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Proteste aus dem Mittelstand

Hellmann fordert 15 Prozent Frachtnachlass

Foto: Matthias Rathmann

Hellmann zieht ein umstrittenes Schreiben an seine Frachtführer zurück. Kleine und mittelständische Transportunternehmen werten dies als Erfolg.

Erfolg für die kleinen und mittelständischen Transportbetriebe in Deutschland: Der Logistikdienstleister Hellmann aus Osnabrück nimmt die Forderung, die Transportpreise angesichts der Corona-Krise um 15 Prozent zu senken, nach massiven Protesten zurück. Hellmann-Geschäftsführer Sven Eisfeld entschuldigt sich in einer Erklärung des Unternehmens für das verschickte Schreiben. „Bedauerlicherweise ist uns in dieser turbulenten Zeit ein Fehler unterlaufen, indem versehentlich Frachtführer pauschal angeschrieben wurden und eine bevorzugte Zusammenarbeit zu reduzierten Raten angeboten wurde“, teilt er mit. Hellmann habe umgehend reagiert und befinde sich im engen Austausch mit den betroffenen Frachtführern. „Das Schreiben ist als gegenstandslos zu betrachten“, erklärt er.

Hellmann weist auf Gefahren durch Coronavirus hin

Hellmann hatte in dem Schreiben, das der Fachzeitschrift trans aktuell vorliegt, auf die wirtschaftlichen Gefahren durch das Coronavirus hingewiesen. Existenzen seien bedroht und das Warenaufkommen habe sich drastisch reduziert. Dies bedeute, dass Hellmann die Abfahrtsfrequenz seiner Linien punktuell reduzieren müsse.

„Uns ist durchaus bewusst, dass die kurzfristig anstehenden, notwendigen Entscheidungen ein unmittelbares wirtschaftliches Risiko für Sie als Transportunternehmer darstellt“, teilte die Geschäftsleitung von Hellmann Osnabrück ihren Frachtführern mit, um ihnen wenige Zeilen später das Angebot zu machen, sich als „bevorzugter Unternehmer“ listen zu lassen. Der Status „bevorzugt“ geht mit einem Abschlag von 15 Prozent auf die Nettofracht einher, wie aus dem Schreiben hervorgeht. „Mit dieser Maßnahme wollen wir erreichen, dass wir alle Verkehre so lange wie möglich aufrechterhalten, wovon Sie als Transportunternehmer profitieren.“ Hellmann wirbt in dem Brief um Verständnis für diese „für alle Beteiligten unerfreuliche, aber alternativlose Maßnahme“. Umsetzen wollte das Unternehmen das Ganze bis 30. März. Wer sich nicht zurück melde, werde automatisch als bevorzugter Unternehmer gelistet – und hätte damit 15 Prozent der Fracht nachlassen müssen.

Die angeschriebenen Transportunternehmen können nun also erst einmal aufatmen und das Schreiben ad acta legen. Das heißt aber nicht, dass Hellmann die Gespräche zur „Anpassung der Preisstruktur“ abbricht, sondern offenbar nun auf individuelle Gespräche setzt.

Benzinger appelliert: nicht jede Schweinerei mitmachen

Die Branche sieht darin zunächst aber ein positives Signal. Als Erfolg wertet dies auch der Geschäftsführer der Benzinger Spedition aus Friolzheim bei Pforzheim, Alexander Benzinger. Seine Empfehlung: bei solchen Forderungen Selbstbewusstsein an den Tag legen. „In dieser Situation kann ich meine Unternehmerkollegen nur ermuntern, Rückgrat zu haben und zu entgegnen: Macht es, wir sind raus“, sagt er gegenüber der Fachzeitschrift trans aktuell. Der Spediteur, der 380 eigene Lkw einsetzt, betont: „Es gibt ein Leben nach Corona.“ Die Altersstruktur der Fahrer werde sich nicht ändern, und es werde tendenziell immer schwieriger und kostspieliger, geeignete Mitarbeiter zu gewinnen. „Wer also jetzt preisliche Zugeständnisse macht, dem wird es langfristig auf die Füße fallen.“ Benzinger appelliert dringend an die Branche „nicht jede Schweinerei mitmachen.“ Lieber das Fahrzeug auf dem Hof stehen lassen.

Foto: Benzinger Spedition
Spediteur Alexander Benzinger: Rückgrat zeigen und unmoralisches Angebot ablehnen!

Die Frage sei auch, wer angesichts der knappen Margen überhaupt einen Nachlass von 15 Prozent gewähren könne – entweder habe er sich zuvor eine goldene Nase verdient oder er sei unter Kosten gefahren, so die Kommentare aus der Branche. Entsprechend aufgebracht zeigte sich auch der BGL Süd, also die beiden baden-württembergischen und der bayerische Landesverband des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Mit „die Krisen-Schnäppchenjäger aus Osnabrück“, haben sie ihre Reaktion auf das Verhalten von Hellmann überschrieben. Die Branche rücke zusammen, mache einen grandiosen Job und stärke sich gegenseitig den Rücken. Bei aller Dramatik und aller Krise also ein kleines Frühlingsmärchen für die Brummis, fragen sie. „Wohl leider nicht überall, weil ein ganz großer Logistiker aus Osnabrück das aktuelle Umfeld wohl noch einmal zur Marktbereinigung nutzen wolle.

BGL-Chef Engelhardt: ethisch nicht vertretbares Verhalten

„Dass das Ganze dann auch noch exakt zeitgleich mit der Forderung namhafter Wirtschaftskreise nach einer kompletten Aufhebung der deutschen Marktordnung zusammentraf, gibt dem Ganzen einen besonders bitteren, um nicht zu sagen zynischen Beigeschmack“, erklären die drei Organisationen des BGL Süd. BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt kommentiert den Vorstoß von Hellmann in den sozialen Netzwerken wie folgt: „Solches Verhalten ist in der jetzigen Zeit absolut unangebracht, ethisch nicht vertretbar und keinesfalls tolerierbar! Nur gemeinsam sind wir stark in der Krise.“

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