Highway Pilot 8 Bilder Zoom
Foto: Jacek Bilski

Highway Pilot von Daimler

Mit Autopilot über die Autobahn

Die Fachzeitschrift trans aktuell war exklusiv mit Daimler-Lkw-Entwicklungsleiter Ennerst und Baden-Württembergs Verkehrsminister Hermann auf Tour mit Daimler Highway Pilot.

Wer einen 40-Tonner steuert, sollte die Hände nicht vom Lenkrad nehmen. Er sollte sie erst recht nicht sekundenlang in die Höhe strecken und dabei schelmisch grinsen. Doch Sven Ennerst tut genau dies – und scheint seine kleine Auflehnung gegen die Straßenverkehrsordnung sichtlich zu genießen. Er ist mit seinem Sattelzug auf einer der am dichtesten befahrenen Autobahnen Deutschlands unterwegs: der A 8, auf dem Abschnitt zwischen dem Flughafen Stuttgart und Wendlingen in Baden-Württemberg.

Der Mann mit dem weißen Hemd und der rahmenlosen Brille weiß jedoch, was er tut – dass er die anderen Verkehrsteilnehmer nicht in Gefahr bringt und dass er nicht wirklich gegen die Verkehrsregeln verstößt. Ennerst ist Chef der Produktentwicklung in der Lkw-Sparte des Fahrzeugbauers Daimler. Das Fahrzeug, in dessen Kabine er es sich bequem gemacht hat, ist ein besonderes: Es ist der erste teilautonom fahrende Lkw mit Straßenzulassung in Europa. Nach der Wiener Straßenverkehrskonvention ist es dessen Fahrer gestattet, mit Autopilot zu fahren, sofern er jederzeit intervenieren und die Systeme übersteuern kann. Das Fahrzeug ist ein Schritt auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft und soll Erkenntnisse zum vernetzten und  autonomen Fahren liefern.

Highway Pilot available

Der Autopilot heißt bei Daimler Highway Pilot. Die zwei Wörter prangen in großen Lettern sowohl auf der schwarzen Actros-Zugmaschine als auch auf dem aerodynamisch gestalteten weißen Sattelauflieger. Ansonsten aber ist der Lastzug für Außenstehende nicht von einem konventionellen zu unterscheiden, bei dem der Fahrer auch weiterhin nicht die Hände in die Luft strecken und dabei schelmisch grinsen darf.

"Highway Pilot available", melden die Instrumente im Cockpit wenige Augenblicke, nachdem Ennerst den Rasthof Denkendorf verlassen und sich auf der A 8 in Richtung Flughafen eingeordnet hat. Die Voraussetzungen für autonomes Fahren sind erfüllt, wenn das GPS-System erkennt, dass sich das Fahrzeug auf der Autobahn befindet und die Kamera die Fahrbahnmarkierungen erfasst.

Ennerst bestätigt, indem er den Knopf mit den Buchstaben "RES" am Lenkrad drückt. Dieser aktiviert üblicherweise den Tempomaten. Im Fall des Actros mit Highway Pilot aber übergibt der Fahrer damit das Kommando über sein Arbeitsgerät an die Systeme. Kaum ist der Highway Pilot eingeschaltet, hält das Fahrzeug selbstständig die Spur, bremst, beschleunigt und schwimmt im Verkehr mit. Ein blaues Autobahnsignal erscheint dazu im Display.

Es muss aber nicht die A 8 sein: Das Fahrzeug, das am 2. Oktober seine Jungfernfahrt absolvierte, darf nach Zustimmung des Regierungspräsidiums Stuttgart alle Straßen der Republik befahren. Diesen Freifahrschein nutzte kürzlich auch Chefentwickler Sven Ennerst, um Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sowie trans aktuell zu einer Ausfahrt mitzunehmen. Hermann genoss die Mitfahrt sichtlich und bedauerte hinterher: "Schade, dass ich nicht fahren darf."

Keine Zukunftsmusik mehr

Doch auch Beifahrer kommen auf ihre Kosten: Sie erleben, dass automatisiertes Fahren keine Zukunftsmusik ist, sondern zumindest technisch aufgrund der jetzt schon verfügbaren und im Actros verbauten Systeme machbar ist. Der Lkw bremst selbstständig ab, als ein Pkw zu eng vor ihm einschert. Er fährt angepasst auf der rechten Fahrspur – und dort immer schön in der Mitte.

Möglich macht es ein raffiniertes Zusammenspiel verschiedener Systeme: Ein Radarsystem berechnet den Abstand zum Vordermann. Es ist Teil des Lkw-Sicherheitspakets, das auch beim Abstandsregeltempomaten und dem Notbremsassistenten zum Einsatz kommt. Das zweite System ist eine Stereokamera. "Sie kann mit zwei Augen räumlich sehen", erläutert Ennerst. Sie hat die rechte und linke Fahrbahnmarkierung im Blick und leitet diese Informationen weiter, damit der Lkw sich korrekt dazwischen halten kann.

Und zu guter Letzt weiß das Fahrzeug dank entsprechender Telematik jederzeit, wo es sich befindet. Die Tour mit Hermann und trans aktuell war entsprechend programmiert, sodass das Cockpit rechtzeitig vor der Autobahnausfahrt meldet: „Take Control“ – eine Aufforderung an den Fahrer, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Dieser ist an Bord weiterhin unverzichtbar und muss auch im nachgeordneten Netz das Fahrzeug sicher durch den Verkehr lotsen.

Sven Ennerst meistert diese Aufgabe bravourös. "Sie fahren, als wäre das Ihr Job", sagt Minister Hermann anerkennend. Der Daimler-Mann quittiert das Lob mit einem Lächeln, bezeichnet sich aber als "Schreibtischtäter", der viel zu selten am Steuer sitze. Beide sind sich darin einig, dass das autonome Fahren eine wichtige Stellschraube ist, um die Sicherheit im Straßenverkehr spürbar zu erhöhen. Denn die Systeme werden nicht müde, kennen keinen Sekundenschlaf und können jederzeit eingreifen, wenn Gefahr droht – und so zum Beispiel eine Notbremsung einleiten.

Sicherheit ist Triebfeder

"Die Sicherheit ist für uns der erste Grund, diese Systeme zu testen", betont Hermann. Unfälle mit Lkw-Beteiligung enden nicht selten gravierend. "Und in der Folge bricht häufig das ohnehin schon stark belastete Verkehrsnetz zusammen." An zweiter Stelle steht die Aussicht auf mehr Effizienz: Intelligente Fahrzeuge wissen, was um sie herum passiert. Sie kennen dank der GPS-Daten das Streckenprofil und richten Geschwindigkeit und Schaltung danach aus. Diese vorausschauende Fahrweise wirkt sich positiv auf den Verbrauch aus.

"Trotz dieser Fortschritte ist der Lkw aber energetisch noch lange nicht so effizient wie der Schienenverkehr", entgegnet Minister Hermann. Es ist kein Geheimnis, dass er Güterverkehre lieber auf der Schiene sehen möchte. Ihm ist aber auch klar, dass es ohne Lkw nicht geht. Also soll dieses Verkehrsmittel zumindest so sicher und ressourcenschonend wie möglich unterwegs sein. Als Drittes teilt er mit Ennerst den Wunsch, dass die innovative Technik auch den Fahrerarbeitsplatz aufwertet.

Dass das Kapitel autonomes Fahren nun auch in Baden-Württemberg, der Wiege der Fahrzeugindustrie, aufgeschlagen wurde, war Ennerst und Hermann wichtig." Wir wissen, dass der Wohlstand hier auch vom Automobil abhängt", erkennt auch ein grüner Verkehrsminister an. Da das Ländle bei dem Thema die Nase vorn haben will, hat es Gas gegeben, diese Zukunftstechnologie zur Erprobung zu bringen. Erst voriges Jahr hatte Daimler seinen Future Truck 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt – damals auf einem abgesperrten Autobahnabschnitt bei Magdeburg. Und nun ist ein Serien-Lkw (der natürlich im Versuch noch etwas modifiziert wurde) mit der gleichen Technik bereits mit einer Zulassung auf der Straße unterwegs.

Dieser Inhalt ist exklusiv für unsere Digital-Abonnenten

Melden Sie sich an und prüfen Sie, ob Ihre Abonummer in Ihrem Profil hinterlegt ist. Wenn Sie Abonnent sind, aber noch kein Profil haben, können Sie sich hier registrieren. Weitere Informationen zu Registrierung und Anmeldung finden Sie hier.

› Jetzt anmelden

Sie haben noch kein Digital-Abo? Angebote und Informationen zu unseren Titeln und den Digital-Abos erhalten Sie in unserem Shop.

› Jetzt informieren

Datum

3. Dezember 2015
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Unsere Experten
Kristina Dietze von der Polizeidirektion Görlitz/ Autobahnpolizei Kristina Dietze Polizeioberkommissarin Autobahnpolizeirevier Bautzen
Expertin für Gefahrguttransporte (aus polizeilicher Sicht), Vermögensabschöpfung im… Profil anzeigen Frage stellen
David Keil, Berater und Projektmanager Logistiksoftware und Telematiksysteme David Keil Berater Logistiksoftware und Telematiksysteme
Beratung, Implementierung und Schulung von Logistiksoftware bei Unternehmungen. Anpassung und… Profil anzeigen Frage stellen
Aktuelle Fragen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.