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Porträt über AIST-Vize-Präsidentin Hermann

Mehrere Neustarts in der Logistik

Elena Hermann, Star Cargo Berlin, AIST-Vize-Präsidentin Foto: Franziska Nieß

Vom Agrarministerium in den Gemüseladen: So erging es Elena Hermann, Geschäftsführerin der Berliner Spedition Star Cargo und Vize-Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung und Entwicklung des internationalen Straßenverkehrs (AIST). Sie musste in Deutschland noch einmal von vorne beginnen.

Elena Hermann, gebürtige Kirgisin mit russischen, polnischen und ukrainischen Wurzeln, kam erst vor rund 20 Jahren nach Deutschland und musste hier noch einmal ganz von vorne beginnen. Dabei hatte sie in Kirgisistan, bis zu deren Zusammenbruch im Jahr 1991 Teil der Sowjetunion, schon Karriere gemacht. Im Agrarministerium arbeitete sie in der Logistikabteilung und beriet Landwirtschaftsbetriebe. "Aber Deutschland und Kirgisistan: Das sind einfach zwei verschiedene Welten", erklärt die 51-Jährige im Gespräch mit trans aktuell.

Die eine Welt, ihr Geburtsland, verließ sie zum ersten Mal nach dem Abitur. "Ich habe mich schon in der zehnten Klasse für die Logistik entschieden", sagt Hermann. Damals machte sie den Lkw-Führerschein und fand Gefallen an den 40-Tonnern, die sie dabei fahren durfte. In Sankt Petersburg studierte sie fünf Jahre lang Wirtschaft und Finanzen mit dem Schwerpunkt Logistik – und kehrte anschließend wieder nach Kirgisistan zurück. Dort arbeitete sie zunächst in einem Forschungsinstitut für Wirtschaft und landete schließlich im Agrarministerium, zwischendurch kam die erste Tochter zur Welt.

1996 wanderte sie mit ihrer Familie nach Deutschland aus

Doch als ihrem damaligen Mann, ein Programmierer und Softwareentwickler, im Jahr 1996 ein lukrativer Job in Deutschland winkte, entschloss sich die Familie zur Auswanderung. Ein Schritt, den Elena Hermann nie bereut hat. Auch wenn die Anfangszeit in Chemnitz hart gewesen sein muss. Sie sprach kein Deutsch, weder ihr Studium noch ihre Führerscheine wurden anerkannt. Also alles auf Anfang.

"Mir war immer wichtig, mitten im Leben zu sein, mich weiterzuentwickeln und einen Job zu haben, der nicht nur ein Job ist, sondern eine Beschäftigung, die mich fordert und fördert, die ein Teil meines Lebens ist und bei der alle meine Fertigkeiten Anwendung finden", erklärt Hermann. Doch eine solche Beschäftigung war unter den gegebenen Voraussetzungen in Deutschland zunächst schwer zu finden. Sie startete deshalb mit einem Ein-Euro-Job während der Schwangerschaft mit ihrem zweiten Kind, nebenbei besuchte sie Weiterbildungskurse zur Bürokauffrau und Buchhalterin.

Die Zeit im Gemüseladen prägte

Dann kam die besagte Station im Gemüseladen, die Familie lebte mittlerweile in Leipzig. Eine Zeit, die sie sehr geprägt hat. "Dort habe ich nicht nur richtig Deutsch gelernt, sondern durch den ständigen Kontakt mit den Verkäuferinnen, Fahrern und Kunden auch deren Bedürfnisse besser verstanden." Hermann, mittlerweile Mutter von drei kleinen Kindern – zwei Töchter und ein Sohn –, machte der Job Spaß. "Das Team war toll." Doch nach zwei Jahren wollte sie mehr – und vor allem zurück in die Logistik.

Die Spedition Asia West in Leipzig suchte zu diesem Zeitpunkt eine Speditionskauffrau und Buchhalterin mit Zollkenntnissen. Speditionskauffrau und Buchhalterin? Kein Problem. Aber Zollkenntnisse hatte die damals 38-Jährige keine. Doch das hielt sie nicht von der Bewerbung ab. Hermann handelte einen Kompromiss aus: vorerst weniger Lohn, nebenbei die erforderlichen Zollkenntnisse erwerben. Schnell entwickelte sie sich in der kleinen Spedition mit vier Lkw zum Allroundtalent: Buchhaltung, Zollabfertigung, Steuer, Distribution, Finanzen – Hermann half überall, wo es brannte. "Das ist das Tolle an kleinen Betrieben: Man kann in vielen Bereichen etwas bewegen."

Als die Hauptstelle der Spedition 2008 nach Berlin zog, blieb sie der Kinder wegen in Leipzig. Sie arbeitete bei Asia West in Teilzeit und absolvierte einen Bilanzbuchhalter-Kurs mit IHK-Abschluss. Anschließend nahm sie eine Teilzeit-Stelle in einem Steuerbüro an und arbeitete auch weiterhin in Teilzeit bei Asia West. Doch die Herausforderung fehlte ihr trotzdem.

Neustart bei Star Cargo in Berlin

Vier Jahre später klingelte eines Tages das Telefon, die Berliner Spedition Star Cargo suchte eine Fuhrparkleiterin. "Ich habe die Kinder überzeugt und wir sind dann doch nach Berlin gezogen." Von ihrem Mann hatte sie sich zwei Jahre zuvor getrennt. "Gekannt habe ich in Berlin niemanden", berichtet Hermann. Schon wieder ein Neustart. Aber damit kennt sie sich ja aus.

Star Cargo transportiert hochwertige Kosmetikprodukte von Marken wie Bvlgari, Artdeco und Salvatore Ferragamo nach Russland. Nach nur einem halben Jahr stieg Hermann zur Geschäftsführerin der kleinen Spedition mit eigenem Lager im Berliner Bezirk Marzahn auf. Zum Fuhrpark gehören sieben eigene Kühlfahrzeuge, außerdem fahren rund 15 Subunternehmer für Star Cargo.

Die 18 Mitarbeiter sprechen neben deutsch auch fließend englisch und russisch. Hermann führte die Firma aus den roten Zahlen – trotz der Krimkrise 2014 und den daraus resultierenden Sanktionen gegen Russland. "Mittlerweile sind wir wieder bei 95 Prozent unseres Volumens, das wir vor der Krise hatten", erklärt die Geschäftsführerin. "Aber der administrative Aufwand ist enorm gestiegen." Außerdem bekommt sie die Konkurrenz aus Osteuropa zu spüren.

Seit Mai 2017 AIST-Vize-Präsidentin

All diese Dinge bringt sie auch bei der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung und Entwicklung des internationalen Straßenverkehrs (AIST) vor. Im Mai 2017 wählten die Mitglieder sie zur Vize-Präsidentin. "Es ist wichtig, dort die Stimme der kleineren Speditionen zu vertreten", sagt Hermann. Zum Beispiel besitze Star Cargo aus Kostengründen noch keine umfassende Logistiksoftware. "Die AIST macht sich daher für ein entsprechendes Förderprogramm der Regierung stark." In Hermanns Augen ein längst überfälliger Schritt in Zeiten der Digitalisierung.

Auch den Fahrermangel hat sich die AIST auf die Fahnen geschrieben. "Wir müssen den Job wieder attraktiver machen." Geschäftsführerin einer Spedition, Vize-Präsidentin eines Verbands: Bleibt Elena Hermann da überhaupt noch Freizeit? "Nicht viel, ich hätte zum Beispiel gerne mehr Zeit zum Wandern, Bergsteigen oder Fahrradfahren", gibt sie zu. Aber auf regelmäßige Besuche im Fitnessstudio oder Yoga legt sie Wert. "Das brauche ich als Ausgleich, auch um auf neue Ideen zu kommen." Wichtig sei, dass der Job Spaß mache. Dann falle die geringe Freizeit nicht so sehr ins Gewicht. Einen weiteren Neustart kann sie sich vorerst nicht vorstellen. "Dafür soll Star Cargo wachsen." Ein wenig Kontinuität sei ihr auf jeden Fall gegönnt.

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