News5/Ferdinand Merzbach Zoom
Foto: News5/Ferdinand Merzbach

Jans Blog

Verfolgungsjagd am zweiten Arbeitstag

Im Drogenrausch dreht ein frisch eingestellter Fahrer der Spedition Oehlrich aus Verden/Aller durch und liefert sich samt Containersattelzug eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei. Ein absoluter Tiefschlag für den Arbeitgeber. Doch der Geschäftsführer reagiert souverän.

Als ich mir am vergangenen Mittwochmorgen zum ersten Kaffee im Internet meinen üblichen schnellen Überblick zu den wichtigsten Ereignissen verschafft habe, stieß mir mehrfach bei Facebook eine Meldung über die Amokfahrt eines mit einem Container beladenen weißen Scania durch Franken ins Auge. Auf den ersten Blick las es sich wie eine Action-Sequenz der TV-Serie “Alarm für Cobra 11“: Ein außer Kontrolle geratener Lkw-Fahrer, der zuvor durch seine Fahrweise aufgefallen war, hatte eine Spur der Verwüstung hinter sich gelassen und konnte am Ende einer irren Verfolgungsjagt nur durch einen tief fliegenden Hubschrauber, der ihn frontal mit dem Suchscheinwerfer blendete, zum Halt gezwungen werden. Schnell stellte sich heraus, dass der Fahrer unter Drogeneinfluss stand.

Mit Alkohol und Drogen am Steuer

Zugegeben, ich bin in letzter Zeit durch diverse Meldungen über alkoholisierte Lkw-Fahrer vor allem aus Osteuropa ein wenig sensibilisiert, derzeit gibt es mindestens einmal pro Woche einen derartigen Vorfall in den Medien, der mich zutiefst beunruhigt. Und beim Stichwort „Schlangenlinien“ musste ich natürlich sofort an den schlimmen Vorfall auf der A61 kurz nach Weihnachten denken. Hier hatte ein betrunkener Fahrer aus der Ukraine einen Polizeiwagen auf dem Seitenstreifen gerammt, eine Polizistin starb an ihren Verletzungen. Die mehrstündige Verfolgung in Franken zeigt daher eindrucksvoll, wie schwer es für Einsatzkräfte ist, einen unter Alkohol oder Drogen stehenden Fahrer zum Stehen zu bringen.

Familienbetrieb mit gutem Ruf

Firmenwerbung auf Lkw muss sein, sie hat aber in dem Moment, wo der eigene Lkw in einen spektakulären Unfall oder eben eine Verfolgungsjagt involviert ist, auch Nachteile. Schnell fand ich zur Homepage des Unternehmens und verschaffte mir über mein Netzwerk einige Hintergrundinformationen, die nur Gutes über den Familienbetrieb besagten, der auch Mitglied im niedersächsischen Verband GVN ist. Also schrieb ich den Geschäftsführer Jens Oehlrich an, rechnete allerdings nicht wirklich mit einer schnellen Antwort. Ich sollte mich täuschen.

“Dieser Fahrer hatte am Montag seine erste Tour für uns“, antwortete Oehlrich. “Ganz leichtes Spiel, von Verden mit einem Leercontainer nach Oberösterreich fahren, dort beladen lassen und zurück nach Hamburg. Letzter Kontakt mit ihm war gestern ca. 14.30 Uhr, als die Beladung beendet war. Es wurde abgesprochen, wie weit er noch fahren solle, und dass er sich am nächsten Tag rechtzeitig melden müsse, damit wir ihm ein Zeitfenster im Hamburger Hafen buchen können. Was dann am Abend in ihn gefahren ist, kann ich nicht beurteilen.“

Hervorragendes Krisenmanagement

Als ich von der Recherche für einen anderen Artikel zurückkehrte, hatte Oehlrich bereits ein hervorragendes Krisenmanagement eingeleitet, alle Medienanfragen zu einer externen PR-Agentur umgeleitet und sich auf der eigenen Facebook-Seite deutlich vom Handeln des Fahrers distanziert: “Ein Fahrzeug unserer Flotte war heute Nacht in einen Vorfall in Bayern verwickelt, der äußerst bedauerlich ist und der allen Vorschriften und Regeln unserer Spedition widerspricht. Wir können uns den Hintergrund nicht erklären, da der Fahrer erst seit kurzer Zeit für unser Unternehmen tätig war. Zur Aufklärung der genauen Umstände arbeiten wir eng mit den Ermittlungsbehörden zusammen. Nach Aufklärung der genauen Umstände werden wir daraus dann die notwendigen Konsequenzen ziehen. Daher beteiligen wir uns nicht an Vermutungen oder Spekulationen. Unser Dank gilt an dieser Stelle den Einsatzkräften in Bayern für ihr besonnenes und umsichtiges Verhalten.“ Dafür erhielt das Unternehmen großes Lob und Zustimmung auch von den eigenen Fahrern, die von diesem Ereignis ebenso kalt erwischt worden waren.

Stellungnahme des Geschäftsführers

Mittlerweile hat Jens Oehlrich, seit 2009 Geschäftsführer des Familienunternehmens mit 18 eigenen Lkw und 25 Mitarbeiten, auch meine Fragen beantwortet, aus denen sich folgendes Bild ergibt: Der Fahrer, der laut einer Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Coburg derzeit in Untersuchungshaft sitzt, ist 38 Jahre alt, stammt aus Schleswig-Holstein und arbeitet seit als 2012 Berufskraftfahrer. Über seinen Familienstand hat Oehlrich aus Gründen des Datenschutzes keine Auskunft erteilt, nur dass er zuvor bei drei Speditionen im Raum Hamburg als Fahrer beschäftigt war und daher im Besitz der für Containerfahrer wichtigen “Hafenkarte“ war.

“Er hatte sich telefonisch beworben“, berichtet Oehlrich, „und wir hatten ihm zugesagt, dass er die Zugmaschine mit nach Hause nehmen kann.“ Ein Umstand, der heute wohl immer öfter von Fahrern, die sich bewerben, nachgefragt wird, der aber auch dazu führt, dass die Fahrer zunehmend aus dem Blick der Firmenleitung geraten. Früher war nicht alles besser, aber der “Firmenpatriarch“, der gerne am Sonntagabend die Reihe der auf dem Hof abgestellten Lkw entlangspazierte, hatte mit Sicherheit auch die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter aus der Region besser im Blick.

Der Blick hinter die Stirn

Warum sich der Fahrer bei ihm beworben hat, kann Oehlrich heute nicht sagen. Seine Spedition bietet aber einen exquisiten Fuhrpark und interessante Touren ins Ausland. Auf eine Mitfahrt bei einem der langjährigen Kollegen für den neu eingestellten Fahrer hat er angesichts der vorhandenen Berufserfahrung verzichtet. “Der Job des Containertruckers ist relativ überschaubar in seinen Tätigkeiten“, so Oehlrich, “er muss hauptsächlich fahren. Mein Eindruck von ihm war in Ordnung, sonst hätte ich ihn nicht eingestellt.“ In diesem Zusammenhang taucht, auch in den vielen Kommentaren bei Facebook, immer wieder der Satz auf: Man kann den Leuten nicht hinter die Stirn schauen. Angesprochen auf die in einigen Medien erwähnten “psychischen Problemen“ sagt Oehlrich: „Das war ihm nicht anzumerken. Und ich kann mir auch keinen Reim drauf machen, woher die Presse das so schnell wissen will.“

Konsequenzen für das Arbeitsverhältnis

Seither hat Oehlrich keinen Kontakt mehr zu seinem Fahrer. Arbeitsrechtlich ist die Sache klar: Der Fahrer war in der Probezeit. „Es gibt kein weiteres Arbeitsverhältnis. Drogen und Alkohol sind bei uns strengstens untersagt. Wer sich da nicht daran hält, der muss mit einer fristlosen Kündigung rechnen. Auch unsere anderen Fahrer reagieren mit Unverständnis und Wut.“

Was immer den Fahrer dazu bewogen hat, derart durchzudrehen, wird möglicherweise in den nächsten Tagen ans Licht kommen. Oehlrich zieht nun zumindest eine Konsequenz und wird neue Bewerber genauer unter die Lupe nehmen. “Es war auf alle Fälle die richtige Entscheidung, einen externen PR-Berater hinzuzuziehen“, sagt er abschließend. Und fügt erleichtert hinzu: “Unsere Kundschaft hat mit großem Verständnis auf diese Ausnahmesituation reagiert – und mit neuen Aufträgen.“

Autor

Datum

26. Januar 2018
5 4 3 2 1 5 5 1
Kommentare
Unsere Experten
Fred Dremel, Experte für Sozialvorschriften für das Fahrpersonal im Strassenverkehr, Arbeitszeitrecht , Kontrollgeräte Fred Dremel Sozialvorschriften
Von 1980 bis 2013 Betriebsprüfer Arbeitsschutz in Aachen auf dem Gebiet Sozialvorschriften für… Profil anzeigen Frage stellen
Götz Bopp, unser Experte für Sozialvorschriften im Straßenverkehr (Lenk- und Ruhezeiten) Götz Bopp Sozialvorschriften und Güterverkehr
Beratung von Unternehmen und Fahrern rund um das Thema Lenk- und Ruhezeiten. Schwerpunkt im… Profil anzeigen Frage stellen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.