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Ortstermin am Gotthard-Tunnel

Manipulationen nehmen zu

Schweiz, Gotthard, Kontrolle, Schwerverkehrszentrum Foto: Regina Weinrich

Die Zahl von Unfällen mit Lkw-Beteiligung im Gotthard-Tunnel sinkt zwar. Doch dafür ist die Polizei zunehmend mit Manipulationen von digitalen Tachografen und Adblue konfrontiert.

Die Lkw-Kontrollen am Gotthard zeigen Wirkung: Die Zahl von Unfällen mit Lkw-Beteiligung im Straßentunnel konnte deutlich um rund 30 Prozent reduziert werden, wie Stefan Simmen von der Kantonspolizei Uri sagt. Bei Verstößen gegen die Lenk- und Ruhezeiten sei 2017 im Vergleich zum Startjahr 2009 eine Verringerung um 50 Prozent festgestellt worden, erläutert der Chef des Schwer­verkehrszentrums in Erstfeld. Die Polizei ist aber mit immer aus­geklügelteren technischen Finessen bei der Manipulation von digitalem Tachografen und Adblue ­konfrontiert.

Die kurz SVZ genannte Kontrollstation betreibe einen enormen Ausbildungsaufwand, damit diese Vergehen entdeckt werden könnten. „Dafür braucht man Know-how aus der Tuningszene“, erläutert Simmen. Das Problem solle auch mit materieller und personeller Verstärkung angegangen werden. Zusammen mit dem Schweizer Bundesamt für Verkehr und dem Bundesamt für Umwelt werde zudem eine Studie erstellt. Ein Manipulationshandbuch zum Thema Adblue gebe es bereits.

Drastische Erhöhung der Strafen möglich

„Die Emulatoren werden immer intelligenter“, betont Simmen. Um die zur Täuschung nachgebildeten Systeme aufzuspüren, müssten die Hersteller der eigentlichen Programme in Zukunft die entsprechenden Informationen bereitstellen. Vorstellbar sei auch eine drastische Erhöhung der Strafen, sagt der Experte. Während in Uri bei einem Verstoß einschließlich Kosten 900 Franken (knapp 800 Euro) fällig werden können, gebe es Informationen, dass die Buße in Dänemark bei nicht eingeschaltetem Emulator 3.000 Euro betrage, sei er aktiv, sogar 6.000 Euro.

Das Kontrollzentrum in Uri ist von insgesamt sechs solcher Einrichtungen das bislang größte in der Schweiz. „Von hier aus fahren wochentags rund 1.100 Lkw Richtung Süden“, sagt Simmen. Die Kontrolleure nehmen sich bei Stichprobenkontrollen in der Zeit von 5 Uhr morgens bis abends um 22 Uhr bis zu 80 Fahrzeuge vor; samstags wird nur bis 14.30 Uhr kontrolliert. Voriges Jahr kamen sie auf 16.913 Checks, das entspricht einer Kontrollquote von 4,5 Prozent. Bei 35 Prozent der in Augenschein genommenen Fahrzeuge und Fahrer wird eine Regelverletzung festgestellt, seien es geris­sene Bremsscheiben, eine defekte Beleuchtung, verrutschte Ladung, die Missachtung der Arbeitszeiten oder Alkohol am Steuer.

Technische Mängel nehmen zu

Im Vergleich zu 2016, als die Lenk- und Ruhezeiten 900-mal nicht eingehalten wurden, ist diese Zahl 2017 auf 1.147 wieder hochgegangen. Zugenommen haben ebenfalls die technischen Mängel auf 4.512 Fälle. Auch im laufenden Jahr sei hier eine Steigerung festzustellen, sagt Simmen. „Pro Monat müssen zudem etwa 21 falsch oder zu schwer beladene Lkw umgeladen werden“, fügt er hinzu. Gegen eine entsprechende Gebühr ­seien Mitarbeiter des Zentrums bei dieser Arbeit behilflich. Die Zahl der Überladungen sei aber stark rückläufig. In letzter Zeit würden verstärkt Stichprobenkontrollen bei Lieferwagen gemacht.

Wenn die Kontrolleure vor einer Weiterfahrt Reparaturen am Fahrzeug verlangen, werden diese beileibe nicht immer bei den Werkstätten vor Ort erledigt. Insbesondere die Betreiber großer Flotten hätten eigene Reparaturteams, die auch aus Osteuropa anreisten, sagt der Polizist. „Dabei achten wir auf sichere Bedingungen“, betont er. „Einen Arbeitsunfall durch Reparaturarbeiten auf dem Gelände wollen wir unbedingt vermeiden.“ Manchmal warten Fahrzeuge aber auch monatelang auf ihre Ab­holung durch den Betreiber.

SVZ kostet die Schweiz umgerechnet 5,3 Millionen Euro

Das SVZ kostet den Schweizer Staat umgerechnet 5,3 Millionen Euro. Dem stehen im Kanton Uri Einnahmen durch Bußgelder von rund 4,4 Millionen Euro gegenüber. Das Zentrum erhöht also mit überschaubarem finanziellen Aufwand die Sicherheit im Tunnel.

Gleichzeitig soll es aber auch den Wettbewerb zwischen der Straße und der vielen Vorschriften unterworfenen Schiene gerechter machen. Die Schweizer haben sich die Verkehrsverlagerung ins Gesetz geschrieben. Pingelige Kontrollen auf der Straße schrecken offenbar ab. Die Verkehrszahlen durch die Schweizer Alpen sind jedenfalls nicht nur im Gotthard-Straßentunnel rückläufig.

Die Kontrollzentren

In der Schweiz gibt es derzeit sechs Schwerverkehrskontrollzentren (SVZ), die an den wichtigen Nord-Süd- und West-Ost-Achsen, aber auch an anderen Autobahnabschnitten mit viel Lkw-Verkehr liegen. Ein neues Zentrum soll 2019 bei Roveredo in Graubünden in Betrieb genommen werden. An der Gotthard-Achse ist für den von Süden kommenden Verkehr bis 2023 ein SVZ bei Giornico im Tessin geplant. Hier wird bislang nur mit mobilen Einheiten kontrolliert.

Weniger Lkw

Im Jahr 2017 haben insgesamt 1.087.290 Lkw die Schweizer Alpen auf der Straße überquert. Das sind 2.453 Fahrzeuge oder 0,2 Prozent weniger als 2016. Damit setzte sich der Abwärtstrend fort: 2016 war es ein Minus von 1,6 Prozent, und 2015 hatte der Rückgang 1,2 Prozent betragen.

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