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trans aktuell-Symposium So geht Logistik bei Lebensmitteln

Schwerpunkt Lieferkette Foto: j-mel – stock.adobe.com

Ein trans aktuell-Webinar zeigte, wie GFT Logistics und andere Akteure die Supply Chain neu definiert haben.

Eigentlich hätte es ein trans aktuell-Symposium bei GFT Logistic in Möckmühl werden sollen – also eine Präsenzveranstaltung. Thema: „Lieferketten neu denken, Regio­nalität stärken“. Doch Corona machte diese Pläne zunichte. So wurde es schließlich ein trans aktuell-Webinar – mit allen vorgesehenen Referenten und Teilnehmern. Die beiden trans aktuell-Redakteure Ilona Jüngst und Ralf Lanzinger moderierten.

Alexander Jung, Geschäftsführer von GFT Logistics, erklärte, wie das Thema „Lieferketten neu denken, Regionalität stärken“ bei GFT täglich in die Tat umgesetzt wird. „Grundsätzlich verstehen wir uns als Logistikexperten im Bereich der Ultrafrischelogistik. Unser Ziel: eine möglichst lange Abverkaufszeit der Waren in den Filialen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) zu ermöglichen.“ Daraus resultieren weniger Abschriften – von über zehn Prozent auf unter zwei. Zur Erläuterung: Unter dem Begriff „Abschrift“ versteht man im LEH Rohertragsschmälerungen aus Bruch und Verderb der eingekauften Waren. Weniger Abschriften bedeuten somit weniger Entsorgungen von Lebensmitteln und weniger Umweltbelastungen.

Komplett neues System

Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich GFT von den Prinzipien der konventionellen Lieferkette verabschiedet. Diese bringen es mit sich, dass die Lieferanten mit dem Lkw an die Zentrallager des LEH liefern. Dort werden die Waren auf die entsprechenden Filialen vorkommissioniert. Das hat zur Folge, dass der LEH Ressourcen für die Kommissionierung bereithalten sowie ein ­Zeitfenstermanagement organisieren muss. Auch der Lieferant muss Ressourcen für die Kommissionierung bereithalten. Ein Nachteil für ihn: Er kann die Produktion nicht auf der Grundlage der optimalen Auslieferung steuern. Im Gegensatz dazu erarbeitete GFT ein komplett neues System auf Basis der kleinsten Verpackungseinheit. Das bedeutet: Ein Supermarkt kann im Extremfall eine Salatschale bestellen. Der Lieferant produziert und liefert die Ware an das Zentrallager von GFT Logistics in Möckmühl oder in Hannover. Dort kommissionieren die Mitarbeiter die Sendung in eine Kiste, welche dann gebündelt auf einer Palette in das Zentrallager des Lebensmitteleinzelhandels transportiert wird. Von dort wird diese Kiste auf die Ausliefertouren für die Filialen gepackt.

Weniger Rampenkontakte

Der Aufwand beim Wareneingang dort reduziert sich auf das reine Kistenzählen. Damit nicht genug: Der LEH spart sich damit bis zu 40 Rampenkontakte pro Lager, ebenso Ressourcen in der Kommissionierung und im Zeitfenstermanagement.

Lkw GFT Logistic Foto: GFT Logistic
Der Fokus von GFT Logistic liegt auf der Kühlkompetenz. Das Unternehmen sieht sich aber auch als Partner vieler weiterer Branchen.

Für diese Art der Lieferkette sind laut Jung jedoch einige Voraussetzungen notwendig. Diese wären: eine enge Zusammenarbeit mit den Kunden und eine hundertprozentige Prozesstransparenz. Auch die Kunden sollten ihren Beitrag leisten. Von ihrer Seite seien Zugeständnisse mit Blick auf die Anliefer-Zeitfenster notwendig, betonte Jung. Hohe Anforderungen werden zudem an das Personal gestellt. Denn die Zeit zwischen Bestelleingang und Tourstart ist sehr kurz. Daher muss die Kommissionierung recht schnell vonstattengehen. Sogar so schnell, dass eine Automatisierung nicht zweckdienlich ist. Da der LEH taggenau bestellt, findet keine Vorratshaltung in den Filialen statt. Eine Tour muss daher vollständig und pünktlich abfahren.

Breiteres Sortiment

Für die Kunden hat dies mehrere Vorteile. Zum einen können die Märkte auf ein erheblich breiteres Sortiment zugreifen, ohne dafür Lagerflächen vorhalten zu müssen. Zum anderen können einzelne Produkte getestet werden, um zu sehen, wie sich ein Artikel in der Filiale verkaufen lässt. Jung wies zudem auf eine höhere Planbarkeit hin: „Sowohl für uns als Dienstleister als auch für den Kunden und Empfänger.“ Für GFT besteht die Planbarkeit darin, dass die Touren jeden Tag zur gleichen Zeit abzufahren sind und dass die Mengen bis auf bestimmte Spitzen im Jahr nicht besonders stark schwanken.

Die Zahl der Artikel, die von GFT kommissioniert wurden, wuchs in den vergangenen 15 Jahren mithilfe des Systems von zehn auf etwa tausend. Damit kann auch eine einzelne Filiale auf diese Anzahl von Artikeln zugreifen. Da die Abverkaufszeit in den Filialen vor Ort um mindestens einen Tag verlängert ­werden konnte, spart sich der LEH in jedem Zentrallager etwa 20 bis 40 Palettenstellplätze und kann diese mit anderer Ware auffüllen. Eine Besonderheit in diesem System sieht Jung darin, dass die Bestandsführung der Lieferant übernimmt und nicht GFT oder der LEH. Der Rundgang durch das Lager in Möckmühl fand virtuell statt.

Klaus Jung, geschäftsführender Gesellschafter der Jung Holding mit Sitz in Jagsthausen, gab einen kurzen Abriss der Geschichte des Unternehmens, dessen Wurzeln bis in die 1930er-Jahre zurückreichen. Zur Gruppe gehören neben GFT auch Gartenfrisch Jung und Premium Fresh Network. Rund um Jagsthausen werden etwa 600 Hektar landwirtschaftliche Anbaufläche bewirtschaftet. Hinzu kommt noch ein landwirtschaftlicher Betrieb in Portugal. 900 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro.

Trends im Lebensmitteleinzelhandel

Welche Trends sich infolge der Pandemie im LEH abzeichnen und welche Folgen dies für die Logistik haben könnte, darüber sprach Peter Lammers von der Unternehmensberatung Andersch in Düsseldorf. Einen wesentlichen Trend sieht er darin, dass die Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen, was auch eine Folge der vermehrten Tätigkeit im Homeoffice ist. Über den Tag verteilte Snacks ersetzen künftig die traditionellen Mahlzeiten. Wenn dieses Szenario so eintrete, steige auch der Anteil von Frischetransporten. Die sind bekanntlich hochfrequent, aber kleinteilig. Deshalb würden neue Bündelungs- und Distributionsstrategien erforderlich, sagte Andersch voraus. Dies wiederum erfordere mehr Touren zu den Verkaufsstellen.

Die Pandemie habe die bereits bestehenden Trends zu mehr Bioprodukten und mehr Regionalität weiter verstärkt. Dadurch wird die Rückverfolgbarkeit der Lieferketten noch wichtiger. Als die großen Krisengewinner sieht er die Lebensmittellieferdienste. Für diesen Bereich brauche es neue urbane Logistikflächen, vor allem für die „letzte Meile“.

Ein Thema, das definitiv auf der Agenda der Lebensmittellogistik steht, ist die Dekarbonisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die betrifft laut Dr. Sylvia Trage von der Unternehmensberatung KPMG natürlich auch die Lebensmittelherstellung und letztlich auch den Handel, aber ebenso den Bereich Transport und Verpackung – zusammen machen diese vier rund 18 Prozent der globalen CO2-Emissionen im Food-Bereich aus. „Die Dekarbonisierung erfordert Maßnahmen in allen Bereichen der Supply-Cain“, sagte Trage.

Eine geeignete Maßnahme ist aus Erfahrung der KPMG-Expertin etwa die Prozessoptimierung, durch Automatisierung und Robotik, und zwar nicht nur in der Herstellung, sondern auch im Bereich Verpackung. Aber auch das Energie- und Wärmemanagement beziehungsweise die Kühlung sind demnach gute Ansatzpunkte, etwa durch die Nutzung von erneuerbaren Energien oder die Umstellung auf umweltfreundlichen Grünstrom auch für Lagerhäuser und Distributionszentren. Und auch das Thema Energiesparen steht auf der Liste – etwa bei der Wahl der Beleuchtung oder von Flurförderfahrzeugen.

Dezentrale Distribution

Erhebliche Potenziale sieht Trage zudem im Transportbereich: „Für Herstellung und Vertrieb eines deutschen Erdbeerjoghurts werden durchschnittlich 8.000 Kilometer zurückgelegt“, sagte sie. Regionalisierung ist deswegen ein Schlagwort – durch die Verlagerung der Produktion in die Nähe der Absatzmärkte und den Aufbau dezentraler Distributionszentren. Auch Logistiknetzwerke unterstützen die Dekarbonisierungsziele: durch Optimierung der Touren- und Routenplanung, die Anpassung von Logistikkonzepten und -dienstleistern sowie die Optimierung von Knotenpunkten. Und entscheidend ist nicht zuletzt die Wahl der Transportmittel, zum Beispiel durch den Einsatz alternativer Kraftstoffe, die Erhöhung und Ausnutzung der Nutzlast und die Verkehrsverlagerung auf die Schiene oder das Binnenschiff.

„Wichtig“, so Trage weiter, „sind das Einbeziehen aller Kollaborateure und die Transparenz aller Partner im Wertschöpfungsnetzwerk durch den Datenaustausch entweder über Plattformen oder Control Tower.“ Weitere Vorteile der Dekarbonisierungsmaßnahmen? „Sie stärken die Resilienz in der Lieferkette“, sagte Trage, beispielsweise durch die Einhaltung von Umweltauflagen, die Sicherstellung und Einsparung von Ressourcen sowie Kosteneinsparungen.

GFT Logistic

  • Gründung: 2002
  • Unternehmenssitz: Möckmühl
  • Geschäftsführer: Alexander Jung
  • 400 Mitarbeiter, Fuhrpark: 100 Lkw
  • Gesamt-Lagerfläche: 11.500 Quadratmeter, Kühllager für rund 1.000 Paletten
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