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Zukunftsforscher Dr. Bernhard Albert Wie sich Logistik in den nächsten 30 Jahren wandelt

Vernetze Lkw auf der Straße Foto: ipopba - stock.adobe.com

Zukunftsforscher Dr. Bernhard Albert erklärt, wie sich die Logistik in den nächsten 30 Jahren wandelt. Doch nicht jede Innovation hält er für sinnvoll und zukunftsfähig.

Wer davon ausgeht, dass sich die Logistik in den nächsten 30 Jahren nicht grundlegend verändern wird, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Die aufkommenden technologischen und strukturellen Veränderungen hinterlassen in den Unternehmen schon heute Spuren. „Jedes Unternehmen, das Dienste anbietet, Produkte herstellt oder im Handel aktiv ist, hat begonnen darauf zu reagieren – oder sich proaktiv auf den Weg gemacht, um in Zukunft ganz vorn dabei zu sein“, erklärt Dr.  Bernhard Albert, Geschäftsführer von Foresight Solutions, im Gespräch mit trans aktuell.

Fahrerlose Fahrzeuge im Kommen

Immer weniger Logistiker schütteln den Kopf, so der Zukunftsforscher, wenn vom Einsatz fahrerloser Fahrzeuge oder vom Platooning, also dem Kolonnenfahren mithilfe einer elektronischen Deichsel, die Rede sei. Auch Ingenieure äußerten immer seltener Zweifel an der Elektrifizierung des Antriebsstrangs oder dem Einzug der Brennstoffzelle im Lkw. Längst etabliert sei die Digitalisierung nicht nur bei der Koordination von Fahrzeugen und Ladungen, sondern auch bei der gesamten Auftragsvermittlung und Abwicklung sowohl innerhalb der Branche als auch nach außen in Richtung Kunden, berichtet Albert.

Automatisierung ist ein alter Hut

Automatisierung sei ein alter Hut: Intelligente Transportfahrzeuge und Industrieroboter lösen immer schneller immer komplexere Aufgaben Hand in Hand mit Menschen. Und Kontraktlogistiker betreiben ebenfalls schon lange voll automatisierte Lagerhallen. In den Häfen, im Verteilerverkehr und bei den KEP-Dienstleistern sind Elektro-Fahrzeuge bereits alltäglich. Auf Deutschlands Autobahnen wurden die ersten Oberleitungen eingerichtet, damit eines der vielversprechendsten Konzepte zur Elektrifizierung des Fernverkehrs im Versuchsbetrieb optimiert werden kann.

Arbeitsvorgänge ändern sich stetig

AGVs im Einsatz im Lager von DB Schenker in Leipzig Foto: DB Schenker
DB Schenker arbeitet im Lager in Leipzig bereits mit AGVs und entsprechender KI.

„Bis zum Jahr 2052 werden diese neuen Technologien deutlich weiter an Boden gewinnen. Doch wo sich Arbeitsvorgänge stetig verändern und einiges an Kopfarbeit erforderlich ist, wird auch in 30 Jahren niemand auf den Menschen verzichten“, ist sich Albert sicher. An diesem Punkt meldet er Zweifel an, Zweifel an Systemen, die aufgrund ihrer Künstlichen Intelligenz (KI) selbst hochqualifizierte Fachkräfte ablösen könnten. Wenn heute über KI gesprochen werde, sei eine schwache Intelligenz gemeint, die womöglich schneller als der Mensch Daten auswerten und vergleichen kann, aber keine starke KI, die auf Basis dieser Daten eigenständig Entscheidungen treffen kann, die nicht bereits von Programmierern vorgegeben wurden.

Den Einsatz von Lieferdrohnen sowie Zustell- und Laderobotern sieht Albert hingegen eher kritisch. Drohnen, die zur Versorgung in ländlichen Regionen beitragen könnten, werden in der Stadt zum Problem: Sie machen Lärm und erhöhen die Unfallrisiken in verdichteten Räumen. Zustell- und Laderoboter hält er da für wahrscheinlicher. Diese könnten dort zum Einsatz kommen, wo Arbeitskräfte fehlen oder wo sie eine kostengünstigere Beladung oder Lieferung ermöglichen.

Infrastrukturen am Limit

Eine weitere Herausforderung sieht Albert darin, dass die Infrastrukturen bereits über ihr Limit belastet sind. Eine wachsende Weltbevölkerung sowie eine zunehmende Nachfrage nach unterschiedlichsten Gütern würden das noch weiter verschärfen. „Gleichzeitig erschweren verdichtete Ballungsräume den Ausbau von Straße und Schiene, während auf See die Gewinnung von Energie und Rohstoffen mit dem zunehmenden Schiffsverkehr konkurrieren. Hinzu kommen krisenhafte politische Entwicklungen, die Bedrohungslage durch weltweite Pandemien und extreme Wetterereignisse infolge des Klimawandels, die die Transportrisiken erhöhen“, erläutert Albert. Selbst bei der Binnenschifffahrt gebe es kaum noch Ausbaupotenziale, auch angesichts der Forderung, dass Flüsse deutlich stärker zur Trinkwassergewinnung genutzt werden sollen.

Zukunftsforscher Dr. Bernhard Albert, Geschäftsführer von Foresight Solutions Foto: Foresight Solutions
Zukunftsforscher Dr. Bernhard Albert erwartet Änderungen in den Produktionsabläufen.

Sicher sei, dass die IT alle Bereiche durchdringe. Das führe nicht nur zu zunehmend fließenden Übergängen zwischen den Wertschöpfungs- und Lieferketten, sondern sorge auch für zunehmend fließende und dynamische Übergänge zwischen Herstellung und der Logistik. „Logistikdienstleister produzieren für Unternehmen und übernehmen das Fulfillment für den Handel, Händler drängen in die Zustellung und werden zum Hersteller von Eigenmarken, Produzenten reintegrieren Logistikleistungen und Endkunden gestalten Produkte mit“, skizziert der Zukunftsforscher einen aktuellen Trend, der sich seiner Einschätzung nach weiter verstärken wird.

Medienbrüche sind ein Problem

Aktuell führten allerdings fehlende Schnittstellen häufig zu Medienbrüchen – etwa beim Frachtbrief, auch wenn der E-Frachtbrief so langsam umgesetzt werde. Doch überall dort, wo die Integration gelingt und die neuesten Lösungen sich etablieren, werde es einfacher und übersichtlicher. Die erforderlichen Informationen zu jedem Gut, jedem Bestand, jedem Transportmittel, zu im Grunde jeder Sache und ihren jeweiligen Zustand ließen sich schon heute immer müheloser erfassen und entsprechend abrufen.

„Hier geht es um das Internet der Dinge, in dem faktisch jedes Objekt in Kommunikation mit anderen Objekten oder mit den darunter liegenden Datenstrukturen und Prozessen treten kann“, erklärt der Zukunftsforscher. Diese fließenden Übergänge in den Wertschöpfungs- und Lieferketten eröffnen neue Möglichkeiten für innovative Dienstleistungen und verbessern die Zukunftschancen des Logistikmittelstands, ist sich Albert sicher.

Eine mögliche Antwort auf die steigenden Transportvolumen sind nach seiner Ansicht neue Fertigungstechnologien. Die reichen vom 3D-Druck über den Filamentdruck mit Kunststoffen bis hin zum Laserauftragschweißen mit Metalllegierungen. Andere Lösungen liegen im Einsatz lernfähiger Roboter und modularer Produktionseinheiten, die hochflexibel selbst für die kunden-individuelle Fertigung eingesetzt werden können. „Mit ihnen wird die Produktion umweltverträglicher, leiser und kostengünstiger.“

Produktion in der City

Immer mehr Fertigungsaufgaben, die in verdichteten urbanen Räumen früher undenkbar schienen, könnten dann ohne Widerstand von Anwohnern realisiert werden. Verstärkt werde diese Entwicklung durch die schon heute überlasteten Infrastrukturen, die global steigenden Lohnkosten und erhöhte Transportkosten infolge der Endlichkeit fossiler Brennstoffe. Produziert wird, wo es sich am meisten rechnet. „Und das kann in Zukunft auch wieder mitten in Europa sein“, sagt Albert.

Wachsende Zahl globaler Konflikte

Erhöht werde der Druck durch eine wachsende Zahl globaler Konflikte, zunehmende protektionistische Maßnahmen und wachsende Zweifel an der Versorgungssicherheit in Bezug auf Rohstoffe, Energie, Komponenten und Waren, die in Europa nicht mehr hergestellt werden. Im Ergebnis würden Unternehmen zunehmend über ein Reshoring nachdenken, also eine Verlagerung der Produktion nach Europa.

Albert warnt aber davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: „Nach der Wirtschaftskrise 2008/2009 haben wir auch gedacht, dass sich die Warenströme ändern und nach einem Jahr war bereits wieder alles wie gehabt“, gibt er zu bedenken. Mit der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg seinen es diesmal allerdings gleich zwei Faktoren, die die Supply Chain massiv beeinflussen. Verstärkt wer de das durch eine fortschreitende Regulierung zum Wohle der Umwelt, die auch in 30 Jahren noch die Basis wirtschaftlichen Handelns und der weiteren Entwicklung der Menschheit sei, sagt Albert. Noch ein Grund, sich schon heute innovativ nach vorne zu bewegen, um den eingangs erwähnten Anschluss nicht zu verlieren.

Das Unternehmen

  • Foresight Solutions aus Frankfurt am Main gibt es seit 2008
  • Das Institut ist Teil der Advanced Foresight Group mit 16 Mitarbeitern
  • Schwerpunkte sind Zukunftsforschung, Szenarienentwicklung, Scouting, Ideenwettbewerbe, zukunftsorientierte Beteiligungsprozesse sowie eine marktorientierte Wertewandelforschung
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