Unfallprävention

Gefahr durch Ablenkung

Autobahnpolizei Ahlhorn Foto: Autobahnpolizei Ahlhorn
Meinung

Im Podcast der BG Verkehr trifft die Stimme der Straße auf die Stimme der Wissenschaft. In der 67. Sendung von FERNFAHRER Live kommt noch die Autobahnpolizei dazu.

Im aktuellen FERNFAHRER geht es in drei zusammenhängenden Beiträgen einmal mehr um die Gefahr durch Ablenkung am Steuer. Da ist zum einen die Initiative „Hellwach mit 80 km/h“, die beklagt, dass in diesem Jahr bereits 51 Lkw-Fahrer an einem Stauende ums Leben gekommen sind. In der Regel geschieht dies vor einem der Dauerstaus in Deutschland, so wie ich es im „Brennpunkt“ am Beispiel der Baustelle auf der A1 ab Lohne/Dinklage Richtung Dortmund schildere. Dort staut es sich schon mal bis weit hinter die Anschlussstelle Vechta zurück. In diesen Staus sind seit Beginn der Baustelle bereits zwei Lkw-Fahrer ums Leben gekommen.

Es ist auch der Einsatzbereich der zur Polizeidirektion Oldenburg gehörenden Autobahnpolizei Ahlhorn, die nach einem tödlichen Lkw-Unfall im Dezember 2018 auf der Stadtautobahn in Oldenburg seit 2019 zunächst in einem Pilotprojekt abgelenkte Fahrer während der Fahrt per Videokamera kontrolliert hat, wie es mein Kollege Norbert Böwing im Film „Polizei macht Jagd auf Verkehrssünder“ in einem sehenswerten Beitrag auf eurotransportTV dokumentiert hat. Mittlerweile fährt die Autobahnpolizei dort täglich Streife und erfasst im Mittel pro Woche etwa zehn bis zwölf Verstöße. Im Recht Aktuell von Heft 10 klären wir schließlich darüber auf, welche Ablenkung mit einem elektronischen Gerät am Steuer mit welchem Bußgeld sanktioniert wird.

Vor- und Nachteile der Assistenzsysteme

Auch die BG Verkehr in Hamburg sorgt sich um die zunehmende Anzahl der Lkw-Unfälle, wie Dr. Jörg Hedtmann, Leiter der Abteilung Prävention, in einem Interview zur 67. Sendung von FERNFAHRER Live am 16 September 2021 erläutert. „Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren haben wir darüber gesprochen, dass ein großer Teil der Unfälle auch Einschlafunfälle waren“, sagt Hedtmann. „Aber heute wissen wir aus verschiedenen Untersuchungen, dass Ablenkung eine wesentliche Rolle spielt. Sie ist es in einer Kette der Ereignisse nicht alleine, die dann zu einem Unfall führen.“ Doch auch die zunehmende Monotonie, die moderne Lkw durch immer mehr Assistenzsysteme an Bord bei den Fahrern hervorruft, kennt Hedtmann. „Allerdings sind die Assistenzsysteme für uns zunächst einmal eine gute positive Entwicklung. Und insgesamt befinden wir uns ja auf dem Weg vom selbst Fahren zum autonomen Fahren.“ In dieser Übergansphase, in der dem Fahrer viele Tätigkeiten im Lkw abgenommen werden, entstehe tatsächlich die Gefahr, sich etwas anderem, also einer fahrfremden Aufgabe, zu widmen.

Lenken statt Ablenken

So ist auch der Anfang September veröffentliche Podcast „Lenken statt Ablenken“ Teil einer Kampagne, die die BG Verkehr schwerpunktmäßig durchführt. „Hier versuchen wir, die Stimme der Straße mit der Stimme der Wissenschaft zusammenzubringen, und auch deutlich zu machen, wie die Erkenntnisse der Wissenschaft in das tägliche Geschäft auf der Straße überführt werden können.“ Unter meiner Moderation unterhalten sich der langjährige Lkw-Fahrer Holger Brost (als Stimme der Straße), der für Cartrans aus Freudenberg europaweit unterwegs ist und Ablenkung zu vermeiden versucht, mit der Verkehrspsychologin Dr. Anja Katharina Huemer und dem Unfallforscher Siegfried Brockmann. Der Tenor: „Ablenkung gab es schon immer. Aber bei steigendem Verkehrsaufkommen häufen sich die schweren Unfälle.“ Der Podcast „Lenken statt Ablenken“ ist hier zu hören.

Zwei wichtige Punkte für die Debatte

Vorab zur Diskussion bei FERNFAHRER Live möchte ich daher zwei Punkte aus Sicht der Verkehrspsychologie hervorheben: „Ablenkung alleine, also die Tatsache, dass man mal nebenher was anderes macht, führt ja nicht zu einem Unfall“, betont Dr. Anja Huemer. „Was da passiert, wenn wir einen Unfall haben, ist ja meistens, dass wir eine für die Situation zu hohe Geschwindigkeit und dazu einen zu geringen Abstand haben. Dann passiert irgendwas Unerwartetes, zum Beispiel ein Stauende in einer Baustelle, oder dass jemand vor mir doch stärker bremst, als ich gedacht habe. Und wenn ich dann in dem Moment abgelenkt bin, also zum Beispiel die Augen nicht auf der Straße habe, zu spät sehe, was da passiert, ich vielleicht meine Hände nicht gerade am Lenkrad habe oder mein Fuß nicht schon auf der Bremse ist, dann habe ich eben so eine Verzögerung, dass es dann leider zu einem Unfall kommt.“

Genau diese Situationen passieren tagtäglich, 999 Mal gehen sie gut, und dann kommt eben diese eine Konstellation, in der es nicht mehr gut geht. „Das Gefährliche beim Handy oder Tablet ist“, sagt Huemer, „dass wir dabei gar nicht merken, wie lange wir abgelenkt sind. Es ist, wie wenn wir einen Film gucken oder uns sonst mit irgendwas Spannendem beschäftigen. Wir merken ja nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn wir wirklich beschäftigt sind. Und deswegen gucken Menschen sehr, sehr lange aufs Telefon und denken gar nicht, wie lange sie dabei abgelenkt sind. Das ist die Schwierigkeit, selbst wenn man sich einredet, ich gucke ja nur ganz kurz. Man verschätzt sich total, wie lange ganz kurz ist!“

Terminhinweis

Zu Gast in der 67. Sendung von FERNFAHRER live am 16. September 2021 ab 17.00 Uhr sind Dr. Jörg Hedtmann, Leiter der Abteilung Prävention der BG Verkehr, Polizeioberkommissar Nils-Holger Peemüller von der Polizeidirektion Oldenburg sowie die drei Fahrer Holger Brost, Lars Borck und Markus Gödde.

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