VDA Technischer Kongress 2022 Mobilität in der Transformation

VDA Technischer Kongress 2022 Foto: Andreas Techel

Der Technische Kongress des Verbands der Automobilindustrie (VDA) gibt trotz Krisenmodus tiefe Einblicke in den Entwicklungsstand von Mobilität und Transport.

Von „Business as usual“ könne keine Rede sein, sagt VDA-Präsidentin Hildegard Müller in ihrer Begrüßungsrede im Berliner Congress Centrum „Denn es herrscht Krieg mitten in Europa, der vielen Millionen Menschen unsägliches Leid zufügt.“ Diese Zäsur in der Geschichte Europas könne auch auf diesem Kongress nicht unkommentiert bleiben. „Wir, die gesamte deutsche Fahrzeugindustrie verurteilen diesen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Unsere Gedanken und unsere Solidarität sind bei den betroffenen Menschen. Es sind unsere europäischen Nachbarn, die ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und eine Entwicklung und eine Zukunft ihres Landes haben“, erklärt die VDA-Präsidentin. „Es betrifft uns alle.“

Müller: Lange Störung der Lieferketten

VDA-Präsidentin Hildegard Müller Foto: Andreas Techel
VDA-Präsidentin Hildegard Müller

Damit ist nicht nur die allgemeine emotionale Betroffenheit gemeint, sondern auch die direkte Bedrohung von Leib und Leben für Mitarbeiter hiesiger Unternehmen, die etwa in der Ukraine Niederlassungen haben. Für deren Kollegen, die in Russland arbeiten, ist der Abbruch sämtlicher Geschäftsbeziehungen ebenfalls nicht einfach. Die gesamten wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland und der Ukraine werfen in der Fahrzeugindustrie gewaltige Probleme auf. „Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass die Lieferketten über einen längeren Zeitraum stark gestört oder auch unterbrochen sein werden“, erklärt Müller. Sie rechnet mit erheblichen Effekten auf Fabriken in Deutschland und Europa, da die Sanktionen auch langfristig angelegt sind. „Lieferungen aus Russland und der Ukraine werden ausbleiben, darüber hinaus sehen wir jetzt schon Einschränkungen im Schiffs- und Luftverkehr sowie bei Eisenbahnverbindungen nach China.“

Corona-Auswirkungen nehmen wieder zu

Dort zeichne sich zudem ein erneutes Anschwellen der Corona-Problematik ab und die VDA-Präsidentin rechnet mit entsprechenden Auswirkungen auch bei uns. Dann richtet sie sich direkt an den ebenfalls anwesenden Wirtschaftsminister Dr. Robert Habeck (Grüne) mit der Bitte um seine Einschätzung in Sachen Energieversorgungssicherheit: „Das Thema sehen wir ganz oben auf der politischen Agenda“, sagt sie, wohl wissend wie schwierig es nun sei, auf dem weltweiten Energiemarkt und mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien den Bedarf abzusichern.

Geschlossenheit von Industrie und Politik

Bevor der Vizekanzler dazu eine Antwort gibt, kommt auch er nicht umhin auf die Dramatik in der Ukraine hinzuweisen und seiner Betroffenheit Ausdruck zu verleihen. „Während wir hier reden sterben junge Menschen, die wahrscheinlich besseres vorhatten, als in der Ukraine Krieg zu führen. Flucht ist wieder Alltag in Europa geworden. Es ist unsere Aufgabe, als reiches Land dort zu helfen und Deutschland tut es so gut es kann.“ Er sei beeindruckt von der Hilfsbereitschaft vieler Menschen, die ihre Häuser aufmachten und spendeten.

Vizekanzler Habeck lobt die Industrie

Vizekanzler Robert Habeck Foto: Andreas Techel
Vizekanzler Robert Habeck

Ein großes Dankeschön richtet Habeck an die auch hier anwesenden Unternehmen, die seit Beginn des Krieges im regen Austausch über die Sanktionen mit ihm stehen und diese engagiert mittragen. "Sanktionen, die sicherlich in Umsatz und Gewinn ihre Konsequenzen haben und sicher für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Ukraine und Russland dramatische Auswirkungen haben." Aber kein einziges Unternehmen habe ihn angesprochen, dass man zu weit gehen würde. "Alle haben gesagt, wir haken uns hier unter und versuchen das gemeinsam zu lösen", sagt Habeck. Diese große Geschlossenheit sei keine Selbstverständlichkeit angesichts der gigantischen Probleme, für die außer den großen Konzernen vor allem auch mittelständische Unternehmen im Lösungen ringen. "Man fühlt sich in dieser Geschlossenheit getragen", sagt er und bekommt dafür spontan Applaus von den anwesenden Industrievertretern.

Sanktionen gegen Russland zeigen Wirkung

Doch, auch wenn die Sanktionen bereits erhebliche Wirkungen zeigen, seien sie so gewählt, dass die Staaten die sie verabredet haben dies sehr lange durchziehen könnten. "Aber es ist das Wesen von Sanktionen, dass man dafür einen Preis zahlt." Gemeint ist damit die Gesellschaft als Ganzes. Die Politik müsse nun versuchen, die Belastungen möglichst fair zu verteilen. Eine konkrete Lösung etwa für die stark betroffene Transport- und Logistikbranche kann der Wirtschaftsminister auf dem Kongress noch nicht in Aussicht stellen, zu sehr wird darüber noch im Kabinett diskutiert. Dies zeigt sich fast parallel in den kontroversen Aussagen seines Kollegen aus dem Finanzministerium. Doch Habecks Ansage, ungerechtfertigten Kostentreibern nachzugehen, folgt die Beauftragung an das Bundeskartellamt, die derzeitigen Spritpreise zu durchleuchten. Am Abend des ersten Kongresstages standen bereits die Raffinerien im Fokus.

Entkopplung von der Energieabhängigkeit

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"Wir haben diese Debatte in den letzten Jahren als Klimaschutzdebatte geführt, jetzt sehen wir, dass sie auch einen sicherheitspolitischen Aspekt hat." konstatiert Habeck zur fossilen Energieabhängigkeit. Deutschland stehe hier ein Stück weit mit dem Rücken zur Wand, werde sich aber aus dieser Defensive befreien. „Putins Reich ist auf Öl gebaut", so Habeck und Mobilität sei eine Übersetzung von Freiheit, diese dürfe nicht in Abhängigkeit von Diktatoren organisiert sein. Der Technischen Kongress des VDA stünde für Innovationen und vor allem der Verkehrssektor sei aufgerufen diese Abhängigkeit zu reduzieren. Er begründet dies auch mit dem CO2-Ausstoß, der letztes Jahr 148 Millionen Tonnen betrug und 2030 auf 85 Millionen Tonnen kommen soll. Angesichts der sich weiter verschärfenden Lieferkettenproblematik sicher kein einfaches Unterfangen aber durch den neu hinzugekommenen Sicherheitsaspekt dürfte die Motivation noch deutlich höher sein als bisher.

Kooperation als Mittel zum Ziel

Tatsächlich zeigt sich auch in den nachfolgenden Vorträgen ein Phänomen des Zusammenhalts und des Willens zur Kooperation. So gut wie alle Vertreter der großen Zulieferer wie Continental, Bosch oder ZF fordern standardisierte Schnittstellen, statt proprietärer Entwicklungen, was natürlich vor allem für Software gilt. Sie wird nach Meinung vieler Entwickler die Zukunft aller Fahrzeuge am stärksten prägen. Dabei spielen sowohl Hochleistungsrechner in den Fahrzeugen, wie auch cloudbasierte Services und die damit erforderliche Netzabdeckung eine große Rolle, bei der sich die deutsche Fahrzeugindustrie im globalen Wettbewerb bereits gut positioniert hat.

Kooperation von aller Beteiligten

So weist der Kongress am Ende mehrere große Leitlinien aus. Neben dem Willen zu mehr Kooperation zwischen Herstellern, Zulieferen und auch Systemanbietern wie etwa Siemens oder Microsoft, stehen nach wie vor die Themen Digitalisierung und Autonomisierung im Fokus. Zu letzterem befindet sich etwa die Gesetzgebung zu Level 4 in Arbeit. Level 3 wurde 2021 bereits verabschiedet, an der nationalen Umsetzung arbeitet das Kraftfahrtbundesamt mit mehreren Arbeitsgruppen. Doch vor den Umsetzungen der einzelnen Stufen bedarf es immer noch der entsprechenden Verordnung. Dazu werden auch mit den Herstellern Anforderungskataloge erarbeitet, so Richard Damm, Präsident des KBA. Bis wann ein vollständiges autonom fahrendes Fahrzeug auf öffentlichen Straßen zu sehen sein wird, lässt sich allerdings noch nicht beziffern. Hier gilt es nicht nur Regulatorien aufzubauen, sondern auch die Technik müsse sich noch weiterentwickeln.

Antriebstechnologien im Entwicklungswettbewerb

Die Antriebsstrangentwicklung mit ihrer Diskussion um Technologieoffenheit scheint unter dem Eindruck der kriegsbedingten Energieversorgungskrise noch mehr Dynamik zu bekommen. Die für das Fahrzeug geplanten Anwendungen werden am Ende über das „beste“ Konzept entscheiden. Aber die jeweilige mögliche Entwicklungsgeschwindigkeit der Antriebe und das Tempo beim Netzausbau zur Energieversorgung werden entscheidends sein. Absehbar ist allerdings schon jetzt, das batterieelektrische Antriebe schon kurzfristig im Nahverkehr stark im Kommen sein werden. Auf längeren Strecken bekommt der klassische Stromspeicher wegen fehlender „Mega-Charger“ und einem noch fehlenden weiteren „Kick“ in der Batterietechnologie Wettbewerbsdruck durch den Wasserstoff. Dieser Energieträger, der wahlweise als Motorkraftstoff oder in der Brennstoffzelle zum Betrieb eines Elektromotors funktioniert, benötigt aber ebenfalls noch einen großangelegten Netzausbau und muss auch antriebsseitig fertig entwickelt werden.

Zäsur in der globalen Zusammenarbeit

Der unter dem Eindruck mehrerer sich überlappender Krisen, aus Pandemie, Lieferketten und Krieg stehende Kongress zeigt viel Geschlossenheit und Kooperationswillen unterschiedlichster Partner. Die Taktung von Veränderungen aber auch wegweisenden Innovationen wird dadurch sicher nicht langsamer, da mit ihr einher auch eine Antwort auf die dramatische Zäsur in der globalen Zusammenarbeit einhergehen muss. Wer dranbleiben will an der technischen Entwicklung: Die nächste Gelegenheit bietet sich schon Anfang Juni ebenfalls in Berlin, beim Dekra Zukunftskongress Nutzfahrzeuge.

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