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Notstand bis Weihnachten

Preisexplosion bei Verpackungen

Verpackung in Holz Foto: Henrik Wiemer

Preise für Verpackungen sind explodiert – vor Weihnachten ist kein Ende in Sicht – Amazon und Otto angeblich ohne Probleme.

Drastisch gestiegene Rohstoffpreise und Lieferpro­bleme lassen die Kosten für Verpackungen explodieren. Kartons und Paletten sind zudem nur schlecht verfügbar. Experten gehen davon aus, dass Preissteigerungen und Knappheit recht schnell beim Endverbraucher ankommen werden, betroffen sind beispielsweise auch Faltschachteln für Lebensmittel oder Zigaretten.

Die Lieferzeiten für die auch für den E-Commerce wichtige Wellpappe liegen derzeit bei mehr als sechs Wochen, berichtet der Europäische Wirtschaftsdienst (Euwid). Unter normalen Umständen muss hier mit zehn Tagen gerechnet werden. In seinem jüngsten Marktbericht „Paletten“ stellt Euwid fest, dass die Preise in der Kategorie „Speditionsqualität“ im August im Vergleich zum Vorjahr um rund 222 Prozent gestiegen sind.

Beim Papier erlebt die Branche von Monat zu Monat exorbitante Preissteigerungen. „Es herrscht enorm viel Druck, eine solche Situation habe ich in den vergangenen 20 Jahren noch nicht erlebt“, sagt ein Kenner der Materie. „Branchenintern wird angesichts der Entwicklung der vergangenen Monate nicht mit einer Entspannung gerechnet“, kommentiert der Verband der Wellpappen-Indus­trie (VDW). In fast allen Sektoren der deutschen Industrie gebe es eine drastische Rohstoffknappheit, die auch in der Wellpappenindustrie zu langen Lieferzeiten führe. Bis zum Jahresende wird sich die Situation ohnehin nicht entspannen. Im letzten Quartal stehen schließlich Sonderverkäufe wie Black Friday und natürlich Weihnachten an.

Große Versandunternehmen aber geben sich unbedarft. So antwortet Amazon auf Nachfrage, man sei gut gewappnet und sehe „unsererseits keine Knappheit oder Engpässe bei Verpackungsmaterial/Kartonagen“. Ähnlich reagiert Otto: „Derzeit haben wir keine Knappheit oder Engpässe bei Kartonagen und Verpackungsmaterialien.“ Hintergrund sei unter anderem „eine ausreichende Bevorratung“. Lediglich Zalando gesteht zu: „Wir sind uns der aktuellen Knappheit bewusst.“ Mit den Lieferanten sei man jedoch in der Lage, den Bedarf zu decken.

Von „intensiven Gesprächen“ mit den Kunden berichtete VDW-Geschäftsführer Oliver Wolfrum bereits im Juli. Brancheninsider gehen davon aus, dass Unternehmen, die nicht vertragsgemäß liefern, hohe Strafen drohen könnten. „Die Kluft zwischen drastisch steigenden Kosten und sinkenden Erlösen bringt unsere Mitgliedsunternehmen in eine wirtschaftlich bedenkliche Situation“, sagt Wolfrum.

Verträge für einen Monat

„Durch die Bank hält die Verknappung in allen Rohstoffbereichen an, wenn auch mit Unterschieden in den einzelnen Produktgruppen“, betont der Industrieverband Papier- und Folienverpackungen (IPV). Der Bereich Kunststoff sei derzeit stabil, „wenn auch auf hohem Preisniveau“, erläutert Geschäftsführer Karsten Hunger. Bei Papier nähmen die Lieferzeiten zu, im Bereich Klebstoffe sei die Verfügbarkeit schwierig, bei den Farben habe man es mit Kostensteigerungen zu tun.

Düster ist das Bild auch bei Paletten. „Nach wie vor sind nur begrenzt Mengen für prompte Lieferungen verfügbar“, heißt es im Euwid-Bericht „Holz und Möbel“. Einige Hersteller seien bereits zum Ende des zweiten Quartals dazu übergegangen, nur noch Stammkunden zu beliefern. Verträge würden mehrheitlich längstens auf einen Monat abgeschlossen. Die Nachfrage übersteige weiterhin das Angebot, und es komme immer wieder zu Engpässen bei der Versorgung mit Flachpaletten. Dadurch, dass Waren verstärkt gelagert würden, seien auch gebrauchte Paletten seit längerer Zeit knapp.

„Wir haben Verrücktheiten hinter uns, die keiner für möglich gehalten hätte“, sagt Engelbert Schulte, Inhaber der Firma Schulte Verpackungssysteme in Hemer in NRW. Die Holzpreise hätten sich, je nach Sortiment, zum Teil verfünffacht. „Aber wir glauben, dass sich der Markt im vierten Quartal beruhigen wird“, betont der Geschäftsführer, der auch Vorstand beim Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung (HPE) ist. Aber auch wenn es nach und nach zu Preisrückgängen komme, würden sie „nie wieder auf ein Niveau wie zuvor fallen“, sagt Schulte.

Derzeit seien gewisse Sortimente nach wie vor nicht verfügbar, führt er aus. Wenn die HPE-Industrie aber nicht mehr sauber lieferfähig sei, treffe das die Industrie und den Exportweltmeister Deutschland. Es treffe aber auch die Versorgung mit Konsumgütern im Inland. „Immerhin haben wir es geschafft, die Bestandskunden zu versorgen, aber mit Mehraufwendungen, die kaum in Worte zu fassen sind“, betonte er.

Aufgrund der explosiven Marktlage hätten zeitweise Bestellungen ohne Preis herausgegeben werden müssen, der wurde erst bei Lieferung mitgeteilt; Finanzierungen mussten hochgefahren und die Kunden von den immensen Preissteigerungen überzeugt werden. In der Branche hat es Schulte zufolge bereits mehrere Insolvenzen gegeben. Gerade bei kleineren Unternehmen reiche die Liquidität nicht mehr, wenn ein Lastzug Holz nicht mehr 8.000 Euro, sondern 24.000 Euro koste.

Erste Insolvenzen

Gründe für den außer Kontrolle geratenen Markt sind nicht nur die Folgen der Coronapandemie und die gestörten Lieferketten. Hinzukomme, dass die Osteuropäer lieber in Richtung USA, China und Großbritannien verkauft hätten, weil dort noch höhere Preise gezahlt worden seien. Deutsche Forstbesitzer, die von dem Boom sehr wenig profitiert hätten, hätten dann teilweise zum Boykott der Sägewerke aufgerufen. Auch deshalb sei Rundholz inzwischen teurer.

Den Verpackern erwächst aber noch eine ganz andere Gefahr in den Sägewerken selbst, die zu gefährlichen Konkurrenten um den knappen Rohstoff Holz werden. Sie stellen mit besserer Wertschöpfung immer mehr Brettsperrholzwände her, die ihnen von der Bauindustrie aus den Händen gerissen werden. Gebraucht werden dafür die gleichen Holzqualitäten, die auch in die Palettenproduktion gehen. „Die Mengen, die für die Verpackung verfügbar bleiben, nehmen dramatisch ab, und deshalb ist klar, dass das Preisniveau viel höher bleiben wird, als es früher einmal war“, stellt Schulte fest.

Trotzdem sieht er keine Zukunft für Paletten aus Plastik, für die fossile Rohstoffe gebraucht werden. „Die sind noch viel teurer und haben eine schlechte CO2-Bilanz“, sagt er. Holzverpackungen seien mit riesig hohen Umlaufzahlen im Mehrwegeinsatz und viel einfacher zu reparieren als eine beschädigte Kunststoffpalette. Die derzeit hohen Holzpreise bewirkten auch, dass vonseiten der Kunden Verpackungskreisläufe und Reparaturen noch stärker nachgefragt würden.

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