen.

Also doch "Form folgt Funktion"?

Sieber: Beim Lkw-Design trifft dies in gewisser Weise den Punkt. Und dies war ja der ursprüngliche Ansatz des Bauhauses im frühen 20. Jahrhundert: eine Gegenbewegung zu der damals industriell produzierten, artifiziell überfrachteten Massenware. Genau diese Schnörkellosigkeit macht deren Produkte, wie zum Beispiel die berühmte Wagenfeld-Lampe aus den 30er-Jahren, so ungeheuer langlebig.

Zielt Sinnliche Klarheit auf Ikonisierung?

Sieber: Es gilt in der Tat, das Markenversprechen in Attribute umzusetzen und so Ikonen zu schaffen. Oder besser gesagt: diese immer wieder mit neuem Leben zu erfüllen, egal ob Actros, S-Klasse oder SL. Wichtig ist dabei auch eine gewisse Authentizität. Fatal wäre, wenn das Design mehr versprechen würde, als das Produkt zu halten in der Lage ist.

Ästhetische Qualität lebt von Variation und Innovation. Was kommt denn, wenn man als Point of no Return alle Linien weggelassen hat?

Sieber: Da tut sich eine ganz eigene Welt der Komplexität des Linienlosen auf; ich verweise nur auf die Seitenpartie des neuen E-Klasse-Coupés. Das ist wie bei einem Muskel eine Spielwiese reinsten Wassers.

Irgendwo also doch auch "Funktion folgt Form"?

Sieber: Beim Lkw ganz sicher nicht. Da hat Funktionalität, die sich ja letztendlich auf die Wirtschaftlichkeit auswirkt, prinzipiell Vorrang. Allerdings ist dies in Verbindung mit ansprechendem Design kein Widerspruch. Bestimmte organische Formen, um die es bei Sinnlicher Klarheit geht, sind ja auch in Hinsicht auf Aerodynamik zweifelsohne perfekte Vorbilder. So, könnte man sagen, schließt sich der Kreis beim Nutzfahrzeug.

Wie weit machen neue Design-Tools und Produktionsmethoden heute ganz neues Design möglich?

Sieber: Guss mit Kunststoff erlaubt es zum Beispiel, technisch äußerst komplexe Produkte günstiger zu bauen als früher. Sonst aber habe ich eher den Eindruck, dass man heute unter Kostengesichtspunkten viele Finessen nicht mehr macht, die früher ohne Weiteres praktiziert wurden – wenn auch mit enormem Aufwand. Bei den Design-Tools gab es in den 90er-Jahren mal einen großen Hype mit CAD-Programmen. Aber dass wir wie schon in den 60er-Jahren erst einmal handwerklich mit Ton arbeiten, daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass 3D-Drucker künftig verstärkt eine Rolle spielen können. Damit ist es möglich, Sachen zu drucken, die nicht „entformbar“ sind, wie wir sagen. Damit rücken beispielsweise netzartige Strukturen in greifbare Nähe, die man bis jetzt nur aus der Natur kennt.

Die Evolution der Technik legt ein ganz anderes Tempo vor als die in der Natur. Was bedeutet das fürs Fahrzeugdesign?

Sieber: Es könnte einem schwindlig werden bei dem Tempo, in dem die Technik marschiert. Noch nie standen der Branche so viele Umbrüche bevor wie in unseren Tagen. Wir haben da eine enorme Vielzahl an Diskussionen mit vollkommen offenem Ausgang. Um nur ein paar zu nennen: Was bedeutet die CO2-Reduktion einerseits für den Pkw, andererseits für den Lkw? Was kommt auf die Mobilität in Form der Vernetzung sowie des autonomen Fahrens zu? Wohin geht bei Pkw und Lkw jeweils die Reise mit der Elektromobilität?

Was für die Praxis hieße?

Sieber: Da ist zum Beispiel das Thema zusätzlich erlaubte Länge des Lkw: Wäre das nur in bessere Aerodynamik umzumünzen oder vielleicht nicht auch in eine innen verlängerte und anders strukturierte Kabine, die das Berufsbild des Lkw-Fahrers attraktiver machen könnte? Die vielleicht aber auch deswegen anders auszusehen hätte, weil das autonome Fahren eine andere Nutzung, womöglich mit ganz anderen Schwerpunkten, mit sich bringt.

Zugleich lautet aber die Perspektive für die Produktzyklen doch, dass die wohl eher sehr auf Schrumpfkurs sind?

Sieber: Das ist ja beileibe noch nicht alles. Für strategische Entscheidungen ist die Sichtweite obendrein erheblich zurückgegangen. Es hat schon einigen Mut erfordert – wie jetzt geschehen –,  eine neue Kabinen-, Chassis- und Motorengeneration, alles auf einmal, neu zu entwickeln. Künftig wird es noch weniger Reaktionszeit geben, aber die Investitionen müssen sich ja trotzdem rechnen. Strategische Entscheidungen werden also nicht leichter.

Wie hilfreich ist da die Sinnliche Klarheit – ein Begriff, der genau genommen ja auch eine gewisse widerspüchliche Qualität hat?

Sieber: Und genau darum geht es, Gegensätze – die Bipolarität aus Emotion und Intelligenz – perfekt zu verbinden. Unsere Produkte sind gleichzeitig hot und cool. Dies ist sozusagen die adäquate Antwort auf all diese externen Gegebenheiten. Wir hatten tatsächlich noch nie eine so klare Fernsicht wie mit unserer Designphilosophie. Sie ist einerseits Vision und bietet andererseits fein abgeschmeckte Rezepturen, gleichzeitig aber auch klar definierte Richtlinien. Diese werden bei jedem Fahrzeug entsprechend anders interpretiert in die Tat umgesetzt, sodass dessen Herkunft stets erkennbar bleibt. Es ist tatsächlich so: Je stärker sich die Sicht auf das verkürzt, was in der Gesellschaft auf uns zukommt, desto mehr Orientierung und Konsistenz gibt die Philosophie der Sinnlichen Klarheit unserem Design auf lange Sicht.

Das Gespräch führte Michael Kern.

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 06/2017.
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Datum

13. Mai 2017
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