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VW e-Crafter im Test

Erste Fahrt im Elektro-Transporter

VW e-Crafter Foto: VW Nutzfahrzeuge 9 Bilder

Nach einer umfangreichen Praxiserprobung bringt VW Nutzfahrzeuge den batterie-elektrischen e-Crafter in Serie. Der lokal emissionsfreie Transporter ist voll auf den innerstädtischen Verteilerverkehr zugeschnitten.

04.09.2018 Julian Hoffmann

Ob Karosserievariante, Batteriekapazität oder Ausstattungsoptionen – VW Nutzfahrzeuge lässt Interessenten des e-Crafter kaum eine Wahl. Zum Serienstart des neuen Elektro-Transporters konzentriert sich das Unternehmen auf genau eine spezifische Kundengruppe: die Kurier-, Express- und Paketdienste, Handwerker, Einzelhändler, Energieversorger und Shuttle- beziehungsweise Taxidienste, die in der Stadt verkehren.

Mittels aufwendiger Kunden- und Fahrprofilanalysen wurden die Durchschnittswerte dieser für elektrifizierte Fahrzeuge bestens geeigneten Käuferschicht ermittelt. Außerdem hat der Autobauer seit Dezember letzten Jahres 38 Vorserienfahrzeuge 25 Kunden in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Schweden überlassen – und deren Rückmeldungen in das jetzt vorgestellte Serienprodukt einfließen lassen.

Ordentliche Nutzlast, ausreichende Reichweite

KEP-Dienste fahren laut VW im Schnitt 70 Kilometer am Tag, stoppen auf dieser Distanz 50 bis 100 Mal, benötigen 875 Kilogramm an Nutzlast und fahren in mehr als 90 Prozent aller Fälle nach ihrer zirka neunstündigen Schicht wieder zurück zu einem festen Betriebshof. Eine geradezu ideale Ausgangsbasis ist das für einen Elektro-Transporter wie den e-Crafter, der im Vergleich zu einem konventionellen Dieselfahrzeug natürlich Abstriche machen muss bei der Reichweite, der maximalen Nutzlast und der Geschwindigkeit, mit der er Energie für den Antrieb „nachtanken“ kann. Denn trotz seines im Vergleich zu einem Diesel-Crafter rund 500 Kilogramm höheren Leergewichts kann der Elektro-Transporter – je nach Zulassung als 3,5- oder 4,25-Tonner – 975 bis 1.720 Kilogramm zuladen. Die 35,8 kWh fassende Lithium-Ionen-Batterie, die so unter dem Ladeboden platziert ist, dass dieser auf der gleichen Höhe daherkommt wie im heckgetriebenen Crafter, erlaubt laut NEFZ eine Reichweite von genau 173 Kilometern. Auch nach dem üblichen Abzug, den man im realen Transportalltag da noch vornehmen muss, reicht das für die innerstädtische Logistik.

Gleiches gilt für die Ladezeiten: An einer haushaltsüblichen Steckdose braucht es zwar satte 17 Stunden, bis die Batterie des e-Crafter wieder voll aufgeladen ist – doch an einer Wallbox mit 7,2 kW kann der Ladevorgang mit 5 Stunden und 20 Minuten problemlos in die üblichen Prozesse eines KEP-Dienstes eingesteuert werden. Mit dem 40 kW starken CCS-Schnelllade-Standard vergehen gar nur 45 Minuten, bis die leere Batterie wieder zu 80 Prozent mit Energie versorgt ist. Zur passenden Ladestrategie und der Infrastruktur aber beraten die Vertragshändler ihre Kunden ohnehin: In Zusammenarbeit mit regionalen und überregionalen Energieversorgern sollen sie potenziellen Käufern individuell angepasste Pakete schnüren.

Antriebseinheit aus dem e-Golf

Allein in der gängigen L3H3-Version mit 5,99 Metern Länge, einer Höhe von 2,59 Metern und dem 3,64-Meter-Radstand ist der elektrifizierte Crafter zu haben. Seine dem e-Golf entliehene, aber für den Einsatz in einem im Vergleich schweren Nutzfahrzeug nochmals verstärkte Antriebseinheit, die aus dem Komponentenwerk in Kassel stammt, bringt es auf eine Peak-Leistung von 100 kW / 136 PS und sofort anstehende 290 Newtonmeter Drehmoment, die mittels eines 1-Gang-Getriebes an die Vorderräder übertragen werden.

Auf eine Höchstgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde hat VW Nutzfahrzeuge den leisen Transporter abgeregelt. Für die anvisierte Kundengruppe ist das ausreichend – zumal der e-Crafter auch beladen mühelos sein maximales Tempo erreicht. Mit 400 Kilogramm auf der Ladefläche jedenfalls hinterlässt der Kastenwagen nach einer ersten Testfahrt durch die Hamburger Hafencity einen flinken Eindruck.

Starker Antritt, üppige Ausstattung

Gerade auf den ersten Metern ist die spontane Leistungsentfaltung der unter der Motorhaube untergebrachten Synchronmaschine beeindruckend – der Transporter spurtet aus dem Stand unter einem leisen Surren unmittelbar davon. Gefühlvoll lässt er sich durch den Verkehr dirigieren, bleibt im besten Sinne unauffällig. Obwohl durch den Entfall des Verbrennungsmotors im Wesentlichen nur noch die Wind- und Abrollgeräusche an die Ohren des Fahrers dringen, ist kein Knarzen oder Klappern zu hören – nichts stört die angenehme Ruhe in der üppig ausgestatteten Kabine.

City-Notbremsfunktion, Spurhalte- und Seitenwindassistent sind Serie. Mit der wertvollen Energie sparsam haushaltende LED-Scheinwerfer, Einparkhilfe, Rückfahrkamera, Navigationssystem, Sitz- und Frontscheibenheizung sind ebenfalls grundsätzlich an Bord des e-Crafter. Die Klimaautomatik nutzt eine Wärmepumpe, um den Innenraum effizient auf die vom Fahrer voreingestellte Temperatur zu heizen. Die Rekuperation, die VW Nutzfahrzeuge auf Wunsch der ersten Pilotkunden in der stärksten Stufe ohne weitere Auswahlmöglichkeiten festgesetzt hat, bremst den Transporter wiederum weniger kräftig ab, als man vermuten mag. Wer aber vorausschauend fährt, muss trotzdem nur noch die letzten Meter bis zum Stillstand beibremsen.

e-Crafter ab 69.500 Euro netto im Handel

Still stehen will VW Nutzfahrzeuge nach der Markteinführung des e-Crafter übrigens nicht – so ist zum Beispiel die Einführung eines Soundgenerators in Planung, der Fußgänger und Radfahrer auf den Leisetreter aufmerksam machen soll. Auch weitere Karosserievarianten wie ein Fahrgestell, das für kommunale Einsätze mit einer Pritsche versehen werden könnte, sind im Gespräch.

So ausgerollt könnten dann auch die vorsichtigen Stückzahlprognosen nach oben korrigiert werden. Aktuell geht VW Nutzfahrzeuge von einer Produktion im dreistelligen Bereich für das laufende und im vierstelligen für das kommende Jahr aus. Ganz günstig ist der elektrifizierte Transporter nämlich nicht: 69.500 Euro werden für den e-Crafter netto fällig. Laut Hersteller entspricht das ausstattungsbereinigt einem Mehrpreis von 15.000 Euro im Vergleich zu einem konventionellen Diesel-Modell. Die erhöhten Anschaffungskosten seien dabei vor allen Dingen auf die teure Batterie zurückzuführen – mit rund 500 Euro pro kWh Speicherkapazität kalkuliert VW derzeit.