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Deutsche See testet Streetscooter

E-Transporter mit Kälteanlage

Foto: Deutsche See

Für den Fischlieferanten hat die Deutsche Post DHL ihren Elektro-Lieferwagen mit einer Kälteanlage ausgestattet. Deutsche See will nach Abschluss des Pilotbetriebs weitere Streetscooter an 20 Standorten einsetzen.

"Wir sind seit 2010 auf der Suche nach einem elektrisch angetriebenen Lieferfahrzeug für die Innenstadtbelieferung oder urbane Ballungszentren", sagt Martin Engelking, Direktor Service bei Deutsche See mit Sitz in Bremerhaven und verantwortlich für den Fuhrpark des Unternehmens. Man habe viele Ideen verfolgt, vieles ausprobiert, Anbieter und Komponentenhersteller gesucht und sogar eigene Varianten mit Technikexperten im Unternehmen aufgebaut.

E-Bikes in Hamburg und Berlin

Deutsche See testete beispielsweise in Köln zwei Jahre lang den E-Worker von Iseki Maschinen aus Meerbusch, der sich dann doch nicht als optimal herausstellte. "Wir waren mit die Ersten, die elektrisch unterstützte Lastenräder mit selbst konzipierten Kühlkoffern einsetzten", berichtet Engelking. Jeweils ein E-Bike sei in Berlin und Hamburg im Einsatz. Bei den renommierten deutschen Fahrzeugherstellern habe man angeklopft.

"Wir haben natürlich auch von Streetscooter gelesen, aber da war das Unternehmen noch in sich geschlossen", erinnert sich der Flottenmanager. Dennoch habe er im vergangenen Jahr Kontakt aufgenommen, da das Unternehmen Fahrzeuglösungen mit 100 Prozent Elektroantrieb für die Zustellung auf der letzten Meile präsentierte. "Wir haben angeregt, mal einen Streetscooter als Kühlfahrzeug zu konzipieren", fügt er hinzu.

Pilotbetrieb läuft seit Juli

In Aachen, wo Streetscooter die Fahrzeuge produziert, sei man Feuer und Flamme gewesen. In einem vertraulichen Projekt haben die Tüftler in Aachen gemeinsam mit den erfahrenen  Technikexperten von Deutsche See den ersten E-Lieferwagen mit Kälteanlage entwickelt. Seit Juli dieses Jahres testet Deutsche See in einem gemeinsamen Projekt einen Streetscooter für die emissionsfreie Belieferung von gekühltem Frischfisch in der Innenstadt von Köln.

"Der Test läuft gut. Der Street-scooter ist anders als der zuerst erprobte E-Worker ein richtiges Fahrzeug", sagt Engelking. Auch Streetscooter sei ganz nah dran und verfolge den halbjährigen Pilotbetrieb ganz genau. "Wir warten noch den Winter ab, dann werden wir multiplizieren", erläutert der Direktor Deutsche See. Alle Erkenntnisse werden in gemeinsamen Workshops bei Streetscooter aufbereitet und anschließend in die Produktion mitaufgenommen, damit  anschließend ein Serien-Kühlfahrzeug hergestellt werden kann.

Deutsche See hat Köln als Versuchsgebiet ausgewählt, weil auch vorangegangene Tests dort stattgefunden haben. "Die Mitarbeiter sind ein wichtiger Indikator", sagt Engelking. Sie loben das gute Fahrverhalten und die Nutzlast, die trotz des Koffers derzeit bei 650 Kilogramm liegt und bei den Folgefahrzeugen durch Optimierungen 680 Kilo betragen wird. "Nutzlast ist ganz wichtig für uns, nicht nur dass der Fisch selbst einiges wiegt, sondern auch die Mehrwegbehälter und das Eis, auf dem der frische Fisch gebettet ist", erläutert er.

Gut zu be- und entladen

Der Koffer sei von der Ladekantenhöhe und den drei Türen ringsum so konzipiert, dass die Mitarbeiter einfach an die Ware rankommen. Es lasse sich gut an der Rampe beladen und sei im Straßenverkehr zuverlässig unterwegs. Deutsche See fährt zweimal täglich mit dem Streetscooter in die Innenstadt und beliefert pro Tour je 12 bis 18 Kunden – ohne die Batterie zwischenladen zu müssen. Geladen wird der E-Lieferwagen über Nacht an normalen Steckdosen im Depot des Fischlieferanten.

Eine Schnellladestation habe Deutsche See dort noch nicht aufgebaut, die werde nach Angaben von Engelking auch nicht gebraucht. Auch vor dem Winter hat der Flottenmanager keine Angst, denn umso kälter es draußen sei, desto weniger müsse die Kälteanlage selbst kühlen. Gespannt sei er dennoch, ob und wie sich das Fahrverhalten des Streetscooter bei kälteren Außentemperaturen verändere und ob der Fahrstrom ausreiche, wenn der Fahrer etwa Heizung oder Scheibenheizung einschalte.

"Die Scheibenheizung halte ich noch für wichtiger als die Kabinenheizung", sagt Engelking. Nur wenn die Scheibe schnell eis- oder nebelfrei sei, habe der Fahrer gute Sicht und könne das Fahrzeug sicher durch die Innenstadt steuern. Da er ohnehin dauernd ein- und aussteigt, müsse das Fahrerhaus weniger geheizt werden. "Zumal unsere Fahrer für die Winter warme Berufskleidung bekommen", fügt er hinzu.
Für die Kälteanlage war klar, dass diese unabhängig vom Fahrstrom elektrisch betrieben werden müsse, da das die Reichweite des Fahrzeugs extrem minimieren würde. "Wir wollten partout auch keinen Verbrennungsmotor verbauen, der die Kälteanlage versorgt", sagt er.

Kältespeicher ist Akku

Eingebaut wurde ein bereits am Markt erhältlicher Kältespeicher, der für Deutsche See noch verfeinert wurde. Diese Anlage funktioniert wie ein Akku, der die Kälte über ein spezielles Gel speichert und über rund sechs Stunden Auslieferzeit in das Innere des Kühlkoffers abgibt. "Auch im Hochsommer, wenn draußen 30 Grad sind", erläutert er. Trotz häufigen Öffnens der Türen liege die Temperatur konstant bei 0 bis 2 Grad, wie es für den Transport von frischem Fisch erforderlich ist.

Unterstützt wird die Kälteanlage von einer auf dem Koffer angebrachten Fotovoltaik-Folie, die die Deutsche See bereits bei ihren Lastenrädern erprobt hat. Diese Folie produziert Strom und unterstützt die Kühlung über den Tag. Probleme gab’s bisher mit dem E-Lieferwagen nicht. "Streetscooter betreut uns als Testkunden intensiv, wir bekommen regelmäßig Software-Updates und damit ist die Betriebssicherheit gewährleistet", berichtet Engelking.

Deutsche See will nach Abschluss des Pilotbetriebs weitere Streetscooter an seinen 20 Standorten in der Nähe von Ballungszentren einsetzen. Den Bedarf schätzt Engelking auf rund zwei bis vier Fahrzeuge pro Niederlassung in derselben Größe wie das Testfahrzeug. Bis dahin wolle auch der Fahrzeugbauer ein flächendeckendes Werkstattnetz aufgebaut haben.

Ökologie im Fokus

Über den Preis sagt Engelking, dass dieser noch höher liege als der von herkömmlich angetriebenen Fahrzeugen. Dennoch sei er sich sicher, dass der Anschaffungspreis durch höhere Stückzahlen weiter sinken werde und sich der Streetscooter im Vergleich zu Nutzfahrzeugen mit Verbrennungsmotor bei einer Laufzeit von vier, fünf Jahren wirtschaftlich betreiben lasse. "Uns geht es aber vor allem auch um den ökologischen Aspekt. Wir investieren seit vielen Jahren in alternative Technologien – das ist uns fast noch wichtiger als die Wirtschaftlichkeit", resümiert er. Den Strom stellt Deutsche See an 10 seiner 20 Standorte über Fotovoltaik-Anlagen auf den Hallendächern selbst her.

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