Oberleitungs-Lkw geht über Grenzen

Breites Interesse nicht nur in Europa

Foto: Hessen Mobil

Auch im Ausland wird Geld in Studien und Tests zu Oberleitungs-Lkw gesteckt. Die Technologie erweckt weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Interesse bis nach Kanada und Indien.

Der Wettlauf zwischen verschiedenen Konzepten für einen umweltverträglicheren Straßengüterverkehr ist in vollem Gange. Den Einsatz schwerer Batterien im Fernverkehr sehen viele Transportunternehmen weiterhin kritisch. Der in jüngster Zeit viel gepriesene Wasserstoff wird unter anderem dringend von Stahlkochern und der chemischen Industrie benötigt und ist dort durch keinen anderen Energieträger zu ersetzen. In der Variante „grün“ steht H2 absehbar ohnehin nicht für den von allen Seiten reklamierten großen Bedarf in ausreichender Menge zur Verfügung. Für E-Fuels gilt das genauso, zudem wären sie extrem teuer und energieintensiv.

Serienfertigung von Stromabnehmern

Da war es offenbar nur folgerichtig und allerhöchste Zeit für Siemens und Continental, sich bei der Serienfertigung von Stromabnehmern für Oberleitungs-Lkw zusammenzutun, um diese Lösung voranzutreiben. Die beiden Unternehmen wollen bei Entwicklung und Fertigung kooperieren, die Elektrifizierung von Schlüsselstrecken des deutschen Autobahnnetzes soll den CO2-Ausstoß des Lkw-Verkehrs deutlich verringern. Denn Oberleitungen versorgen dabei die Fahrzeuge direkt mit Strom – ohne energiefressende Umwandlungsverluste.

Konzept global positionieren

Siemens Mobility bringt sein Know-how aus der Bahnelektrifizierung mit, Continental Engineering Services (CES) ist Entwicklungs- und Produktions­dienstleister für Automotive-Technologien. Zusammen wollen sie „zeitnah“ die Serienfertigung von Stromabnehmern realisieren. Der E-Highway wird in Deutschland bereits auf drei öffentlichen Teststrecken erprobt, perspek­tivisch sollen Lkw europaweit mit Strom aus Oberleitungen versorgt werden, und man will sich mit dem Konzept auch global ­positionieren.

Auch partiell sinnvoll

Entscheidend sei, dass nicht jeder Autobahnkilometer elektri­fiziert werden müsse. Die Natio­nale Plattform Zukunft der Mobilität, eine Innovationsinitiative des Bundesverkehrsministeriums, empfiehlt, die meistbefahrenen 4.000 Kilometer Autobahn bis 2030 mit der Technologie auszustatten, denn dort würden zwei Drittel des Kraftstoffs im deutschen Lkw-Fernverkehr verbraucht. Werde dieses Kernnetz elektrifiziert und die dort fahrenden Lkw mit elektrischem Antrieb auf einfache Weise mit Strom versorgt, könne schnell ein großer Beitrag zum Klimaschutz erzielt werden, meinen die Kooperationspartner.

Pilotanlage in Schweden

Das Projekt wurde in der Vergangenheit kritisiert, weil es als deutsche Insellösung erschien. Aber das ändert sich offenbar. Nicht nur das Berliner Verkehrsministerium unterstützt die Umsetzung großer Pilotanlagen bis 2023, auch im Ausland wird Geld in die Technologie gesteckt: In Mittelschweden wird die erste permanente elektrische Autobahn für Lkw zwischen Örebro und dem zentralen Eisenbahnknotenpunkt Hallsberg auf etwa 20 Kilometer Länge als groß angelegtes Pilotprojekt realisiert. Eine Studie für das Verkehrsministeriums hatte zuvor belegt, „dass die elektrische Straße notwendig ist“. Sie senke die Anschaffungskosten von Lkw, die zum großen Teil für die Batterien anfielen. Zudem würden sie während der Fahrt aufgeladen und seien von der Strecke her nicht so beschränkt, wie reine Batteriefahrzeuge.

Untersuchungen in Dänemark

In Dänemark werden in diesem Jahr aus Mitteln des „Grünen Verkehrspools“ etwa 400.000 Euro für eine Untersuchung zu einem Oberleitungskorridor nach Deutschland auf der Öresund-Fehmarn-Strecke ausgegeben. Perspektivisch könnte so in Nordeuropa ein Elektrostraßenkorridor entstehen, zumal in Schleswig-Holstein derzeit zwischen Reinfeld und Lübeck ein entsprechendes Projekt läuft, das sich auch bis Hamburg ausgedehnen ließe.

Studien in Holland und Spanien - Polen und Ungarn dabei

Das niederländische Verkehrsministerium fördert eine Studie des Unternehmens Movares zum Electric-Roads-System für Lkw, im September ist in Spanien eine Studie des britischen Beratungsunternehmens Cambridge Econometrics zum emissionsfreien Straßengütertransport zu erwarten. Darin wird auch die Möglichkeit einer oberleitungsbasierten Elektrifizierung schwerer Lkw näher beleuchtet. Mit dem System beschäftigt man sich auch in Ungarn, eine kreative Lösung zum Einsatz herkömmlicher Lkw auf Oberleitungsautobahnen kommt aus Polen.

Großbritannien will ab 2040 keine Lkw-Verbrenner mehr

Außerhalb der EU sucht auch Großbritannien nach einer Lösung für einen emissionsfreien Straßengüterverkehr und fördert eine Machbarkeitsstudie für ein „Elektrisches Straßensystem“ (ERS), bei der ein 20 Kilometer langer Straßenabschnitt für eine mögliche Erprobung untersucht wird. Bei den Briten sollen ab 2040 keine Lkw mit Verbrennungsmotoren mehr zum Einsatz kommen. In Indien erwägt die Regierung, einen E-Highway auf der 1.300 Kilometer langen Autobahnstrecke zwischen Neu-Delhi und Mumbai einzurichten. Die Logistikkosten würden damit um 70 Prozent gedrückt, sagte der für den Straßentransport zuständige Minister Nitin Gadkari dem Sender NDTV zufolge.

Kanada hat 1.300 km-Strecke untersucht

In Kanada wurde der E-Highway im Rahmen einer Studie untersucht. Dabei ging es um einen 1.300 Kilometer langen Autobahnkorridor, der Quebec, Montreal und Toronto bis zur US-Grenze verbindet. Die Oberleitung sei ein „solider Anwärter“ im Mix möglicher Optionen zur Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs, heißt es in dem auch von der Regierung unterstützten Papier. Im Vergleich zu anderen Technologien sei sie ausgereift und werde bereits bei Straßenbahnen und Zügen eingesetzt. Außerdem biete sie eine effiziente Stromnutzung, und Lkw könnten außerhalb der Korridore flexibel mit einem Hybrid- oder einem Batteriesystem betrieben werden.

Ein Pusher für Lkw ohne Stromabnehmer

„Es besteht keine Notwendigkeit, alle Lkw in ganz Europa zu ersetzen“, betont der Pole Lukasz Wantuch, der eine eigene Studie zum E-Highway vorgestellt hat. Er verweist auf die Versuche mit Oberleitungs-Lkw in Deutschland und Schweden und präsentiert eine Zwischenlösung mit einem „Pusher“, der in einem halbautomatischen Verfahren zwischen Zugmaschine und Sattelauflieger gehängt werden soll und von allen bereits existierenden Lkw genutzt werden könne. Das einfache Gerät besteht demnach aus einem Elektromotor, der eine Welle antreibt oder aus zwei unabhängigen Motoren, beispielsweise in den Rädern. Hinzukommen Stromabnehmer und ein Steuermodul mit einer Verbindung zur Fahrerkabine.

Keine Probleme beim Bremsen

Es werde eine starre Einheit gebildet, so dass es keine Probleme beim Bremsen oder Beschleunigen gebe, erläutert Wantuch. „In der Kabine muss ein einfaches Steuergerät am Lenkrad angebracht werden.“ Der Verbrennungsmotor des Lkw befinde sich im Leerlauf mit minimalem Dieselverbrauch, um die Funktion der Bremskraftverstärker, Servolenkung, Klimaanlage und andere Systeme aufrechtzuerhalten. Die gesamte Einheit sei ein paar Meter länger, aber der Pusher werde nur auf Autobahnen und Schnellstraßen eingesetzt.

Mit GPS und Stromzähler mieten

Strecken dort würden mit Elektroantrieb zurückgelegt, anschießend koppelt der Fahrer den Pusher ab und fährt die letzten Kilometer auf Landstraßen mit Diesel weiter, sagt der Krakauer. Man müsse den Pusher nicht einmal kaufen, sondern könne ihn mieten und ihn an der Autobahnausfahrt zurückgeben. Alle Pusher sollen mit einem GPS-Gerät und einem zertifizierten Stromzähler ausgestattet sein, der nach der Fahrt automatisch die Kosten berechnet und eine Rechnung an die Zentrale des Unternehmens schickt.

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