Busmarkt 2019 und 2020

Branche in der Corona-Krise

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Report: Die Coronapandemie trifft den Bustourismus besonders hart. Wie die Branche 2019 erlebt hat – und wohin es 2020 gehen wird.

René Lang (43) aus dem Erzgebirge kämpft um das Überleben seines Unternehmens. Das Elbehochwasser 2002 hat es mit viel Mühe und Not überstanden. Jetzt kommt es aber wohl noch dicker für ihn und seine 45 Mitarbeiter. "Der gesamte Tourismus kam bereits Ende Februar komplett zum Erliegen, und seine Auferstehung wird Monate, wenn nicht gar Jahre dauern. Wir brauchen deshalb einfach ein Signal in der Öffentlichkeit, dass wir nicht vergessen werden", spricht er dem ZDF vor dem sächsischen Landtag in Dresden ins Mikrofon – durch eine Gesichtsmaske, versteht sich. Zusammen mit Reiner Maertens hat er einen Korso von 50 Bussen zum sächsischen Landtag organisiert und so Schule gemacht in Deutschland.

2019 buchten rund 24.000 Gäste unter dem Motto "sächsisch – günstig – familiär" bei Lang und seinem Team; zum 30-jährigen Firmenbestehen sollte sogar ein ganzes Hotel angemietet werden. Daraus wird nun vorerst ebenso wenig wie aus der Auslieferung seines siebten Busses, eines Neoplan Skyliner. "MAN hat sich hier kulant gezeigt und die Auslieferung bis auf ein Jahr gestreckt, ohne Zusatzkosten", sagt Lang. Er kann seinen ganzen Stolz der Flotte also eine ganze Weile nur in München auf dem MAN-Werksgelände besuchen. Und er ist nicht der einzige Unternehmer, der auf diese Art die Notbremse ziehen muss. Die Coronakrise wird von einigen seiner Mitbewerber schon als "Kernschmelze" beschrieben, wie in vielen Teilen der Wirtschaft. Nur, dass es den Tourismus und den Busverkehr besonders hart getroffen hat.

Aktion gegen Corona-Krise
Buskorso fährt durch Dresden

Bestandsaufnahme des Busmarkts 2019

Zeit also für eine Bestandsaufnahme des Busmarkts, wie er sich vor der Pandemie darstellte. Wobei es nicht immer ganz einfach ist, ein korrektes Bild des europäischen Markts zu gewinnen, der seit 2017 vor allem im Stadtbusbereich kontinuierlich gewachsen ist. Davon weiß Wim Chatrou, seit Jahrzehnten ein ausgewiesener Branchenkenner, ein Lied zu singen. "Bei Großbussen ist es schwierig, die Segmente klar voneinander abzugrenzen. Doppeldecker werden meist gar nicht separat ausgewiesen. Ähnliches kann man über Oberleitungsbusse sagen, die zum Beispiel in Deutschland nicht als Busse registriert werden, was die abweichenden Zahlen zu den Herstellerangaben erklärt." So zählt Solaris diese natürlich zum Absatz dazu, was immer wieder zu kleinen Scharmützeln mit VDL darüber führt, wer nun Elektro-Marktführer in Europa ist – zumindest, solange die großen Konzerne, die rund 70 Prozent des Gesamtmarkts unter sich aufteilen, in diesem Bereich noch keine wirklich tragende Rolle spielen.

Auch bei der Tonnage sind sich die Experten nicht einig. Einige Länder und Hersteller zählen ab sechs Tonnen, Chatrou erst ab acht Tonnen, was einige Kleinbusse ausschließt. Trotzdem schafft es der Niederländer im Unruhestand, ein gutes Bild des Markts zu erarbeiten. "Bei den Stadtbussen können wir 2019 mit einer Anzahl von über 15.000 Stück einen absoluten Zulassungsrekord mit einer Steigerung von über 20 Prozent gegenüber 2018 verzeichnen", sagt er. 2012 war dieser Bereich deutlich unter 10.000 Busse gefallen. Dazu werden aktuell 39 Prozent der Stadtbusse mit alternativen Antrieben ausgeliefert. Chatrou: "Die Tendenz ist weiter steigend, da sich das Volumen der Elektrobusse von 2018 auf 2019 verdreifacht hat." Das deckt sich mit Zahlen des Dachverbands der europäischen Fahrzeughersteller (ACEA), nach denen 15 Prozent des Gesamtmarkts alternativ angetrieben werden (eine Steigerung von 67,9 Prozent zu 2018) und 4 Prozent rein elektrisch, ein Plus von 170 Prozent.

Die Coronapandemie trifft den Bustourismus besonders hart.

Nicht nur Chatrou hält den Boom bei den Stadtbussen, der ja auch den 85 Prozent des Gesamtmarkts ausmachenden Diesel umfasst, für politisch motiviert. Ab 2021 müssen öffentliche Ausschreibungen die europäische Clean Vehicles Directive (CVD) in zwei Stufen erfüllen. Maximilian Rohs, der bei der Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers (PwC) den Bereich ÖPNV leitet und jährlich einen "E-Bus-Radar" herausgibt, sieht hier einen Vorzieheffekt, der der Umsetzung der CVD vorausgeht. Allerdings ergänzt er: "Zudem gehe ich auch davon aus, dass aufgrund der Definition der Clean Vehicles Directive der EU der Erdgas- beziehungsweise Biomethanantrieb bei Bussen eine Renaissance erleben wird, deren Zahl in den vergangenen Jahren ja rückläufig war." Tatsächlich lagen nach Chatrou Hybrid- und Erdgasbusse 2019 noch vor den E-Fahrzeugen. Und wie sieht Experte Rohs die Auswirkungen der Coronakrise, in der nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) die Nutzung der Busse um bis zu 80 Prozent eingebrochen ist? "Schon aufgrund der gefallenen Beschlüsse und Bestellungen gehe ich derzeit nicht von massiven negativen Folgen aus. Diese Bestellungen werden ja gerade erst von der Industrie abgearbeitet, und die bestellenden Unternehmen selbst sind ja auch durch Nahverkehrspläne und Vorgaben von Vergaben gebunden." Zudem gehe es in der ersten Phase der Krise mehr um konkrete Maßnahmen als um Strategieänderungen. "Das könnte sich in einer folgenden zweiten Phase aber ändern. Im Einzelfall wird es auch Unternehmen geben, die wegen der Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen Bestellungen strecken werden." Eine Verschiebung der Clean Vehicles Directive hält Rohs derzeit nicht für geboten. "Allerdings gibt es ja auch noch keine nationale Umsetzung der CVD. Wir wissen also nicht, wie sie sich im Einzelfall auswirken wird. Da könnte ich mir natürlich vorstellen, dass man in der aktuellen Situation darüber nachdenkt, bei der anstehenden Gestaltung des Gesetzes besondere Rücksicht auf die privaten und kleineren Unternehmen zu nehmen."

Nachfrage im Reisebusmarkt bricht massiv ein

Deutlich kritischer sieht es durch Corona natürlich im Reisebusmarkt aus. Hier bricht die Nachfrage laut Christiane Stein, Principal Research Analyst beim Marktforschungsinstitut IHS Markit, massiv ein. "Für Busse in Europa gehen wir momentan von einem Rückgang von 33 Prozent aus. Vor allem das Reisebusgeschäft wird zum Erliegen kommen." Noch spezifischer wird Rudi Kuchta, Head of Business Unit Bus bei MAN in München: "Der Shutdown im europäischen Reisebus- und Fernbusgeschäft wird massive Folgen haben. Wir schätzen momentan, dass der Reisebusmarkt in Europa um circa 60 Prozent zurückgehen wird." Laut ACEA war der Busabsatz über 3,5 Tonnen im März 2020 europaweit bereits um 37 Prozent eingebrochen, Deutschland konnte sich mit einem Plus von 11,8 Prozent noch halten. Dabei hätten die Zahlen bis 2019 nicht schlecht ausgesehen, so Chatrou. "Bei den Reisebussen hatte sich der Markt nach der Finanzkrise von 2008 seit 2015 wieder deutlich erholt und war auf rund 8.700 Einheiten angestiegen." In den 18 EU-Staaten ohne Osteuropa war dieses Segment 2019 mit 28,3 Prozent die Nummer zwei nach den Stadtbussen (46,3 Prozent) und wurde von Evobus dominiert; beim Stadtbus war es Traton mit MAN und Scania. Auch der Überlandbereich konnte sich behaupten. Bei 25,4 Prozent Anteil am Markt habe Iveco vor allem mit dem "Angstgegner Crossway" dominieren können, so Chatrou.

Angst ums Überleben vieler Busunternehmen

Angst aber macht sich jetzt ohnehin in der gesamten Branche breit – und zwar grundlegend ums Überleben vieler Unternehmen. Im schlimmsten Fall sind Einnahmen und Investitionen seit Herbst 2019 verloren – und ein Exitplan der Politik liegt noch nicht vor. Wenigstens wurde am Tag des Buskorsos in Dresden die Reisewarnung des Auswärtigen Amts bis Mitte Juni verlängert, was zu etwas mehr Planungssicherheit führte. Nur, um am folgenden Wochenende von der Verbraucherzentrale wieder infrage gestellt zu werden, die eher Ende August als Deadline für Reisestornierungen sieht. Chaos pur! Derweil tut der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) sein Bestes, um politisch dicke Bretter zu bohren. Am 24. April lieferte man erste Eckpunkte der Branche ans Bundesverkehrsministerium. "Viele Unternehmen entwickeln bereits entsprechende Konzepte, um Reisen unter den veränderten Bedingungen der Coronapandemie anbieten und durchführen zu können. Dafür braucht es aber einen schlüssigen Rahmen, der klare Orientierung und Fairness schafft. Wir fordern ein Gesamtkonzept der Bundesregierung", so Hauptgeschäftsführerin Christiane Leonard. Auch die Gütegemeinschaft Buskomfort stimmt in den Reigen ein und fordert "Überlebenshilfe für den Klimaschutz".René Lang geht die Unterstützung der Verbände indes nicht weit genug. "Ich habe das jetzt für Dresden in die Hand genommen mit der Demonstration, aber nun sind andere an der Reihe", sagt er. Dabei hat der leidenschaftliche Busunternehmer noch Glück gehabt: Zwei Wochen nach Antragstellung konnte er sich über die Zusage für einen KfW-Kredit über 500.000 Euro freuen. Und der kam gerade noch rechtzeitig. "Ohne ihn hätte ich nächste Woche Insolvenz anmelden müssen. Allerdings wird dieser Kredit unser Unternehmen nicht dauerhaft retten können. Wenn wir dieses Jahr keine oder nur minimale Einnahmen generieren können, wird es wirklich eng. Drei Mitarbeiter muss ich sowieso aufgrund der notwendigen Sparmaßnahmen freistellen. Und neue Busse werde ich mir vor 2027 kaum noch leisten können." Düstere Aussichten also.

Statement von Testredakteur Thorsten Wagner

Thorsten Wagner Foto: Thomas Küppers
Thorsten Wagner, Testredakteur

Warten auf den Tag X: Kaum eine Branche wird so hart von den Auswirkungen des Corona-Shutdowns getroffen wie der (Bus-)Tourismus. Einnahmen und Investitionen seit Herbst 2019 sind im schlimmsten Fall einfach verloren! Und nach derzeitigem Stand der Corona-Kabinettsbeschlüsse ist auch von einem kurzfristigen Neustart nicht auszugehen. Wieder einmal wurde der (Bus-)Mittelstand – auf den die Politik in Sonntagsreden so stolz ist – schlicht vergessen: bei Soforthilfen und auch bei der ­Umsatzsteuersenkung. Jetzt ist natürlich die Zeit für Hilfspakete und Rettungsmaßnahmen, auch wenn KfW-Kredite allein nicht ausreichen werden, um langfristig Einnahmeausfälle zu kompen­sieren. Was aber ebenso nottut, wäre ein abgestimmtes Hygienekonzept für den Tag X des Neustarts. Zudem sollte die Branche die Chance des kommenden Booms der klimafreundlichen Reisen in Europa jetzt geschickt nutzen! Denn Jammern allein hat noch nie wirklich geholfen.

Christiane Stein, Principal Research Analyst IHS Markit

Christiane Stein, Principal Research Analyst IHS Markit, sagt: "Das Reisebussegment wird in diesem Jahr einen enormen Einbruch erleiden. Wann und wie es wieder nach oben geht, können wir hoffentlich in ein paar Monaten abschätzen. Vor allem bleibt abzuwarten, wie sich das Reiseverhalten insgesamt verändern wird – zum Beispiel könnte es mehr Reisen im Nahbereich mit Bus und Bahn geben. Das bedeutet langfristig dann auch wieder eine Chance für den Reisebus."

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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lastauto omnibus 5 / 2020
16. Mai 2020
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