MAN stellt sich Digitalisierung

MAN soll digitaler und profitabler werden

MAN Foto: MAN/Thies Raetzke

Der neue MAN-Chef Andreas Tostmann spricht von einer digitalen Revolution und will den Fahrzeugbauer mit neuen digitalen Services dafür fit machen.

Seine Fahrzeuge hat MAN eben erst erneuert und auf Effizienz getrimmt. Nach der TG-Familie ist nun das Unternehmen selbst an der Reihe. So könnte man die Botschaften verstehen, die in diesen Tagen von der MAN-Holding Traton, aber auch von MAN selbst ausgegeben werden. Von der Personalrochade im Juli gingen bereits eindeutige Signale aus, dass das Unternehmen vom Kurs abgekommen ist, als mit Andreas Renschler und Joachim Drees die Vorstandschefs beider Gesellschaften von Bord gingen.

MAN rutscht in die roten Zahlen

Wenig später veröffentlichte MAN Zahlen, die für sich sprachen: Der Absatz im ersten Halbjahr sank um ein Drittel, der Verlust belief sich auf minus 423 Millionen Euro. Am Freitag nun verkündete der Fahrzeugbauer als Reaktion auf das defizitäre erste Halbjahr ein tiefgreifendes Sparprogramm, das den Abbau von bis zu 9.500 Stellen vor allem in Deutschland und Österreich vorsieht. Ganze Standorte wie Steyr (Österreich), Plauen (Sachsen) und Wittlich (Rheinland-Pfalz) könnten dem Rotstift zum Opfer fallen.

„Wir müssen MAN neu aufstellen, um deutlich innovativer zu werden“, brachte es der neue MAN-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Tostmann bei einem Videostream vor Journalisten am Dienstag auf den Punkt. „MAN muss auf lange Sicht digitaler und profitabler werden“, betonte der frühere Markenvorstand bei VW mit Zuständigkeit für Produktion und Logistik. Das Unternehmen stehe riesigen Herausforderungen aufgrund des Technologiewandels gegenüber, erläuterte Tostmann und nannte als Auslöser für diesen Wandel die Megathemen Digitalisierung, Automatisierung und alternative Antriebe.

Vom Fahrzeugbauer zum Anbieter von Transportlösungen

Alle drei Themen will das neue Management durch eigene Ideen und Entwicklungen mitgestalten. Als prioritär sieht Tostmann offenbar Megathema Nummer eins an, wie seine Äußerungen vermuten lassen. „Wir starten nicht weniger als eine digitale Revolution“, kündigte er an. Das Unternehmen soll sich vom Fahrzeugproduzenten zum Anbieter von Transportlösungen entwickeln. MAN hat dazu eine Digitalisierungsstrategie verabschiedet, die vier Dimensionen umfasst.

Erstens: „Customer Operations“, darunter fallen IT-Lösungen für Fahrer und Flottenmanager, die zum Beispiel das Controlling der Flotte, das Einhalten von Prüfterminen oder die vorausschauende Wartung umfassen. In diese Rubrik fallen auch die MAN Digital Services, also die Angebote im Bereich Fuhrparkmanagement, und die MAN Driver-App, über die der Fahrer im Pannenfall zum Beispiel Schadensmeldungen erstellen und verschicken kann.

MAN erprobt Yard Management in Werkslogistik

Die zweite Dimension „Customer Process Integration“ steht ganz im Zeichen der Prozessverbesserung, konkret im Zusammenspiel von MAN- und Kundendaten. Ein ganz frisches Projekt aus dieser Rubrik ist ein digitales Yard Management, das MAN zunächst mit seiner eigenen Werkslogistik auf die Beine stellt. Auch die VW-Konzernlogistik ist in den Piloten eingebunden. Erreicht ein daran teilnehmender Lkw das Werk, wird er automatisch registriert und ihm ein Stellplatz zugewiesen. Der Fahrer muss sich nicht mehr manuell anmelden, was jedes Mal Zeit kostet.

Mit dem Fahrzeug an sich beziehungsweise den dort produzierten Daten beschäftigen sich schließlich die Dimensionen drei und vier. Vorstandschef Tostmann ist überzeugt, dass MAN in diesen Bereichen vorn ist. Die E-Architektur der neuen Lkw-Generation ermögliche es, eigene Lösungen aufzuspielen, aber auch Kunden- oder Partnerlösungen zu nutzen. Für Software-Updates und Features muss der Lkw nicht mehr zum Boxenstopp, sondern kann diese „over the air“ empfangen– also wie ein Smartphone über eine Funkschnittstelle.

Gebündelt werden die Datenströme bei RIO, der Cloud-basierten Plattform von Traton. Seit 2017 wird eine RIO-Box, welche die Daten an die Cloud sendet, bei allen MAN-Lkw serienmäßig verbaut.

Zwei Projekte zur Automatisierung am Laufen

Ohne Daten läuft auch mit Blick auf das nächste Megathema nichts: die Automatisierung. Nachdem MAN auf der A9 gemeinsam mit DB Schenker Lkw-Platooning zwischen zwei Logistikzentren in München und Nürnberg in der Praxis getestet hatte, erprobt MAN aktuell die automatisierten Abläufe in Verbindung mit dem Kombinierten Verkehr. Dies geschieht einmal seit Herbst 2018 zusammen mit der Stadt Hamburg im Container Terminal Altenwerder (CTA) der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) und zum anderen seit Sommer dieses Jahres am KV-Terminal Ulm der Deutschen Umschlaggesellschaft Schiene–Straße (Duss).

Für den Anwendungsfall im Südwesten der Republik will MAN einen vollautomatisierten Lkw entwickeln und testen, der sich im Terminal selbstständig bewegt und die Verkehrsträger Schiene und Straße verbindet. Partner von MAN im Projekt „Autonome Innovation im Terminalablauf“ (Anita) sind der IT-Spezialist Götting, der Duss-Gesellschafter Deutsche Bahn und die Hochschule Fresenius, die bereits beim Lkw-Platooning der wissenschaftliche Begleiter war. Das Projekt ist auf 39 Monate ausgelegt und erhält Fördermittel von 5,5 Millionen Euro aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

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Was den Anwendungsfall in der Hansestadt angeht, haben sich die Dinge durch Corona etwas verzögert. MAN hatte die Erprobungsphase seiner geplanten zwei automatisierten Lkw-Prototypen eigentlich für dieses Jahr geplant. Im Juli hätte der Praxistest des Projekts Hamburg Truck Pilot im CTA und auf einer rund 70 Kilometer langen Strecke auf der A7 beginnen sollen. Im Terminal ist eine autonome Be- und Entladung der Container vorgesehen. Durch die Pandemie sollen die Erprobung und die Disposition durch die Spedition Jakob Weets aus Emden nun erst im nächsten Frühjahr stattfinden.

Das Projekt entstand im Rahmen der Mobilitätspartnerschaft zwischen Volkswagen und der Stadt Hamburg, die beide Ansätze für die urbane Mobilität der Zukunft aufzeigen und beim ITS-Weltkongress Mitte Oktober nächsten Jahres in Hamburg vorstellen möchten. Bis dahin ist es noch ein langer Weg – auch für den Fahrzeugbauer MAN, der turbulente Zeiten durchmacht und dabei ist, sich neu und zukunftssicher aufzustellen.

Die neue TG-Familie: 8,2 Prozent gespart

Im Frühjahr in Bilbao vorgestellt, im Herbst erfolgreich in den ersten Flotten im Einsatz – laut MAN haben sich die ersten Lkw der neuen TG-Baureihen in den Flotten der Kunden bewährt. Im Videostream mit Journalisten nannten MAN-Verantwortliche Einsparungen von bis zu zehn Prozent gegenüber den Vorgängermodellen im kundenindividuellen Einsatz.Eine Zahl ist für MAN-Forschungs- und Entwicklungsvorstand Dr. Frederik Zohm besonders relevant, weil quasi amtlich: eine von unabhängigen Sachverständigen bestätigte Verbrauchseinsparung von 8,2 Prozent auf einer 684 Kilometer langen Teststrecke. „Wir versprachen bis zu acht Prozent Einsparung“, sagt Zohm. „Wir sind superstolz zu sagen: Wir haben geliefert.“ Diese Ersparnis sei ein guter Grund, einen neuen Truck zu kaufen. Bewertet wurde der Verbrauch eines TGX 18.470 mit Euro 6d-Motor gegenüber seinem Vorgänger MAN TGX 18.460. Die Messtrecke auf Autobahn und Landstraße sei zweimal hintereinander gefahren worden.

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Jan Bergrath Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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