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Hans-Jörg Bertschi im Interview

Wachstumsmarkt China

Foto: Frank Reinhold

Chemielogistiker Bertschi auf dem Weg in die digitale Welt: Hans-Jörg Bertschi stellt Weichen für die Zukunft.

trans aktuell: Herr Bertschi, seit genau einem Jahr sind Sie nicht mehr der CEO des Unternehmens – was sind Sie jetzt?

Bertschi: Offiziell bin ich Executive Chairman, vollamtlicher Verwaltungsratspräsident, wobei in der Schweiz der Verwaltungsrat, anders als der deutsche Aufsichtsrat, die volle Verantwortung für die Strategie des Unternehmens hat.

Den CEO sind Sie also los, aber die Arbeit ist nicht weniger ­geworden …

Nein, sie ist nicht weniger geworden, aber sie macht mehr Spaß. Es ist jetzt wesentlich einfacher für mich zu reisen, ich bin regelmäßig in Asien, in China oder Singapur, denn dort ist derzeit unser stärkster Wachstumsmarkt.

Was macht Bertschi in der Region konkret?

Wir haben vor drei Jahren begonnen, eine große Logistikinfrastruktur in Singapur aufzubauen, denn das ist der ideale Standort für Südostasien, wo der Markt um fünf bis sieben Prozent pro Jahr wächst. Es gibt dort sehr viel Nachholbedarf. Zum Cluster von Chemieproduzenten gehören Exxon und Shell als die größten Investoren, aber auch mehr als zwei Dutzend andere Konzerne, die dort in Produktionsanlagen investiert haben und für die wir als Dienstleister tätig sein können.

Aber in Singapur gibt es doch gar keinen Platz …

Das stimmt, darum muss man kämpfen. Wir haben dem dor­tigen Economic Development Board vorgerechnet, dass unsere Infrastruktur-Investition für Singapur mehr Flächen spart, als sie braucht, und waren so erfolgreich, dass wir unsere Angebotskapazität im vergangenen Jahr verdoppelt haben. Jetzt muss nicht mehr jede Spezialchemie-Produktion über eigene Abfüllanlagen und Lager verfügen - der Bereich wird gern uns überlassen, sodass für die Produktionsanlagen nur noch etwa die halbe Fläche gebraucht wird.

Und jetzt zieht es Sie weiter, Sie wollen in China investieren?

Der chinesische Markt bildet etwa 40 Prozent der weltweiten Chemienachfrage ab, während er in Europa bei etwa 17 Prozent liegt. China ist für uns im Tankcontainergeschäft bereits ein sehr wichtiger Markt. Wir haben vor sechs Jahren die zentralen Funktionen in Shanghai angesiedelt, wo wir heute etwa 30 Mitarbeiter beschäftigen. Wir wollen aber nicht nur den Im- und Export von Tankcontainern abwickeln, sondern auch infrastrukturell im Land Fuß fassen. Es wird von den chinesischen Partnern ganz anders angesehen, wenn man vor Ort investiert.

Was genau ist geplant?

Es ist unser Ziel, dort 30 bis 40 Millionen Euro in eine Anlage zu investieren, allerdings frühestens 2020/2021. Wir führen Gespräche mit Chemieparks und potenziellen Großkunden und klären Umwelt- und Sicherheitsfragen ab.

Ist so ein Investment nicht sehr riskant?

China ist nicht so schwierig, wie man sagt. Man muss sich auf jeden Fall selbst ein Bild machen, mit den Menschen sprechen, potenzielle Kunden kontaktieren und schauen, wo die Unterschiede liegen. Wenn man die richtigen Personen gefunden hat, kann man eine Gesellschaft gründen und starten, wie wir das in Europa oder auch in Russland schon immer gemacht haben.

Wollen Sie mit lokalen Partnern zusammenarbeiten?

Nein, denn die können schon mal ihre Vorstellungen ändern. Ich glaube, die Eigenständigkeit ist die bessere Lösung, und derzeit öffnen sich in China ja mehr und mehr Sektoren, wo ausländische Investoren zu 100 Prozent das Sagen haben.

Wie steht es um das Russlandgeschäft von Bertschi?

Das ist seit Jahren stabil und erfolgreich, aber es gibt aktuell wenig positive Entwicklung. Die Rahmenbedingungen verleiten nicht zu neuen Investitionen.

Ein weiteres wichtiges Zukunftsprojekt ist die Digitalisierung. Was ist da geplant?

Wir wollen die End-to-End-Visibilität für unsere Kunden herstellen, und dieser Prozess wird zum Jahresende weitgehend abgeschlossen sein. Wir haben dafür Truck-Tracer-Apps entwickelt. Jeder Fahrer, der irgendwo eine Ladung aufnimmt, kann sie herunterladen und bekommt dann alle Auftragsdaten zugespielt. Er hält dort bis zu 40 verschiedene Einzelschritte fest und macht immer wieder ein Update zur voraussichtlichen Ankunftszeit beim Kunden. In zwei bis drei Jahren sollen zudem die europäischen Tankcontainer mit smarten Sensoren ausgestattet sein. Dabei geht es um Standort- und Temperatursensoren für die Produkte, aber auch um Erschütterungssensoren, mit denen eventuelle Schäden am Container erkannt werden können.

Was kostet Sie das?

Bertschi investiert in die Digitalisierung bis 2024 einen niedrigen zweistelligen Millionen­betrag. Wir haben zudem unsere Software-Entwicklungsabteilung erheblich erweitert und vor zwei Jahren im Technopark an der Universität Brugg die Firma Bertschi Digital Logistics gegründet. Zusätzlich zu unseren 35 Entwicklern am Hauptsitz haben wir dort 15 Jungentwickler, die alle neues Denken mitbringen.

Was treibt Sie an, sind Sie eine Spielernatur?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe eine relativ konservative Denkweise. Es geht darum, Arbeitsplätze zu sichern und spannende neue Jobs zu schaffen. Wir haben das wichtige Ziel, ein Familienunternehmen zu bleiben, und grundsätzlich habe ich einfach Freude am Wirken. Durch meinen weitgehenden Rückzug aus dem operativen Geschäft kann ich mich wesentlich mehr um neue Geschäftsfelder, wichtige Projekte und Innovationen kümmern. Das ist viel spannender als das Tagesgeschäft.

Foto: olivierpirard.com
Hans-Jörg Bertschi (61) stand 24 Jahre als CEO an der Spitze des schweizerischen Chemielogistikers Bertschi.

Zur Person

  • Hans-Jörg Bertschi (61) stand 24 Jahre als CEO an der Spitze des schweizerischen Chemielogistikers Bertschi.
  • Er hat das Familienunternehmen aus Dürrenäsch zum europäischen Marktführer für intermodale Transporte und globalen Dienstleister in der Branche entwickelt.

Das Unternehmen

  • Die Bertschi Gruppe wurde 1956 gegründet und ist global als Chemielogistiker tätig.
  • Der Umsatz 2018 lag bei 882 Millionen Euro.
  • Davon wurde etwa ein Drittel außerhalb Europas ­erwirtschaftet.
  • Bertschi verfügt über rund 35.000 Container und 30 Terminals sowie 1.100 eigene Lkw und beschäftigt 3.000 Mitarbeiter.
  • Seit August 2018 leitet CEO Jan Arnet (45) das Unternehmen.
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
TA 16 2019 Titel
trans aktuell 16 / 2019
16. August 2019
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