Mathias Lenz, Chefdesigner MB Buses Zoom
Foto: MORLOCK HENRIK

Daimler Buses Chefdesigner Mathias Lenz

"Das Longlife-Design des Mercedes Tourismo ist evolutionär"

Daimler Buses Chefdesigner Mathias Lenz erklärt, wie man es schafft, ein Nutzfahrzeug bis zu zwanzig Jahre jung aussehen zu lassen.

Herr Lenz, was macht für Sie das typische Mercedes-Longlife Design aus?

Lenz: Ein Longlife-Designkonzept ist im Nutzfahrzeugbereich generell sehr wichtig, da es einfach viel längere Modellzyklen als beim Pkw gibt – wir sprechen ja teilweise von zehn bis 15 Jahren. Deshalb sind auch nach einem Modellwechsel die alten Fahrzeuge mindestens zehn Jahre auf der Straße zu sehen. Insgesamt muss ein Fahrzeugdesign also rund 25 bis 30 Jahre „aktuell“ bleiben. Daher filtern wir gerade für die Bus-Marke Mercedes-Benz genau die Themen heraus, die nicht nur eine kurzweilige Modeerscheinung oder kurzlebige Trends sind. So bleibt genau die Grundessenz der Gestaltung übrig, die sich über längere Zeit erhalten lässt. Daher ist die Designsprache unserer Fahrzeuge auch nicht ganz so aufgeregt, wie die mancher Mitbewerber. Wir bauen unsere Fahrzeuge mit klaren Körpern und Flächen auf und geben ihnen prägnante Stilelemente mit, die aber weitgehend modeunabhängig sind. Ein klassischer Gesichtsaufbau gehört ebenso dazu. Das Entscheidende beim Longlife-Design sind vor allem die Proportionen der Stilmittel. Es darf durchaus Hotspots der Gestaltung geben, aber alle angrenzenden Bereiche müssen korrelieren und auch zusammenpassen. Die Verhältnismäßigkeit muss einfach gegeben sein. Und was für den Kunden wiederum sehr wichtig ist: Das alte Fahrzeug muss neben dem neuen auch noch gut aussehen. Gerade beim Tourismo, der ja über 26.000 Mal verkauft wurde, bestehen Fuhrparks eben nicht nur aus neuen Fahrzeugen. Um ein möglichst einheitliches Erscheinungsbild zu gewährleisten, sprechen wir gerade bei diesem Fahrzeug eher von einer Evolution als von einer Revolution im Design.

Gibt es denn neue Stilelemente oder „Hotspots“, die es bisher nicht gab?

Lenz: Ja die gibt es, so ist zum Beispiel die Frontmaske und die Logoblende viel deutlicher ausmodelliert als beim Vorgänger, im Grunde genommen wie ein durchtrainierter Brustkorb – als Zeichen für gesteigerte Potenz und Kraft. Die Scheinwerfer bleiben optisch völlig getrennt von der Logoblende. Im Gegenzug aber haben wir in der Seitengrafik das Wechselspiel zwischen weichen Flächen und definierten Linien auf die Spitze getrieben, was die Seite insgesamt etwas pointierter erscheinen lässt. Dieses Spiel findet seinen Abschluss im Heck erstmals in einer ganz klar definierten, umlaufenden Abrisskante bis zum Stoßfänger, die natürlich auch der Aerodynamik zu Gute kommt. Das Dekorelement über der B-Säule wiederum verfügt zwar über eine deutliche Verwandtschaft zum Vorgänger, ist aber komplett neu interpretiert und in der Formensprache sichtlich moderner geworden: Es ist dreidimensional und scheinbar schwebend ausgeführt und verleiht so der Seitengrafik mehr Dynamik. Das Heck selbst ist grafisch sehr klar gestaltet, wie etwa eine Vase oder eine ionische Säule mit deutlicher Verjüngung im Motorbereich, was dem Fahrzeug insgesamt einen sehr breiten Stand verleiht. Also auch hier eine ansprechende, klare Gestaltung. Ganz wichtig: Man kann die Grafik auch ganz einfach selbst nachzeichnen ohne Vorlage, eben wegen seiner Zurückhaltung und Schlichtheit. Beides wiederum betont den Charakter des Busses.

Ist der Tourismo ein völlig eigenständiges Designwerk oder ist er in ein weltweites Portfolio integriert?

Lenz: Wir konzipieren in der Regel jeweils ein komplettes Portfolio, in dem ja auch teilweise viele Übernahme- und Gleichteile zwischen den einzelnen Modellen integriert sind. Daher erfolgt die Konzeption des Portfolios inklusive der Designsprache am Anfang zusammen für mehrere Modelle, da wäre zum Beispiel an die beiden SHD-Modelle für Indien und die Türkei zu denken. Wichtig ist es dann vor allem, regionale Unterschiede und Anpassungen im Sinne eines Derivats in eine weltweite Mercedes-Designsprache zu integrieren. Während in Westeuropa eher Fahrzeuge mit einem etwas zurückhaltenderen Design gefragt sind, gibt es andere Regionen in der Welt, wo man durchaus ein gewisses „Machotum“ auch nach außen zeigen will und darf. Und auf solche Randbedingungen und Geschmacksfragen muss der Designer natürlich reagieren.

Wie erhöhen Sie mit dem neuen Design die Wertigkeit des Fahrzeugs?

Lenz: Das haben wir außen vor allem durch die genannten Details wie das dreidimensionale Stilelement an der Spiegelbefestigung und der Bugmaske sowie die pointiertere Seitengrafik realisiert. Das Thema Wertigkeit ist sehr bedeutend für die gestalterische Positionierung eines neuen Fahrzeuges im Gesamtportfolio. Ein gutes Beispiel hierfür sind die neuen, optionalen „Klimaschwerter“ auf dem Dach, die die Klimaanlage verkleiden. Auch hochwertige Übernahmeteile aus den Lkw-Baureihen wie die Frontscheinwerfer oder der Mercedes-Stern tragen zur Wertigkeit und einem Familiengesicht der Mercedes-Nutzfahrzeug-Familie bei. Seit dem O 404 hat sich diese Tradition im Hause erhalten, was den Vorteil hat, dass man neue Technologien aus dem Lkw sofort einsetzen kann. Kaum sichtbar dagegen kommen die dekorfähigen Vertiefungen in den stilisierten Kühlerlamellen analog Actros daher, die man mittelfristig in Optionspaketen zur weiteren Steigerung der Wertigkeit mittels Verchromung nutzen könnte. Da wir wesentlich mehr Kunden mit der neuen Baureihe ansprechen wollen, ist es sehr wichtig, solche wertigen Möglichkeiten der Modell-Diversifizierung bereits im Design vorzuhalten. Sie sind einfach ein echtes Geschäftsmodell.

Welche weiteren Maßnahmen haben Sie zur aerodynamischen Optimierung getroffen?

Lenz: Das Thema Aerodynamik ist in den letzten zehn Jahren deutlich wichtiger geworden. Wir waren dazu mit einem Fahrzeug der neuen Reisebusgeneration im Windkanal und konnten so auf computergestützte Deltaberechnungen zurückgreifen. Die Front ist insgesamt runder geworden, besonders die Frontscheibe im Übergang zum Dachbereich sowie die Übergänge in die Seitenwände. Die klassischen minimalen Eckradienwerte zur aerodynamischen Optimierung sind hier eingeflossen. Die Spiegelköpfe und ihre Anbindung sind auf den Fahrzeugkörper angepasst worden. Im vorderen Bereich wurde der Unterboden großflächig gekapselt und es werden schmalere Türdichtungen und verdeckte Kofferklappenscharniere verwendet, um die Luftumströmung im Detail weiter zu verbessern. Spaltmaße und Fugenverläufe müssen fahrzeuggerecht sein, da machen drei Millimeter-Spalte wie beim Pkw keinen Sinn.
Insgesamt konnten wir den Cw-Wert von 0,4 auf 0,33 senken, analog der Setra Comfort Class. Diese Verbesserung ist einer der Bausteine, die neben der Gewichtsoptimierung, der neuen Fahrzeugabsenkung bei höheren Geschwindigkeiten und neuen Motoren zur 4,5 % Kraftstoffeinsparung der neuen Generation beiträgt. Addiert man den Verbrauchsvorteil der im Sommer 2016 eingeführten Motorengeneration mit Effizienzpaket hinzu, dann beläuft sich die Einsparung sogar auf bis zu sieben Prozent.

Welche Grundprinzipien haben Sie bei der Innenraumgestaltung als Leitlinie genommen?

Lenz: Wir wollten dem Fahrzeug natürlich auch im Innenraum eine völlig neue Gestaltung mitgeben, die von der Geometrie her zum einen luftiger und heller, aber auch insgesamt geschlossener wirken sollte. Das betrifft vor allem die Deckengestaltung. Die Einstiege sollten natürlich besonders breit sein, da es der erste Eindruck des Kunden ist, genauso wie der Bugkuppelbereich, dessen „Schwingenthema“ wir zweifarbig gestaltet haben. Das Cockpit wiederum soll auf den ersten Blick Wertigkeit und Solidität vermitteln. Erstmals sind zwei verschiedene Cockpits wählbar, das ist nicht selbstverständlich im Busbereich. Und der sogenannte „Wasserfall“, ein Grunddekorthema zwischen Fahrer- und Begleiterplatz, unterstreicht als sehr dominantes Designelement beim „Cockpit Comfort Plus “ auf den ersten Blick die Wertigkeit.

Was macht die beiden neuen Cockpits aus? Was bietet die Basic-Variante nicht?

Lenz: Der Fahrerarbeitsplatz ist eine komplette Neuentwicklung und ganz klassisch auf den Fahrer hin ausgerichtet. Die Bedienelemente sind bei beiden Versionen immer gut zu erreichen. Die „Cockpit Basic Plus“-Variante bietet nicht das hochwertige Coach Media System und nur einen kleineren Kühlschrank, ist dafür aber mit einer Zahlkasse ausrüstbar für Klasse 2-Einsätze. Das Cockpit Comfort Plus bietet eine Komplettausstattung an Funktionalität, die kaum etwas zu wünschen übrig lässt – bis hin zu iPad-Halterung und verdeckten Ablagemöglichkeiten. Einzelne Schalterblöcke im Cockpit lassen sich nach Kundenwunsch verändern. Wir haben nochmal Energie in die Belüftung für den Fahrer und Begleiter und das Ablagenkonzept gesteckt, das sogar einen DIN A4 Ordner aufnimmt. Neben dem „Wasserfall“-Motiv in „Evopure Metallic matt“, das ja eine klare optische Barriere zwischen Fahrer und Begleiter darstellt, haben wir vor allem im höherwertigen Comfort Plus Cockpit weitere Dekormöglichkeiten, die sich auch im Lenkrad und Haltegriffen wiederfinden. Diese sind serienmäßig schwarz-hochglänzend, können aber optional in Holz (Mokka Oak) oder Metalmesh geordert werden.

Was hat sich im Innenraum generell getan?

Lenz: Wir haben eine komplett neue Innendecke mit der dazugehörigen Servicesetspur entwickelt, hier haben wir eine sehr klare und lineare Gestaltung vorgenommen. Der integrierte Handlauf ist farblich abgesetzt, optional gibt es noch einen aufgesetzten Handlauf, zudem ist die Decke klassisch mit Stoff bezogen. Die Hauptbeleuchtung an der Mitteldecke wird durch unsere im Tourismo schon traditionellen „Ufos“ – jetzt in Voll-LED Technik –gewährleistet, die sogar bis in die Gepäckablagen reicht. Hier sind alle Lichtfunktionen gebündelt, die nicht in den Servicesets integriert sind. Deren LED-Licht ist zudem so tief versenkt, dass man als einsteigender Fahrgast nicht mehr direkt hineinsehen kann. Diese „unsichtbare Beleuchtung“ war für uns ein wichtiges Thema. Zudem sind die neuen Sets dekorfähig. Grundsätzlich sind sie Schwarz, aber optional mit einem silbernen Rahmen erhältlich, der sich in den „Ufos“ dann ebenso wiederfindet. Natürlich sind die Gepäckablagen in verschiedenen Farben zu bekommen. Erstmals haben wir frei konfigurierbare, auf eine Schiene aufgesetzte Steckdosen realisiert, die auch mit USB-Steckern zu bekommen sind.


Um uns von der Schwestermarke abzusetzen, bieten wir für Westeuropa weder einen ebenen Boden noch eine 2+1-Bestuhlung an. Der klassische Rollstuhl-Lift über der Vorderachse ist im Rahmen des Fernlinienpakets natürlich wieder erhältlich, da der Wagen in seiner Positionierung hierfür optimal geeignet ist.

Was macht das Besondere des neuen Sitztyps Softline und die neue Küche aus?


Lenz: Es gibt generell drei Sitztypen für das Fahrzeug, die Softline-Linie ist dabei die mittlere Ausprägung. Mit dem neuartig abgesteppten Rautenmuster entfaltet der Sitz seine formale Wirkung mit farblich abgesetzten Seitenwangen und ruhigen Dessins im Rautenbereich am besten. Weiterhin gibt es die Einstiegsbestuhlung TopLine sowie die LuxLine, die ganz oben rangiert im Angebotskatalog. Das neue Küchenmodul passt sich zudem perfekt in die Innenraumgestaltung ein und wir hier exklusiv bei Evobus verwendet.

Informieren Sie sich hier über den neuen Tourismo: Daten, Fakten, Zahlen

Dieser Inhalt ist exklusiv für unsere Digital-Abonnenten

Melden Sie sich an und prüfen Sie, ob Ihre Abonummer in Ihrem Profil hinterlegt ist. Wenn Sie Abonnent sind, aber noch kein Profil haben, können Sie sich hier registrieren. Weitere Informationen zu Registrierung und Anmeldung finden Sie hier.

› Jetzt anmelden

Sie haben noch kein Digital-Abo? Angebote und Informationen zu unseren Titeln und den Digital-Abos erhalten Sie in unserem Shop.

› Jetzt informieren

Autor

Datum

19. Juni 2017
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.