Paul Passau Zoom

Digitalisierung

Automatisierte Fahrzeugannahme

Der Mercedes-Benz-Vertragspartner Josef Paul aus Passau hat die Fahrzeugan- und Rücknahme automatisiert. Dort ist das erste Digital Vehicle Scan-System an den Start gegangen. Die Vorteile der Anlage sind so groß, dass sich nun der Daimler-Konzern an der Fortentwicklung beteiligt.

Die Fahrzeugannahme kostet viel Zeit, die Qualität der erfassten Daten ist abhängig von der Sachkenntnis des Mitarbeiters und die Fotos fürs Protokoll sind oft von geringer Qualität und erlauben oft keine zuverlässigen Vorher-Nachher-Vergleiche, weil sie immer aus anderen Perspektiven geschossen wurden. Bei Nutzfahrzeugen und Bussen lassen sich manche Bereiche des Fahrzeugs zudem nicht ohne Steigmittel ablichten. Die Digitalisierung verspricht hier Abhilfe – vor allem dann, wenn viele Fahrzeuge pro Tag in Augenschein genommen werden sollen. 

Auch die Fahrzeugrücknahme profitiert von der Digitalisierung

Beim Mercedes-Händler und Servicebetrieb Josef Paul in Passau ist das der Fall. Hier werden nicht nur Fahrzeuge für den Service angenommen, sondern auch viele Leasing- und Miet-Rückläufer in Augenschein genommen und Gebrauchtfahrzeuge bewertet. Von der kompakten Mercedes-A-Klasse über ausgewachsene Lkw à la Actros bis hin zum veritablen Setra-Reisebus in Doppelstock-Ausführung ist dabei alles vertreten. Digital Vehicle Scan (DVS) heißt nun die Lösung, um den Aufwand für das Team zu verringern. Josef Paul unterhält für genau solche Projekte eine IT-Abteilung. Sie rüstete die bereits auf dem Betriebsgelände vorhandene Pneuscan-Anlage von Ventech, die Reifeninnendrücke erfasst, zu einem 12,5 Meter langen Inspektionstunnel um. 

Inspektion dauert nur wenige Sekunden

Eine Schranke regelt die Zufahrt und gibt sie erst frei, wenn eine Kamera das amtliche Fahrzeugkennzeichen identifiziert hat und der Kunde als Nutzer auch registriert ist und damit eine Datenschutzrichtlinie unterzeichnet hat. Mit Schrittgeschwindigkeit fährt der Fahrer dann den Wagen durch den Tunnel. Dabei wird das Fahrzeug von 22 Kameras rundum gescannt. Die Einzelbilder protokollieren das Äußere des Fahrzeugs über seine komplette Länge. Am Ende der Station erfasst die Pneuscan-Anlage noch den Zustand der Reifen. Der ganze Prozess dauert keine halbe Minute. 

Fester Verbau von 22 Kameras macht Vorher-Nachher-Vergleiche möglich

Per Glasfaserkabel gelangen die Daten in die Rechner des Servicebetriebs. "Uns liegt damit ein vollkommenes Protokoll des Fahrzeugs vor. Außerdem ist der Dokumentationsprozess dadurch strukturiert und kann immer wieder gleich angefertigt werden. Die Fotos zeigen das Fahrzeug aus der immer gleichen Position und erlauben somit Vorher-Nachher-Vergleiche. Das kann ein Service-Tablet mit Kamera nicht leisten", erklärt Josef-Paul-Geschäftsführer Bernhard Wasner.

Noch befindet sich die Anlage in einem Prototypen-Stadium, wen sie auch schon grundsätzlich funktioniert. Zuletzt wurden die Kameras auf eine neue Bilderfassungstechnik umgestellt, um eine noch bessere Bildqualität zu erzielen. Dazu zählen ein optimierter Fokus sowie weniger Reflektionen durch Sonnenlicht. Dazu tragen auch LEDs bei, die den Tunnel gleichmäßig ausleuchten. "Der Tunnel schützt weitgehend vor Reflektionen des Sonnenlichts", erklärt Alexander Luksch, IT-Leiter bei Josef Paul. Jedoch gebe es immer noch Lichteinfälle, die sich bislang noch nicht vollständig aus dem Bild rechnen lassen. 

Die Kosten sollen bei Serienfertigung noch deutlich sinken

Wann genau sich das System wirtschaftlich lohnt, will Wasner nicht abschließend beurteilen. Diese Rechnung müsse jeder Betrieb für sich anstellen. "Bei uns laufen 40 bis 60 Autos pro Tag durch DVS", sagt er. Aktuell liegen die Anschaffungskosten für DVS bei 250.000 Euro. Wasner gibt das Ziel aus, die Kosten im Zuge der Serienentwicklung auf 200.000 Euro zu drücken. Die Wartungskosten sollen jedenfalls gering sein. Bewegliche Teile sind nur an der Schranke vorhanden, einmal wöchentlich müssen die Kameras gereinigt und der Boden von Laub befreit werden.

DVS kommt an. So ist das System von Paul eines von vier, die jetzt den Dienst aufnehmen. Der Daimler-Konzern hat zugeschlagen. Die übrigen drei kommen in der Mercedes-Niederlassung Augsburg, am Mercedes-Werk Sindelfingen sowie nahe eines Amazon-Standorts bei Bochum zum Einsatz. Mercedes will das System nun in Kooperation mit Paul weiterentwickeln. Auf der Wunschliste steht eine Bildverarbeitung, die es erlaubt, Schäden selbstständig aufzuspüren. Auch eine Interpretation des Schadensbild durch die Software ist laut Wasner denkbar, etwa um Mängel in der Serienfertigung aufzuspüren. Außerdem sollen die Einzelbilder der 22 Kameras zu einem Film verdichtet werden, berichtet Luksch.

Neben Servicebetrieben, Vermietern profitieren auch große Flotten

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. Nicht nur große Servicebetriebe können davon profitieren. Am Mercedes-Werk lassen Autotransporteure die Ladung dokumentieren. So ist am Ende des Transports nachweisbar, ob Schäden am Ladegut während des Transports oder schon davor entstanden sind. Die KEP-Branche mit engen Abfahrtstaktungen könnte neben Fernbus-Linien ein weiterer Profiteur von DVS sein. Ebenso wie die internationalen Lkw-Flotten sind deren Fahrzeuge ständig unterwegs und selten für eine Inspektion am Heimatstandort. Per DVS lässt sich ihr Zustand auch unterwegs bei einem Dienstleister erfassen. So beugt DVS bösen Überraschungen beim Auslauf eines Leasings-Vertrags vor. Und schlussendlich muss die Werkstatt beziehungsweise der Leasing-Geber nicht mehr mit Kunden diskutieren, ob ein Schaden schon bei Anlieferung des Fahrzeugs vorlag oder sich erst nach der Abholung ergeben hat oder ob ein Anbauteil fehlt, was aktuell ständig geschieht wie Wasner verrät.

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Thomas Rosenberger lastauto omnibus Chefredakteur

Autor

Datum

9. August 2017
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