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Foto: Peter Möller

Fahrer vor Gericht

Unfall unter umstrittenen Umständen

Zeugen und Polizei sind sich einig: Vor einer Ampel mitten in der Großstadt soll Wilfried* mit seinem Lkw rückwärtsgefahren sein und dabei einen Unfall verursacht haben.

Fünf Gerichtstermine habe ich heute schon hinter mir. Alle sind gut gelaufen. Jetzt schreckt mich meine Sekretärin Tina Sieron aus den Gedanken auf. Unser Mandant Wilfried habe gerade angerufen. Der soll mit seinem Lkw in einer sächsischen Metropole gegen 16.30 Uhr einen Unfall verursacht haben. Wilfried hat Frau Sieron schon bestens über die völlig skurrilen Umstände in Kenntnis gesetzt. Rückwärtsfahrend soll Wilfried auf einer vierspurigen Straße einen Spurwechsel versucht haben. Der Versuch soll aufgrund eines im Weg stehenden Skoda gescheitert sein. Ralf Grunert, mein Messstellenüberprüfer, ist zufällig gerade in der Nähe. Ich bitte ihn kurzerhand, sich mit unserem Mandanten zu treffen. Wilfried kann so kurz nach dem Unfall genau erläutern, was passiert ist.

Ralf macht Fotos und vermisst die Straße am Tatort. Außerdem fotografiert er sorgfältig das Heck des Anhängers. Da gibt es nur einen Schaden, eine Delle an einem Träger. Ansonsten nichts. Picobello sieht der Anhänger aus.

Fotos der beschädigten Fahrzeuge passen nicht zusammen

Am nächsten Morgen werten wir die Ergebnisse von Ralfs Arbeit aus. Mit Spannung sehen wir der Ermittlungsakte entgegen. Wilfried hat erzählt, dass die Polizisten Fotos vom Pkw-Schaden gemacht hätten. Der Hänger habe sie nicht interessiert. Auch hatte Wilfried keine Gelegenheit, sich zu äußern. Vor allem, dass er nicht wahnsinnig sei und hundertprozentig nicht rückwärtsfahrend in der City die Spur wechseln würde. All das wäre er gerne losgeworden. Aber keine Chance. Zwei aufgetakelte, blonde, fett geschminkte Zeuginnen, nämlich die angeblich Geschädigte und die Hinterherfahrende, haben die beiden Polizisten voll in Beschlag genommen. Drei Monate später liegt mir die amtliche Ermittlungsakte vor. Die Akte wird noch bei der Bußgeldstelle geführt. Bei den paar Blatt befinden sich die mit Spannung erwarteten Fotos, die den Schaden am Pkw zeigen.

Aber eins fällt sofort auf: Am Pkw gibt es lediglich geringfügige Schleifspuren, die auf eine Berührung hinweisen. Der Stahl am Anhänger aber ist deutlich eingedellt. Völlig undenkbar, dass die Schleifspuren mit der Delle in Beziehung stehen könnten. Hier stimmt was nicht! Ich schnappe mir die Ermittlungsakte und springe auf. Das muss sich mein Freund Roland anschauen. Roland ist unabhängiger, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. "Rolle" nimmt sich sofort Zeit. Er vergleicht die Fotos, grübelt, grinst, murmelt etwas vor sich hin. Holt eine Lupe aus der Schublade und schaut sich die Schleifspuren an. Er schüttelt den Kopf. "Hier brauchst du keinen Gutachter. Da reicht gesunder Menschenverstand. Kratzer und Delle passen nicht zueinander."

Wilfried wird vom Gerichtstermin freigestellt

Viel spannender aber ist die Frage, ob sich in Höhe der Schleifspuren am Pkw auch am Heck des Trailers Spuren finden lassen. Fehlanzeige. Das stimmt im Übrigen mit dem überein, was Ralf Grunert mir gesagt hat. In der Akte finden sich aber die zwei bedrohlichen Aussagen der Zeuginnen. Das, was die beiden gesagt haben, klingt gar nicht blöd. Im Gegenteil: Es liest sich sehr sachlich, logisch, treffend. Mist! Der Gerichtstermin rückt näher. Ich treffe mich mit Wilfried ein weiteres Mal in der Kanzlei. Wir gehen noch einmal alles durch, auch die Frage, ob es Sinn ergibt, dass Wilfried zum Gerichtstermin erscheint. Einerseits will Wilfried, der inzwischen einen neuen Arbeitgeber hat, ungern Urlaub nehmen. Er ist noch in der Probezeit und will das Arbeitsverhältnis nicht mit Altlasten belasten. Dafür habe ich Verständnis.

Andererseits ist die Glaubwürdigkeit der Beteiligten und Zeugen ein gewichtiges Pfund. Und Wilfried kommt verdammt glaubwürdig rüber. Aber er will einfach nicht freinehmen. Was bleibt mir also anderes übrig, als einen Antrag auf Befreiung von der Anwesenheitspflicht zu stellen? Ein paar Tage später liegt der positive Beschluss auf meinem Schreibtisch. Der Richter ist meinem Antrag gefolgt. Wilfried muss nicht zum Termin kommen. Die Zielsetzung hat Wilfried übrigens für den Termin klar definiert: kein Punkt! Alles andere ist ihm wurscht. Das Gericht terminiert die Verhandlung auf zehn Uhr. Der Richter ist pünktlich und bei bester Laune. Er überrascht gleich mit einem Paukenschlag: Die Geschädigte hat er ausgeladen. Er hält generell nicht viel davon, Geschädigte als Zeugen zu hören. Es läge auf der Hand, dass sie in der Regel nicht sonderlich objektiv seien. Er habe lediglich die neutrale Zeugin und die Polizeibeamten geladen.

Zeugin wirkt gekünstelt

Es entbrennt sofort Streit darüber, was denn Polizeibeamte im Gerichtssaal sollen, die bereits durch ihr Ermittlungsverhalten am Tatort gezeigt haben, dass sie nicht neutral sind. Die Stimmung droht für einen Moment zu kippen. Ich bitte darum, nach vorn treten zu dürfen. Ich lege die Fotos von Herrn Grunert vor, die 90 Minuten nach dem angeblichen Unfall gemacht wurden. Ich erläutere, was der Sachverständige zu den Fotos gesagt hat. Jetzt möchte er erst einmal die Zeugin hören, blockt der Richter ab. Auf die Polizeibeamten könne er verzichten, lenkt er ein und schickt diese nach Hause. Die Schilderung der Zeugin ist zunächst ruhig, sachlich und objektiv. Etwas zu souverän, zu treffsicher, ein ganz klein wenig wirkt sie, wie vor dem Spiegel eingeübt. Das macht mich skeptisch und ich werde das Gefühl nicht los, den Richter auch. Sie wisse ganz genau, dass der Lkw-Fahrer rückwärts gefahren sei.

Sie habe das genau gesehen, erläutert sie immer wieder. Nachdem der Richter mit seiner Befragung fertig ist, frage ich, wie weit sie denn von dem vor ihr stehenden Fahrzeug entfernt gewesen sei. Sie sei direkt dahinter gewesen, führt sie aus. Ob der Pkw denn nach vorne gefahren sei oder gestanden habe. Das wisse sie nicht. Das erstaunt mich. Es könne auch sein, dass er in der Vorwärtsbewegung gewesen sei, korrigiert sie und gerät ins Schwimmen. Seit wann sie die Geschädigte kennen würde, frage ich. Sie beginnt, auszuweichen.

Punktefreies Ergebnis

Immerhin habe man sich doch geduzt, oder, pokere ich. Daran könne sie sich nicht erinnern. Wo sie hergekommen sei, möchte ich wissen. Die Zeugin schwimmt jetzt völlig, noch ein paar Fragen, und ich bin am Ziel. Genau an dieser Stelle unterbricht der Richter die Zeugenbefragung und bittet mich um ein Vieraugengespräch im benachbarten Beratungszimmer. "In diesem Falle", erklärt er, "kann man eine umfangreiche Beweisaufnahme machen, GPS-Protokolle beiziehen und ein unfallanalytisches Gutachten in Auftrag geben." Man könne aber auch einen Schlussstrich ziehen. Er bietet 55 Euro an. Das heißt: kein Punkt! Ich rufe Wilfried an und frage, ob er mit diesem Ergebnis einverstanden ist. "Na klar!", sagt er. Das sei doch abgesprochen. Alles andere sei ihm wurscht. Hauptsache: kein Punkt. Gut, Vorschlag angenommen!

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6. Juni 2017
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