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Streetscooter mit speziellem Aufbau

Siemens und Bezold preschen elektrisch voran

Streetscooter mit Bezold-Aufbau Foto: Franziska Niess 5 Bilder

Die Siemens-Sparte Building Technologies (BT) und die Spedition Bezold setzen in Nürnberg einen Streetscooter mit geräumigem Kofferaufbau ein.

05.06.2018 Franziska Nieß

An den Anblick eines Street­scooters im Stadtverkehr haben sich die Augen mittlerweile gewöhnt. Schließlich produziert die Tochterfirma der Deutschen Post DHL mit Sitz in Aachen aufgrund der hohen Nachfrage Fahrzeuge am laufenden Band. Doch das Modell, das seit Ende März in Nürnberg unterwegs ist, sticht nicht nur wegen der türkisenen Farbe hervor. "Es handelt sich dabei um den ersten Streetscooter, der für den klassischen Einsatz bei Speditionen taugt", erklärt Andreas Metko, Lager- und Transport­manager bei der Siemens-Divi­sion Building Technologies.

Das liegt an einem speziellen Aufbau aus dem Hause Humbaur, mit dem Paul Nutzfahrzeuge aus Vilshofen an der Donau den Streetscooter umgerüstet hat. Dieser erlaubt rund 800 Kilogramm Zuladung und verfügt über Möglichkeiten zum Festzurren der Ware sowie eine Portaltür. Der gängige Aufbau der Deutschen Post lässt sich seitlich und vom Heck aus öffnen, hat aber keine Portaltüren.

Das Fahrzeug basiert auf dem Streetscooter Modell Work L

"Die Portaltür ermöglicht uns die Beladung per Gabelstapler", erklärt Metko im Gespräch mit trans aktuell. Entsprechend größer kommt der eigens angefertigte Streetscooter daher, der auf dem Modell Work L basiert. Das Fahrzeug transportiert im Nürnberger Stadtverkehr Produkte für die Gebäudetechnik wie zum Beispiel Brandschutzmelder. Das kommt nicht von ungefähr. Initiator des Streetscooter-Einsatzes ist die Siemenssparte Building Technologies (BT), zu Deutsch: Gebäudetechnik, eine von insgesamt acht Siemens-Divisionen. 

Der Streetscooter startet seine tägliche Tour, die etwa 80 Kilometer beträgt, an einem BT-Lager, das die Spedition Bezold betreibt, und fährt diverse Stopps in Nürnberg an. Danach geht es wieder zurück zum Bezold-Lager. Die Spedition Bezold investierte für den Streetscooter laut Metko unter 60.000 Euro. In gemeinsamen Gesprächen vereinbarten beide Seiten die Preisstruktur, damit der Spediteur mit einem Fuhrpark von rund 15 Fahrzeugen das Risiko der Investition eingehen konnte. Der Wechsel zum E-Fahrzeug sei in diesem Fall zu den gleichen Durchschnittskosten wie bei einem konventionellen Fahrzeug geschehen.

Bei erfolgreichem Test ist eine Ausweitung möglich

Bezold-Fahrer Sven Ziegler fährt den Streetscooter, den die Verantwortlichen auf den Namen Greenliner tauften, am häufigsten. "Beim Ausliefern werde ich oft
gefragt, wie er sich fährt", erzählt er. Ziegler findet ihn für den Stadtverkehr perfekt, auf der Landstraße mache sich die Höchstgeschwindigkeit von 94 km/h aber bemerkbar. Der Ladevorgang auf dem Speditionshof und die beschränkte Reichweite bereiten ihm dagegen keine Probleme. Das Fahrzeug befindet sich derzeit noch in der Testphase. Verläuft diese erfolgreich, kann sich Metko auch die Ausweitung der Belieferung per Streetscooter vorstellen. Momentan deute einiges darauf hin.

Von den Kunden komme positives Feedback, viele Medien berichteten über das einzigartige Fahrzeug, das auch für die Stadt Nürnberg Vorbildcharakter hat: Es ist der erste Streetscooter, der dort ausliefert. Die Deutsche Post selbst zog erst Anfang Mai nach.
Ein Erfolg für Siemens BT – und doch „nur“ Teil eines größeren Projekts, das die Sparte gemeinsam mit der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg seit eineinhalb Jahren betreibt.

E-Mobilitäts-Projekt mit der FAU Erlangen-Nürnberg

Beim sogenannten Innovationsmeeting, an dem viermal jährlich Mitarbeiter von Siemens und FAU teilnehmen, kam die Idee zu einem Projekt rund ums Thema Elektromobilität auf den Tisch. Es trägt den Namen E-Mobility@BT LOG. Das Team um Projektleiter Metko und Tobias Meyer vom Lehrstuhl Supply Chain Management an der FAU enttarnte dabei drei mögliche Ansätze: Lastenräder in der Innenstadtbelieferung, einen E-Lkw für den Werkverkehr zwischen zwei Standorten im schweizerischen Zug und eben den Einsatz eines Elektrofahrzeugs im Nahverkehr.

Beim Thema Lastenrad meldet Siemens BT Vollzug. In Stuttgart beliefern seit Dezember 2017 E-Bikes des Lieferdienstes Velocarrier die Kunden (siehe trans aktuell 5/2018), München soll als zweite deutsche Stadt folgen. Doch die Pläne reichen weiter als Deutschland: "In Stockholm planen wir die Zusammenarbeit mit einem weiteren Dienstleister", erklärt Metko. Schweden sei einer der Kernmärkte und das große Siemens-Lager in Arlandastad nur rund 40 Kilometer von der schwedischen Hauptstadt entfernt.

Relativ kurze Lieferzeit

Der Werkverkehr dagegen ist zumindest vorerst auf Eis gelegt. Die Kosten für den elektrischen 40-Tonner, der dafür zum Einsatz kommen müsste, seien aktuell zu hoch. Dieses Problem bestand laut Tobias Meyer von der FAU auch bei den Überlegungen für den Einsatz eines E-Lkw im Nahverkehr. "Wir haben verschiedene Hersteller verglichen und überlegt, welches Fahrzeug zu Siemens passt." Die Wahl fiel schließlich auf Streetscooter. "Wegen des großen Erfahrungsschatzes und dem vergleichsweise niedrigen Preis", erklärt Metko.

Ein weiterer Faktor war die relativ kurze Lieferzeit. Im November 2017 ging bei Streetscooter die Bestellung ein, im Februar stand das Fahrzeug auf dem Hof der Spedition Bezold. Die Inbetriebnahme des Streetscooter feierten die Verantwortlichen Ende März. Seitdem kurvt Sven Ziegler mit dem Greenliner durch Nürnberg – und wird dabei die Blicke noch eine Weile auf sich ziehen.

Das Projekt

  • E-Mobility@BT LOG besteht seit eineinhalb Jahren
  • Team: Andreas Metko, Johannes Oberfeld, Christina Schanz, Karin Grisko (alle Siemens BT), Tobias Meyer (FAU Erlangen-Nürnberg)
  • Drei Bereiche: Lastenradbelieferung, Werkverkehr elektrifizieren, Streetscooter im Nahverkehr
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